13. Anhang

13 Anhang *
13.1.1 Zu Kapitel 2 *

Im Jahre 1988 wurde Hilfe … ersetzt durch das zweibändige Werk Insight on the Sctiptures (Einsichten über die Heilige Schrift, 1990/1992) mit nur ganz geringfügigen Veränderungen (vor allem Kürzungen beim Stichwort „Chronologie“, das von 27 auf 20 Seiten gekürzt wurde).

13.1.2 Zu Kapitel 3 *

[334]

Das obenstehende Dokument ist das Testament von Charles Taze Russell, dem Gründer der Watch Tower Society und ihrer Zeitschrift, erschienen im Wachtturm vom Februar 1917.

Es folgt der englische Originalwortlaut des Zitats aus dem Watch Tower vom 25. Apri11894:

„Having up to December 1, 1893, thirty-seven hundred and five (3.705) voting shares, out of a total of sixty-three hun­dred and eighty-three (6.383) voting shares. Sister Russell and myself, of course, elect the officers, and thus control the Society; and this was fully understood by the Directors from the first. Their usefulness, it was understodd, would come to the front in the event of our death.”“ [335]

Manche Zeugen Jehovas denken sicher, die Ernennungen von Ältesten in den Ortsversammlungen (Gemeinden) würden von der leitenden Körper­schaft selbst vorgenommen. Anfangs haben sich tatsächlich mehrere Mit­glieder der leitenden Körperschaft mit einem Mitarbeiter der Dienstabtei­lung zusammen hingesetzt und alle Ernennungen von Ältesten in den USA besprochen und weitergeleitet. Doch diese Praxis wurde nach relativ kur­zer Zeit aufgegeben, und von da an waren die Ernennungen Sache der Dienstabteilung. In anderen Ländern haben die jeweiligen Zweigbüros der Watch Tower Society die Ältestenernennungen von Anfang an alleine vor­genommen. Einzig die reisenden Vertreter und die Zweigkomitee-Mitglie­der (in den USA und anderswo) werden seither noch von der leitenden Kör­perschaft ernannt. Meines Erachtens geschieht dies, damit diese Männer in einem besonderen Sinn als „Vertreter der leitenden Körperschaft“ auftre­ten und damit größeren Einfluß und mehr Autorität als die örtlichen Älte­sten geltend machen können.

Was die Grundsätze zu widerlichen sexuellen Handlungen anbetrifft (siehe dazu die Seiten 48 bis 54), so ist die Organisation einige Jahre nach meinem Rücktritt aus der leitenden Körperschaft zu grundlegenden Aspekten ihrer früheren Leitlinien zurückgekehrt. Im Wachtturm vom 15. Juni 1983, Sei­ten 30,31, wird zwar festgestellt, daß es nicht Aufgabe der Ältesten sei, die intimen Angelegenheiten der Ehepaare in der Versammlung zu kontrollie­ren, nichtsdestoweniger wird aber festgelegt, daß jemand, der Handlungen unter Verheirateten befürwortet, die als widerliche sexuelle Handlungen eingestuft werden, oder sie selbst ausübt, nicht nur ungeeignet sei für das Ältestenamt oder andere von der Wachtturm-Gesellschaft zu vergebende Positionen, sondern dies könnte sogar zum Ausschluß aus der Versamm­lung führen. Als die Aufhebung der Grundsätze von 1972 durch die lei­tende Körperschaft beschlossen wurde, war Lloyd Barry nicht zugegen, und nach seiner Rückkehr äußerte er, daß er nicht für diese Rücknahme war. Da er der Schreibabteilung vorsteht und die Aufsicht über die Herstellung der Wachtturm-Schriften innehat, mag die weitgehende Rückwendung zu der alten Position zum Teil auch auf seinen Einfluß zurückzuführen sein. Doch wie dem auch sei, dieser Artikel von 1983 hat nicht zu der großen Anzahl von Verfahren vor den Rechtskomitees geführt, wie das bei der er­sten Bekanntgabe dieser Regelung im Jahr 1972 der Fall gewesen war. Es ist gut möglich, daß man damals genügend zu spüren bekommen hat, welch schlimme Folgen es hat, wenn die Ältesten ihrem Nachforschungsdrang allzusehr nachgeben. [336]

13.1.1 Zu Kapitel 4 *

Der Wachtturm vom 15. März 1990 enthält Artikel über die leitende Kör­perschaft und ihre Funktion. An diesen Artikeln fällt auf, daß sie die Ge­schichte der Organisation idealisierend darstellen. So ist von „fortschrei­tenden Verbesserungen“ die Rede, als handle es sich um einen stetigen und harmonischen Prozcß, durch den Jesaja 60: 17 erfüllt werde. Alles wird so dargestellt, als sei die leitende Körperschaft die ganze Geschichte der Wachtturm-Bewegung hindurch am Werke gewesen. In Wirklichkeit war es ganz anders, wie man den Kapiteln 3 und 4 des vorliegenden Buches ent­nehmen kann. In den ersten sieben Jahrzehnten der Geschichte der Organi­sation sprach niemand von einer leitenden Körperschaft, und man dachte an so etwas auch gar nicht. Russell hatte Vorkehrungen getroffen, daß nach seinem Tod alles von Komitees geleitet werden sollte, die sich in die Ver­antwortung und Autorität teilen. Ruthcrford schaffte sie sofort und gründ­lich wieder ab, erstickte jegliche Opposition im Keim und übte in den fol­genden beiden Jahrzehnten autokratisch als Präsident der Gesellschaft die Alleinherrschaft aus. Knorr behielt diese bei, lockerte aber das Klima ins­gesamt etwas auf; doch dann kam es zu einer Art Palastrevolution, in de­ren Verlauf dem Präsidenten die Macht aus den Händen gerissen wurde. So ging im Jahr 1976 die Autorität von einem Mann zu einer Gruppe über, und nach mehr als 50 Jahren nahmen wieder Komitees die Tätigkeit auf. Die­sen Zickzack-Kurs kann man wohl schwerlich als einen harmonischen Prozeß der „fortschreitenden Verbesserungen“ bezeichnen. [337]

13.1.2 Zu Kapitel 6 *

Aus dem Brief des Hauptbüros Brooklyn an den Zweig Mexiko vom 2. Juni 1960:

[338] Brief des Präsidenten an den Zweig Mexiko vom 5. September 1969:

[339] Nachdem die Wachtturm-Gesellschaft in Mexiko mehr als ein halbes Jahr­hundert lang den Status einer „kulturellen“ Vereinigung hatte, ist sie jetzt endlich zu dem einer religiösen Organisation übergegangen. Im Wacht­turm vom 1. Januar 1990 (Seite 7) gab sie bekannt, im Jahre 1989 habe sich der „Status der Zeugen“ Jehovas geändert. Es heißt, die Zeugen in Mexiko könnten jetzt zum ersten Mal die Bibel von Haus zu Haus einsetzen und die Zusammenkünfte mit Gebet eröffnen.

In der Zeitschrift wird gesagt, diese Änderung sei für die Zeugen in Mexiko „begeisternd“ gewesen, und sie hätten „vor Freude weinen“ müssen. Das sprunghafte Ansteigen der Zahl der „Verkündiger“ um über 17000 wird auf die Veränderung zurückgeführt.

Rein gar nichts wird dem Leser über den vorher bestehenden rechtlichen Status mitgeteilt, wie es zu diesem gekommen war und was zu dem Wech­sel geführt hat. Wer den Artikel liest, muß annehmen, daß die Wachtturm ­Organisation diese Veränderung des rechtlichen Status mit all ihren guten Auswirkungen schon immer gewollt habe. Man gewinnt den Eindruck, daß es die Regierung Mexikos oder deren Gesetze gewesen waren, die die Zeugen bislang davon abgehalten hatten, bei den Zusammenkünften zu beten oder bei ihrer Tätigkeit von Haus zu Haus die Bibel zu gebrauchen. An keiner Stelle wird dem Leser mitgeteilt, daß der Grund für diese Be­schneidung der Religionsausübung der Zeugen in Mexiko – und das min­destens ein halbes Jahrhundert lang – darin lag, daß ihre eigene Weltzen­trale dies so wollte und von sich aus einen anderen rechtlichen Status an­nahm. Der Leser erfährt nichts davon, daß diese „begeisternden“ Änderun­gen, die solche „Tränen der Freude“ hervorriefen, schon die ganze Zeit über zu haben waren, über viele Jahrzehnte hinweg, daß es lediglich eines Entschlusses der Organisation bedurft hätte, nicht länger den falschen Ein­druck zu erwecken, die Zeugen in Mexiko seien keine religiöse Organisa­tion, sondern eine kulturelle Vereinigung. Die Zeugen in Mexiko haben dies alles nur deshalb nicht tun können, weil ihre Weltzentrale sie ange­wiesen hatte, dies nicht zu tun, um den einmal gewählten Status der kul­turellen Organisation zu schützen. Diese Tatsachen sind den Verantwort­lichen der Organisation der Zeugen in Mexiko bekannt. Der überwiegen­den Mehrzahl der Zeugen außerhalb dieses Landes sind sie unbekannt, und der Wachtturm vom 1. Januar 1990 läßt sie darüber auch im unklaren. Dort wird ein bereinigtes Bild der Abläufe wiedergegeben, das ebenso irre­führend ist wie die vor 1989 herrschende Praxis, die Organisation als nicht religiöser Natur darzustellen, während man sehr wohl wußte, daß das nicht stimmte.

Die Bereitschaft der Wachtturm-Organisation, ihr jahrzehntelanges fal­sches Spiel aufzugeben, ist möglicherweise im Zusammenhang mit Ände­rungen der mexikanischen Verfassung zu sehen, die von den gesetzgeben­den Körperschaften des Landes schrittweise verabschiedet wurden. Wie Zeitungsberichten aus dem Jahr 1991 zu entnehmen ist, haben Kirchen jetzt wieder das Recht auf Eigentum an Grund lind Boden. Dies wirkt sich [340] nicht nur auf die katholische Kirche aus, sondern auch auf alle anderen Re­ligionsgemeinschaften.

Anmerkung zu Seite 131: Mir liegt eine Fotokopie der amtlichen Registrie­rung vom 10. Juni 1943 vor, in der das mexikanische Außenministerium (Secretaria de Relaciones Exteriores) die Registrierung der Vereinigung La Torre del Vigia genehmigt, und zwar als eine „nicht gewinnstrebende bür­gerliche Vereinigung zum Zwecke der Verbreitung von Wissenschaft, Bil­dung und Kultur“ („Asociacion Civil Fundada para la Divulgación Cienti­fica, Educadora y Cultural No Lucrativa“). Hierbei handelt es sich offen­sichtlich um die ursprüngliche Registrierung, was zur Folge hätte, daß diese Regelung gut 46 Jahre lang in Kraft war.

In den 1970er Jahren besuchten meine Frau und ich einen internationalen Kongreß in Mexico City, und wir wurden im Zweigbüro der Gesellschaft untergebracht. Präsident Knorr war ebenfalls anwesend und machte mit uns und weiteren Besuchern eine Führung durch die verschiedenen Ge­bäude, die zum Zweigbüro Mexiko gehörten. Während dieser Führung sprach er den rechtlichen Status einer „kulturellen Organisation“ in Me­xiko direkt an und erwähnte ausdrücklich, ein Hauptgrund für diesen un­gewöhnlichen Status liege darin, daß er es der Organisation ermögliche, die volle Verfügungsgewalt über ihr Eigentum im Land zu behalten. [341]

13.1.3 Zu Kapitel 7 *

Aus dem Watch Tower vom Januar 1881:

[342]

Aus dem Watch Tower vom 15. Juni 1911:

[343]

Aus dem Watch Tower vom 15. Januar 1892:

Aus dem Watch Tower vom Juli 1894:

[334]

13.1.4 Zu Kapitel 8 *

Auszüge aus der englischen Erstausgabe von The Finislied Mystery (Das vollendete Geheimnis):

Seiten 484 und 485:

[345]

Seite 513:

[346]

Seite 258:

Seite 542:

[347]  Aus dem Watch Tower vom 15. Juli 1922:

[348]

[349]

13.1.5 Zu Kapitel 10 *

Auf Seite 269-70 ist davon die Rede, wie Lyman Swingle sich für mich eingesetzt hatte und daß er als Folge der Ereignisse im Frühjahr 1980 von Lloyd Barry als Leiter der Schreibabteilung abgelöst wurde. Nach dem Tode Grant Suiters 1983 wurde Swingle als sein Amtsnachfolger als Sekre­tär-Kassierer ernannt. Damit wurde er wirksam aus der unmittelbaren Mitarbeit in der Schreibabteilung entfernt. Für mich steht es außer Frage, daß seine freimütigen Äußerungen über die mögliche Unhaltbarkeit eini­ger zentralen Lehren der Organisation, von denen einige in diesem Buch vorgetragen werden, es in den Augen vieler Mitglieder der leitenden Kör­perschaft geraten erschienen ließen, ihn von dort zu entfernen.

