4. Kapitel: Interner Aufstand und Umstrukturierung

4 Interner Aufstand und Umstruktuierung *

4.1 Wer soll das erdenweite Werk an der Spitze anführen? „Der Schwanz der mit dem Hund wedelt“
4.1.1 Älteste als Versammlungsaufseher durch Ältestenschaften ersetzt

„Daher mache niemand viel Rühmens mit Menschen.“ (1. Korin­ther 3:21, Jerusalemer Bibel).

Den Anstoß gab offensichtlich der Artikel über „Älteste“ im Buch Hilfe zum Verständnis der Bibel. Jede Versammlung (Gemeinde) wurde bis dahin von nur einer Person geleitet, dem „Versammlungsaufseher“. Als er durch eine Ältestenschaft ersetzt wurde, zog das unweigerlich die Frage nach sich, wie es denn mit der Organisationsform der Zweigbüros stehe; dort war ein Mann der „Aufseher“ für ein ganzes Land, vergleichbar mit einem Bischof oder Erzbischof, der eine größere Region, bestehend aus vielen Gemeinden, beaufsichtigt. Und die Weltzentrale hatte ihren Präsidenten, den ich in einer Ansprache einmal selbst (während einer Zweigaufseherschulung in Brook­lyn) als den „vorsitzführenden Aufseher für alle Versammlungen auf der Erde“ bezeichnet hatte.[1]

Dieser augenscheinliche Widerspruch zwischen der Situation in den Ver­sammlungen und der im internationalen Hauptbüro war offenbar auch der Anlaß für die Ansprache und dieWachtturm-Artikel über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, denn damit wollte man beweisen, daß es einen Unterschied zwischen den örtlichen Gemeinden und der Weltzentrale gar nicht gab. Man kann als sicher annehmen, daß diese Artikel zugleich als Signal an die stimmberechtigten Korporationsmitglieder gedacht waren, nicht mittels ihres Stimmrechts zu versuchen, eine Änderung der Organisa­tionsstruktur des Hauptbüros oder der Mitgliedschaft in der leitenden Körperschaft und ihrer Organe zu erwirken.

4.1.2 Präsident Knorr gibt Auftrag zur Ausarbeitung eines Organisationshandbuches; die Macht des Präsidenten sollte unangetastet bleiben

Im Jahr 1971, in dem die Ansprache gehalten wurde, rang sich Präsident Knorr dazu durch, der leitenden Körperschaft das Buch Organisation zum Predigen des Königreiches und zumJüngermachen zur Beurteilung vorzule­gen. Es war eine Art Kirchenhandbuch, in dem beschrieben wurde, wie die ganze Organisation aufgebaut war und nach welchen Grundsätzen sie funktionierte, angefangen beim Hauptbüro. über die Zweigbüros, die Bezirke und Kreise, bis hin zu den Versammlungen. Die leitende Körper­schaft war nicht gebeten worden, etwas zum Inhalt des Buches beizusteu­ern. Die Zuständigkeit für die Abfassung des Werkes hatte der Präsident in die Hände von Karl Adams, dem Leiter der Schreibabteilung, gelegt (der [72] nicht der leitenden Körperschaft angehörte und sich auch nicht zu den „Gesalbten“ zählte). Dieser wiederum hatte Ed Dunlap und mich damit beauftragt, ihm dabei behilflich zu sein. Jeder von uns hat etwa ein Drittel des Buches verfaßt.[2]

Darin hatten wir die Beziehung der leitenden Körperschaft zu den gesetzlich eingetragenen Körperschaften, den Korporationen, so dargestellt, wie es den Artikeln über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, entsprach, was zu hitzigen Wortgefechten in dem Gremium führte. Präsident Knorr sagte klipp und klar, er habe das Gefühl, man wolle ihm seine Verantwortung und seine Arbeit „wegnehmen“. Er betonte, die leitende Körperschaft habe sich ganz auf die „rein geistigen Belange“ zu beschränken; den Rest würde die Gesellschaft erledigen. Alle Mitglieder des Gremiums wußten aber, daß die „geistigen Angelegenheiten“, die ihnen zugestanden wurden, damals fast gänzlich aus dem so gut wie leeren Ritual der Zustimmung zur Ernennung weitgehend unbekannter Personen zu reisenden Beauftragten und der Besprechung der ständig eingehenden Briefflut zum Thema „Gemein­schaftsentzug“ bestand.

Ich beteiligte mich mehrfach an der Diskussion und vertrat die Ansicht, gemäß der Bibel müßten auch andere Angelegenheiten geistlicher Art in die Zuständigkeit des Gremiums fallen. (Nach meiner Meinung paßten Jesu Worte „ihr alle seid Brüder“ und „einer ist euer Führer, der Christus“ nicht zu dem herrschenden Ein-Mann-Führungssystcm, genausowenig wie seine Äußerung, daß „die Herrscher der Nationen den Herrn über sie spielen und die Großen Gewalt über sie ausüben, (doch) unter euch ist es nicht so“.[3] Ich fand es einfach nicht redlich, in den Wachtturm-Ausgaben von 1971 erst etwas zu sagen und es dann nicht auch zu tun.)

Doch jedes Mal, wenn ich etwas sagte, faßte der Präsident meine Worte als gegen ihn persönlich gerichtet auf und antwortete wortreich und mit energischer, gespannter Stimme. Er meinte, manche seien wohl nicht zufrieden mit der Art, wie er seine Arbeit tue. Bis ins einzelne beschrieb er dann, was er alles tue, und sagte dann: „Und jetzt wollen anscheinend­ einige,daß ich das nicht mehr mache. Womöglich soll ich alle Unterlagen herholen und sie Ray Franz übergeben, damit er den ganzen Kram über­nimmt.“

4.1.3 Kollegialgewalt oder zentrale Macht in der Hand eines Einzelnen?

Es war kaum zu glauben: Er hatte gar nicht begriffen, um was es ging, daß ich mich dafür ausgesprochen hatte, die Aufgaben auf ein mehrköpfiges Kolle­gium zu verteilen, und gar nichts davon gesagt hatte, die Macht von einer Einzelperson auf eine andere zu übertragen. Diesen Punkt wiederholte ich immer wieder und stellte klar, daß meine Worte nicht als ein persönlicher Angriff gegen ihn gemeint waren, daß ich der Auffassung war, NIEMAND solle als Einzelperson diese Verantwortung tragen, sondern daß ich vielmehr [73] die Bibel und den Wachtturm so verstand, diese Aufgaben müßten von einem Kollegium getragen werden. Mehrfach sagte ich, wenn es darum ginge, einen einzelnen zu finden, der diese Aufgabe erfüllte, so wäre er meine Wahl. Er habe lediglich das getan, was er seiner Meinung nach habe tun müssen und wie es immer schon getan worden sei, daran gab es für mich überhaupt nichts auszusetzen. Doch all dies machte offensichtlich keiner­lei Eindruck auf ihn, und als ich nach mehreren Anläufen gemerkt hatte, daß jedes zusätzliche Wort zu diesem Thema den Zorn nur noch verstärkte, gab ich auf. Die anderen saßen alle daneben und sagten kein Wort. Sie guckten nur zu. Umsomehr überraschte mich, was ein paar Jahre später geschah.

4.2 Gefühle der Unterdrückung und Ausnutzung seitens der Mitarbeiter in der Weltzentrale
4.2.1 Herrschaft durch Angst in der Weltzentrale

Im Jahre 1975 schrieben zwei Bethelälteste (ein leitender Mitarbeiter der Dienstabteilung und der stellvertretende Bethelaufseher) Briefe an die leitende Körperschaft, in denen sie sich besorgt über die Stimmung unter den Mitarbeitern in der Weltzentrale äußerten. Sie sprachen davon, daß die Verantwortlichen unter der Belegschaft eine Atmosphäre der Angst verbrei­teten, was immer stärkere Entmutigung und Unzufriedenheit zur Folge hatte. Wer sich damals für die Tätigkeit in der Weltzentrale (den „Betheldienst“) bewarb, mußte sich für mindestens vier Jahre verpflichten. Die Bewerber waren meist junge Männer von 19 und 20 Jahren. Vier Jahre bedeuteten für sie ein Fünftel ihrer bisherigen Lebenszeit. Während der Mahlzeiten fragte ich oft meinen jeweiligen Tischnachbarn: „Wie lange bist du schon im Haus?“ Darauf hatte mir in den zehn Jahren, die ich inzwischen schon da war, nie jemand mit einer gerundeten Zahl geantwortet, wie „etwa ein Jahr“ oder „so ungefähr zwei Jahre“. Vielmehr lautete die Antwort stereotyp „ein Jahr, sieben Monate“, „zwei Jahre, fünf Monate“, „drei Jahre und ein Monat“ oder ähnlich. Das erinnerte mich unwillkürlich daran, wie Gefäng­nisinsassen ihre bereits „abgesessene“ Zeit zählten. Aus diesen jungen Leuten war im allgemeinen kein Wort darüber herauszu­locken, wie ihnen ihr Dienst in der Weltzentrale gefiel. Freunde, die enger mit ihnen zusammenarbeiteten, erklärten mir, daß sie befürchteten, man könne ihnen eine „schlechte Einstellung“ nachsagen, wenn sie sich negativ äußerten. So sagten sie lieber gar nichts.

Viele kamen sich wie kleine Rädchen im Getriebe vor, die eben zu funktionieren hatten, aber nicht als Menschen angesehen wurden. Sie wußten, daß sie jederzeit an einen anderen Arbeitsplatz versetzt werden konnten, und zwar ohne vorherige Information und oft auch ohne Begrün­dung, so daß sie ständig um ihren Arbeitsplatz bangten. Man unterschied fein säuberlich zwischen Leitenden und Untergebenen und achtete peinlich genau darauf, daß diese Rangordnung auch eingehalten wurde.

4.2.2 Sklavendienste für ein Sackgeld und Luxus für die höheren Beamten

Die monatliche Zuwendung in Höhe von 14 Dollar reichte oft nicht einmal für das Fahrgeld zu den Zusammenkünften im Königreichssaal ihrer jeweili­gen Versammlung. Wer von wohlhabenden Freunden und Verwandten unterstützt wurde, hatte keine Probleme, doch die anderen konnten sich oft [74] kaum mehr als das zum Leben absolut Notwendige leisten. Mitarbeiter, die aus weit entfernten Landesteilen kamen, wie gerade aus dem Westen der USA, sahen sich oft außerstande, im Urlaub zu ihrer Familie nach Hause zu fahren, wenn daheim die Kasse knapp war. Und unterdessen mußten sie ständig mit anhören, wie leitende Mitarbeiter durch das ganze Land und zu anderen Kontinenten reisten, dort Vorträge hielten und der Bethelfamilie ihre Grüße ausrichten ließen. Ihnen entging auch nicht, daß die Spitzenbe­amten der Gesellschaft in neuen Wagen der Edelmarke Oldsmobile herum­fuhren, die auf Kosten der Gesellschaft angeschafft worden waren und von Arbeitern wie ihnen gepflegt und gewartet wurden. Jeden Tag mußten sie acht Stunden und vierzig Minuten arbeiten, dazu noch vier Stunden an Samstagen, hatten an drei Abenden der Woche bei Zusammenkünften zu erscheinen und mußten obendrein noch jede Woche am „Zeugnisgeben“ teilnehmen. Kein Wunder, daß ihr Leben bis zur letzten Minute verplant war, nur nach starrem Schema ablief und sie dadurch total erschöpft waren. Ließen aber ihre Anstrengungen auf einem dieser Gebiete nach, so konnten sie fest damit rechnen, daß man ihnen das als Zeichen einer „schlechten Einstellung“ auslegen und sie zu einem Gespräch zitieren würde, in dem ihre Einstellung korrigiert werden sollte.

