3. Kapitel: Leitende Körperschaft

3 Leitende Körperschaft *

3.1 Die Auffassung der Zeugen Jehovas betreffend dem „treuen und verständigen Sklaven“
3.1.1 Sind der „lebende Überrest“ der ca. 9000 so genannten „Gesalbten“ wirklich Jesu Vertreter?

„Nicht, daß wir die Herren über euren Glauben sind, sondern wir sind Mitarbeiter an eurer Freude, denn ihr steht durch euren Glauben“ (2. Korinther 1:24).

Diese Worte des Apostels Paulus kamen mir während der neun Jahre meiner Mitwirkung in der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas wiederholt in den Sinn. Ich wünschte, alle Zeugen Jehovas könnten selbst erleben, wie einem in der Ausübung dieser Funktion zumute ist. Dann würden sie vielleicht begreifen, was Worte allein nicht vermitteln können.

Was ist die leitende Körperschaft nun genau?

Die christliche Gemeinde oder Versammlung wird nach Auffassung der Zeugen Jehovas von Christus Jesus, dem Haupt, durch die Klasse eines „treuen und verständigen Sklaven“ versorgt und geleitet. Heute besteht diese Klasse aus einem Überrest der 144000 gesalbten Erben des himmli­schen Königreiches Christi.[1] Doch lediglich eine kleine Anzahl Männer aus dieser Gruppe übt die gesamte Leitung über die weltweite Gemeinde aus, und das nicht nur über die knapp 9000 „Gesalbten“, aus deren Kreis sie stammen, sondern auch die mehr als fünf Millionen anderer Mitverbunde­ner, die nicht zu den himmlischen Erben gezählt werden“.[2]

3.1.2 Gepflogenheit innerhalb eines Entscheiduns-Kollektiv, wo einer stets die „Wahrheit“ besitzt

Als ich 1971 in den Kreis der (mit mir) elf Personen umfassenden leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt aufgenommen wurde, erschien mir das eine ungeheure Verantwortung. (Bis 1977 stieg die Zahl auf 18 an; Anfang 1996 lag sie bei 10.)[3] Die ersten der wöchentlichen Sitzun­gen, an denen ich teilnahm, entsprachen jedoch ganz und gar nicht meinen Erwartungen.[4]

Kurz zuvor war im Amt des Vorsitzenden ein turnusmäßiger Wechsel eingeführt worden, und in jenem Jahr war Vizepräsident Fred Franz der Vorsitzende. Was aber auf die Tagesordnung kam, das entschied der [45] Präsident der Gesellschaft, Nathan Knorr. Alle Angelegenheiten, deren Beratung er für geeignet erachtete, brachte er zur Sitzung mit, und das war gewöhn­lich das erste Mal, daß wir von dem Diskussionsgegenstand überhaupt erst erfuhren. Manchmal erschöpfte sich die ganze Sitzung einfach in der Besprechung einer Liste von Empfehlungen für die Ernennung reisender Beauftragter in verschiedenen Ländern, wobei Name, Alter, Taufdatum, ob „Gesalbter“ oder nicht, und die Zahl der Dienstjahre verlesen wurden. Für uns waren das fast immer bloße Namen; höchst selten kannten wir einmal jemand, um den es ging. Nachdem uns solche Listen von Surinam oder Sambia oder Sri Lanka vorgelesen worden waren, haben wir jeweils über die Ernennung dieser Männer abgestimmt. Ich entsinne mich noch an Thomas Sullivan (allgemein „Bud“ genannt), der damals über achtzig war, fast nichts mehr sah und eine sehr angegriffene Gesundheit hatte. Er schlief bei solchen Sitzungen immer wieder ein, und es mochte ihn dann auch keiner aufwec­ken, um ihn über etwas mit abstimmen zu lassen, das er kaum mit angehört hatte. Die ganze Sitzung war manchmal schon nach wenigen Minuten vorbei. Eine hat nur sieben Minuten gedauert, inklusive dem Gebet zu Beginn.

3.2 Die oberste Leitung der Pharisäer und ihr zerstörerisches Regelwerk
3.2.1 Behandlung von „Problempost“ durch die leitende Körperschaft