Am Ende von Kapitel l0 wird beschrieben, wie Edward Dunlap mit fast 70 Jahren aus der Brooklyner Zentrale verstoßen wurde, nachdem er der Orga­nisation fast eine halbes Jahrhundert lang gedient hatte. Wie berichtet, mußte er in seinen früheren Beruf als Tapezierer zurückkehren. Inzwi­schen ist er über 80 und hat diese Tätigkeit aufgeben müssen. Er geht jetzt drei Teilzeitbeschäftigungen nach, unter anderem gibt er Kurse an der Ok­lahoma Stare University. (Weitere Informationen finden sich im Folgeband zu diesem Buch, In Search of Christian Freedom, Seite 358.) Im Gegensatz zu Gerüchten, die in Zeugen kreisen kursieren, hat er kein Interesse daran, eine neue Organisation zu gründen oder sich mit irgendeiner bestehenden Gemeinschaft zusammenzutun, sondern findet sich einfach mit anderen zu gemeinsamen Bibelbetrachtungen zusammen. [350]

13.1.6 Zu Kapitel 11 *

Folgender Brief ist meine Erwiderung auf die Vorladung des Rechtskomitees der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas:

„12. November 1981

An die Ältestenschaft der
Versammlung Gadsden-Ost
der Zeugen Jehovas
2822 Fields Avenue
East Gadsden, AL 35903

Liebe Brüder,

Euer Brief vom 6. November erreichte mich am Dienstagnachmittag, 11. November. Da der Brief, den ich gerade schreibe, Euch vielleicht vor Samstag nicht mehr erreicht, will ich Theotis telefonisch benachrichtigen, damit die Brüder nicht ansonsten zum Saal fahren.

Ich habe Dan gebeten, Euch mitzuteilen, daß ich gerade einen Brief an die lei­tende Körperschaft geschrieben habe und es sehr schätzen würde, wenn Ihr die Antwort auf dieses Schreiben abwartet, bevor Ihr das Rechtsverfahren eröffnet.

Zu diesem Punkt äußert Ihr Euch in Eurem Brief gar nicht. Bitte laßt mich wissen, was Ihr in dieser Frage entschieden habt, falls sie besprochen wurde. Euch ist vielleicht bekannt, daß ich vierzig Jahre meines Lebens im Vollzeitdienst ver­bracht habe, als Pionier, Sonderpionier, Kreisaufseher, Bezirksaufseher, Missionar, Zweigaufseher, Bethelmitarbeiter und Mitglied der leitenden Körperschaft.

Ob diese vierzig Jahre in Eueren Augen Anlaß zur Geduld sein können, eine Nach­richt aus Brooklyn abzuwarten, weiß ich nicht. Ich hoffe es und wünschte, Euer Interesse an einer Antwort wäre so groß wie meine (Jak. 2:12, 13).

Stehen die drei Unterschriften unter Euerm Brief für die Mitglieder des Rechts­komitees? Falls das zutrifft, bitte ich die Ältestenschaft höflich, ihre Wahl zu überdenken. Den Äußerungen bei dem Treffen mit Wesley Benner und Dan entnehme ich, daß Dan als Ankläger in dieser Sache auftreten wollte, denn er sagte zu Be­ginn des Gesprächs, er habe gesehen, wie ich mit Peter Greqerson essen gegangen sei (und zwar vor mehreren Monaten, bevor der Watchtower vom 15. September 1981 erschienen war). Bis jetzt ist mir kein anderer Anklagepunkt bekannt geworden. Gibt es einen? (Darüber müßte ich Bescheid wissen, auch darüber, wer die Anklage erhebt, damit ich Zeugen für meine Seite stellen kann.) Doch wie dem auch sei, es spricht doch wohl jeder Rechtsauffassung Hohn, wenn der Ankläger mit zu Gericht sitzt. Auch andere Gründe würden dagegen sprechen, Dan in diese Position einzu­setzen, doch halte ich es nicht für notwendig, darauf noch extra einzugehen.

Wenn Ihr diese ganze Sache besprecht, wäre ich Euch auch sehr dankbar, wenn Ihr
zugleich erwägen würdet, das Rechtskomitee zu erweitern. Es NET um eine Anklage,
die sich auf einen neuen Grundsatz der leitenden Körperschaft bezieht (daß man Personen, die die Gemeinschaft verlassen neben, mit Ausgeschlossenen in einen Topf wirft, ist in den Veröffentlichungen bislang nur auf solche angewandt worden, die im Militär oder in der Politik aktiv geworden sind). Zudem habe ich erfahren, daß einige Älteste sich abfällig über mich geäußert haben. Wieweit diese Berichte stimmen, kann ich nicht beurteilen, da dies Ältesten nicht mit mir selbst ge­sprochen haben. Da hiermit aber doch die Frage der Vorverurteilung im Raum steht wäre es wohltuend zu wissen, daß zusätzliche Älteste beteiligt werden, damit so eine faire und unparteiische Verhandlung möglich sein wird. [351]

Der Brief ist zwar etwas lang geraten, doch berücksichtigt bitte, daß hier meine Hingabe Zu Gott und seinem Sohn und die Treue gegenüber seinem Wort in Frage ge­zogen werden. Empfangt meinen Dank dafür, daß Ihr die erwähnten Punkte berück­sichtigt. Mögen Jehova Gott und unser Herr Jesus Christus mit dem Geist sein,den Ihr zeigt (2. Tim. 4:22; Philemon 25).

Euer Bruder
Rt. 4, Box 440-F
Gadsden, AL 35904″

Es folgt der Einspruch gegen den Gemeinschaftsentzug durch das Rechtsko­mitee im vollen Wortlaut:

„8. Dezember 1981

An die Ältestenschaft
Versammlung Gadsden-0st

Liebe Brüder,

gegen den Gemeinschaftsentzugsbeschluss des von Euch eingesetzten Rechtskomitees lege ich hiermit Berufung ein.

In einer Veröffentlichung der Gesellschaft heißt es über Rechtsverfahren:
„Älteste in einem Rechtskomitee müssen alles sorgfältig abwägen, in dem Bewußt­sein, daB jeder Fall anders liegt. Statt nach starren Vemaltensregeln zu suchen, solltet ihr eher das Grundsätzliche berucksichtigen und jeden Fall einzeln wür­digen. In derselben Quelle heißt es über des Erteilen von Rat: „Geht sicher,daB euer Rat fest im Wort Gottes verankert ist. Nehmt euch genügend Zeit und be­müht euch, das Herz des Betreffenden zu erreichen. Nehmt euch Zeit, um zuzuhören. Seid sicher, daß ihr alle Tatsachen kennt. Erklärt, welche Anwendung die zugrunde liegenden Schrifttexte haben, und vergewissert euch, dass dies verstanden wird. Nehmt euch Zeit für Nachforschungen, wenn das nötig ist, bevor ihr Rat erteilt oder Fragen beantwortet. Wenn euch die Zeit dafür feht, kann es angebracht sein, einen anderen Ältesten um Mithilfe zu bitten.“ (Siehe die beigefügten Kopien.)
Ich glaube nicht, dass dies in meinem Fall bisher getan wurde. Es ist bedrückend, mit welch ungewönlicher Eile zu Werke gegangen wird, und dass es offensichtlich an Bereitschaft oder Fähigkeit mangelt, die „Anwendung der zugrunde liegenden Schrifttexte“ zu besprechen, damit sie „verstanden“ werden. Zum Geist der brüder­lichen Liebe passt meines Erachtens ein langmütiges Vorgehen besser als ein über­eiltes Mitgefühl und Verständnis sollten dazugehören statt starrem Befolgen von Anweiungen.

Meine Umstände sollten Euch nicht unbekannt geblieben sein. Nech 40 Jahren des Vollzeitdienstes, in denen ich Not und Armut, Hunger und Durst, Hitze und Kälte, Fieber und Auszehrung durchgemacht und im Gefängnis gesessen habe, von wütenden Pöbelrotten, Schusswechseln und kriegsähnlichen Zuständen bedroht wurde, mein Le­ben und meine Freiheit riskiert habe unter Diktaturen, wobei ich mich ständig bis zum letzten verausgabt habe, nach all dieser Zeit stand ich mit 58 Jahren vor dem Problem, Nahrung und Arbeit finden zu müssen, damit meine Frau und ich existieren können. Da ich gleich nach meinem Schulabschluss im Jahr 1940 in den Pionierdienst eingetreten war, fehlte mir jegliche Erfahrung in weltlicher Arbeit, und es fehl­ten jegliche Mittel zum Lebensunterhalt. Das Geld, des mir die Gesellschaft gab (und das anscheinend eine Art Abfindung für 40 Jahre des Dienstes sein sollte), ist weniger, als was die meisten in einem einzigen Jahre verdienen und konnte nur einen Teil unserer Anfangskosten abdecken.

Peter Gregorson gab mir Arbeit und bot mir einen Stellplatz für meinen Wohnwagen an, den ich gekauft und noch abzuzahlen habe. Damit wurde er mein Arbeit- und Wohnunggeber. Vor etwa sechs Monaten zog er sich unter Druck aus der Versammlung zurück. Einziger Anklagepunkt gegen mich war, wie Ihr wißt, daß ich mit Peter Gregerson in einem Restaurant am Ort zu Mittag gegessen habe.

Es gibt hier Älteste, die meinen, sie könnten mit Peter Gregerson essen gehen, ohne sich schuldig zu machen, da sie bei der Firma Warehouse Groceries angestellt seien, deren Inhaber er ist. Meine Beziehung zu ihm ist aber noch enger, denn ich bin noch mehr von ihm abhängig, weil ich nicht nur für seine Firma arbeite, sondern auch noch für ihn persönlich, denn ich bin unmittelbar auf seinem Grundstück tätig, so dass sich zwangsweise immer wieder Gespräche mit ihm ergeben, sei es nun in seinem Haus, bei den Mahlzeiten oder anderen Gelegenheiten. Ich kann nicht be­greifen, weshalb eine brüderliche Sichtweise hier nicht zu Verständnis und Mit- [354]

2
gefühl führen sollte, wenn man meine Umstände berücksichtigt und sich bewußt macht, „daß Jeder Fall anders liegt“.

Von den beiden Zeugenaussagen bezog sich nur die eine auf Ereignisse nach der Veröffentlichung des Watchtowers vom 15. September 1981. Erst in dieser Nummer der Zeitschrift wurden solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, mit denen gleichgesetzt, die ausgeschlossen sind. Einer der Zeugen sagte, er habe mich mit Peter und Janet Gregerson im Restaurant gesehen, gab aber zu, dies sei schon im Sommer gewesen, also vor Veröffentlichung der Zeitschrift. Eine solche Zeugenaussage ist wohl bedeutungslos, es sei denn, man wollte die neue Regelung rückwirkend in Kraft setzen, ex post facto.

Die andere Aussage betraf ein weniger weit zurückliegendes Ereignis. Die Zeugin hatte gesehen, wie ich zusammen mit meiner Frau und Janet Gregerson (die nicht die Gemeinschaft verlassen hat) das Restaurant betrat; kurz darauf habe sie ge­sehen, wie Peter Gregerson hereingekommen sei. Dieselbe Zeugin hat nach der Ver­öffentlichlung des Watchtower vom 15. September 1981 mit Peter Gregerson zweimal im Restaurant gegessen, dazu noch in Anwesenheit eines Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost. In beiden Fällen hat Gregerson nicht darum gebeten, bei ihnen sitzen zu dürfen, sondern wurde von ihnen aufgefordert, sich zu ihnen zu setzen und sich zwanglos mit ihnen zu unterhalten. Dieser Vorfall schien es nicht wert gewesen zu sein, ein Rechtsverfahren einzuleiten, doch bei mir soll das eine Mal bereits ge­nügen. Ich erwähne das nur, weil Ihr in Euerem Brief vom 19. November sagt, die Ältesten, die meinen Fall verhandelten, seien ohne Vorurteile und gingen ganz neutral an die Sache heran. Angesichts der Inkonsequenz ihres Handelns fällt es mir schwer, daran zu glauben. Es weckt schwere Zweifel an den Beweggründen, die zu dem ganzen Rechtsverfahren und den Entscheidungen geführt haben.

Die gegen mich erhobene Anklage erscheint mir schwer verständlich, wenn man sich ansieht, was in Gadsden alles passiert. Man hätte Mühe, wollte man all die Gele­genheiten aufzählen, bei denen sich Älteste oder andere Zeugen mit Ausgeschlossenen oder solchen, die die Gemeinschaft verlassen haben, zum Essen zusammengesetzt oder sonstwie soziale Kontakte gepflegt haben. Doch einzig und allein gegen mich hat man daraus eine Anklage werden lassen. Nimmt man einmal an, es ginge nur darum, daß man bei einem eben habe anfangen müssen, so fragt sich, weshalb ich dann dieser eine sein soll, wenn lediglich die Aussage einer Zeugin vorliegt, die mich seit Erscheinen des Watchtower vom 15. September 1981 einmal irgendwo gesehen hat. Das alles läßt starke Zweifel an der Objekivität und der Unbefangenheit aufkommen.