4.2.3 Chronische Überlastung durch starre Arbeitspläne und Leistungsdruck im Bethel: Wechsel hin zu Kollektiventscheid der leitenden Körperschaft mit 2/3 Mehrheit der Stimmen

Diese Fragen wurden in den Briefen der beiden Bethelältesten angeschnit­ten, ohne daß sie in Einzelheiten gegangen wären. Leider faßte der Präsident das nun wieder als Kritik an der Art seiner Amtsführung auf. Er äußerte gegenüber der leitenden Körperschaft den Wunsch, daß zu diesem Thema eine Anhörung stattfinden solle, was dann am 2. April 1975 auch geschah. Eine Reihe von Bethelältesten nahm dabei Stellung, und etliche der bereits erwähnten Mißstände wurden angesprochen. Es wurde niemand angegriffen und keine Forderung erhoben, sondern lediglich gesagt, man müsse mehr auf den einzelnen Rücksicht nehmen, brüderlich miteinander reden und bei Entscheidungen die unmittelbar Betroffenen mitwirken lassen. Der stell­vertretende Bethelaufseher sagte: „Uns geht es anscheinend mehr um die, Produktion als um die Menschen.“ Dr. Dixon, der Betriebsarzt, berichtete, zu ihm kämen häufig Ehepaare, die ganz verzweifelt seien, weil die Frau dem Druck nicht mehr standhalten und nicht mehr mit dem überfrachteten Zeitplan mithalten könne. Viele Frauen hätten in seiner Sprechstunde zu weinen angefangen.

Für die nächste Woche verzeichnet das offizielle Sitzungsprotokoll vom 9. April folgendes:

„Es wurden Kommentare zum Verhältnis der leitenden Körperschaft und den Korporationen zueinander und über die im Watchtower vom 15. Dezember 1971 (Wachtturm vom 1. April 1972) veröffentlichten Gedanken abgegeben.[4] Es wurde beschlossen, ein Fünferkomitee, bestehend aus 1. K. Greenlces, A. D. Schroeder, R. V. Franz, D. Sydlik und J. C. Booth, einzusetzen, das sich mit diesem Thema [75] befassen soll und darüber hinaus mit den Pflichten der leitenden Beamten der Korporationen und den damit zusammenhängenden Fragen. Die Gedanken von N. H. Knorr, F. W. Franz und G. Suiter, die in bei den Korporationen leitende Funktionen bekleiden, sind dabei zu berücksichtigen. Abschließend sollen Vor­schläge unterbreitet werden. Als Leitziel soll eine Stärkung der Einheit der Organisation angestrebt werden.“

Drei Wochen später, während der Sitzung vom 30. April, überraschte Präsident Knorr uns mit einem Antrag, fortan sollten alle Beschlüsse mit einer Mehrheit von zwei Dritteln der aktiven Mitglieder gefaßt werden (damals waren es 17). Das Protokoll dieser Sitzung fährt dann fort:

„Darauf begann L.K. Greenlees mit dem Bericht des Fünferkomitees, das sich mit dem Wunsch Brd. Knorrs befaßt hatte, man solle ihm sagen, wie er zu handeln habe.[5] Das Komitee hat sich sehr eingehend mit dem Watchtower vorn 15. Dezember 1971, Absatz 29 (Wachtturm vom 1. April 1972, Seite 210), befaßt, ebenso mit Seite 760 (216). Das Komitee ist der Ansicht, daß die leitende Körperschaft die Korporationen leiten solle und nicht umgekehrt. Die Korporatio­nen sollten anerkennen, daß die 17 Mitglieder der leitenden Körperschaft die Verantwortung für die Tätigkeit in den Versammlungen auf der ganzen Erde tragen. In Bethel hat sich die Einführung dieser Struktur verzögert. Es hat in dieser Sache Verwirrung gegeben. Wir wollen keine zweigleisig vorgehende Organisation. Es folgte eine lange Aussprache über Fragen, die die leitende Körperschaft, die Korporationen und den Präsidenten betrafen, an der sich alle Anwesenden beteilig­ten. Am Abend stellte N. H. Knorr einen Antrag, wozu E. C. Chitty eine Stellungnahme abgab. L.K. Greenlees stellte ebenfalls einen Antrag. Es wurde beschlossen, alle drei Texte zu vervielfältigen und an alle Mitglieder zu verteilen und am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder zusammenzukommen. So bliebe Zeit, diese wichtige Angelegenheit gebetsvoll zu erwägen.“

Die erwähnten Anträge lauteten:

„N. H. Knorr: .Ich stelle den Antrag, die leitende Körperschaft möge die Verantwor­tung für die Durchführung des in der Satzung der pennsylvanischen Gesellschaft bezeichneten Werkes übernehmen, sowie die Aufgaben und Pflichten wahrneh­men, die in der Satzung der pennsylvanischen Gesellschaft sowie aller Korporatio­nen, die Jehovas Zeugen weltweit gegründet haben, angegeben sind.“
„E. C. Chitty führte dazu mündlich aus: ‚Der Ausdruck übernehmen’ bedeutet, daß die andere Partei damit entlastet ist. Die Zuständigkeiten bleiben meines Erachtens unverändert. Korrekterweisemüßte es vielmehr heißen: „Sie über­nimmt die Oberaufsicht über die Erfüllung der Aufgaben.“ „

,,L.K. Greenlees: ‚Ich stelle den Antrag, die leitende Körperschaft möge in Übereinstimmung mit der Bibel die volle Zuständigkeit für die Leitung der Organisation der Zeugen Jehovas – in materieller wie in geistiger Hinsicht ­erhalten und deren Tätigkeit weltweit beaufsichtigen. Des weiteren sollen sämtli­che Mitglieder und Wahlbeamten aller Korporationen, derer sich Jehovas Zeugen bedienen, mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten und ihren Anweisun­gen Folge leisten. Diese erweiterte Zuständigkeit der leitenden Körperschaft soll wirksam werden, so schnell dies ohne Schaden für das Werk möglich ist.’ “ [76]

4.3 Machtstreitigkeiten um Spitzenpositionen
4.3.1 Leitet wirklich Jesus Christus das Werk durch eine von ihm erwählte Einzelperson?

Am Tag darauf, dem 1. Mai, gab es wiederum eine lange Debatte. Besonders der Vizepräsident (der die erwähnten Wachtturm-Artikel verfaßt hatte) widersprach den Vorschlägen und wandte sich gegen jede Veränderung des gegenwärtigen Zustands, durch die die Macht des Präsidenten in irgendei­ner Form beschnitten worden wäre. (Das erinnerte mich daran, wie er schon 1971 ganz ähnlich gesagt hatte, nach seiner Meinung leite Jesus Christus die Organisation durch eine Einzelperson, bis die Neue Ordnung da wäre.) Kein Wort verlor er über den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Darstel­lung im Wachtturm (wo in markigen Worten gesagt worden war, die leitende Körperschaft bediene sich der gesetzlichen Körperschaften ledig­lich als Werkzeugen) und den vorliegenden drei Anträgen. Diese bewiesen allesamt, daß die Antragsteller (darunter der Präsident selbst) zugaben, daß die leitende Körperschaft damals nicht die Korporationen beaufsichtigte. Die Diskussion hielt lange an. Ein Durchbruch schien gekommen, nachdem Grant Suiter, der Sekretär-Kassierer der wichtigsten Korporationen, ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm, Stellung bezogen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Beiträgen, die für eine Änderung eingetreten waren, wurde er sehr persönlich. Man hatte den Eindruck, da machten sich lang angestaute Gefühle gegen den Präsidenten Luft, den er auch nament­lich erwähnte. Als er von der Machtstruktur sprach, erhob er keine speziellen Anschuldigungen; er bemängelte lediglich, daß man ihm nicht gestattet hatte, seinen privaten Wohnraum im Bethel umzubauen. Doch während er fortfuhr, lief er rot an im Gesicht, seine Kiefermuskulatur spannte sich, und seine Worte gewannen an Schärfe. Er schloß wie folgt:

„Wenn wir jetzt eine leitende Körperschaft sein sollen, dann soll es aber auch losgehen mit dem Leiten! Ich habe bisher jedenfalls noch nichts zu leiten gehabt.“

Diese Worte haben mich dermaßen schockiert, daß ich sicher bin, sie korrekt wiedergegeben zu haben. Ob sie so gemeint waren, wie sie klangen, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Möglich, daß sie einer Augenblicksstimmung entsprangen und keine tieferliegende Ursache hat­ten. Zumindest regten sie in mir ernste Zweifel, ob hier die richtigen Beweggründe vorlagen. Ich fragte mich mit einiger Sorge, ob am Ende wirklich alle aufrichtig nur das Ziel verfolgten, die biblischen Grundsätze besser anzuwenden, und nichts anderes. Die ganze Sitzung beunruhigte mich, vor allem deshalb, weil die Haltung so wenig dem entsprach, was man von einem christlichen Führungsgremium erwartet hätte.

Kurz nach diesen Äusserungen des Sekretär-Kassierers jedoch hatte Nathan Knorr offensichtlich einen Entschluß gefaßt und gab eine längere Stellung­nahme ab; Milton Henschel, der selbst auch einzelne Anregungen gemacht hatte und als Sekretär der leitenden Körperschaft fungierte, stenografierte sie mit.[6] Gemäß dem Sitzungsprotokoll sagte der Präsident unter anderem: [77]

„Ich glaube, es ist am besten, wenn die leitende Körperschaft so vorgeht, wie Bruder Henschel es vorgeschlagen hat, und eine Planung aufstellt, die sich an den Gedanken im Wachtturm orientiert, wonach die leitende Körperschaft die Füh­rung unter den Zeugen Jehovas übernimmt. Ich werde mich weder dafür noch dagegen äußern. Das ist meiner Meinung nach gar nicht nötig. Es steht alles im Wachtturm. ( … )“

Die Richtlinienkompetenz und die Entscheidungsbefugnis liegen bei der leitenden Körperschaft. Sie wird die Leitung übernehmen und durch noch zu schaffende Organe ausüben und sieh eine eigene Verwaltung aufbauen.“
Zum Schluß sagte er: „Das bringe ich als Antrag ein.“ Zu meiner Überra­schung befürwortete F. W. Franz, der Vizepräsident, diesen Antrag. Er wurde einstimmig von allen angenommen.

Die kernigen Sätze, die vier Jahre vorher im Wachtturm gestanden hatten, schienen nun tatsächlich wahr zu werden. Nach den Worten des Präsiden­ten sah es so aus, als stünde ein reibungsloser Übergang bevor. Doch stattdessen war es nur die Stille vor dem größten Sturm.

4.3.2 Ein Fünferkomitee erarbeitet Vorschläge für die Reorganisation der Führungshierarchie

In den folgenden Monaten führte das ernannte Fünferkomitee Einzelgesprä­che mit jedem Mitglied der leitenden Körperschaft, ebenso mit 33 weiteren langjährigen Mitarbeitern der Weltzentrale. Die allermeisten waren für eine Reorganisation. Das Komitee entwarf detaillierte Vorschläge, wie sich einzelne Komitees innerhalb der leitenden Körperschaft um die verschiede­nen Aspekte der weltweiten Tätigkeit kümmern könnten. In den Einzelge­sprächen erklärten sich elf der siebzehn Mitglieder des Gremiums damit prinzipiell einverstanden.