Darüber hinaus brachte Präsident Knorr ab und an auch “Problempost“ mit, Anfragen zu bestimmten Handlungsweisen einzelner Zeugen Jehovas, wobei das Gremium entscheiden sollte, wie in jedem Fall zu verfahren sei, ob die Handlungsweise einen Gemeinschaftsentzug erforderte oder weniger streng geahndet werden sollte, oder ob überhaupt nichts zu unternehmen sei. In jener Zeit (und noch bis 1975) wurde bei allen Entscheidungen Einstimmigkeit erwartet. Gewöhnlich stellte nach einer Diskussion jemand einen Antrag, ein zweiter befürwortete ihn, und dann bat der Vorsitzende um das Handzeichen. Kam eine einstimmige Entscheidung nicht zustande, weil dieser oder jener einem Antrag nicht zustimmen konnte, so wurde im allgemeinen ein Kompromiß gesucht, dem alle zustimmen konnten. Die natürliche Folge davon war, daß man unter einem gewissen Druck stand, mit der Mehrheit zu stimmen, statt als einzelner eine andere Meinung zu vertreten und so den Eindruck zu erwecken, man stehe außerhalb und zerstöre die Harmonie. Es gab Abstimmungen, bei denen ich nicht die Hand hob, doch in der Regel schloß ich mich den anderen an. Die wenigen Male, bei denen jemand einen Kompromiß vorschlug, weil ich nicht mit abgestimmt hatte, habe ich gewöhnlich eingelenkt und mich der Mehrheit angeschlossen, auch wenn der Kompro­mißvorschlag nicht vollständig akzeptabel für mich war. Man bekam das Gefühl, man müsse einlenken, um eine zügige Entscheidung nicht zu blockieren. Doch dann tauchten Fragen auf, bei denen mir dies immer schwerer fiel.

3.2.2 Entscheidungsfinden über das Gewissen des Einzelnen hinweg:
Pharisäischer Dschungel von kleinlichen Regeln

Die Diskussionen in den Sitzungen drehten sich beispielsweise um die Frage, ob ein Vater für das Ältestenamt qualifiziert ist, wenn er seinem Sohn oder seiner Tochter mit nur achtzehn Jahren zu heiraten erlaubt; ob jemand Ältester sein darf, der es zuläßt, daß sein Sohn oder seine Tochter eine [46] Hochschule besucht;[5] ob jemand Ältester werden kann, der im Schicht­dienst arbeitet und manchmal (wenn er gerade Nachtschicht hat) die Zusammenkünfte versäumt; ob sich Älteste mit Indizienbeweisen für Ehebruch zufriedengeben dürfen oder mit der Aussage einer Frau, ihr Mann habe ihr den Ehebruch gestanden, und ob dann vom biblischen Standpunkt aus eine Scheidung und Wiederheirat zulässig sei; ob eine Scheidung biblisch rechtskräftig ist, wenn im Falle eines Ehebruchs der Schuldige und nicht der Unschuldige die Scheidung eingereicht hat;[6] inwieweit eine Scheidung wirksam sein kann, die aus anderen Gründen als Ehebruch ausgesprochen wurde, bei der aber hinterher Beweise für einen Ehebruch vor der Scheidung auftauchen; wie die Sache zu sehen ist, wenn eine Scheidung aus solchen Gründen ausgesprochen wird und es hinterher zu Ehebruch kommt; ob ein unschuldiger Ehepartner, der mit seinem ehebrecherischen Partner Geschlechtsverkehr hat (nachdem er von dessen Untreue erfuhr), deswegen kein Recht mehr hat, sich von seinem Partner scheiden zu lassen und jemand anders zu heiraten; ob ein Zeuge eine Geldstrafe zahlen soll, die ihm auferlegt wurde, weil er in Ausübung seiner Zeugnistätigkeit oder wegen des Eintretens für einen anderen Glaubenssatz ein Gesetz übertreten hat;[7] ob man Bedürftigen durch das Rote Kreuz Lebensmittel oder andere Hilfsgüter zukommen lassen dürfe (hierbei ging es vor allem darum, daß das Kreuz ein religiöses Symbol ist und das Rote Kreuz daher sozusagen als eine Art Religionsorganisation angesehen werden könne; die Diskussionen hierüber dauerten recht lange und mußten auf eine andere Sitzung vertagt werden); ob es richtig ist, wenn die Gesellschaft weiterhin Gelder für bestimmte Länder (beispielsweise Indonesien) auf nicht offiziellem Weg transferiert, um mehr aus dem Dollar herauszuschlagen, selbst wenn dies gegen Gesetze des betreffenden Landes verstößt, ob man Ausrüstungsgüter in bestimmte Länder auf eine Weise schaffen sollte, daß dabei die Entrich­tung hoher Zölle umgangen wird; ob Zeugen, die in der Gewerkschaft sind, Streikposten sein dürfen oder statt dessen in der Gewerkschaftsgeschäfts­stelle reinemachen können; ob Zeugen einer Einberufung zum Militär Folge leisten können, durch die sie lediglich zur Arbeit auf Baumwollfeldern herangezogen werden sollen (wie in Bolivien geschehen).