Man könnte vielleicht sagen, ich hätte keine Reue darüber bekundet, daß ich mit Peter Greqerson essen gegangen bin. Um Reue zu bekunden, muß ich erst davon über­zeugt sein, daß ich eine Sünde gegen Gott begangen habe. Diese Überzeugung läßt sich nur aus Gottes Wort herleiten, denn es allein ist inspiriert und unfehlbar zuverlässig (2. Timotheus 3:16, 17). So wie ich die Bibel verstehe, ist Treue gegenüber Gott und seinem Wort das Wichtigste und steht über jeder anderen Treue, ganz gleich welcher Art (Apostelgeschichte 4:19, 20; 5:29). Mir scheint, es steht weder mir noch irgendeinem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen zu, etwas zu diesem Wort Hinzuzufügen, sonst würden sie „als Lügner erfunden“ werden oder gar von Gott mit Plagen heimgesucht werden (Sprüche 30:5, 6; Offenbarung 22:18, 19). Diese biblischen Warnungen kann ich nicht leichtnehmen. In Anbetracht der Ermahnungen der Bibel, andere nicht zu richten, habe ich eine gesunde Angst davor, mich selbst (oder jemand anders oder eine Gruppe) als Gesetzgeber zu machen und fühle mich gezwungen, das Richten allein dem Wort Gottes zu überlassen, um das tun zu können, muß ich sicher sein, nicht lediglich einem von Menschen erdachten Maßstab zu folgen, der sich selbst als göttlich hinstellt, aber in Wirklichkeit nicht inspiriert ist und von Gott nicht gestützt wird. Ich möchte mir nicht anmaßen und so unverschämt sein, jemand zu verurteilen, den Gott in seinem Wort nicht ebenso verurteilt (Römer 14:4, 10-12; Jakobus 4:11, 12) Siehe auch den Kommentar zum Jakobusbrief, Seite 161 bis 168) [355]

3
Ich versichere euch, daß ich meine Sünde demütig vor Gott bereuen werde, sobald Ihr mir aus der Bibel verstehen helft, daß das Einnehmen einer Mahlzeit mit Peter ­Gregersen eine Sünde ist. Diejenigen, die bisher mit mir Gesprochen heben, haben das, nicht getan, sonder nur auf die erwähnte Zeitschrift als ihre „Autorität“ verwiesen(diesen Ausdruck gebrauchte der Vorsitzführende des Rechtskomitees). Nach meinem Verständnis muß sich jegliche Autorität in der Christenversammlung aus Gottes Wort ableiten und fest in ihn verankert sein. Sprüche 17:15 sagt: „Wer irgend den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für ungerecht erklärt, ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“ Mir Liegt nichts daran, von Gott verabscheut Zu werden, und deshalb nehme ich das alles sehr ernst.

Ich stimme mit der Lehre der Bibel in 1. Korinther 5:11-13 und 2. Johannes 5:7-11 voll überein und habe denen, die mit mir gesprochen haben, gesagt, daß ich mit solchen Menschen, wie sie dort beschrieben werden, bösen Menschen und Anti­christen, weder Umgang pflegen noch essen noch sie in meinem Heus aufnehmen werde. Ich kann nur nicht erkennen, wie diese Schrifttexte auf den Mann Anwendung finden sollen, um den sich im vorliegenden Fall a11es dreht, nämlich Peter Gregerson. Er hat zwar unter Druck die Versammlung der Zeugen Jehovas verlassen, doch wie Euch bekannt ist, hat er in seinem Brief gesagt:

Gestern habe ich erfahren, daß ich viele Brüder in Gadsden und Umgebung in Unruhe versetzt habe, das hatte ich gerade vermeiden wollen.

Es trifft zwar zu, daß ich starke Zweifel an einigen Lehren der Watchtower Society habe, ich möchte aber zwei wichtige Dinge klarstellen:

Erstens habe ich darüber nicht von mir aus in der Versammlung gesprochen. Nicht einmal mit den Ältesten habe ich mich darüber ausgesprochen, weil ich befürchtete dadurch vielleicht unab­sichtlich Gerede in der Versammlung auszulösen. Ich habe darüber nur in vertraulichen Gesprächen geredet, und zwar mit ganz wenigen Menschen, fast alle davon aus meiner eigenen Familie.

Zweitens sind meine Ansichten über Jehova Gott, Jesus Christus und die klaren biblischen Lehren, die die Auferstehung unverändert geblieben.

Vor Jehova Gott als meinem Richter bin ich mir keines unchristlichen Wandels bewußt. Seit. Seit dem Winter 1931/32, vor nunmehr fast 50 Jahren, als mein Vater anfing, mich zu den Zusammenkünften mitzunehmen, bin ich regelmäßig Verkündiger und ich habe mich als Zeuge Jehovas sehr engagiert. Mein guter Ruf und mein Ansehen, sowohl bei Euch wie auch in der Stadt im Allgemeinen, sind mir sehr wichtig.

Damit nun mein guter Ruf erhalten bleiben kann und unter Euch keine weitere Unruhe aufkommt, ziehe ich mich aus der Organisation zurück.

Das ändert nichts an meiner Achtung vor dem, was die Watchtower Society an Gutem bewirkt. Auch meine Freundschaften mit Euch und meine Liebe zu Euch als Einzelnen bleiben davon unberührt. Eure Reaktion hierauf werde ich akzeptieren.“

(Damit endet die Übersetzung der Kopie von Peter Gregersons Brief. Es geht weiter im Text meines Schreibens an die Ältestenschaft.) [356]

„Wie er schreibt, ist, er sich keines „unchristlichen Wandels bewußt“, was bedeutet, daß er nicht zu denen gehört, die in 1. Korinther 5:11-13 beschrieben werden. Er sagt, daß er an Jehova Gott, an Jesus Christus und die klaren Lehren der Bibel glaubt, so daß man im auch nicht zu denen zählen kann, die in 2. Johannes 7-11 beschrieben sind. Soweit mir bekannt, hat niemand seine Äußerungen bezweifelt oder widerlegt. Würde ich ihn als bösen Menschen oder Antichristen behandeln, ohne daß dafür eine klare biblische Grundlage bestünde, so würde ich mich vor Gott schuldig machen.

Ich habe jeden Ältesten, der mit mir gesprochen hat, auch die drei Angehörigen des Rechtskomitees, einzeln gefragt, ob er denn Peter Gregerson als einen Men­schen ansehe, auf den die Beschreibung in 1. Korinther 5:11-13 und 2. Johannes 7-11 paßt, als bösen Menschen oder gar Antichristen. Auch sie selbst konnten sich nicht dazu durchringen, diese Texte auf ihn en anzuwenden, und dabei sind das die einzigen Texte, aus denen sich das Gebot herleitet, mit welcher Art Menschen ein Christ nicht zusammen essen sollte. Ist es denn wirklich fair von mir zu verlangen, ich solle diese Schriftstellen auf ihn anwenden und ihn damit als jemand ansehen, mit dem man nicht essen darf, wenn diejenigen, die über mich zu Gericht sitzen, dazu weder willens noch fähig sind? Bis heute erkenne ich nicht, daß diese Texte auf Peter Gregorson anwendbar sind. Das müßt Ihr mir zeigen.

Ich kann begreifen. daß die Ältesten davor zurückschrecken, Peter Gregerson zu den Leuten zu rechnen, die der inspirierte Apostel in 1. Korinther 5:11-13 aufzählt, nämlich Hurer, Habgierige, Götzendiener, Schmäher, Trunkenbolde und Erpresser. Ich kann mir auch kaum vorstellen, daß jemand von Euch auch nur im entferntesten an eine solche Möglichkeit denkt. Bitte berichtigt mich, wenn ich falsch liege.

Damit bleiben noch diejenigen, die in 2. Johannes 7-11 erwähnt werden, die Anti­christen. Könnt Ihr verstehen, weshalb ich ganz sicher sein muß, bevor ich diese Verse überhaupt auf irgend jemand anwende? Der Apostel Johannes, der diesen Be­griff als einziger verwendet, beschreibt einen solchen mit den Worten: „Wer ist der Lügner. wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, derjenige, der den Vater und den Sohn leugnet“ (1. Johannes 2:22). „Doch jede inspirierte Äußerung, die Jesus nicht bekennt, stammt nicht von Gott. Und dies ist die inspirierte Äußerung des Antichristen ••• “ (1. Johannes 4:3). „Denn viele Betrüger sind in die Welt ausgegangen. Personen, die das Kommen Jesu Christi im Fleisch nicht bekennen. Dies ist der Betrüger und der Antichrist“ (2. Johannes 7). Auf der Grundlage dieser Texte geben einige Bibelkommentare (die auch mehrfach in den Veröffentlichungen der Gesellschaft zitiert wurden) folgende Erläuterungen:

Barnes‘ Notes on the New Testament: „Aus diesen Texten wird deutlich, daß Johannes unter dem Begriff all jene verstand, die leugneten, daß Jesus der Messias war, oder daß der Messias im Fleische gekommen war. … Sie bezogen Stellung gegen ihn und vertraten Lehren, die dem Sohne Gottes vollständig widersprachen.“

Lange’s Commentary: „anti kann sowohl Feindschaft wie Ersatz bedeuten. Im ersten Fall bezeichnet es den Gegenspieler Christi, den Antichristus, im letzten Fall den vorgetäuschten Christus, den Schein- oder Pseudo­christus. … Die Antichristen leugnen, daß Jesus Christus ist; sie sagen, er sei nicht im Fleische gekommen, er sei nicht Gottes Sohn, er sei nicht von Gott. Die Lehre besteht in der Leugnung der Wahrheit, der Lüge, sie selbst sind Lügner und gemäß Johannes 8:44 die Kinder des Teufels, des Vaters der Lüge (1. Johannes 3:3-10) … Der Antichristus und die Antichristen müssen als ‚ausdrücklich mit Satan in Zusammenhang stehend gesehen werden‘, und die beiden Begriffe bedeuten hier nicht Ersatz, sondern Feindschaft gegenüber Christus …; der Antichristus war vor allem das Instrument und Werkzeug Satans.“

Glaubt jemand von Euch Ältesten ernsthaft, man kann Peter Gregerson zu dieser Gruppe Menschen zählen? [357]

Jesus Christus sagte, wer „ein unausprechliches Wort der Verachtung an seinen Bruder richtet wird dem höchsten Gerichtshof Rechenschaft geben müssen, während jeder, der sagt: ‚Du verächtlicher Tor‘, der feurigen Gehenna verfallen sein wird“ (Matthäus 5:22). Mir wäre es entschieden lieber, ein „verächtlicher Tor“ genannt zu werden, als „Antichrist“. Ganz bestimmt gibt es keinen schlimmeren Ausdruck in der Bibel. Wenn schon die ungerechtfertigte Benutzung des Ausdrucks „verächt­licher Tor“ dazu führen kann, daß man der Gehenna verfällt, wieviel mehr dann die Verwendung des Begriffs „Antichrist“, wenn sie ungerechterweise geschieht? Ein solch schweres Risiko will ich auf keinen Fall eingehen, und ich vertraue darauf, daß Ihr als einzelne gleichermaßen eine solche Abwägung vornehmt, In Matthäus 12:36 sagt Jesus: „Ich sage euch, daß die Menschen von jedem nutzlosen (acht­losen, Revised Standard Verson; unbegründeten, Jerusalem Bible) Ausspruch, den sie machen, am Gerichtstag Rechenschaft ablegen werden.“ Wer von uns dürfte es wagen derartige Warnungen auf die leichte Schulter zu nehmen? Und wie können wir meinen, andere dafür verantwortlich machen zu können, wenn wir fälschlicher­weise, ohne wirklichen Grund, jemanden, mit dem man nicht essen darf, als einen Menschen einstufen, der feindselig gegenüber Christus eingestellt ist? Der Sohn Gottes betont, daß wir in einem persönlichen Verhältnis zu ihm und zu seinem Vater stehen und damit auch persönlich verantwortlich sind: „Ich … bin (es), der Nieren und Herzen erforscht, und ich will euch, jedem einzelnen, gemäß euren Taten geben“ (Offenbarung 2:23).

Treue gegenüber Gott verpflichtet mich dazu, mein Gewissen von diesen Worten der Schrift Leiten zu lassen. Wenn ich meinem Gewissen so folge, bin ich dann ver­dammugswürdig? Es trifft zu, daß der Kreisaufseher bei mir zu Hause gesagt hat, die leitende Körperschaft könne die Gewissensentscheidunq des einzelnen aufheben. Zwar sagte er, und da möchte ich ihn wörtlich zitieren, er „plappere genau wie ein Papagei alles nach, was die leitende Körperschaf sagt“, doch diese Äußerung entstammt offensichtlich seinem eigenen Denken, denn mir ist keine Veröffentlichung der Gesellschaft bekannt, die so etwas sagen würde. Und was viel stärker zählt, ich kenne auch keine Schriftstelle, die diese Sichtweise stützen würde. Der inspirierte Apostel sagt uns, daß jemand, der Zweifel hat, „bereits verurteilt“ ist, selbst wenn die Tat in Ordnung ist, weil „alles, was nicht aus Glauben ist, Sünde“ ist (Römer 14:23). Wenn sich meine Gewissensentscheidunq ändern soll, so muß dies durch die Macht und Kraft des Wortes Gottes geschehen, nicht durch bloße menschliche Überlegungen, denn für mich gilt uneingeschränkt: „Gott werde als wahrhaftig erfunden, wenn euch jeder Mensch als Lügner erfunden werde.“ Ich möchte mich zu denen zählen, die nicht „das Wort Gottes verfälschen, sondern uns selbst durch das Kundmachen der Wahrheit jedem menschlichen Gewissen vor Gott empfehlen“ (Römer 3:4; 2.Korinther 4:2).