Von den sechs, die übrigblieben, wußte George Gangas, ein warmherziger und überschwenglicher Grieche und einer der ältesten in dem Kollegium, nicht genau, was er wollte; je nach augenblicklicher Laune sagte er etwas anderes. Dann war da noch Charles Fekel, aus Osteuropa stammend; er war früher lange Jahre einer der Direktoren der Gesellschaft gewesen und dann seines Amtes enthoben worden, weil er Kompromisse in bezug auf seine Lauterkeit gemacht habe, als er bei der Einbürgerung den Eid auf die amerikanische Verfassung ablegte. In der leitenden Körperschaft war er erst seit kurzem. Er war sehr zart besaitet, meldete sich in Diskussionen fast nie zu Wort, und stimmte stets mit der jeweiligen Mehrheitsfraktion, zu der vorliegenden Frage hatte er kaum etwas beizutragen. Lloyd Barry, Neusee­länder und ebenfalls neu im Gremium, war vor seiner Tätigkeit in Brooklyn lange Jahre Zweigaufseher in Japan gewesen, wo die Zeugen ein erstaunli­ches Wachstum zu verzeichnen hatten. Er sprach sich ganz entschieden gegen die Empfehlungen aus, besonders weil sie die Zentralgewalt des Präsidenten schwächten. In einem Brief vom5. September 1975 bezeichnete er die vorgeschlagenen Änderungen als „revolutionär“. Bill Jackson, ein nüchterner, zurückhaltender Texaner, hatte den größten Teil seines Lebens in der Weltzentrale verbracht und vertrat wie Barry die Ansicht, man solle doch alles beim alten lassen, gerade angesichts der großen Mehrung unter der gegenwärtigen Leitung.

4.3.3 Widerstand von seiten Präsident Knorrs seine Machtbefugnisse Anzutasten

Der heftigste Widerspruch gegen die Änderungen kam vom Präsidenten [78] und vom Vizepräsidenten, die den Antrag gemeinsam eingebracht hatten! Während das Fünferkomitee die langjährigen Mitarbeiter befragte, hatte der Präsident gerade für eine Woche den Vorsitz bei den Mahlzeiten im Bethel. Diese Gelegenheit nutzte er, um mehrere Tage hintereinander den 1200 Mitgliedern der „Bethelfamilie“, die auf mehrere Speisesäle verteilt waren und über Bild und Ton alles mitverfolgen konnten, beim Frühstück von „Ermittlungen“ zu berichten (womit er die Gespräche meinte, die das Fünferkomitee führte) und davon, daß „einige Personen“ Dinge verändern wollten, die seit Bestehen der Organisation immer auf diese Weise getan worden seien. Mehrfach fragte er: „Welchen Beweis haben sie denn, daß das so nicht funktioniert und geändert werden muß!“ Er sagte, die „Ermittlun­gen“ wollten „beweisen, daß diese Familie nichts taugt“, doch er sei zuversichtlich, daß „ein paar Meckerer nicht der Mehrheit die Freude rauben könnten“. Er rief alle auf, sie sollten „an die Gesellschaft glauben“, und verwies auf deren zahlreiche Erfolge. Einmal sagte er sehr entschieden und mit großer Erregung, die Veränderungen, die manche an der Bethelfami­lie, an deren Arbeitsweise und Organisationsform vornehmen wollten, „wird es nur über meine Leiche geben“.[7]

In aller Fairneß gegenüber Nathan Knorr muß man wohl sagen, daß er ohne Zweifel die bis dahin geltenden Strukturen für richtig hielt. Er wußte, daß auch der Vizepräsident so dachte, auf den er sich als den in der Organisation geachtetsten Gelehrten in allen theologischen Fragen stützte. Knorr war im Grunde ein umgänglicher, oft warmherziger Mensch. Wenn er nicht gerade seine Präsidentenrolle spielte, war ich stets gern mit ihm zusammen. Diese Seite seiner Persönlichkeit war, wie oft in solchen Fällen, wegen seiner Position nicht allgemein sichtbar, und auf alles, was wie ein Übergriff auf seine Macht aussah, konnte er schnell und scharf reagieren (sicher weil er in dieser Funktion Gottes Willen auszuführen glaubte). Und so trat ihm lieber keiner zu nahe. Wenn man all das berücksichtigt, so kommen mir starke Zweifel, ob er für manche der harten Maßnahmen gestimmt hätte, die die Erben seiner Macht später verhängten.

4.3.4 Spitzenführungskräfte die allein entscheiden möchten fördern internen Widerstand

Ich kann ihm nachfühlen und verstehe seine Reaktionen, da ich viele Jahre als Zweigaufseher in Puerto Rico und in der Dominikanischen Republik tätig war, wo ich gemäß der Denkweise der Organisation der „führende Mann“ im Lande sein sollte, der persönliche Vertreter des Präsidenten. In meinem Bemühen, diese Sichtweise in der Praxis anzuwenden, war ich mir ständig meiner „Position“ ‚bewußt und immerzu darauf bedacht, deren Ansehen zu wahren. Aus bitterer Erfahrung lernte ich aber, daß es nicht zum guten Zusammenleben mit anderen beiträgt, wenn man diesem Konzept folgt; im Gegenteil, ich machte mich dadurch unglücklich. Es führte zu Reibereien, für die ich einfach nicht gebaut war, und so hörte ich einfach auf, alles nachzumachen, was ich gesehen hatte. Das machte das Leben erfreuli­cher und führte auch zu besseren Arbeitsergebnissen. [79] Die zuletzt zitierten Worte des Präsidenten waren fast prophetisch. Als er sie sprach, hatte sich bei ihm offenbar bereits ein bösartiger Hirntumor gebildet, wenn das auch endgültig erst feststand, als die Umstrukturierung der Organisation schon ihren offiziellen Abschluß gefunden hatte. Die Reorganisation trat mit Wirkung vom 1. Januar 1976 offiziell in Kraft, und Knorr starb etwa anderthalb Jahre später, am 8. Juni 1977.

War schon beim Präsidenten der Widerstand gegen jede Änderung laut und vernehmlich, so galt dies für den Vizepräsidenten nicht minder, eher sogar noch stärker. Wie bei jederAbschlußveranstaltung zur Graduierung einer Klasse der Missionarschule Gilead hielt er am 7. September 1975 vor versammelter Bethelfamilie und den geladenen Gästen (vor allem den Freunden und Verwandten der Absolventen) eine Ansprache.

Fred Franz hatte eine unnachahmliche Art zu reden. Oft grenzte das ans Dramatische, selbst Melodramatische. In den nun folgenden wörtlichen Auszügen aus seiner Rede fehlt diese Würze völlig, einschließlich der gelegentlichen sarkastischen Nebentöne.

4.4 Wer soll den Missionardienst beaufsichtigen? Der Präsident oder eine leitende Körperschaft?
4.4.1 Missionarausbildung und Zuteilung fest in der Hand der Watchtower INC und ihres Präsidenten

Was er mit dem Vortrag bezweckte, wurde gleich zu Beginn klar. Beim Lesen der ersten Sätze muß man sich vergegenwärtigen, daß zur selben Zeit gerade ein (von der leitenden Körperschaft offiziell eingesetzter) Ausschuß einen Vorschlag ausarbeitete, nach dem die Ausbildung, Zuteilung und Betreuung der Missionare künftig in den Händen der leitenden Körperschaft liegen sollten. Bisher war das Sache der gesetzlichen Körperschaften gewesen. Hier seine Worte:

„Die Kursteilnehmer werden von der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania in Zusammenarbeit mit der Watchtower Bible and Tract Society of New York, Incorporated, ausgesandt.Dieser Tage wird die fordernde Frage erho­ben/ welches Recht die Watch Tower Bible and Tract Society habe, Missionare auszusenden …. Wer gab ihr dieses Recht, Missionare überallhin zu entsenden? Genau dasselbe könnte man auch in Bezug auf etwas anderes fragen, das mit der Tatsache zusammenhängt, daß die Watch Tower Bible and Tract Society von einem Mann gegründet wurde, der ein weltweit bekannter Prediger war, einer der bekanntesten Evangelisten dieses 20. Jahrhunderts, dessen Weltruhm vor allem durch eine Reise rund um die Welt im Jahr 1912 begründet wurde. Dieser Mann war Charles Taze Russell aus Allegheny in Pennsylvanien.“

Die Betonung lag auf der Korporation; von der leitenden Körperschaft war nicht die Rede. Die „fordernde Frage“, von der er sprach, hatte natürlich nie jemand erhoben. Der Streit in der leitenden Körperschaft ging in Wirklich­keit darum, ob man seinen Vortrag, den er vier Jahre zuvor über das Verhältnis zwischen ihr und der Gesellschaft gehalten hatte, für bare Münze nehmen solle. Doch in seiner unvergleichlichen Art fuhr er fort:

„Ich habe mich das gefragt, und ihr vielleicht ebenso. Wie wurde Russell eigentlich ein Evangelist? Wer ernannte ihn? … Es gab die verschiedenen religiösen Richtun­gen der Christenheit. Da war zum Beispiel die Anglikanische Kirche mit ihrer Kirchenleitung, außerdem die Episkopalkirche mit ihrer Kirchenleitung. Es gab die Methodistenkirche mit ihrer Konferenz, dann noch die Presbyterianische Kirche, [80] der Russell einmal angehört hatte, mit ihrer Synode. Und schließlich auch die Kongregationalisten, denen sich Russell anschloß, mit ihrer Generalsynode. Doch keines dieser Führungsgremien … ernannte Russell zum Prediger oder Missionar.“

Indem er die verschiedenen Führungsgremien mit ihren jeweiligen offiziel­len Namen nannte, brachte er geschickt und unauffällig die Sprache auf die leitende Körperschaft, ohne sie direkt zu erwähnen.(Er hätte auch die Jesuiten anführen können, deren höchstes Entscheidungsgremium genau wie bei der Watch Tower Society auf Englisch Governing Body heißt). Damit wollte er zeigen, daß keine dieser leitenden Körperschaften irgend etwas mit dem Gründer der Watch Tower Society zu tun hatte oder ihm irgend welche Anweisungen geben konnte. Russell war ein Unabhängiger, er unterstand ihnen allen nicht.