3.2.3 Entscheidungen auf höchster Ebene mit einschneidenden Konsequenzen für die Betroffenen

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Themen, die in den ersten zwei Jahren meiner Tätigkeit in dem Gremium zur Sprache kamen. Unsere Entscheidungen hatten für die Betroffenen beträchtliche Konsequenzen. In Scheidungsfragen beispielsweise haben die Ältesten der Versammlung die Funktion eines Kirchengerichts, und wenn sie von der Gültigkeit einer [47] gesetzlichen Scheidung nicht überzeugt sind, dann wird derjenige, der nach einer Scheidung wieder heiratet, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Neben den bereits erwähnten Themen gab es noch eines, das großen Wirbel hervorrief. Es ging um ein Ehepaar aus Kalifornien, beide Zeugen Jehovas, bei denen jemand im Schlafzimmer Schriften und Bilder mit Darstellungen ungewöhnlicher Sexualpraktiken gesehen hatte. (Ich kann mich nicht erinnern, daß wir erfahren hätten, wie derjenige, der davon berichtete, eigentlich Zugang zu dem Schlafzimmer erlangt hatte.) Ermittlungen der Ältesten am Ort ergaben, daß das Ehepaar beim Geschlechtsverkehr tat­sächlich auch andere Praktiken als den einfachen Genitalkontakt pflegte.[8] Die Ältesten schrieben nach Brooklyn, und die leitende Körperschaft sollte nun beschließen, ob gegen das Ehepaar etwas unternommen werden sollte, und wenn ja, was.

Keiner von uns, die wir an dem Vormittag diese Anfrage vom Präsidenten vorgelesen bekamen, hatte sich mit dieser Frage vorher beschäftigen kön­nen. Und doch wurde nach nur wenigen Stunden die Entscheidung gefällt, daß dem Ehepaar die Gemeinschaft zu entziehen sei. Später wurde das als offizielle Lehrmeinung veröffentlicht und galt für alle Personen, die sich vorsätzlich ähnlicher Praktiken bedienten.[9]

3.2.4 Zensur der Sexualität des einzelnen Christen und das Erziehen hin zum Denunzianten

Die Veröffentlichung wurde so verstanden und angewendet, daß Ehegatten sich gewöhnlich verpflichtet fühlten, den Ältesten Mitteilung zu machen, wenn derartige Praktiken in ihrer Ehe gepflegt wurden, ganz gleich ob im gegenseitigen Einverständnis oder auf Initiative nur eines Partners hin. (Im letztgenannten Fall wurde von dem Partner, der nicht die Initiative ergriffen hatte, erwartet, daß er sich von allein bei den Ältesten meldete, sofern der Partner, der dies verlangt hatte, dazu nicht bereit war.) Sich nicht von allein zu offenbaren gilt gemeinhin als Indiz für eine reuelose Haltung und wird als Anzeichen für die Notwendigkeit eines Gemeinschaftsentzugs angesehen. Dabei übt der Glaube, daß man durch den Gemeinschaftsentzug von der einzigen Organisation abgeschnitten wird, bei der Errettung zu finden ist, obendrein noch von allen Freunden und Verwandten, einen so großen Druck aus, daß sich die Betreffenden fügen, wenn das Geständnis (oder die Mitteilung) gegenüber den Ältesten auch noch so schwer fällt.

Die Entscheidung der leitenden Körperschaft aus dem Jahre 1972 führte zu einer stattlichen Anzahl von „Komiteeverhandlungen“, in denen die Älte­sten solchen Mitteilungen oder Geständnissen über Sexualpraktiken nach­gingen. Frauen waren in solchen Anhörungen auf das Peinlichste betroffen, wenn sie Fragen der Ältesten über die intimsten Ehegeheimnisse zu beantworten hatten. Viele Ehen, in denen einer der Partner kein Zeuge war, [48] machten eine stürmische Zeit durch, da der Partner, der dem Glauben nicht angehörte, sich vehement wehrte gegen die seiner oder ihrer Ansicht nach unrechtmäßige Einmischung in private Eheangelegenheiten. Einige Ehen zerbrachen daran und wurden geschieden.[10]

3.2.5 Das Intimleben von Jehovas Zeugen unter dem Seziermesser

In den folgenden fünf Jahren ging eine noch nie dagewesene Flut von Briefen ein. In den meisten wurde Zweifel daran geäußert, daß es überhaupt eine biblische Grundlage für die Mitglieder der leitenden Körperschaft gab, sich derartig in das Privatleben anderer einzumischen, und es klang durch, daß man die Stichhaltigkeit der offiziellen Begründung hierfür nicht einsehen könne. (Diese stützte sich vor allem auf Römer, Kapitel, Verse 24 – 27, wo von Homosexualität die Rede ist, und nach Ansicht der Briefeschreiber sei nicht erkennbar, wie eine Anwendung des Textes auf heterosexuelle Beziehungen bei einem Ehepaar zu rechtfertigen sei.) Andere Briefe, oft solche von Ehefrauen, zeugten einfach von einer großen Verwirrung und einer Qual wegen der Unsicherheit darüber, ob das vom Briefschreiber praktizierte Vorspiel nun zulässig sei.