Ich habe dies alles so ausführlich gemacht, damit Ihr sehen könnt, wie schwer es mir fällt, ohne Vorbehalte und Gewissenskonflikte den Standpunkt zu akzeptieren, Peter Gregorson (dessen Brief ich zitiert habe) mache sich allein schon durch seinen Brief, ohne zusätzliche Belastungspunkte, automatisch zu einem bösen Menschen, mit dem ein Christ nicht mehr speisen dürfe. Habe ich die Schrifttexte, die mich jetzt von einer automatischen Verurteilung zurückhalten, falsch verstanden? Sagen sie etwas anderes, als was ich ihnen entnehme? Und werde ich dadurch, daß mein Gewissen mich treibt, Gottes Wort gegenüber wahrhaftig zu bleiben, selbst ein solcher böser Mensch, mit dem niemand essen darf? Drei unter Euch haben so entschieden. Zu ihrem Nutzen und aus Sorge um sie, aber auch für Euch andere schreibe ich diesen Brief. Sollte ich irren und Gottes Wort etwas anderes sagen, als was ich ihm entnehme, dann würde ich eine Zurechtweisung Eurerseits, die auf dasselbe inspirierte Wort gegründet ist, nicht nur akzeptieren, sondern sogar begrüßen.

Ich lege für jedes Mitglied der Ältestenschaft eine Kopie dieses Briefes bei, da das Rechtskomitee, das gegen mich entschieden hat, von ihr eingesetzt wurde. Darüber hinaus schicke ich Kopien an die leitende Körperschaft und auch an die Dienst­abteilung, da Eure Ernennung zu Ältesten von ihnen kommt. Wie Ihr wißt, schrieb ich am 5. November 1981 folgende Anfrage an die leitende Körperschaft:

Einige Älteste hier am Ort haben die Information im Watchtower vom 15.September 1981 als Aufforderung verstanden, von mir zu verlangen, ich solle meine Beziehung zu Peter Gregerson, dem Mann, auf dessen Grund und Boden ich wohne und für den ich arbeite, ändern. Sie sagen, [358] da er von sich aus die Gemeinschaft verlassen habe, solle ich ihn zu denen rechnen, mit denen man nicht essen sollte – böse Menschen und Antichristen-, andernfalls müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Da ich jetzt sechzig bin und über keine Geldmittel verfüge, ist es mir unmöglich , umzuziehen oder eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich wäre deshalb sehr dankbar zu erfahren, ob ihr mit den Äußerungen in dieser Nummer der Zeitschrift wirklich das meint, was da steht, daß es nämlich ein Grund für den Gemeinschaftsentzug ist, wenn man eine Einladung seines Wohnungs- und Arbeitgebers zum Essen annimmt. Sollte sie aber über das hinausgegangen sein, was mit der Veröffentlichung beabsichtigt war, so wäre ein Rat zur Mäßigung an sie eine sehr große Erleichterung für mich, da die Situation möglicherweise für mich sehr belastend wird. Ich bin für jede Klarstellung Eurerseits dankbar, ganz gleich, auf welchem Wege Ihr sie mir zukommen lässt.“

Ich habe Euch mehrfach, Zeit für die Beantwortung dieser Anfrage einzu­räumen. Bisher habt Ihr es nicht für angebracht gehalten, darauf einzugehen. Ich hoffe, daß Ihr es nunmehr tun werdet.

Mit freundlichen Grüßen“

Die Kopie für die leitende Körperschaft erhielt folgendes Begleitschreiben:
„11. Dezember 1981

An die
leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas
Brooklyn, New York

Liebe Brüder,

am 5. November 1981 schrieb ich Euch wegen einer Klarstellung bezüglich der neuen Linie, die im Watchtower vom 15. November vertreten wurde. Dort wurden Personen, die die Gemeinschaft verlassen hatten, mit Ausgeschlossenen gleichgestellt, und es wurden genaue Anweisungen gegeben, wie die Gesamtheit der Zeugen Jehovas solche Personen ansehen und behandeln solle. In meinem Brief gab ich meiner Sorge über die eventuellen Folgen dieses Artikels Ausdruck.

In der Zwischenzeit haben Älteste der Versammlung, mit der ich hier verbunden bin, diesen Artikel als „Autorität“ genannt, um mich auszuschließen, weil ich mit einem Mann, der die Gemeinschaft verlassen hat, in einem Restaurant eine Mahlzeit gemeinsam eingenommen habe. Der Mann ist mein Wohnung- und Arbeitgeber.

Ich lege eine Kopie meines Schreibens an die hiesige Ältestenschaft bei, in dem ich gegen die Entscheidung Berufung einlege. Sollte das Vorgehen des Rechts­komitees Eure Zustimmung haben und mit den Zielen des von Euch veröffentlichten Artikels übereinstimmen, so mag Euch dieser Brief nicht weiter interessieren. Wenn das aber nicht der Fall ist, und Euch diese Handlungsweise nicht recht ist (nicht deswegen, weil es sich um mich handelt, sondern weil es wahrscheinlich anzeigt, wie auf diese Veröffentlichung allgemein reagiert wird), dann wollt Ihr vielleicht etwas unternehmen, um die Auswirkungen des Artikels zu dämpfen. Die Firma Warehouse Groceries, bei der ich tätig bin, beschäftigt im Büro und in den zehn Ladengeschäften etwa 35 bis 40 Zeugen. Der Präsident der Finne hat die Gemeinschaft der Versammlung verlassen, ebenso der Leiter des Bereichs Non-­Food; andere dort Beschäftigte, darunter der Geschäftsführer eines der größeren Läden, sind ausgeschlossen,. Die mir erbetene Klarstellung könnte deshalb et­lichen Menschen in dieser Region eine Hilfe sein. [359]

Festzustehen scheint, daß diese neue Linie immer weitere Kreise ziehen und ständig mehr Menschen erfassen wird. Wendet man sie konsequent an, nicht nur selektiv und willkürlich wie in meinem Fall, so könnten in dieser Gegend ohne weiteres Dutzende ausgeschlossen werden, deren Namen einem sofort einfallen. Glaubt Ihr wirklich, daß das biblisch gerechtfertigt ist?

Da Ihr letzten Endes verantwortlich seid für das, was aus dem von Euch veröffentlichten Material wird, schien es mir angebracht, euch und der Dienstabteilung diese Zeilen zukommen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Rt, 4, Box 440-F
Gadsden, AL 359904″

Es folgt mein Brief vom 20. Dezember 1981, in dem ich um Veränderungen in dem von Kreisaufseher Wesley Brenner eingesetzten Berufungskomitee bitte:

„20. Dezember 1981
An die Ältestenschaft
der Versammlung Gadsden-Cst
Gadsden, Alabama

Liebe Brüder,

mit diesem Brief bitte ich um die Einsetzung eines anderen Berufungskomitees. Ich schicke eine Kopie an die Dienstabteilung der Leitenden Körperschaft und der Watchtower- Society, da ich um die Einsetzung eines Komitees bitte, das sich aus Brüdern von außerhalb dieser Gegend und dieses Kreises zusammensetzt. Folgende Gründe bewegen mich dazu:

Am 15. Dezember rief mich Theotis French an, um mitzuteilen, dass ein Berufungs­komitee ausgewählt worden sei, bestehend aus, Willie Anderson, Earl oder Felix Pamell (wer von beiden wußte er nicht) und Bruder Dibble (soweit ich mich entsinne, sagte er nicht, ob Vater oder Sohn). Ich sagte ihm, ich werde einen Brief schreiben, und daß ich zur Zusammensetzung dieses Komitees etwas zu sagen hätte. Ich fragte ihn, weshalb man keinen Ältesten aus der Versammlung Gadsten-­Ost genommen habe, und er antwortete, das werde nicht mehr so gehandhabt und er hätte den Kreisaufseher gebeten, die Auswahl vorzunehmen.

Am Freitag, 18. Dezember, schrieb ich an Theotis French mit der Bitte, mir end­gültig schriftlich die Namen derjenigen zu nennen, die für das Komitee ausge­wählt worden seien. Ich habe den Brief morgens zur Post gebracht. Abends rief er mich an und teilte mir mit, das Berufungskomitee werde am Sonntag die Ver­handlung durchführen. Ich sagte ihn, ich hätte ihn einen Brief geschrieben, den er in ein oder zwei Tagen erhalten müßte. Am Samstag abend rief er wieder an und sagte, er habe den Brief erhalten, und das Komitee wolle sich mit mir am Montag treffen, offensichtlich am 21. Dezember. Er nannte weder Zeit noch Ort, genau wie bei dem für Sonntag angesetzten Termin, gab mir aber die Namen der für das Komitee Ausgesuchten an: Willie Anderson, Earl Pamell und Rob Dibble. Ich bat ihn noch einmal darum, mir das schriftlich zu geben. Heute früh rief er noch einmal an sagte, das Berufungskomitee werde am Montag ver­handeln (wobei er wiederum Zeit und Ort nicht nannte). Ich erwiderte, das ein­gesetzte Komitee müßte mich eigentlich direkt anschreiben, statt im immer bei mir anrufen zu lassen, und sagte ihm, ich hätte Einwände gegen die Zusammen­setzung des Komitees und würde einen Brief schreiben, um die Einsetzung eines anderen Komitees zu erbitten. Darauf meinte er, das vorgesehene Komitee werde sich am Montag auf jeden Fall zusammensetzen. Ich sagte, daß ich in den 40 [360] Jahren meiner Tätigkeit ein so offensichtlich überstürztes Vorgehen noch nie erlebt hätte, worauf er erwiderte, der letzte Schulungskurs der Gesellschaft habe da Änderungen gebracht (welche, des sagte er nicht. Trotz all meiner Einwände gegen eine so rücksichtslose Eile sagte er, das Komitee werde die Verhand­lung durchführen, und alles, was ich zu sagen hätte, solle ich dann dort sagen. Ich wiederholte, daß ich die Einsetzung eines neuen Komitees verlangte.

Meines Erachtens habe ich für diese Bitte triftige Gründe. Ich werde sie im einzelnen darlegen, damit Ihr wie euch die Dienstabteilung genau informiert seid und damit das einmal festgehalten wird.

Während ich dem Diestkomitee der leitenden Körperschaft angehörte, gab es in Gadsden bei vielen Familien großen Wirbel wegen einer Angelegenheit, in die viele Jugendliche aus der Gegend verstrickt waren. Durch die Dienstabteilung erfuhr ich, daß das Komitee am Ort schwere Fehler bei der Abwicklung des Falls gemacht hatte, so daß die Einsetzung eines neuen Komitees nötig wurde, um alles zurechtzubügeln. Die ganze Sache ist mir noch frisch genug in Erinnerung, so daß ich Euch versichern kann, daß ich kein Vertrauen zu einer Komiteeverhandlung

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haben kann, die von jemand wie Bruder Anderson mit geführt wird, der in dem früheren Komitee, des so schwere Fehler gemacht hatte, eine so herausragende Rolle gespielt hatte. Darüber hinaus habe ich erfahren, und zwar sowohl durch Mitteilungen der Dienstabteilung wie auch später persönlich, daß Peter Gregor­son aktiv um die Revision der Entscheidungen der Ortsältesten bemüht gewesen war und damit maßgeblich dazu beitrug, dass die Gesellschaft ein Komitee mit Ältesten von außerhalb einsetzte. Nimmt man all dies zusammen, so erweckt die Wahl Bruder Andersons für mein Verfahren (in dem es vor allem um meine Be­ziehung zu Peter Gregerson geht) keine grossee Hoffnung auf ein umsichtiges, un­parteiisches, neutrales Verfahren. Vielleicht hat Bruder Anderson aus der Zurechtweisung des Berufungskomitees damals gelernt, doch die bisherige Verhandlungsführung des vorgesehenen Berufungskomitees, seine Hast, zu einem Urteil zu ge­langen, und die Formfehler bei der Arbeit lassen nur die schlimmsten Erinnerungen an alte Fehler aufkommen. Ich denke, Ihr könnt verstehen, daß ich gegen diese Wahl zu Recht etwas einzuwenden habe und sie für mich völlig unannehmbar ist.