4.4.2 Missionare als verlängerter Arm des Präsidenten und dessen Entscheid

Die leitende Körperschaft hatte ein Fünferkomitee eingesetzt, und dieses Komitee hatte gerade die Einsetzung fester Ausschüsse empfohlen, die sich der Leitung des weltweiten Werks annehmen sollten. Aus diesem Grund erhalten die nun folgenden Worte aus der Ansprache des Vizepräsidenten ein besonderes Gewicht. Nachdem er von den 70 Jüngern gesprochen hatte, die Jesus aussandte, fuhr er fort, zu den frischgebackenen Missionaren gewandt:

„Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, daß der Herr Jesus Christus, als er die siebzig Evangelisten jeweils zu zweien aussandte, sie dabei zu lauter Komitees machte, so daß die siebzig Prediger 35 Zweierkomitees gewesen wären …. Ihr werdet heute nach eurer Abschlußfeier als Missionare ausgesandt … zwei werden nach Bolivien geschickt, andere, vielleicht vier, sechs oder acht, erhalten ein anderes Land als ihren Aufgabenbereich. Ihr Missionare dürft jetzt nicht meinen, weil ihr zu zweien oder vielleicht zu vieren oder sechsen ausgesandt werdet, daß ihr damit als ein Komitee hinausgeschickt werdet, das die Leitung des Werkes im Zuteilungsland übernehmen sollte. Weit gefehlt! Ihr werdet als Missionare ausge­sandt, um miteinander und mit dem Zweigbüro der Watch Tower Bible and Tract Society zusammenzuarbeiten, das das Werk in dem euch zugeteilten Land beauf­sichtigt und leitet. Darum laßt euch nicht von dem Gedanken an Komitees verwirren …. „

Von der leitenden Körperschaft war auffälligerweise überhaupt nicht die Rede; sie wurde völlig von der Korporation überschattet. Kein Mensch hatte je davon gesprochen, die Missionare als Komitees auszusenden, damit sie „die Leitung des Werkes im Zuteilungsland übernehmen“ sollten! Das diente alles nur als rhetorisches Vehikel, um das Konzept der Komitees einzuführen und als ganzes zu verunglimpfen.

Die Ansprache ging als nächstes auf Philippus, den „Evangeliumsverkündi­ger“, ein und führte noch einmal zu der Frage: „Wer ernannte ihn zum Evangeliumsverkündiger oder Missionar?“[8]

Der Vizepräsident verwies auf Apostelgeschichte, Kapitel 6, wonach die Apostel es gemeinsam als nötig ansahen, sieben Männer einzusetzen, [81] darunter Philippus, die sich der Essenverteilung annehmen sollten, damit die Beschwerden aufhörten, einige Witwen würden dabei ungerecht behan­delt. Er fuhr fort:

„Sieht man in dem Nachschlagewerk McClintock and Strong’s Cyclopedia of Religious Knowledge nach, so findet man heraus, daß die Arbeit, die die Apostel den sieben Männern aufgetragen hatten, als ‚teils geistliche, teils weltliche Tätigkeit’ bezeichnet wird. Derartige weltliche Tätigkeit wollten die Apostel nicht; sie übertrugen sie diesen sieben Männern und sagten zu ihnen: ‚Nehmt ihr euch dieser Angelegenheit an. Und wir befassen uns vor allem mit Gebet und Lehre.’ Wollten die zwölf Apostel des Herrn Jesus Christus sich dadurch, daß sie die Verantwortung für die Nahrungsverteilung auf andere übertrugen, bloß zu Galionsfiguren der Versammlung Gottes und Jesu Christi machen? Ganz bestimmt machten sie sich nicht zu Galionsfiguren, indem sie sich auf die geistigen Dinge konzentrierten.“

Diese Worte kamen den meisten Mitgliedern der leitenden Körperschaft bekannt vor, denn sie hatten sie schon aus dem Mund des Präsidenten gehört, als er ihnen vorgehalten hatte, die leitende Körperschaft solle sich um die „rein geistigen Belange“ kümmern und den Rest der Korporation überlassen. Merkwürdigerweise aber verbrachte etwa die Hälfte ihrer Mit­glieder die täglichen acht Stunden und 40 Minuten Arbeitszeit mit eben solcher „weltlichen Tätigkeit“. Dan Sydlik und Charles Fekel arbeiteten in der Druckerei; Leo Greenlces kümmerte sich um Versicherungen und ähnliche Dinge im Büro des Sekretär-Kassierers; John Booth unterstand die Bethelküche, Bill Jackson bearbeitete Rechtsfragen; Grant Suiter küm­merte sich jeden Tag um Finanzfragen, Geldanlagen, Wertpapiere und Testamente; Milton Henschel und der Präsident selbst schließlich (der die Aufgaben zuteilte) wickelten einen Großteil der „weltlichen“ Verwaltungs­arbeit ab, die nach den Worten des Vizepräsidenten anderen überlassen werden sollte.

4.4.3 Paulus als Beispiel des Einzelkämpfers, nur dem aussendenden Christus gegenüber verantwortlich und nicht einer „leitenden Körperschaft“ in Jerusalem

Als nächstes kam die Geschichte von Paulus, dem bekehrten Saulus, an die Reihe, wie er nach seiner Bekehrung nach Jerusalem ging und nur mit zwei der Apostel sprach, nicht mit allen, und wie er dann schließlich nach Antiochia in Syrien kam. Als der Redner beschrieb, wie Paulus und Barnabas vom heiligen Geist zu Missionaren berufen wurden, betonte er unablässig, daß all dies durch die Gemeinde in Antiochia geschah (also ohne Mitwirken Jerusalem, wo sich die Apostel aufhielten).[9] Er führte aus:

„Und dann plötzlich, als er [Paulus] im syrischen Antiochia – nicht in Israel, sondern in Syrien – diente, da sprach auf einmal der Geist Gottes zu jener Versammlung in Antiochia und sagte: .Ihr, ja genau, IHR, die Versammlung von Antiochia, ihr sollt mir von allen Personen diese beiden Männer, Barnabas und Saulus, aussondern für das Werk, zu dem ich sie berufen habe.‘ Und genau so taten sie es und legten ihre Hände auf Paulus [oder Saulus) und Barnabas und sandten sie [82] aus … und sie gingen hinaus in der Kraft des heiligen Geistes, der durch die Versammlung in Antiochia wirkte, und begaben sich in ihre erste Missionarzutei­lung.

So seht ihr, wie der Herr Jesus Christus als Haupt der Versammlung waltete und unmittelbar eingriff, ohne irgend jemand hier auf Erden zu befragen, was er tun und lassen solle. So wurden Paulus und Barnabas Apostel der Versammlung von Antiochia.“

Ich weiß noch, wie ich an dieser Stelle des Vortrags dasaß und zu mir sagte:

„Merkt der Mann eigentlich, was er da sagt? Man weiß zwar, worauf er hinaus will, daß er die Bedeutung der leitenden Körperschaft herunterspie­len will, um die Autorität der Gesellschaft und ihres Präsidenten zu betonen. Doch sieht er überhaupt die Tragweite seiner Worte? Um sein Ziel zu erreichen, untergräbt er total die Lehre, es habe im 1. Jahrhundert in Jerusalem eine zentralistische leitende Körperschaft gegeben, ausgestattet mit der Autorität, alle wahren Christen in sämtlichen Gemeinden weltweit in allem zu überwachen und zu steuern. Diese Vorstellung haben die Schriften der Gesellschaft bei allen Zeugen Jehovas fest etabliert, und praktisch alle glauben das.“

Doch der Vizepräsident war noch längst nicht fertig. Er legte sogar noch zu, um seinen Gedanken auch wirklich klar zu machen. Er beschrieb den Abschluß der ersten Missionsreise von Paulus und Barnabas, und seine Vortragsweise wurde immer plastischer und erregter:

“ … und wohin gingen sie dann, wo meldeten sie sich? Hier ist der Bericht, ihr könnt ihn selbst in den abschließenden Versen von Apostelgeschichte, Kapitel 14, nachlesen. Sie gingen nach Antiochia zurück, zu der Versammlung dort, und es heißt, daß sie ihnen viele Einzelheiten erzählten, dieser Versammlung, die sie der unverdienten Güte Gottes überantwortet hatte für das Werk, das sie ausgeführt hatten. Dort meldeten sie sich also zurück.

In dem Bericht steht auch, daß sie dort in Antiochia nicht wenig Zeit verbrachten. Und was geschah dann? Ganz plötzlich geschah etwas, das Paulus und Barnabas auf den Weg nach Jerusalem führte. Was war es denn, das sie dorthin führte?

Nun, waren es die Apostel und die anderen Ältesten der Versammlung in Jerusalem, die sie zu sich zitierten und sagten: ‚Jetzt hört aber mal! Uns ist zu Ohren gekommen, daß ihr beide auf Missionsreise wart und nach deren Beendi­gung euch nicht bei uns hier in Jerusalem gemeldet habt. JA, WISST IHR NICHT, WER WIR SIND? Wir sind der Rat von Jerusalem. ERKENNT IHR DEN HERRN JESUS CHRISTUS NICHT ALS HAUPT AN? Wenn ihr nicht schleunigst her­kommt, werden wir Strafmaßnahmen gegen euch ergreifen!’

Sagt das der Bericht? Angenommen, solche Maßnahmen wären gegen Paulus und Barnabas ergriffen worden, weil sie sich bei der Versammlung zurückgemeldet hatten, durch die sie der heilige Geist ausgesandt hatte, dann hätte sich dieser Rat der Apostel und übrigen Männer der Versammlung der Judenchristen in Jerusalem über den Herrn Jesus Christus, das Haupt, erhoben.“

4.4.4 Der offensichtliche Widerspruch zwischen Lehre und Tatsache!

Was er sagte, war völlig richtig. Und es war genau das Gegenteil von dem, was in den Veröffentlichungen der Gesellschaft stand. Dort wird gesagt, daß in Jerusalem eine leitende Körperschaft amtierte, die im Auftrage Christi die volle Autorität über die Gesamtheit der Christen ausübte und ihnen Anweisungen gab, und zwar aus göttlicher Machtbefugnis heraus. Das [83] erklärt wohl auch, weshalb diese Ansprache des Vizepräsidenten ganz im Gegensatz zu seinen anderen Vorträgen nie im Wachtturm veröffentlicht wurde. Jeder Zeuge, der diese Gedankengänge heute vertritt, gilt als Ketzer und Rebell. Wörtlich genommen, besagten seine Worte, daß jede beliebige Versammlung ihre eigenen Missionare aussenden könnte, wenn deren Mitglieder glaubten, von Jesus Christus und dem heiligen Geist dazu beauftragt worden zu sein. Es brauchte niemand anders vorher befragt zu werden, weder in Brooklyn noch in einem Zweigbüro. Gegen eine derartige Bedrohung der Zentralgewalt würden die Weltzentrale und deren Dienst­stellen, darüber konnte kein Zweifel bestehen, umgehend einschreiten. Jede Versammlung, die das täte, bekäme dann zu hören: „Ja, wißt ihr nicht, wer wir sind? Erkennt ihr den Herrn Jesus Christus nicht als Haupt an, der durch uns wirkt?“ Alles was er in seinem Vortrag sagte, stimmte. Daran gab es nichts zu rütteln. Doch es war genauso wenig dazu bestimmt, in die Praxis umgesetzt zu werden, wie das, was er vier Jahre zuvor über „den Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, gesagt hatte. Der einzige Unterschied lag darin, daß er durch den Vergleich der Korporation mit der Versammlung in Antiochia belegen wollte, daß die Gesellschaft von der leitenden Körper­schaft unabhängig fungiert.

Der wahre Grund für Paulus und Barnabas, nach Jerusalem zu gehen, so hieß es in der Ansprache weiter, sei gemäß Apostelgeschichte, Kapitel 15, gewesen, daß Jerusalem selbst zu einem schweren Problem für die Ver­sammlung in Antiochia geworden war. Einige Männer aus Jerusalem hatten in der Gemeinde für Unruhe gesorgt wegen der Frage, ob man noch das Gesetz halten und die Beschneidung durchführen sollte. Die Reise nach Jerusalem sollte also den Zwist, den die Unruhestifter verursacht hatten, aus der Welt schaffen.

Danach ging es um die zweite Missionsreise des Paulus mit seinem neuen Partner Silas. Der Redner betonte noch einmal, daß sie aus der Gemeinde Antiochia aufbrachen, so daß“wiederum die Versammlung Antiochien dazu gebraucht wurde, Missionare auszusenden, die in der Bibel eine bedeutende Rolle spielen.“ Nach Antiochia kehrten sie auch zurück, und von Antiochia aus schließlich begab sich Paulus auf seine dritte Reise. Dann faßte der Vizepräsident den Bericht in Apostelgeschichte mit folgenden Worten zusammen:

„Wenn wir also den Bericht über die beiden herausragendsten Missionare, die in der Bibel vorkommen, untersuchen, stellen wir fest, daß sie vom Herrn Jesus Christus, dem Haupt der Kirche, ausgesandt wurden, was auch die Watch Tower Bible and Tract Society seit ihrer Gründung so vertreten und akzeptiert hat. Wir sehen daher, daß der Herr Jesus Christus das Haupt der Kirche ist und das Recht hat, unmittelbar zu handeln, ohne auf irgendwelche anderen Organisationen Rücksicht zu nehmen, wer sie auch sein mögen. Er ist das Haupt der Kirche. Wir können nicht gegen dasvorgehen, was ER TUT.“

4.4.5 Wer dieselbe Ansicht des Vizepräsidenten Franz vertritt gilt aber als Abtrünniger!

Die Auffassung, die in den letzten drei Sätzen wiedergegeben wird, vertreten heute auch einige Zeugen. Dafür, daß sie haargenau dieselbe Ansicht wie [84] der Vizepräsident vertreten, brandmarkt man sie als „Abtrünnige“. Diese Worte waren wieder einmal ganz eindeutig nicht so gemeint, wie sie sich anhörten. Im selben Atemzug sagte er nämlich, die Autorität der Watch Tower Bible and Tract Society anzuzweifeln hieße, die Autorität des Herrn Jesus Christus anzuzweifeln. Daran, daß das von der leitenden Körperschaft eingesetzte Fünferkomitee Ausdruck der Leitung durch das Haupt der Kirche sein könnte, daran glaubte er nicht, und zwar ganz einfach deswegen, weil Jesus Christus ja die Gesellschaft habe gründen lassen und durch sie tätig sei. In meinen Augen war hier die Argumentation durcheinanderge­raten.

Als er nun zum Kern der Sache kam und alles auf die heutige Zeit anwendete, wurde deutlich, daß dies der Hauptzweck der Ansprache war. Er sprach von der Berufung Charles Taze Russells, davon, wie er eine neue religiöse Zeitschrift mit dem Titel Watch Tower herausgab, und fragte dann: „Wer gab diesem Mann die Befugnis dazu?“ Sodann schilderte er, wie Russell die Zion’s Watch Tower Bible and Tract Society gründete, und fuhr fort:
„Und vergeßt nicht, Freunde, als er diese Gesellschaft, die Watch Tower Bible and Tract Society, gründete, hatte er keine UNNÜTZE Gesellschaft oder Organisation im Sinn.“

Der Herr Jesus Christus und der heilige Geist – so Fred Franz – beriefen Russell, und sie standen auch hinter der Gründung der Korporation, dieser „aktiven, nutzbringendenGesellschaft“. Anschließend berichtete der Vize­präsident von der Gründung der Gileadschule: daß sie eine Idee des Präsidenten war, daß die Direktoren das Vorhaben befürworteten, als man sie davon in Kenntnis setzte, und daß die verantwortliche Leitung der Schule dem Präsidenten übertragen wurde. Während er das sagte, saß Nathan Knorr auf der Bühne, und auf ihn zeigte Fred Franz während der nun folgenden Worte:

„Ihr seht also, liebe Freunde, die Direktoren der New Yorker und der pennsylvani­schen Gesellschaft hatten damals Respekt vor dem Amt des Präsidenten, und sie behandelten den Präsidenten nicht als starre, unbewegliche Galionsfigur einer x-beliebigen Gesellschaft, einer unnützen Gesellschaft.“

Daß er darauf hinsteuern würde, hatte ich von Anfang an vermutet, und so überraschten mich seine Äußerungen nicht, höchstens die Art, wie er sie formulierte. Von da ab wurde seine Rede gemäßigter im Ton. Er hob die besondere Bedeutung des Tages der Veranstaltung, des 7. September 1975, hervor:

„Und wißt ihr, was das bedeutet? Gemäß diesem Taschenkalender, einem hebräi­schen Kalender aus Israel (er hob ein kleines Heft hoch), haben wir heute den zweiten Tag des Monats Tischri des Mondjahres 1976, und wißt ihr, was das bedeutet? Heute ist der zweite Tag des siebten Millenniums der irdischen Existenz des Menschen. Ist das nicht etwas Besonderes? Ist es nicht großartig (Applaus), daß die Eröffnung des siebten Jahrtausends menschlicher Geschichte dadurch gekennzeichnet [85] wird, daß die Watch Tower Bible and Tract Society in voller Übereinstim­mung mit ihrer ursprünglichen Bestimmung die 59. Klasse der Gileadschule in den Missionardienst aussendet?

Jehova Gott hat diese Schule ganz bestimmt gesegnet, und wegen der Frucht, die sie hervorbringt, ist sie ein bewährt es Werkzeug in der Hand Jehovas Gottes geworden, so daß es keinen Grund gibt, das Recht und die Befugnis dieser Gesellschaft, Missionare auszusenden, anzuzweifeln. Und beachtet bitte, Freunde, genauso wie Gott sich der Versammlung in Antio­chien bediente, um zwei der bedeutendsten Missionare des ersten Jahrhunderts auszusenden, genauso bedient sich Jehova Gott heute der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, in Zusammenarbeit mit der New Yorker Gesell­schaft, um weitere Missionare auszusenden, und diese sind entschlossen, das auch weiterhin zu tun. Dies erfüllt sie mit sehr, sehr großer Freude und Dankbarkeit.“[10]

Damit war klar, was der Vizepräsident meinte: Seiner Meinung nach hatte irgend jemand den Fehdehandschuh hingeworfen, um die Stellung des Präsidenten in Frage zu stellen. Nach dieser Rede waren die Fronten klar und unmißverständlich gezogen. Die Gesellschaft hatte ihr abgestecktes Territorium, in dem sie souverän schalten und walten konnte, und aus dem sich die leitende Körperschaft gefälligst herauszuhalten hatte. Traurig nur, daß viele, die mit ihm in dem Gremium saßen, damit eindeutig in die Rolle des Aggressors gedrängt und öffentlich bloßgestellt wurden, weil sie angeb­lich die Autorität des Herrn Jesus Christus leugneten, die dieser seinem „bewährten Werkzeug“ verliehen hatte.

4.5 Hat der Christus seinen ernannten Propheten und Vertreter auf Erden?
4.5.1 Der interne Kampf um die Macht wirft seine Kreise

Unter den Freunden und Verwandten der Gileadschulabsolventen, die als Gäste anwesend waren, herrschte allgemeines Rätselraten über vieles, das gesagt worden war. Welchen tieferen Sinn die Ansprache überhaupt hatte und warum so scharfe Worte fielen, blieb ihnen unklar. Bei den Gliedern der Bethelfamilie, die zwar aus den Kommentaren des Präsidenten und des Vizepräsidenten beim Frühstück bereits eine vage Ahnung von Zwistigkei­ten hatten, verstärkte sich jetzt der Verdacht, daß die leitende Körperschaft im Streit lag und offenbar ein Machtkampf im Gange war.

Es hätte wohl kaum einen größeren Gegensatz geben können als den zwischen dieser Ansprache und der über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, vier Jahre vorher. Beide Male derselbe Redner, doch mit genau entgegengesetzten Inhalten. Als ich an jenem Tag aus dem Saal ging, war ich im Innern ganz aufgewühlt; mir war regelrecht schlecht. Man konnte Gottes Wort anscheinend so hinbiegen, daß es einmal zu dem einen Argument paßte, wenn die Umstände es erforderten, und ein anderes Mal, wenn die Situation eine andere war, zu dem glatten Gegenteil. Und das fand ich beängstigender als alles andere.

4.5.2 Rutherfords Übergabe des Prophetenmantels an ein Dreierkomitee? Der letzte Wille!

Um Fred Franz zu verstehen, muß man – wie bei Nathan Knorr – etwas mehr über ihn wissen. Als Richter Rutherford Ende 1941 in Beth Sarim auf dem Sterbebett lag, rief er drei Männer zu sich: Nathan Knorr, Fred Franz und [86] Hayden Covington. Er teilte ihnen mit, es sei sein Wille, daß sie das Werk nach seinem Tod fortführen und dabei zusammenhalten sollten. Dies erinnerte daran, daß auch Pastor Russell ein Vermächtnis hinterließ; diesmal allerdings wurde es nicht in schriftlicher Form, sondern mündlich übermittelt. Als Fred Franz 20 Jahre später, im Jahre 1961, das Buch „Dein Name werde geheiligt“ schrieb, bezog er sich auf dieses Ereignis, als er an einer Stelle die Übergabe des Prophetenmantels („Amtsgewand“ in derNeuen-Welt-Übersetzung) durch Elia an seinen Nachfolger Elisa besprach[11]. Er stellte das ganze als ein prophetisches Drama dar:

„Rutherford lag an der Pazifikköste im Krankenbett, als die Vereinigten Staaten von Amerika am Sonntag, dem 7. Dezember 1941 in den Krieg gestürzt wurden. Zwei GEGENWÄRTIGE ERZIEHUNG ZUR HEILIGUNG DES NAMENS 325 Männer, die zum gesalbten Überrest gehörten (der eine seit 1913 und der andere seit 1922) und einer, der sich zu den „anderen Schafen“ bekannte (seit 1934), wurden vom Hauptbüro in Brooklyn an das Bett Rutherfords in dem Heim genannt Beth-Sarim in San Diego, Kalifornien ge­rufen. Am 24. Dezember 1941 gab er diesen dreien letzte Anweisungen. Jahrelang hatte er gehofft. die treuen Pro­pheten einschließlich Elias und Elisas, von den Toten auf­erweckt, als Königreichs-„Fürsten … auf der ganzen Erde“ in der neuen ‚Welt Gottes zu sehen. (Psalm 45:16 Fußnote) Doch am Donnerstag, dem 8. Januar 1942, starb Ruther­ford im Alter von zweiundsiebzig Jahren als ein treuer Zeuge Jehovas, der völlig den Interessen des Königreiches Gottes ergeben war. Er hatte sich in seiner Stellung auf Jehovas Seite in der überragenden Streitfrage der Univer­salherrschaft als treu erwiesen.Von unserer Zeit aus gesehen, scheint es, daß dort das Elia-Werk zu Ende ging und das Elisa-Werk begann. Es war wie damals, als Elia und Elisa die Wasser des Jordan bis ans Ostufer teilten, hinübergingen und Elias Hinweg­nahme erwartend, zusammen weiter liefen.“[12]

Als die leitende Körperschaft über die Vorschläge zum Umbau der Organisa­tion diskutierte, nahm der Vizepräsident direkt auf diesen Auftrag Bezug, den er von dem sterbenden Richter Rutherford erhalten hatte. Ich bin sicher, Fred Franz glaubte, damals habe eine Art Mantelübergabe stattgefunden. Nachfolger Rutherfords als Präsident wurde, wie bereits gesagt, Nathan Knorr. Dieser bat Hayden Covington, den Rechtsanwalt aus Texas, der die Zeugen Jehovas in zahlreichen Fällen vor dem Obersten Gerichtshof der USA vertreten hatte, das Amt des Vizepräsidenten zu übernehmen, und dies, obwohl Covington sich nicht zu den „Gesalbten“ zählte. (Das zeigt, daß weder Richter Rutherford noch anfangs Nathan Knorr meinten, lei­tende Mitarbeiter in der Weltzentrale müßten unbedingt zu den „Gesalbten“ [87] gehören.) Aus der Aussage Covingtons im Fall Walsh vor einem Gericht in Schottland geht hervor, daß er und Knorr erst einige Jahre später, nachdem Anfragen deswegen eingegangen waren, darüber gesprochen hat­ten; daraufhin hatte er sich zum Rücktritt entschlossen[13], Das persönliche Verhältnis der beiden verschlechterte sich im Laufe der Zeit, und schließ­lich gab Covington die Mitarbeit im Hauptbüro auf und eröffnete eine Anwaltpraxis[14], NachCovingtons Rücktritt im Jahre 1944 wurde Fred Franz zum Vizepräsidenten gewählt.