Was die Wahl Earl Parnells betrifft, so sind die Gründe dafür Wirklich kaum noch nachvollziehbar. Ich möchte noch einmal betonen, daß in dem ganzen Fall vor allem um meine Beziehung zu Peter Gregerson geht, daß die Zeugenaussagen sich nur darauf beziehen, und dass das erste Komitee einen Gemeinschaftentzug wegen dieser Beziehung beschlossen hat. Wie soll man dann die Wahl Earl Parnells in mein Berufungskomitee noch vernünftig begründen können? Wie Ihr sehr gut wißt (und wie auch der Kreisaufseher weiß), ist er der Vater von Dana Parnell, der sich vor kurzem von Vicki Gregerson, der Tochter Peter Gregersons, hat scheiden lassen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, sollte es genügen zu sagen, daß die Beziehungen der beiden Familien zueinander, insbesondere die der beiden Väter seit einiger Zeit sehr angespannt sind. Über diese äusserst angespannte Situation war der Kreisaufseher ganz sicher informiert, denn während seines Gesprächs mit Peter Gregerson bei seinem vorletzten Besuch in Gadsden war von Dana Parnell die Rede. Jeder der auch nur durchschnittliches Vorstellungsvermögen besitzt, muß klar sein, daß die Wahl von Dana Parnell für ein Verfahren, in das Peter Greger­son verwickelt ist, jedes Gefühl für Fairneß und gesunden Menschenverstand Hohn spricht. Das kann einen bloß zu einer solchen Wahl getrieben haben? Welche Be­weggründe und Überlegungen stecken dahinter?

Die Umstände im Fall von Bruder Pamell spielen unvermeidlich auch in die des dritten Mitglieds im vorgesehenen Komitee hinein, nämlich Rob Dibble. Er ist Earl Parnells Schwiegersohn, da er mit Dana Parnells Schwester Dawn verheiratet ist. Falls nötig, so ließen sich meines Erachtens Zeugenaussagen finden, die be­stätigen, dass Rob Dibbles Frau sehr unter der Scheidung ihres Bruders von Peter Gregersons Tochter gelitten hat und sich auch laut darüber geäußert hat. Es erscheint unwahrscheinlich, daß sie diese Äußerungen nicht auch gegenüber ihrem Mann gemacht hat. Zu erwarten, daß er sich in einem Fall, bei dem es vor allem um Kontakte zu Peter Gregerson geht, innerlich frei und ungebunden fühlt und mit der notwendigen Unvoreingenommenheit an die Sache herangeht, das ist meiner Meinung nach mehr, als man erwarten kann. [361]

Angesichts dieser Sachlage bitte ich höflich um die Einsetzung eines anderen Komitees, bestehend aus Brüdern, die nicht aus dieser Gegend und nicht aus diesem Kreis sind. Ich könnte mir (mit vielleicht einer Ausnahme) kein Dreierkomitee vor­stellen, das weniger geeignet wäre für eine neutrale, vorurteilsfreie Verhandlung meines Berufungsverfahrens als das bisher ausgewählte. Es kann sein, daß der Kreis­aufseher sich für seine Entscheidung nicht genügend Zeit genommen hat, die von mir genannten Fakten angemessen zu würdigen. Es ließen sich zwar Argumente vortragen, die diese Fakten beiseiteschieben, doch die Liebe zu einer fairen und gerechten Vorgehensweise verbietet das. Diese Liebe wird, so hoffe ich, Euch zu der Einsicht führe, daß das Berufungskomitee untadelig sein, auf eigenen Beinen stehen können muß und keine solchen Rechtfertigungsversuche nötig haben darf (1. Timotheus 5:21, 22).

Möglicherweise wollt Ihr wegen dieser Fragen an die Gesellschaft schreiben. Ich würde das sehr begrüßen.

Zu Eurer Information teile ich Euch mit, daß ich heute Gäste erwarte, die über 800
Kilometer weit gereist sind und nur wenige Tage für und erübrigen können. Am Montag Nachmittag habe ich eine Verabredung in Birmingham, die bereits vor einigen Tagen vereinbart wurde, so daß ich wahrscheinlich erst am Abend wieder zu Hause sein werde. Im Verlauf der Woche werden wir eine Reise über die grenzen des Staates Georgia hinaus unternehmen, für die die Fahrkarten bereits vor einiger Zeit gekauft wurden , und zwar von denen die wir besuchen werden. In der Zeit um Neujahr herum werden uns Freunde von weit außerhalb besuchen, die mit dem Flugzeug angereist kommen. Doch nach dem 5. Januar werde ich Zeit haben, mich mit dem neugewählten Komitee zu treffen, was auch der Gesellschaft genügend Zeit für die Auswahl lässt.

Darf ich Euch darum bitten, dass ihr mit mir schriftlich Kontakt haltet, damit es in Zukunft nicht zu noch mehr Schwierigkeiten kommt, als wir bisher schon erlebt haben. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüssen
Rt. 4, Box 440-F
Gadsden, Al 35904″ [362]

Kopien dieses Briefes habe ich an die leitende Körperschaft und an die Dienstabteilung geschickt, zusammen mit folgendem Schreiben:

„20. Dezember 1981

Watchtower Bible and Tract Society
Brooklyn. New York

Betrifft: Dienstabteilung

Liebe Bruder,

hiermit beantrage ich die Einsetzung eines neuen Komitees für meine Berufungsverhandlung, das sich aus Brüdern zusammensetzt, die von ausserhalb Gadsdens und des Kreises, in dem es liegt, stammen. Die Gründe für diesen Antrag werden in dem beigefügten Brief an die Ältestenschaft der Versammlung Gadsden-Ost unter dem heutigen Datum erläutert.

Der Vorsitzende des ursprünglichen Rechtskomitees hat mir von Gesprächen mit Euch berichtet, so daß Ihr die Einzelheiten des Falls kennt.

Ich bitte um die Einsetzung von Brüdern außerhalb des Kreises zum Teil deswegen, weil es schon zu beträchtlichem Geschwätz und zur Ausbreitung von Gerüchten gekommen ist, die mir zum Teil zu Ohren gekommen sind. Doch darüber hinaus glaube ich auch, daß die Auswahl, die der von Euch eingesetzte Vertreter, der Kreisaufseher, getroffen hat, in Anbetracht der im beiliegenden Brief beschrie­benen Fakten nur seine Unfähigkeit beweist.

Wie bereits in meinem Schreiben von 8. Dezember 1981 erwähnt, in dem ich meine Berufung begründete, zeigte Bruder Benner während seines Besuches bei mir eine so starre Haltung, daß wenig Hoffnung für seine Fähigkeiten in derartigen Ange­legenheiten besteht. Wie er selbst sagte, glaubt er, das Gewissen des einzelnen könne „durch die leitende Körperschaft außer Kraft gesetzt werden“ (was doch nur die Bibel kann), und er beschrieb sich lang und breit als jemand, der wie ein Papagei nachplappert, was immer die leitende Körperschaft sagt. Diese Einstellung gibt Anlaß zur Sorge, erinnert sie doch fatal an die Mentalität, die in der Jüng­sten Geschichte in Deutschland zu so vielen Taten des Unrechts geführt hat, ganz zu schweigen von all den sehr religiös eingestellten Menschen durch die Jahrhun­derte hindurch, die ohne nachzudenken das akzeptierten, was ihnen ihre „Mutter“ Kirche befahl, und es dann ausführten. Die Auswahl, die er für das Berufungskomitee getroffen hat, zerstreut diese Sorgen keineswegs, sondern im Gegenteil, es verstärkt sie noch. Ich meine, das geht aus dem beigefügten Brief klar hervor.

Ich bitte Euch eindringlich, die in diesem Fall eingetretene offensichtliche Ent­gleisung zu beheben. Vielen Dank.

Hochachtungsvoll“

Mittlerweile hatte ich an die leitende Körperschaft dreimal geschrieben (am 5. November, am 11. Dezember und am 20. Dezember) und um eine Reaktion gebeten. In den acht Wochen, die zwischen der Abfassung des ersten Briefes und meinem endgültigen Ausschluß verstrichen, wurde keiner von ihnen beantwortet. Nicht einmal der Posteingang wurde mir bestätigt.[363]

13.1.7 Zu Kapitel 12 *

In den Jahren, die seit der Niederschrift dieses Kapitels verstrichen sind, hat sich nichts Wesentliches ereignet, das die dort getroffenen Feststellungen beeinflussen würde. Wie dort schon gesagt, habe ich zu keiner Zeit damit ge­rechnet, daß Scharen von Anhängern die Wachtturm-Organisation verlas­sen würden, sondern statt dessen weiteres Wachstum erwartet. Tausende neuer Anhänger werden jedes Jahr gewonnen, während zugleich Tausende anderer sich wieder verabschieden. Diese Fluktuation sowie eine gewisse Zunahme haben dazu geführt, daß ein hoher Prozentsatz der Anhänger heute neu in der Organisation ist und buchstäblich keine Ahnung hat, wel­che hohen Erwartungen einst für das Jahr 1975 geschürt worden waren, ganz zu schweigen von den anderen fehlgeschlagenen Voraussagen, die es davor gegeben hatte.

In den Veröffentlichungen der Wachtturm-Organisation werden weiterhin unermüdlich Behauptungen über das Jahr 1914 aufgestellt. Ist erst einmal das Jahr 2000 gekommen und man liest und schreibt diese Jahreszahl, da­nach 2001, 2002 und so weiter, wird allein schon der optische Eindruck das Jahr 1914 immer unhaltbarer machen. Früher oder später wird sich die Orga­nisation dann wohl einfach gezwungen sehen, irgendein „neues Verständ­nis“ vorzutragen. Dieses Jahr ganz fallenzulassen, kann sie sich kaum erlau­ben, denn es dient vielen Lehren, Deutungen von Prophezeiungen und An­sprüchen der Organisation als Stütze. In der Vergangenheit hat die Organisa­tion einigen Erfindungsreichtum bewiesen, wenn es um derartiges „neues Verständnis“ ging, und den wird sie diesmal sicher auch wieder aufbringen. Wie gut sie damit aber durchkommt, ob die Menschen in ihren Reihen end­lich anfangen, ihr kritisches Urteilsvermögen zu gebrauchen, das bleibt ab­zuwarten. Jede Änderung der Lehre über 1914 dürfte sich am stärksten auf diejenigen auswirken, die der Organisation schon ihr ganzes Leben lang an­gehören und deren Bereitschaft, weiterhin an das „Bevorstehen“ der neuen Ordnung zu glauben, wie sie es schon Jahrzehnt um Jahrzehnt um Jahrzehnt getan haben, allmählich erschöpft sein könnte.

Ein wichtigeres Ereignis, das sich seit der Abfassung der ersten Ausgabe die­ses Buches zugetragen hat, war der Tod von Frederick Franz am 22. Dezem­ber 1992 im Alter von 99 Jahren (geboren am 12. September 1893). Mit ihm ging gewissermaßen eine Ära zu Ende, denn er war der einzige in der leiten­den Körperschaft, der in dem für die Zeugen Jehovas so bedeutungsvollen Jahr 1914 bereits getauft war, und er war möglicherweise der einzige aus die­ser Gruppe, der den Gründer der Bewegung, Charles Taze Russell, noch per­sönlich erlebte. Er hatte bei weitem den größten Anteil an der Errichtung des Glaubensgebäudes aus der Zeit nach Rutherford und an der Formulie­rung der Verfahrensgrundsätze beim Gemeinschaftsentzug. Der göttliche „Prophetenmantel“, den Rutherford weitergereicht haben soll (siehe dazu die Seiten 86-88), geht mit ihm in die Versenkung. Sein Ableben könnte[364] meiner Meinung nach so manchem altgedienten Mitglied Anlaß sein, etwas ernsthafter über die Behauptungen bezüglich 1914 nachzudenken.

Nach meinem Rücktritt aus der leitenden Körperschaft und der späteren Trennung von der Organisation hatte ich mehrfach an meinen Onkel ge­schrieben, ohne dabei auf eine Antwort zu hoffen – die auch nie eingetrof­fen ist – und auch nicht an ihn als eine Autoritätsperson, sondern einzig aus Anteilnahme an ihm als Familienangehöriger und Mensch, um mich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen und ihm zu versichern, daß mein Inter­esse und meine Sorge für ihn nicht von Leitlinien oder Vorschriften eines menschlichen Systems bestimmt werden. Mein größter Wunsch war, daß wir uns hätten zusammensetzen und von Angesicht zu Angesicht miteinan­der reden können. Ich bin nämlich felsenfest davon überzeugt, daß er klar er­kannte, auf welch schwankendem biblischem Fundament viele der Lehren der Organisation standen. Er verfügte über eine enorme Intelligenz, konnte streng folgerichtig denken und brachte Bibelauslegungen zu Papier, die Hand und Fuß hatten. Doch da er beharrlich an einer menschengemachten Organisation festhielt, trat er als deren Hauptverteidiger auf, wann immer ihre Sonderlehren in Frage gezogen oder ihre Interessen bedroht schienen, selbst wenn das bedeutete, die Aussagen der Heiligen Schrift umzudeuten, damit sie scheinbar die Position der Religionsgemeinschaft stützten. In die­sen Fällen gebrauchte er seine Intelligenz letztlich für phantasiereiche Er­findungen und führte seine Leser mittels bloßer Rhetorik und reiner Plausi­bilitäten zu den gewünschten Schlußfolgerungen.