4.5.3 Das Gefühl ein ernannter Prophet zu sein wirkt sich auf das Handeln und Reden aus

Obwohl sich damit die Zahl der Erben Rutherfords (der mit dieser Nachfol­geregelung auf dem Sterbebett zugleich bewies, daß es zu jener Zeit keine amtierende leitende Körperschaft gab) von drei auf zwei verringert hatte, waren diese anscheinend doch noch stark von dem Gefühl erfüllt, eine prophetische Rolle spielen zu müssen. So widmete Fred Franz – inzwischen Präsident geworden -, als er 1978 anläßlich eines großen Kongresses in Cincinnati (Ohio) gebeten wurde, den 30000 Zuhörern etwas aus seinem Erfahrungsschatz als Zeuge Jehovas zu erzählen, den Hauptteil seiner Redezeit seinem Verhältnis zu dem verstorbenen Nathan Knorr, wobei er die Worte Richter Rutherfords auf dem Sterbebett ganz besonders heraus­stellte. Es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, daß seine Ansprache den Charakter einer Lobrede annahm, als Fred Franz die Eigenschaften Knorrs beschrieb und betonte, er habe bis zum Ende zu Nathan Knorr gehalten, „genau wie der Richter es von uns verlangt hatte“. Darauf sei er stolz. Seine Ansicht, er habe als Nachfolger „den Mantel übernommen“, kommt vielleicht noch deutlicher in einer Äußerung zum Vorschein, die er im selben Jahr auf einer Sitzung des mittlerweile entstandenen Schreibkomi­tees der leitenden Körperschaft machte. Anwesend waren Lyman Swingle, Ewart Chitty, Lloyd Barry, Fred Franz und ich. Ed Dunlap schrieb gerade einen Kommentar zum Jakobusbrief, und Fred Franz hatte um eine Ände­rung von Dunlaps Text über Jakobus, Kapitel 3, Vers 1, gebeten. Dort steht in der Bibel:

„Nicht viele von euch sollten Lehrer werden, meine Brüder, da ihr wißt, daß wir ein schwereres Gericht empfangen werden.“

In Dunlaps Textentwurf stand, daß dies offenbar eine Warnung an unfähige Leute war, die nur wegen des Ansehens Lehrer werden wollten. Fred Franz bat darum, den größten Teil dieses Entwurfs zu streichen, gab aber keine nähere Begründung dafür, außer folgendem schriftlich vorgelegten Text:

„Wenn Jesus einige gab, die Lehrer sein sollten, wie viele sollten das sein? Und da Jesus sie gibt, wie konnte Jakobus dann schreiben ,nicht viele von euch sollten Lehrer werden‘? Wie wurde Jakobus ein Lehrer?“ [88]

4.5.4 Fred Franz sieht sich selbst als verantwortlicher Lehrer und Prophet

Da man mich beauftragt hatte, für die Erstellung dieses Kommentars verantwortlich zu zeichnen, fragte ich Fred Franz in der Sitzung, ob er seine Einwände klarer formulieren und sagen könne, wie er den Text verstand. Er erwiderte, seiner Meinung nach ginge daraus hervor, daß es Gottes Wille sei, in der gesamten Christenversammlung nur wenige zu haben, die rechtmä­ßig „Lehrer“ genannt würden. Ich erkundigte mich dann, wer diese in unserer Zeit seien. Mit betont ruhiger Stimme sagte er darauf:

„Nun, ich glaube, daß ich es bin. Ich bin jetzt seit 50 Jahren im Hauptbüro und habe die meiste Zeit davon mit Nachforschen und Schreiben zugebracht, und deswegen glaube ich, dass ich es bin. Und dann- gibt es noch ein paar andere Brüder auf der ganzen Erde, die es sind.“

Diese Antwort hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt, so sehr hat sie mir damals die Sprache verschlagen. Und ich war nicht der einzige, der diese Worte hörte, denn die drei anderen Mitglieder des Schreibkomitees waren ebenfalls dabei. Namentlich hatten wir damit aber erst einen einzigen Lehrer auf Erden ermittelt: Fred Franz. Wer die anderen waren, das mußtenwir raten. Mehr als einmal habe ich später zu Lyman Swingle gesagt, wie sehr ich es bedauerte, nicht auch nach den Namen der anderen „Lehrer“ unserer Tage gefragt zu haben. Doch für diesen einen Augenblick blieb mir die Spucke weg.

Zusätzlich zu dieser Änderung von Dunlaps Text wollte Präsident Franz auch noch einige Punkte neu in den Kommentar aufgenommen wissen. Auf Seite 2 seines Schriftsatzes heißt es:

„Wir wissen nicht, wie Jakobus selbst ein Lehrer wurde, wir lesen nur, daß ihm sein Halbbruder, Jesus Christus, nach seiner Auferstehung erschien (1. Kor. 15:7; Apg. 1:14). Nicht jeder Gott hingegebene, getaufte Christ, der ein Lehrer werden möchte, hat selbstsüchtige Motive dabei. Ein solches Beispiel für einen Lehrer mit guten Beweggründen finden wir in dem 27jährigen Herausgeber der Zeitschrift Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence im Juli des Jahres 1879 (Pastor Russell).“

Das erinnerte an den Gileadabschlußvortrag von 1975, in dem er die Ansicht vertreten hatte, Pastor Russell sei von Jesus Christus persönlich berufen worden, einen besonderen Auftrag zu erfüllen. In diesem Text nun, drei Jahre später, ließ er durchblicken, daß diese persönliche Auswahl durch Jesus Christus auch noch in anderen Fällen vorkam, mit dem Ergebnis, daßnur eine kleine erlesene Schar berufen wurde, um als besondere „Lehrer“ in der Versammlung zu dienen.[15]

4.5.5 „Einer ist euer Lehrer, während ihr alle Brüder seid“

Der Textvorschlag, der Russell mit erwähnte, wurde aber nicht in das Buch aufgenommen. Um die Einwände von Fred Franz zu berücksichtigen, verfaßte ich einen neuen Text, der den von Dunlap ersetzen sollte und im [89] Kommentar zum Jakobusbrief auf den Seiten 99 bis 102 erscheint. In gewissem Sinne stellte dies eine Widerlegung seiner Ansicht dar, denn die Worte Jesu in Matthäus, Kapitel 23, Vers 8: „Ihr aber, laßt euch nicht Rabbi nennen, denn einer ist euer Lehrer, während ihr alle Brüder seid“ wider­sprachen vollständig der Auffassung, es gebe eine kleine Zahl von Männern, die eine besondere Gruppe speziell ausgewählter „Lehrer“ bildeten. Meine Neufassung fand die Zustimmung des Komitees und wurde so veröffent­licht.

Und es gibt noch eine weitere Erklärung für den Widerspruch zwischen den kühnen, markigen Worten auf dem Papier (wie in den Artikeln über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“) und der vergleichsweise dürftigen, bescheidenen Wirklichkeit. Der Grund lag darin, daß die leitenden Vertreter der Gesellschaft schon verstehen würden, daß kleine Veränderungen stell­vertretend für eine große, echte Reform stehen könnten und hinreichender Ersatz dafür seien.

So entschloß sich Präsident Knorr 1971, sein Monopol auf den Vorsitz bei den Mahlzeiten der Bethelfamilie aufzugeben und diesen mit den anderen Mitgliedern des Vorstands der Gesellschaft zu teilen. Außerdem gestattete er ihnen, der Reihe nach den Vorsitz bei den Sitzungen der leitenden Körperschaft zu übernehmen. Das allein wurde als ausreichender Beweis dafür angesehen, daß die Korporationen (und deren Leitung) nun tatsächlich der leitenden Körperschaft unterstanden und daß „der Hund mit dem Schwanz wedelte“. An der Machtstruktur aber hatte sich sonst praktisch überhaupt nichts geändert, und man glaubte auch gar nicht, das sei nötig, um aus dem so eindrucksvoll gezeichneten Bild Wirklichkeit werden zu lassen.

Daß dies insbesondere auch die Sichtweise von Fred Franz war, mußte auf der Hand liegen, gerade weil er es war, der, überraschend genug, bereits im Jahr 1944 Aufsätze für denWatchtower geschrieben hatte, in denen alle wesentlichen Punkte, die im Hilfe-Buch über Älteste und Aufseher erschie­nen, bereits enthalten waren,[16] Doch das hatte damals trotzdem keinerlei Änderungen in der Versammlungsstruktur zur Folge gehabt. Immerhin war es gesagt worden, man hatte es veröffentlicht, und das sah man als hinreichend an.

4.6 Der beständige unheilige Einfluss einer weltlichen Korporation und deren Interessen
4.6.1 Stimmrecht in der Korporation wird von Spende entkoppelt

In jenen Aufsätzen wurde das Jahr 1944 als ein herausragendes Jahr in der biblischen Prophetie dargestellt, und zwar vor allem, weil das Stimmrecht auf denJahreshauptversammlungen der Korporation durch eine Satzungs­änderung nicht mehr durch eine Spende in Höhe von 10 Dollar erworben werden konnte. Stattdessen sollten maximal 500 Personen, die der Vorstand der Gesellschaft ausgesucht hatte, ein Stimmrecht ausüben. Wer an einer solchen Jahreshauptversammlung der Watch Tower Society, auf der die Vorstandswahlen stattfinden, nur einmal teilgenommen hat, weiß, welch [90] platte Routine diese Versammlungen sind und daß die Wahlen eine reine Formsache sind. Die große Mehrheit der Stimmberechtigten hat buchstäb­lich keine Ahnung von den internen Abläufen und kann auf die Leitlinien und die Vorhaben der Organisation weder Einfluß noch Kontrolle ausüben, denn sie hat kein Mitspracherecht und braucht nicht gehört zu werden. Der geschäftliche Teil einer solchen Versammlung dauert meist nicht länger als eine Stunde, und das war dann auch schon alles bis zum nächsten Jahr. Und dennoch wurde die Annahme dieser Satzungsänderung zum Stimm­recht in Wachtturm-Artikeln der Ausgabe vom 15. März 1972 (Verfasser: Fred Franz) als so bedeutend dargestellt, daß sie den Schlüssel zur Deutung der Prophezeiung aus Daniel 8:14 bildete, wo von 2300 Tagen die Rede ist, in denen die heilige Stätte in ihren rechten Zustand gebracht werden‘ solle. Unter tausend Zeugen Jehovas, denen man diesen Bibelvers heute vorlegt, wird wohl kaum ein einziger die Stelle mit dem Jahr 1944 und der damaligen Satzungsänderung in Verbindung bringen. Dabei ist das die bis heute gültige offizielle Auslegung dieser Prophezeiung. Auch das war ein Beispiel dafür, wie man ein unbedeutendes Ereignis hernehmen und mit großer symboli­scher Bedeutung befrachten kann.