Ich finde das alles sehr traurig. Er erlebte mit, wie die Zahl der Mitverbunde­nen von wenigen Tausend auf mehrere Millionen anwuchs, wie die Welt­zentrale sich vom Umfang einiger Gebäude zu ganzen Häuserblocks mit vielgeschossigen Komplexen ausweitete, wie die Druckereien sich von ei­nem recht bescheidenen Anfang zu einem internationalen Verlagsimpe­rium entwickelten, doch nichts von all dem kann er mit ins Grab nehmen. Und ganz bestimmt haben auch alle diese materiellen Faktoren keinerlei Einfluß auf Gottes Gutheißung oder Mißbilligung ihm gegenüber. Schon Jahre vor seinem Tod hat man alle Bücher, die er einst geschrieben hatte, nicht mehr neu aufgelegt. Ihnen wird eines Tages der Status reiner Erinne­rungsstücke zugewiesen werden, wie das bereits mit den Schriften Ruther­fords und Russells geschehen ist. Seine höchst kreativen Deutungen bibli­scher Prophezeiungen, wie zum Beispiel denen Daniels, werden vielfach durch andere Deutungen ersetzt werden, einfach weil die Umstände es er­fordern. (Das hat schon angefangen mit seiner Deutung des „Königs des Nordens“ und des „Königs des Südens“ aus Daniel 11:29-45, wobei er den „König des Südens“ als die demokratischen Kräfte unter Führung der USA und den König des Nordens als die kommunistische Supermacht unter Füh­rung der Sowjetunion ansah. Über 30 Jahre lang wurde diese Ansicht vertre­ten, von seiner Abfassung des Buches Dein Wille geschehe auf Erden. auf Englisch 1958 erschienen, bis zum Erscheinen des Wachtturms vom 1. Sep­tember 1991, Seite 6. Die Spannung zwischen den Supermächten sollte [365] schließlich in ihren Todeskampf einmünden. Doch statt dessen kam Ende 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion, und im Wachtturm vom 1. No­vember 1993, Seite 21, wurde die Frage gestellt, die sich bereits viele Zeugen gestellt hatten: „Wer also ist der König des Nordens?“ – ohne daß der Schreiber darauf eine klare neue Antwort geben konnte.)

In einem Brief an meinen Onkel, den ich ihm am 28. Juni 1988 geschrieben hatte, nachdem mir von seinen gesundheitlichen Problemen berichtet wor­den war, bezog ich mich auf einige seiner – meiner Meinung nach — besten Bücher und Ansprachen, die treffende Aussagen enthielten, die, wenn man sie wirklich anwendete, zu einer Neubewertung oder gar Zurückweisung vieler heutiger Standpunkte und Behauptungen der Organisation führen würden. Unter anderem schrieb ich damals:

„Wir stehen beide vor dem Abschluß unseres Lebens. Mir steht ganz klar vor Augen, daß wir alle mit Sicherheit vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden, wie Paulus sagte, und daß jeder vor Gott wird Rechenschaft ablegen müssen. Sein Sohn wird dann als Richter „auch das im Dun­keln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenkundig machen, und dann wird indem sein Lob von Gott zuteil werden“ (Römer 14:10-12; I. Korinther 4:5). Da ich genau weiß, wie gut Du die Bibel kennst, kann ich unmöglich glauben, daß Du meinst, irgend­welche Organisationszugehörigkeit oder die Loyalität gegenüber den Interessen einer Organi­sation würden bei diesem Gericht über unsere Person einen entscheidenden Einflug haben, oder daß sie überhaupt je eine Bedeutung hätten.Je mehr ich altersmäßig voranschreite und je greifbarer mir mein Ende vor Augen steht, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß das Wert­vollste, was wir der Nachwelt überhaupt hinterlassen können, unser moralisches Erbe ist, und daß der Wert dieses moralischen Erbes sich an den Grundsätzen mißt, für die wir eingetreten sind, Grundsätze, die in keinem Fall geopfert oder aus zweckdienlichen Erwägungen weger­klärt werden können. Zu diesen rechnen vor allem um die vollständige, ungeteilte Hingabe ge­genüber Gott, die bedingungslose Unterwerfung gegenüber seinem Sohn als unserem einzigen Haupt, die Lauterkeit gegenüber der Wahrheit und unser mitfühlendes Interesse an anderen, nicht als Teil eines Systems, das wir stützen,sondern als einzelnen Menschen.“

Ich habe großes Interesse daran, ein solches moralisches Erbe zu hinterlassen; nichts anderes bewegt mich so in meinem Herzen. Es ist so, wie Paulus in Römer 14:7, 8 sagt: „Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und auch wenn wir sterben, geschieht es für den Herrn.“ Ich hoffe, daß wir, wenn auch vielleicht in sonst nichts, so doch wenigstens hierin übereinstimmen und gleichermaßen besorgt sind.

Wie schor, bei meinen anderen Briefen, blieb auch dieser unbeantwortet. Dennoch bin ich froh, ihn geschrieben zu haben. In Anbetracht des Todes meines Onkels bin ich nicht nur traurig über das, was geschehen ist, son­dern noch mehr über das, was hatte sein können.

Nach dem Tode von Frederick Franz ist ein neuer Präsident der Gesell­schaft ernannt worden, und wie bereits in Kapitel 12 (niedergeschrieben im Jahre 1983) als wahrscheinlicher Schritt angekündigt, wurde Milton Hen­schel von der leitenden Körperschaft am 30. Dezember 1992 als sein Nach­folger eingesetzt. Wie bereits gesagt, bringt die Stellung des Präsidenten dem Amtsträger ein gewisses zusätzliches Prestige unter den Zeugen Jeho­vas im allgemeinen, bedeutet aber keine besondere Macht oder Autorität mehr. Der Wechsel im Präsidentenamt hat also keinen besonderen Einflug [366] auf die Richtung, in die sich die Organisation weiterbewegt. Milton Hen­schel gehört zu den konservativeren Mitgliedern der leitenden Körper­schaft und hat bei Abstimmungen wie alle anderen Angehörigen dieses Gremiums nur eine einzige Stimme. Er verfügt zwar über Humor und ein gewinnendes Wesen, gibt sich aber oft in sich gekehrt und gleicht keinem der vorangegangenen vier Präsidenten, da er weder über deren Charisma verfügt noch über das Ausmaß an Führungseigenschaften, das die ersten drei von ihnen auszeichnete. Doch da das Amt all seiner Macht beraubt ist, die Rutherford ihm verliehen hatte, spielt das kaum eine Rolle. In Fragen der Lehre zählt seine Stimme in der leitenden Körperschaft bei weitem nicht so viel, wie etwa die von Fred Franz zählte. Henschel ist kein Buch­autor und auch kein besonders tiefschürfender Erforscher der Bibel, und wenn sich Änderungen der Lehre ergeben sollten, so ist es wenig wahr­scheinlich, daß sie von ihm ausgehen werden.

Der leitenden Körperschaft gehören jetzt weniger Männer an; ihre Zahl ist von einstmals 18 auf heute zehn gesunken. Das jüngste Mitglied, Gerriet Loesch, wurde im Juni 1994 ernannt. Er wurde 1941 in Österreich geboren, mithin 27 Jahre nach dem Jahr 1914, und wurde 1959 getauft, also 24 Jahre nach der Änderung von 1935, derzufolge der Ruf angeblich nur noch an die irdische statt die himmlische Klasse erging. Abgesehen von diesem 55jiihri­gen Mitglied, sind sie alle recht alt, und zumindest einige wurden nur wegen ihrer langjährigen Tätigkeit in der Weltzentrale oder im Vollzeitpredigt­dienst in diesen Kreis aufgenommen, nicht wegen ihrer bemerkenswerten persönlichen Eigenschaften oder Qualifikationen. Man meinte eben, sie würden sich gut „einfügen“ (oder zumindest keine Probleme bereiten). Ei­nige wurden vor ihrer Ernennung nur als für untergeordnete Aufgaben taug­lich angesehen. Damit will ich niemand herabsetzen, und wer mit mir ge­meinsam an der Auswahl neuer Mitglieder beteiligt war, weiß auch, daß dies der Wahrheit entspricht. Bis zur kürzlichen Ernennung Loeschs ver­spürte man anscheinend keine Lust, die Verstorbenen zu ersetzen, mögli­cherweise weil man sich in der bestehenden Zusammensetzung des Gremi­ums wohl fühlte und man, wie so häufig bei alten Menschen, alles vermei­den will, was eine Atmosphäre des Wechsels mit sich bringen könnte. Da ich jeden einzelnen kenne, zweifle ich nicht daran, daß mindestens einige die Machtprivilegien ihrer kleinen Gruppe ebenso ungern mit jemand an­ders teilen möchten, wie Rutherford und Knorr es mit ihrer Machtfülle als Einzelperson in früheren Zeiten gewollt hätten.

Eine nennenswerte Änderung ist vielleicht die Bekanntmachung im Wachtturm vom 15. April 1992 auf Seite 31, wonach an den Komiteesitzun­gen (nicht an den Plenarsitzungen) auch andere Personen teilnehmen dür­fen. Zwei Hauptartikel in dieser Wachtturm-Ausgabe bereiten den Boden für diese Ankündigung. Darin wird erläutert, daß man die Christen der heu­tigen Tage gemäß der Lehre der Wachtturm-Organisation in zwei große Gruppen einteilen könne: die „Bürger“ und die „Fremdlinge“, oder anders ausgedrückt: die geistigen luden und die geistigen Heiden. Das steht in krassem [367] Gegensatz zu den Schriften der Jünger Jesu, denen eine solche Tren­nung in verschiedene Klassen gänzlich fremd ist und die statt dessen die Gleichrangigkeit der Christen in ihrer Stellung vor Gott hervorheben. Pau­lus sagt, daß es in Christus weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freien gibt (Römer 10:12, Galater 3:28; Kolosser 3:11). Diese buchstäbliche Unterscheidung nach Rasse und Stand wird in der Wachtturm-Lehre ersetzt durch die Unterscheidung nach geistiger Rassenzugehörigkeit undgeistiger Unterordnung oder Knechtschaft. Dies geschieht, indem man die Vorkeh­rungen und Einrichtungen des Alten Bundes dem christlichen System über­stülpt und damit in geistigem Sinne sozusagen die Uhr zurückdreht in vor­christliche Zeiten, womit der grundlegende Wechsel, den Christus be­wirkte, null und nichtig gemacht wird. So sind die etwa 8700 Mitglieder der „Gesalbten“ die „Bürger“, die „geistigen Israeliten“, und bilden die „auser­wählte Rasse“ und die „königliche Priesterschaft“ aus 1. Petrus 2:9, wäh­rend die Millionen „anderer Schafe“ die „Fremdlinge“ sind, die „geistigen Heiden“, zu vergleichen mit den „Fremden“, die für die Israeliten „Mauern bauten“ oder „Bauern“ und „Winzer“ waren, wobei diese Dienste in der Bi­bel als ein Hinweis auf die Unterwürfigkeit gegenüber denen, die diese Dienste empfingen, gewertet werden.

Genaugenommen wird damit im Wachtturm vom 15. April 1992 noch eine dritte Klasse oder Unterklasse eingeführt, die der geistigen Nethinim lind Söhne der Diener Salomos. In den beiden Artikeln wird betont. diese Grup­pen seien in einen höheren Stand als den der einfachen Sklaverei gehoben worden; Nachschlagewerke werden zitiert, die von einem höheren sozialen Rang der Nethinim sprechen und davon, daß sie eine offizielle heilige Klasse bildeten, denen Vorrechte gegeben wurden. Es wird behauptet, ohne daß dies biblisch begründet wird, daß diese Situation aus dem Alten Testament in der heutigen Zeit eine Parallele habe. (Zu Anfang werden die Nethinim mit dem nichtlevitischen „Sängern und Sängerinnen“ am Tempel in Verbin­dung gebracht, doch später ist davon nicht mehr die Rede, zweifellos weil sich Frauen unter ihnen befanden. Willkürlich legt also der Verfasser des Aufsatzes fest, wie weit die angebliche „Parallele“ zu gehen habe. Das ist eindeutig nichts anderes als Manipulation.] Als nächstes wird eine Gruppe von Männern hervorgehoben, die besondere Vorrechte innehat, unter ande­rem „administrative Verantwortung“, und danach werden die „Nethinim“ und „Söhne der Diener Salomos“ der alten Zeit als Gegenbild von Zeugen Jehovas (Männern) der heutigen Zeit dargestellt, die reisende Aufseher, Mit­glieder von Zweigkomitees, Redaktionsmitarbeiter in der Weltzentrale, lei­tende Mitarbeiter in den Wohnheimen und Fabriken der Wachtturm-Ge­sellschaft oder bei Bauprojekten in verschiedenen Ländern sind. Ganz ein­deutig bleibt für die anderen „Fremdlinge“, die Millionen „geistiger Hei­den“ oder „anderer Schafe“, eine Position mit weniger Vorrechten und ge­ringerem Rang übrig. Die Artikel durchweht ein Geist der Vorliebe für be­sondere Vorrechte und Stellungen in einer Organisation, ein Geist, der seine Verkörperung findet in den höchsten Privilegien und Machtbefugnissen der [368] Mitglieder der leitenden Körperschaft, denen man nicht abstreiten kann, daß sie „eine Klasse für sich“ bilden.