4.6.2 Bericht des Fünferkomitees als Vorschlag für Veränderung von der Macht eines Königs hin zur leitenden Körperschaft

Am 15. August 1975 legte das Fünferkomitee seinen Abschlußbericht einschließlich der Empfehlungen vor. Im Auftrage des Komitees hatte ich ein Schriftstück von 45 Seiten Umfang ausgearbeitet, in dem ich die geschichtlichen und vor allem die biblischen Gründe darlegte, weshalb die Änderung der im wesentlichen monarchischen Grundstruktur der Organi­sation empfohlen wurde. Auf weiteren 19 Seiten wurde ein System von Ausschüssen der leitenden Körperschaft vorgestellt, von denen jeder die Leitung eines Ressorts übernehmen sollte. DerSchlußabsatz des erstge­nannten Dokuments lautete:

„Das Fünferkomitee ist bei allen Beratungen gebetsvoll und äußerst bedachtsam vorgegangen und hat alles gewissenhaft erwogen. Wir hoffen aufrichtig, daß Gottes Geist uns zu den Ergebnissen geführt hat, und beten darum, daß diese der leitenden Körperschaft eine Hilfe sein mögen, zu einer Entscheidung zu gelangen. Wir. hoffen, daß die empfohlenen Maßnahmen im Fall ihrer Verabschiedung zu einer noch angenehmeren, friedvolleren Zusammenarbeit innerhalb des Gremiums führen und die Spannungen vermindern, die in unseren Zusammenkünften bisweilen zu Tage getreten sind [Ps. 1.33: 1; Jak. 3: 17,18). Des weiteren hoffen wir, daß die empfohlenen Änderungen, sofern sie Zustimmung finden, die Stellung Jesu Christi als Haupt stärken und noch deutlicher hervortreten lassen, ebenso den Geist der Bruderschaft unter seinen Jüngern (Mark. 9:50).“

Darin war mein aufrichtiges Denken und Hoffen ausgedrückt. Wie man aus diesen Worten herauslesen konnte, daß darin die Leitungsfunktion Jesu Christi über die Versammlung angezweifelt wurde, war mir schleierhaft.[17] [91]

Die Unterlagen wurden der leitenden Körperschaft vorgelegt, und in der Sitzung am 10. September 1975 war klar geworden, daß inzwischen die überwältigende Mehrheit für den grundlegenden Wandel war. Man setzte aber noch ein zweites Fünferkomitee ein, das letzte Änderungen vorneh­men sollte.[18] Weder der Präsident noch der Vizepräsident wurden in dieses Komitee gewählt, da diese ihre insgesamt ablehnende Haltung bereits unmißverständlich zu erkennen gegeben hatten.

Der Präsident bezweifelte in der Sitzung vor allem, daß ein solcher Wechsel praktikabel sei. Der Vizepräsident hingegen sagte ganz offen, für ihn stelle der Vorschlag „einen Angriff auf die Stellung des Präsidenten“ dar. Als man ihm den Wortlaut des Antrags vorlas, den der Präsident selbst gestellt hatte, erwiderte er, das habe Bruder Knorr nur gesagt, weil er „unter Druck stand“. Dann trug Lyman Swingle vor, er glaube, alle in der Runde hätten Respekt vor dem Präsidenten und niemand sehe in ihm die „starre, unbewegliche Galionsfigur einer unnützen Gesellschaft“, womit er den Vizepräsidenten aus seiner Rede bei der Gilead-Abschlußfeier wörtlich zitierte. Er hob hervor, der Präsident könne auch innerhalb der vorgeschlagenen Neurege­lung weiterhin seine Kraft, Einsatzfreude und Initiative entfalten. Im Verlauf der Diskussion wich der Vizepräsident aber nicht von seiner Position ab, das Fünferkomitee tue in dem Schriftsatz genau das, was er gesagt habe. Er sagte, er werde sich auf der bevorstehenden Jahreshauptver­sammlung für die Beibehaltung der Macht in den Händen der Korporationen einsetzen, und fügte hinzu, den Vortrag auf der Gilead-Abschlußfeier habe er gehalten, weil er sich verpflichtet fühlte, dies den Brüdern zu sagen, damit sie nicht meinten, man habe ihnen einen „üblen Streich“ gespielt.

Das zweite Komitee erarbeitete seine Vorschläge und legte diese am 3. Dezember 1975 vor. Damit kam es zur Schlußabstimmung in dieser Sache.[19] Der Vorsitzende bat um das Handzeichen. Alle Hände hoben sich für die Annahme der vorgeschlagenen Änderungen, nur zwei nicht: die des Präsi­denten und die des Vizepräsidenten.

4.6.3 Wer nun „wedelt“ schlussendlich: „Der Kopf mit dem Schwanz“ oder der „Schwanz mit dem Kopf“?

Am nächsten Tag fand erneut eine Sitzung statt. Der Vizepräsident gab bekannt, am Vortage habe er sich nicht an der Diskussion beteiligt, weil er „damit nichts mehr zu tun haben wolle“, eine Teilnahme würde bedeuten, daß er dafür sei, und das könne er „aus Gewissensgründen nicht“. Mehrfach nannte er Nathan Knorr „die oberste Führung“ der Gesellschaft, die „oberste Führung des Volkes Gottes auf Erden“, und sagte: „Jesus Christus ist nicht selbst auf Erden anwesend und bedient sich daher seiner Beauftrag­ten, die seinen Willen ausführen sollen.“

Dan Sydlik, breitschultriger Slawe mit Baßstimme, meinte: „Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Bruder Knorr und Bruder Franz sich auf die Bibel oder [92] wenigstens auf die Wachtturm-Veröffentlichungen gestützt hätten, um ihre Ansicht zu untermauern, doch das ist nicht der Fall gewesen.“ Leo Green­lees fragte, weshalb sich nicht auch die Korporationen freudig der Führung durch die leitende Körperschaft unterstellen könnten, wenn alle Versamm­lungen auf Erden dies doch täten.

Der Präsident beschränkte sich in seiner Stellungnahme darauf zu sagen, seiner Meinung nach wirke die Gesellschaft „parallel“ zur leitenden Kör­perschaft, doch gemäß der vorgeschlagenen Neuordnung sei sie ihr unter­stellt, und fügte hinzu, „was wohl auch richtig ist“. Der Vizepräsident ließ wissen, auch nach seiner Ansicht sollten die beiden Organisationen neben­einander tätig sein (vielleicht wie Antiochia und Jerusalem) und stellte fest: „So habe ich mir das nie vorgestellt, wie es die leitende Körperschaft jetzt machen will.“

Es war eindeutig, daß Präsident wie Vizepräsident ihren Widerstand auf­rechterhielten. Sichtlich bewegt, flehte Lloyd Barry sie darauf mit zitternder Stimme inständig an, doch zu einer einstimmigen Entscheidung beizutra­gen, da die Sache nun sowieso durchkommen werde.

So wurde noch einmal abgestimmt. Diesmal hob Präsident Knorr die Hand, und dann schloß sich der Vizepräsident ihm an.

4.6.4 Präsident Knorr und Vizepräsident Franz stimmten auf Druck für eine leitende Körperschaft

Vier Jahre später, während einer Sitzung der leitenden Körperschaft im Jahre 1979, sagte Fred Franz, jetzt als Präsident, er habe damals seine Zustim­mung „unter Druck“ gegeben. Dem möchte ich zustimmen. Als Nathan Knorr nachgab, fühlte sich Fred Franz verpflichtet mitzuziehen. Damals habe er den Wechsel nicht gewollt, meinte er, und von da an habe er „nur noch zugesehen“, um zu beobachten, was daraus werden würde.

Aus der beigefügten Graphik, die das zweite Fünferkomitee erstellte, geht die ab 1. Januar 1976 in Kraft getretene Organisationsstruktur hervor.

[93] Was aus den Korporationen jetzt wurde, das hat John Booth wahrscheinlich am besten beschrieben. Er war mit im ersten Fünferkomitee und stammte aus einer ländlichen Gegend im Staat New York, wo er früher Landwirt gewesen war. Er hatte ein sanftes Gemüt und dachte sehr tief und gründlich, wenn er seine Gedanken auch nicht immer so gut ausdrücken konnte. In einer der ersten Sitzungen des Fünferkomitees hatte er gesagt:

„Eine Körperschaft ist nur ein Werkzeug, das vom Gesetz gefordert wird. Sie ist wie ein Kugelschreiber auf meinem Schreibtisch. Wenn ich ihn brauche, nehme ich ihn, und wenn ich fertig bin, lege ich ihn einfach wieder hin, bis ich ihn wieder benötige.“

Das war jetzt die Funktion der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania und der ihr nachgeordneten Vereinigungen. Damit war die Macht des Präsidenten automatisch stark zurückgeschraubt, praktisch auf Null. Das Amt hatte fast nur noch seine rein äußerliche Bedeutung im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften.

4.6.1 Fred Franz als Präsident erwählt: Ein erfreulicher Anfang, leider nur kurz

Nach dem Tode Nathan Knorrs wurde in der leitenden Körperschaft über die Frage des Nachfolgers gesprochen. Als Kandidaten kamen vor allem Vize­präsident Franz und Milton Henschel in Frage, Knorrs enge Mitarbeiter in der Administration. Henschel stellte den Antrag, daß Fred Franz zum Präsidenten gewählt werden sollte, was einstimmig angenommen wurde. Als es um die Nachfolge für Knorrs Posten als Koordinator im Verlagskomi­tee ging, schien konsequenterweise Henschel der Mann dafür, doch der frischgebackene Präsident Fred Franz sprach sich für Lloyd Barry aus. Zwischen Knorr und Henschel hatte in den letzten Jahren kein sehr gutes Verhältnis bestanden und Knorr hatte bei einem Gespräch mit dem ersten Fünferkomitee angedeutet, seiner Meinung nach könne Barry seinen Posten (als Präsident) übernehmen, falls notwendig. Fred Franz sah darin offen­sichtlich analog zu den Sterbebettanweisungen Richter Rutherfords den Hinweis, daß eine Art „Mantelübergabe“ an Barry an der Reihe sei. Das Gremium aber stimmte für Henschel.

In einem Artikel des Nachrichtenmagazins Time hieß es von Fred Franz, dem neuen Präsidenten:

„Wenige nur kennen seinen Namen, und doch hat er jetzt über 2,2 Millionen Seelen auf der ganzen Welt mehr Macht als der Papst über seine Schäfchen.“[20]

Es hätte kaum falscher ausgedrückt werden können. Reichlich ein Jahr zuvor hätte es noch gestimmt, doch das Präsidentenamt bedeutete nicht mehr die in alle Winkel der Erde reichende Machtfülle, die es einmal hatte, wenngleich immer noch ein beträchtliches Ansehen damit verbunden war. Nur wenige Außenstehende konnten ermessen, welch drastischer Wechsel sich innerhalb der leitenden Körperschaft vollzogen hatte.