Die neue Vorkehrung, der Anlaß für das Abfassen dieser Artikel, daß näm­lich auch andere Personen an den Zusammenkünften der Komitees der lei­tenden Körperschaft teilnehmen, ist in Wahrheit nur soweit neu, als es die Anzahl der Beteiligten betrifft. Schon sehr früh, gleich nach der Bildung der Komitees der leitenden Körperschaft 1976, wurden nämlich Männer aus dem Mitarbeiterstab der Weltzentrale als Sekretäre der fünf Komitees er­nannt (Personal-, Verlags-, Dienst-, Lehr- und Schreibkomitee), und diese fünf Männer (David Mercante, Don Adams, Robert Wallen, David Sinclair und Karl Adams) gehörten sämtlich zur Klasse der „Nicht-Gesalbten“. Diese Sekretäre waren nicht nur bei den jeweiligen Komiteesitzungen an­wesend, sondern durften auch an ihren Diskussionen teilnehmen, wenn auch nicht abstimmen. In der Bekanntmachung des Wachtturms vom 15. April 1992 wird nichts über das Stimmrecht gesagt, und man darf vermuten, das dies weiterhin den anwesenden Mitgliedern der leitenden Körperschaft vorbehalten bleibt. Die Plenarsitzungen der Körperschaft (an denen selbst die erwähnten Sekretäre nicht teilnahmen) bleiben offenbar weiterhin ein­zig den Mitgliedern der leitenden Körperschaft vorbehalten.

So bedeutet die neue Vorkehrung lediglich, daß nun zwei oder drei Fremde an den Komiteesitzungen anwesend sein werden, statt bisher nur einem. Eine so simple Änderung kann nur in einer Organisation, in der Rang und Vorrechte solch enormen Stellenwert haben, als so aufsehenerregend ange­sehen werden, daß sie eine weltweite Bekanntgabe erfordert. Letztlich dürfte hierbei nur die Einsicht der Mitglieder der leitenden Körperschaft zum Tragen gekommen sein, daß sie mit zunehmendem Alter und schlech­ter werdender Gesundheit immer weniger selbst werden tun können und ihre Zahl sich ganz ohne Zweifel bald noch weiter verringern wird. Der Jüngste, Gerrit Loesch, ist jetzt (im April 1996) 55, Ted Jaracz ist 70, Milton Henschel 75, Dan Sydlik 77, Lloyd Barry 79, Jack Barr 82, Albert Schroeder und Lyman Swingle sind 85, Carey Barber und Karl Klein beide 90 Jahre alt. Wie schon im Hinblick auf Änderungen beim Jahr 1914 gesagt, wäre es für die Organisation ein Unding, Männer aus den Reihen der „Nicht-Gesalb­ten“ direkt in die leitende Körperschaft aufzunehmen, ohne ihre Behaup­tungen zu untergraben, nach denen die „Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ allein aus „Gesalbten“ besteht und mit der Überwachung des ge­samten „Haushalts“ des Herrn betraut ist. Außerhalb dieser Körperschaft hat es keinerlei Bedeutung, ob jemand zu den „Gesalbten“ zählt, wenn es um die Ernennung als Ältester, reisender Aufseher, Mitglied eines Zweigko­mitees oder irgendeine andere Stellung in der Organisation geht. Aus eige­ner Erfahrung würde ich sagen, daß es ganz ohne Zweifel scharenweise „Nicht-Gesalbte“ in den verschiedensten Ländern gibt, die erheblich fähi­ger sind, die eine bessere Kenntnis der Bibel haben sowie eine größere Fähig­keit, diese Kenntnisse weiterzugeben, die tiefere Einsichten haben, sogar mehr Geistigkeit erkennen lassen als viele der derzeitigen Mitglieder der [369] leitenden Körperschaft. Würde man sie jedoch in den erlesenen Rang dieser Gruppe erheben, hieße das, geistige „Ausländer“ mit den geistigen „Bür­gern“ auf eine Stufe zu stellen, die geistigen „nichtlevitischen Helfer im Tempel“ der geistigen Klasse der „königlichen Priesterschaft“ gleichzuma­chen und ihnen einen vollen Anteil an der Verwaltung des Haushalts des Herrn gemeinsam mit der „Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ zu geben. Damit würde man alle Trennlinien, die in der Wachtturm-Lehre seit einem halben Jahrhundert oder länger aufgestellt werden, verwischen oder praktisch ganz aufheben. Meiner Meinung nach wird die leitende Körper­schaft das aber nicht tun, solange sie nach menschlichen Fähigkeiten dazu nur in der Lage ist. Genau wie beim fahr 1914 werden die überkommenen Ansichten, an denen man so glühend festhält, zu frustrierenden Fesseln, die das Gremium daran hindern, das zu tun, was die Umsicht und die prakti­schen Gegebenheiten normalerweise erfordern würden.

Die 8. englische Auflage von Der Gewissenskonflikt vom September 1994 ging ausführlich auf den Wachtturm vom 15. Februar 1994 ein, in dem Teile von Matthäus 24 auf den Beginn der „großen Drangsal“ angewendet wur­den. Die Schlußsätze lauteten:

„Das Bemerkenswerteste ist vielleicht, daß der Ausdruck „diese Generation“, den die Wacht­turm-Organisation so beständig gebraucht und der in Matthäus 24:34 und Lukas 2l:32 er­scheint, in diesen Artikeln nirgendwo auftaucht. Das ist höchst auffällig. Es ist schwer abzu­schätzen, ob die Organisation sich jetzt In der Lage sieht, die Erfüllung von Matthäus 24:29-31 auf einen Zeitpunkt nach dem Beginn der kommenden „großen Drangsal“ zu ver­legen und dennoch weiterhin Jesu Worte über „diese Generation“ drei Verse später der Zeit vom Jahr 1914 an zuzurechnen. Doch wie bereits gesagt, scheint es vernünftig anzunehmen, daß die leitende Körperschaft jedes Mittel dankbar aufgreifen wird, das ihr hilft, sich der im­mer schwieriger werdenden Lage zu entziehen, die dadurch entsteht, daß man den Begriff „diese Generation“ (einschließlich der begleitenden Worte, daß diese nicht vergehen wird, bis alle diese Dinge geschehen sind“) mit dem immer weiter entschwindenden Jahr 1914 ver­knüpft.

Abzuwarten bleibt, ob diese neue Deutung nur den Boden vorbereitet für eine grundlegende Wende in der Auslegung des Begriffs „diese Generation“, Am besten wäre natürlich eine Deutung, bei der man das Jahr 1914 einerseits als „den Beginn der letzten Tage“ beibehalten und andererseits zugleich den Begriff „diese Generation“ von dem Jahr 1914 erfolgreich abtrennen könnte. Wie schon gesagt, kann die Organisation unmöglich das Jahr 1914 vollstän­dig aufgeben, ohne eine Fülle von Lehren, die darauf aufbauen, zu untergraben. Ließe sich hingegen der Ausdruck „diese Generation“ aus dem Zusammenhang mit dem Jahr 1914 lö­sen und auf einen zukünftigen Zeitabschnitt unbekannten Datums verlegen, dann könnte es einfacher sein, gute Gründe für das Verstreichen der Zeit, den Anbruch des dritten Jahrtau­sends im Jahr 2000, selbst das Eintreffen des Jahres 2014 zu finden, insbesondere da die An­hänger es ohnehin gewohnt sind, alles anzunehmen, was ihnen der „treue und verständige Sklave“ vorsetzt.“

Ganze 14 Monate nach Erscheinen dieses Textes brachte der Wachtturm vom 1. November 1995 Artikel, in denen fast genau das getan wurde, was im Gewissenskonflikt von 1994 skizziert wurde. Wie umgedeutet, hat man den Begriff „diese Generation“ (Matthäus 24:34) nun vom Jahr 1914 abge­koppelt, das Datum selbst aber weiter als biblisch bedeutsam beibehalten. Dies wird ermöglicht durch eine neue Definition der Bedeutung des Wor­tes „Generation“ in diesem Bibeltext. Vor etwa 70 fahren stellte die Zeitschrift [370] Das Goldene Zeitalter in der englischen Ausgabe vom 20. Oktober 1926 einen Zusammenhang zwischen Jesu Worten über „diese Genera­tion“ und dem Jahr 1914 her (wie es von da an im Wachtturmgetan wur­de). Etwa 25 Jahre danach hieß es im Wachtturm vom 1. August 1951:

„Folglich ist es unsere Generation, die den Anfang und auch das Ende, den Abschluß dieser Dinge, Harrnagedon inbegriffen, sehen wird.“ In der Aus­gabe vom 1. September 1951 wurde „diesc Generation“ erneut mit dem fahr 1914 in Verbindung gebracht. Dort stand über Matthäus 24:34 zu le­sen:

„Diese Worte bezeichnen zweifellos das, was gemäß Markus 8:12 und Apostelgeschichte 13:26 (ZB) ein Geschlecht, das heißt eine „Generation“ im gewöhnlichen Sinn des Wortes, ausmacht, nämlich diejenigen, die in der angegebenen Zeitspanne leben.“

Weiter hieß es:

„Dies bedeutet daher, daß von 1914 an die betreffende Generation nicht vergeht, bis dies er­füllt ist, und dies inmitten einer großen Zeit der Drangsal.“

Über weitere 40 Jahre hinweg wurde in den Wachtturm-Publikationen das Wort „Generation“ aus Matthäus 24:34 im zeitbezogenen Sinn gedeutet. Immer wieder wurde auf das Älterwerden dieser Generation von 1914 ver­wiesen als klaren Beweis für die Kürze der noch verbleibenden Zeit.

Nach der revidierten Definition jedoch gibt es keine Zeitbegrenzung oder einen klaren Anfang mehr für die „Generation“, sondern diese erkennt man jetzt statt an ihrem zeitlichen Bezug an ihren charakteristischen Be­sonderheiten, wie in der Beschreibung „ehebrecherische und sündige Ge­neration“ aus den Tagen Jesu. Bei dieser „Generation“ handelt es sich jetzt um „jene Erdbewohner, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht auf ihren verkehrten Wegen umkehren“ und darum die Vernich­tung in Harmagedon verdienen.

Das Jahr 1914 wird nicht verworfen, denn das zu tun würde bedeuten, den Kern der theologischen Auffassungen und die wesentlichen Unterschei­dungsmerkmale der Religionsorganisation zu demontieren. Dieses fahr bleibt weiterhin der angebliche Zeitpunkt der Inthronisierung Christi im Himmel, der Beginn der zweiten, unsichtbaren Gegenwart Christi und auch der Anfang der „letzten Tage“ und der „Zeit des Endes“. Und es spielt, wenn auch verschwommen, noch eine Rolle in der neuen Definition für „diese Generation“, denn das „Zeichen der Gegenwart Christi“, das die zum Tode Verurteilten sehen und zurückweisen oder willentlich nicht zur Kenntnis nehmen, wurde angeblich vom Jahr 1914 an weltweit sichtbar.

Worin liegt dann der große Unterschied? Darin, daß man jetzt, um zu „die­ser Generation“ zu gehören, nicht mehr 1914 am Leben gewesen sein muß. Das angebliche Zeichen der Gegenwart Christi kann von jedem beliebigen Menschen zu jeder beliebigen Zeit zum ersten Mal gesehen werden, selbst heute, in den 1990er Jahren, oder auch erst im nächsten Jahrtausend, und immer noch würde er zu „dieser Generation“ zählen. Damit ist der Begriff [371] frei von der Verknüpfung mit einem bestimmten Anfangszeitpunkt, und das macht es deutlich einfacher, die peinliche Länge der seit 1914 verstri­chenen Zeit und die rapide abnehmende Zahl der heute lebenden Personen aus dieser Zeit zu erklären. (Allerdings könnte es immer noch Probleme ge­ben, wenn das Jahr 2014 hereinbricht.)