Nimmt man einmal an, der Präsident hätte wirklich soviel Macht wie der Papst gehabt (wenn auch ohne den Pomp und das Brimborium des päpstlichen [94] Amtes), dann hätten die Zweigaufseher den Erzbischöfen entsprochen, da sie in gleicher Weise „vorsitzführende christliche Aufseher des Gebietes, für das sie ernannt wurden“, waren.[21] Auch bei ihnen änderte sich das, als ihre Verantwortung auf Zweigkomitees übertragen wurde.

In den Jahren 1976 und 1977 gab es einige erfreuliche Momente. Im Hauptbüro schien ein völlig verändertes Klima zu herrschen, ein Geist größerer Bruderliebe, Offenheit und Gleichheit. Das ist manchmal mit dem „Fenster“ verglichen worden, das Papst Johannes XXIII. in der katholischen Kirche aufgetan hatte, damit etwas frischer Wind hereinwehen konnte. Die neuen Komitees der leitenden Körperschaft veranlaßten etliche Neure­gelungen, die das Leben der Bethelfamilie im Hauptbüro in Brooklyn und in den über 90 Zweigbüros erleichterten. Für die einfachen Mitarbeiter wurde finanziell besser gesorgt, die besonderen Bedürfnisse der Frauen und der Älteren wurden berücksichtigt. Im Verlauf des Jahres 1976wurden eine Reihe von Treffen mit Männern abgehalten, auf deren Rat man Wert legte. Als erstes berief man Vertreter von Zweigen in der ganzen Welt, danach reisende Vertreter der leitenden Körperschaft aus allen Teilen der Vereinig­ten Staaten, und schließlich lud man Älteste aus den Versammlungen der verschiedenen Gegenden der USA nach Brooklyn ein.[22] Alle Treffen waren geprägt von einer Atmosphäre der freien Meinungsäußerung, die von den meisten gegenüber dem bislang Gewohnten als erfrischend anders empfun­den wurde.

4.6.2 Statt Autorität auf eine Person zu legen kommt die Autorität der Bibel erneut in den Vordergrund

In die Versammlungen ist davon wahrscheinlich nicht sehr viel gedrungen, denn die vielen Anregungen, die kamen, hat man fast überhaupt nicht in die Praxis umgesetzt. Dennoch war zu beobachten, wie sich viele Zeugen anerkennend darüber äußerten, daß wenigstens eine Zeit lang in den Veröffentlichungen das Hauptgewicht auf die Autorität der Bibel und die Leitung durch Jesus Christus und nicht so sehr auf die einer menschlichen Organisation gelegt wurde. Allgemein stellten sie fest, daß eine gemäßig­tere, ausgewogenere und barmherzigere Linie verfolgt wurde. Ein langge­dienter Zeuge sagte: „Sonst hatte ich immer das Gefühl, ich mußte etwas .; tun; jetzt geht es mir langsam so, daß ich es tun will.“

Die Veränderung des Klimas zeigte sich zum Teil auch bei den Sitzungen der leitenden Körperschaft. Nachdem das vielzitierte Jahr 1975 verstrichen war, ohne daß das Jubeljahr-Millennium angebrochen war, wurde man etwas bescheidener, was sich in einem wahrnehmbaren Abklingen der dogmati­schen Haltung ausdrückte. In den Abstimmungen zeigte sich die Tendenz, weniger vorschnell neue Verhaltensnormen festzulegen und nicht gleich für jede Handlung einen Gemeinschaftsentzug vorzuschreiben. Allerdings war sich das Gremium dabei nie vollständig einig.

Im Laufe des Jahres 1976 verschlimmerte sich Nathan Knorrs Gesundheitszustand [95] zusehends. Doch solange er noch anwesend sein konnte, beteiligte er sich im allgemeinenkooperativ und hilfsbereit, wenngleich man sehen konnte, daß er über die Änderungen nicht glücklich war. Seine Redebeiträge trugen bisweilen zur Versöhnung extremer Standpunkte bei. Zwar stützten sie sich selten auf die Bibel, doch zeigten sie den für ihn typischen Ansatz, die Dinge praktisch zu sehen. Vizepräsident Franz zog es in dieser Zeit vor, nur dabeizusitzen und zuzuhören; nur gelegentlich beteiligte er sich an der Diskussion, und wenn dies geschah, dann war es fast immer gegen Schluß der Debatte, kurz vor der Abstimmung. Aus den vorangegangenen Beiträgen war dann bereits das allgemeine Meinungsbild deutlich geworden, und was er dann noch dazu zu sagen hatte, widersprach genau der Ansicht der Mehrheit. Am drastischsten zeigte sich die Veränderung der Denkweise der Mitglieder des Gremiums vielleicht darin, daß sich in der Abstimmung zwar manchmal eine Verschiebung zu seinen Ansichten hin ergab, er aber häufig überstimmt wurde. Normalerweise sagte er während all der Zeit aber gar nichts, und dann, wenn um das übliche Handzeichen gebeten wurde, ist im offiziellen Protokoll oft vermerkt: „Sechzehn (oder wieviele es gerade waren) dafür; eine Enthaltung“, nämlich die des Vizepräsidenten. Dieses Bild zeigte sich im allgemeinen bei Fragen, in denen es um die Änderung bisheriger Regelungen in Gemeinschaftsentzugsangelegenheiten ging. Dagegen wurden alle Entscheidungen weltlicher, geschäftlicher Natur (wie der Erwerb von Häusern, Maschinen und Grundstücken, Fragen der Büro ­Organisation) und Ernennungen von Mitarbeitern in Zweigkomitees gewöhnlich einstimmig gefällt.

Bei der Verabschiedung der neuen Organisationsstruktur konnte ich kaum glauben, daß eine derartige Veränderung der Machtstrukturen tatsächlich stattgefunden hatte, insbesondere angesichts des immensen Widerstands von seiten der leitenden Köpfe der Organisation wie auch einiger ihrer engen Vertrauten außerhalb der leitenden Körperschaft. Ich hoffte aufrichtig, nachdem der Umbau zur Gleichrangigkeit aller Beteiligten geführt hätte, wäre Raum für mehr Milde, käme es zu einem Abbau des Dogmatismus, würde man dem einzelnen Menschen und seinen Lebensumständen und Problemen mehr Aufmerksamkeit widmen, und möglicherweise käme es eines Tages auch zur Aufgabe der autoritären Haltung, die eine solche Unzahl von Vorschriften hervorgebracht und sich eine derartige Macht über das Leben der Menschen angemaßt hatte.

Einiges davon ist, wie beschrieben, eingetroffen. Jedenfalls eine Zeit lang. Dann aber, nach etwa zwei Jahren, mehrten sich die Anzeichen einer deutlichen Rückkehr zu alten Verfahrensweisen immer mehr. Sie kamen wie eine kalte Brise im Herbst, die die nahende Kälte ankündigt. [96]

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[1] Präsident Knorr sah währenddessen auf der Bühne und widersprach dieser Darstellung nicht.
[2] Mir wurde die Abfassung folgender Kapitel übertragen: „Dein Dienst für Gott“, „Die Reinheit der Versammlung schützen“ und „Ausharren, das zur göttlichen Anerkennung führt“.
[3] Matthäus 23:8, 10; 20:25, 26
[4] Die Artikel in dieser Ausgabe behandelten das Verhältnis zwischen der leitenden Körper­schaft und den Korporationen. Unter anderem enthielten sie auch die Wendung vom „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“.
[5] In der ersten Sitzung des Fünferkomitees wurde (auf meinen Vorschlag hin) Leo Greenlees zum Vorsitzenden gewählt.
[6] Milton Henschel, ein hochgewachsener lind meist sehr ernst wirkender Mann, beteiligte sich selten an den Diskussionen. Wenn er es aber tat, dann meist mit großer Bestimmtheit und Endgültigkeit. In jüngeren Jahren war er Präsident Knorrs persönlicher Sekretär gewesen; zur Zeit der hier beschriebenen Ereignisse war er Mitte Fünfzig.
[7] Worte in Anführungszeichen wurden wörtlich mitgeschrieben. die über 1000 Anwesenden haben es natürlich gleichfalls gehört.
[8] Siehe Apostelgeschichte 8:5-13, 21:8.
[9] Man muß dabei berücksichtigen, dar; sich die Lehre vom Vorhandensein einer leitenden Körperschaft sowie deren Autorität einzig darauf stützte, daß es so etwas in biblischen Zeiten gab, mit Sitz in Jerusalem.
[10] Als nächster Redner folgte Präsident Knorr, der sichtlich ergriffen war und von seiner Gemütsbewegung fast überwältigt wurde. Er sagte, wie sehr er diese Worte schätzte, und das kam meines Erachtens auch ganz aus dem Herzen. Danach hielt er eine erfreuliche Ansprache zum Thema „Gesunde Rede“.
[11] 2. Könige 2:8, 11-14.
[12] „Dein Name werde geheiligt“ (1963), S. 324, 325 (Erstausgabe in Englisch 1961).
[13] Aus dem offiziellen Gerichtsprotokoll, S. 387, 388.
[14] Covington hatte schwer mit dem Alkohol zu kämpfen und mußte noch während seiner Zeit in der Weltzentrale eine Entziehungskur machen. Nach seinem Gemeinschaftsentzug in den 1970er Jahren mußte er sich im Speers Hospital in Dayton (Kentucky) einer weiteren Behandlung unterziehen und meisterte sein Problem dann schließlich. Er wurde wieder aufgenommen und blieb bis zu seinem Tode mit der Versammlung verbunden.
[15] Karl Klein hatte Fred Franz in den Sitzungen der leitenden Körperschaft mehrfach als „das langjährige Orakel“ der Organisation bezeichnet. Das sagte er zwar stets mit einem Lächeln, doch allein schon der wiederholte Gebrauch dieses Ausdrucks zeigte an, daß er das nicht nur im Scherz meinte.
[16] Watchtower, 15. Oktober 1944 (teilweise auf Deutsch erschienen im Wachturm, Ausgabe Bern, Oktober 1945).
[17] Leo Greenlees verfaßte dazu einen Begleitbrief, in dem unter anderem stand: „Unsere Empfehlungen entstammen nicht einer Unzufriedenheit mit der bisher geleisteten Arbeit, sondern vielmehr vor allem dem Bemühen, das umzusetzen, was in der Bibel und im Wachtturm gesagt wurde. Wir glauben, daß die einzuschlagende Richtung sich von allein ergibt, wenn man nur die Grundsätze der Bibel in dieser Frage untersucht.“
[18] Im zweiten Komitee waren Milton Henschel, Ewart Chitty, Lyman Swingle, Lloyd Barry und Ted Jaracz.
[19] Die einzige bedeutendere Änderung, die das zweite Komitee an den Empfehlungen des ersten vornahm, bestand darin, dass es in jedem der vorgesehenen Komitees neben dem reihum wechselnden Vorsitzenden noch einen Komitee-Koordinator geben sollte, der diesen Posten auf Dauer innehatte.
[20] Time vom 11. Juli 1977, S. 64.
[21] Zitiert aus dem Buch Branch Office Procedure, einem damals für alle Zweigbüros verbindli­chen Organisationshandbuch.
[22] Unter anderen wurde auch Peter Gregerson aus Gadsden (Alabama) eingeladen. Dafür, daß ich einige Jahre später mit ihm einmal essen ging, wurde mir die Gemeinschaft entzogen.