Das Impressum der Zeitschrift Erwacht! enthielt bis zur Ausgabe vom 22. Oktober 1995 folgende Aussage: „Diese Zeitschrift (stärkt) das Vertrauen zum Schöpfer, der verheißen hat, noch zu Lebzeiten der Generation, die die Ereignisse des Jahres 1914 erlebt hat, eine neue Welt zu schaffen, in der Frie­den und Sicherheit herrschen werden.“ Ab der Ausgabe vom 8.November 1995 wurde jeglicher Hinweis auf das fahr 1914 gestrichen, was vielleicht den augenfälligsten Beweis für diese deutliche Änderung der Lehre darstellt. Gleichzeitig wird damit auch angedeutet, daß „der Schöpfer“ seine“ Verheißung“ an die Generation von 1914 irgendwie nicht eingehalten hat.
Wie sich diese bedeutende Änderung auf die Anhänger auswirken wird, bleibt abzuwarten. Am stärksten werden sich meines Erachtens die älteren Mitverbundenen getroffen fühlen, die schon lange dabei sind und gehofft hatten, nicht sterben zu müssen, bevor sich ihre Erwartungen auf eine voll­ständige Erfüllung der Verheißungen Gottes verwirklichten. Sprüche 13:12 sagt: „Hingehaltene Hoffnung macht krank das Herz; ein Lebensbaum ist aber erfülltes Verlangen“ (Jerusalemer Bibel). Wenn bei irgend jemand das Herz krank wird, so ist das nicht die Schuld des Schöpfers, sondern derjeni­gen Menschen, die in ihm falsche Hoffnungen einpflanzten und falsche Er­wartungen in bezug auf ein bestimmtes Datum nährten.

Wer jünger ist oder sich erst vor kurzem angeschlossen hat, wird diese Än­derung wohl nicht als so gravierend ansehen. Schließlich ist sie in eine Sprache gekleidet, die keinerlei Zugeständnis eines Fehlers seitens der Or­ganisation enthält, sondern alles als „besseres Verständnis“ und „voran­schreitendes Licht“ verkleidet darstellt. Möglicherweise ist man sich nicht der intensiven Beharrlichkeit bewußt, mit der das Konzept der „Genera­tion von 1914“ jahrzehntelang vertreten wurde und wie überzeugt es als si­cherer Hinweis auf die „Nähe des Endes“ dargestellt wurde. Die Jüngeren und Neuen wissen vielleicht nicht, wie glühend man es als göttlichen, nicht menschlichen Ursprungs hinstellte, als einen Zeitplan, der sich nicht auf menschliche Versprechungen stütze, sondern auf „Gottes Ver­heißung“. Dieses 40 Jahre währende Verknüpfen Gottes und seines Wortes mit einem jetzt hinfälligen Konzept erhöht nur die Schwere der Verant­wortung. Man fühlt sich erinnert an die Worte Jehovas an Jeremia (23:21, Jerusalemer Bibel):

„Ich habe die Propheten nicht gesandt, und doch laufen sie. Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und doch prophezeien sie.“

Einer derartigen Änderung muß eine Entscheidung der leitenden Körper­schaft vorangegangen sein. Wie bereits erwähnt, wurden die zugrunde lie­genden Fragen dort bereits in den 1970er Jahren erörtert. Man fragt sich [372] wirklich, was in den Köpfen der Männer der leitenden Körperschaft heute vorgeht, welcher Verantwortung sie sich bewußt sind. Damals wie heute wußte jeder einzelne ganz genau, was die Organisation sich auf dem Gebiet der Verkündigung von Daten und Voraussagen alles schon geleistet hat. In den Veröffentlichungen wird das erklärt mit einem „brennenden Wunsch, die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu ihren Lebzeiten zu erleben“, als wenn man diesen brennenden Wunsch nicht auch hegen könnte, ohne sich gleich anzumaßen, Gott einen Zeitplan vorzuschreiben oder Voraussagen zu machen und sie Gott zuzuschreiben, als seien sie auf sein Wort gegrün­det. Sie wissen auch, daß die Führer der Organisation ihren Anhängern stän­dig neue Voraussagen auftischten, obwohl eine nach der anderen sich als Reinfall erwiesen hatte. Ihnen ist bewußt, daß die Leitung sich durchgängig geweigert hat, die volle Verantwortung für die Irrtümer zu übernehmen und einzugestehen, daß sie schlicht und einfach einen Fehler gemacht hat. Dem Verlust an Image und Autorität versuchte sie dadurch zu entgehen, daß sie den Anschein erweckte, die Fehler gingen auf das Konto der Anhänger. So hieß es in einem Artikel zu dem Thema „Falsche Voraussagen und wahre Prophezeiungen“ in Erwachet! vom 22. Juni 1995 auf Seite 9:

Die Bibelforscher – seit 1931 auch unter dem Namen Jehovas Zeugen bekannt – versprachen sich zudem von dem Jahr 1925 die Erfüllung großartiger biblischer Prophezeiungen. Sie vermu­teten, zu jener Zeit würde die irdische Auferstehung beginnen, und treue Männer der alten Zeit wie Abraham, David und Daniel würden zurückkehren. Was die neuere Zeit angeht, so mut­maßten viele Zeugen, daß die mit dem Anfang der Millenniumsherrschaft Christi verbunde­nen Ereignisse eventuell von 1975 an eintreten würden. Sie dachten, daß in jenem Jahr das siebte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte anbreche.

Nach derselben Taktik verfährt man auch in der Wachtturm-Ausgabe vom 1. November 1995, die die neue Lehre über „diese Generation“ enthält (Seite 17):

Aus dem sehnlichen Wunsch heraus, das Ende des gegenwärtigen bösen Systems zu erleben, hat Jehovas Volk manchmal Vermutungen angestellt, wann die „große Drangsal“ beginnen wird, und dies sogar mit Berechnungen über die Länge der Lebensspanne der Generation seit 1914 verbunden. Doch wir wollen ein „Herz der Weisheit“ einbringen, nicht dadurch, daß wir darüber spekulieren, wie viele Jahre oder Tage eine Generation dauert, sondern dadurch, daß wir uns Gedanken machen, wie wir unsere Tage zählen, das heißt Jehova freudig lobpreisen (Psalm 90:12).

Damit weist die Leitung die Verantwortung von sich, die gerechterweise auf ihr lastet, und erteilt ihren Anhängern fromme Ratschläge über deren gei­stige Einstellung, so als hätte deren falsche geistige Einstellung das Problem verursacht. Sie erkennt nicht an, daß die Anhänger keinerlei eigene Ansich­ten erfinden und ihre Hoffnung nur deswegen mit bestimmten Daten ver­knüpften, weil die Führer der Organisation ihnen Dinge vorsetzten, die sol­che Hoffnungen eindeutig wecken sollten. Jedes der erwähnten Daten und alle damit verbundenen „Mutmaßungen“ und „Spekulationen“ und „Be­rechnungen“ stammten von den Führern nicht von den Anhängern. Das kommt einem vor wie eine Mutter, deren Kinder sich den Magen verderben [373] und die dann zu ihnen sagt: „Ihr habt nicht genügend darauf geachtet, was ihr eßt.“ Dabei haben die Kinder nur gegessen, was ihnen die Mutter vorge­setzt hat. Und sie hat es ihnen nicht nur vorgesetzt, sondern auch noch der­maßen darauf bestanden, daß sie die Speise als nahrhaft ansehen sollten, als etwas Besonderes, das man nirgendwo sonst bekommt, daß ihnen eine Strafe drohte, wenn sie sich irgendwie über das Essen beklagten.

Alle Mitglieder der leitenden Körperschaft wissen, daß jedem der Gemein­schaftsentzug drohte, der eine Lehre der Organisation über das Jahr 1914 of­fen in Frage stellte oder ablehnte, solange diese Lehren als gültig angesehen wurden. Jeder weiß, daß genau dieses „Herz der Weisheit“, für das man sich jetzt in dem Wachtturm-Artikel stark macht, ein „Herz“, das sich hütet vor Spekulationen in Verbindung mit Jahreszahlen und sich darauf konzen­triert, einfach jeden Tag des Lebens als Gott gewidmet zu leben, das Herz war, das einige Mitarbeiter der Brooklyner Weltzentrale zu vermitteln such­ten, lind daß man sie wegen ihrer Einstellung in genau dieser Frage als „Ab­trünnige“ brandmarkte. (Siehe dazu die Dokumentation im vorliegenden Werk, Seiten 214, 223, 238, 263, 268, 269, 277, 278.) Was in den Köpfen der heute beteiligten Mitglieder der leitenden Körperschaft vorgeht, kann ich nicht sagen. Aber hätte ich mit dabeigesessen und wäre mitverantwortlich für die jetzt vorgelegten Schriftsätze, in denen ein offenes und mannhaftes Eingeständnis und eine Übernahme der Verantwortung für die schwere Irre­führung und grobe Fehleinschätzung aufrechter Christen nicht enthalten sind, so hätte ich mir wohl zwangsläufig wie ein Feigling vorkommen müs­sen.

Da ich sie persönlich kenne, genügt es mir zu wissen, daß viele von ihnen aufrichtig meinen, Gott zu dienen. Leider glauben sie zugleich auch, daß die Organisation, der sie vorstehen, Gottes Mitteilungskanal ist und damit über allen anderen Religionsorganisationen auf Erden steht. Diesem Glaubens­satz ist es zuzuschreiben, daß sie es nicht über sich bringen können, den frü­heren und heutigen Mängeln der Organisation ins Angesicht zu sehen. Wie aufrichtig ihr Bemühen, Gott zu dienen, auch sein mag, es hat sie leider nicht dazu gebracht, die mögliche enttäuschende Wirkung ihrer fehlge­schlagenen Endzeitprohezeiungen auf ihre Anhänger abzuschätzen, und sie haben trotz aller Liebe zu Gott auch einen bemerkenswerten Mangel an Feingefühl dafür, wie sehr sie damit das Vertrauen der Menschen auf die Zu­verlässigkeit und den Wert des Wortes Gottes erschüttern.

Die neueste Änderung der Wachtturm-Lehre betrifft den Zivildienst. Im Wachtturm vom 1. Mai 1996 wird den Zeugen jetzt gestattet, sich in dieser Angelegenheit von ihrem Gewissen leiten zu lassen. Natürlich ist das eine erfreuliche Änderung, doch man kann nicht umhin, an all die Tausende von Männern zu denken, die seit den 1940er Jahren Zehntausende Lebensjahre im Gefängnis verbrachten, und daß Tausenden dieses Leiden nach 1978 hätte erspart bleiben können – hatte nicht Loyd Barry es sieh nach der Ab­stimmung anders überlegt, so daß die Zweidrittelmehrheit hinfällig wurde (siehe Seite 103 -104). So aber blieb alles beim alten. Meldungen von Amnesty [374] International zeigen, daß noch im Jahr 1988 in Frankreich „mehr als 500 Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, zur überwiegenden Zahl Zeugen Jehovas, in diesem Jahr im Gefängnis saßen“. In Italien waren im selben Jahr „ungefähr 1000 Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgrün­den, zumeist Zeugen Jehovas, in zehn Militärgefängnissen inhaftiert, weil sie den Militärdienst oder den zivilen Ersatzdienst verweigerten“. Aus den Berichten geht auch hervor, daß in Polen im Jahr 1986 bis zu 300 Zeugen Je­hovas wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis saßen“. Das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtbilds, doch er läßt eine gewaltige Vergeudung wertvoller Lebensjahre erkennen, einen unersetzlichen Verlust an Freiheit, denn diese Männer wären lieber bei ihren Freunden und Familien gewesen, hatten sich ihren Lebensunterhalt verdient oder wären lohnenswerteren Dingen nachgegangen, als hinter Gefängnismauern zu sitzen. Angesichts all dessen läßt der Wachtturm vom 1. Mai 1996 einfach in Form eines Erlasses verlauten, die Zeugen dürften sich von nun an von ihrem Gewissen leiten lassen, ohne wirklich zu erklären, weshalb ihnen dieses Recht über 50 Jahre lang vorenthalten blieb. Und, wie zu erwarten, gibt es keinerlei Entschuldi­gung für die Auswirkungen, die diese falsche Lehrmeinung ein halbes Jahr­hundert lang gehabt hat.

Man fragt sich, wie die Haltung zu anderen Fragen derzeit aussieht, zum Bei­spiel dem Blut und dem Gemeinschaftsentzug. Die Änderung beim Zivil­dienst ist eventuell dadurch gefördert worden, daß diese Frage in vielen Län­dern nicht mehr so drängend ist, weil es dort keine Wehrpflicht mehr gibt. Aus Spanien war 1996 zu hören, daß dort nur noch ein einziger Zeuge aus diesem Grund im Gefängnis sitzt. Meines Erachtens kann die Entscheidung ganz wesentlich von dem Bemühen geprägt gewesen sein, in verschiedenen Ländern (darunter Deutschland, Frankreich und Italien) einen besonderen rechtlichen Status zu erlangen oder zu behalten. Für mich sind alle diese Än­derungen lediglich ein Kurieren von Symptomen, ohne daß das Hauptleiden geheilt würde. Die eigentliche „Krankheit“, das ist die autoritäre. Struktur der Organisation mit ihren Folgewirkungen: daß man den Menschen vor­schreibt, was sie glauben dürfen und sollen, und daß man willkürliche Gren­zen festsetzt, wie weit sie sich von ihrem Gewissen leiten lassen dürfen. An den Symptomen herumzudoktern bedeutet für die leitende Körperschaft, daß sie ihre Autorität und die damit verbundene Machtfülle nicht aufzuge­ben braucht. [375]