Eine Frau teilte mit, sie habe mit einem Ältesten gesprochen, und er habe ihr gesagt, sie solle an die leitende Körperschaft schreiben, „um ganz sicher zu gehen“. So schrieb sie den Brief, erklärte, ihr Mann und sie liebten sich innig, beschrieb dann eine bestimmte Art von Vorspiel, an die sie sich beide gewöhnt hätten, und fügte hinzu: „Meiner Meinung nach ist das eine Sache des Gewissens, doch ich schreibe an Euch, um ganz sicher zu gehen.“ Sie schloß mit den Worten:

„Ich habe schreckliche Angst, und ich fühle mich so verletzt, und diesmal habe ich vor allem die Sorge, wie (mein Mann) über die Wahrheit denken wird … Ich weiß, daß ihr mir sagen werdet, was ich tun soll.“

In einem anderen typischen Brief schreibt ein Ältester, er habe ein Problem, das ihn sehr bewege, und dafür sei es seiner Ansicht nach das Beste, „sich an die ,Mutter‘ um Rat zu wenden“.[11] Das Problem bezog sich auf sein eheliches Sexualleben. Seine Frau und er seien sich im unklaren darüber, „wie weit man beim Vorspiel zum Geschlechtsakt genau gehen kann“. Er versicherte der Gesellschaft: „Meine Frau und ich werden jeden Rat, den Ihr uns gebt, genauestens befolgen.“

Diese Briefe zeigen, welch absolutes Vertrauen diese Menschen in die leitende Körperschaft zu setzen gelernt hatten, Sie glaubten, die Männer in diesem Gremium könnten ihnen sagen, „wie weit man gehen kann“, selbst [49] in solch intimen Bereichen ihres Privatlebens, und meinten, sie müßten das dann „genauestens befolgen“.

3.2.6 Detaillierte Betriebsanweisungen zum Vor- und Nachspiel im Bett

Die Gesellschaft verschickte viele Antwortbriefe zu diesem Thema. Man bemühte sich darin oft um eine begrenzte Klarstellung (wobei man Dinge sagte, ohne sie direkt beim Namen zu nennen), welches sexuelle Vorspiel zu den verurteilten Handlungen gehörte, so daß andere Varianten dadurch ausgenommen wurden.

In einem Bürovermerk eines Mitarbeiters der Dienstabteilung der Gesell­schaft vom Juni 1976 wird über ein Telefongespräch mit einem Unterweiser der Schulungskurse für Älteste berichtet. Diesem internen Vermerk zufolge rief der Dozent wegen eines Ältesten in einem seiner Seminare an, der sich zu bestimmten mißbilligten sexuellen Praktiken in seiner Ehe bekannt hatte. Wörtlich heißt es:

„Bruder (es folgt der Name des Dozenten) besprach die Angelegenheit eingehend mit ihm, um herauszufinden, ob es sich wirklich um orale Kopulation handelte. … (Der Dozent) teilte ihm mit, in Anbetracht der Umstände solle er mit den anderen im Komitee sprechen. Zufällig waren die beiden anderen Mitglieder des Komitees im selben Kurs, und so ging er zu ihnen und sprach mit ihnen. (Der Dozent) weiß nun nicht, wie es weitergehen soll. … Ihm wurde vorgeschlagen, er solle den Fall der Gesellschaft ausführlich schildern, damit er in Zukunft genau weiß, was er zu tun hat, und nicht anzurufen braucht.“

Hieran wird deutlich, wie weit in den Intimbereich die Befragungen gingen und wie fest die Zentrale die Fäden in der Hand hielt.

3.3 Das eingeimpfte Pflichtgefühl, daß jeder jeden kontrollieren soll
3.3.1 Das künstlich erzeugte Pflichtgefühl die Ältesten über jedes Detail zu informieren

Immer wieder lassen die Briefe erkennen, daß die Betroffenen sich wirklich Gott gegenüber verpflichtet fühlten, den Ältesten über jede Abweichung von der Vorschrift der leitenden Körperschaft Mitteilung zu machen. Einem Mann in einem Staat des Mittelwestens, der sich dazu bekannt hatte, gegen eine Entscheidung der leitenden Körperschaft über seine ehelichen Bezie­hungen verstoßen zu haben, sagten die Ältesten, sie würden deswegen an die Gesellschaft schreiben. Er schrieb selbst noch einen Brief dazu. Acht Wochen vergingen, und schließlich schrieb er noch einmal nach Brooklyn:

„Das Warten, die Angst und die Spannung sind fast mehr, als ich ertragen kann.“ Er schrieb, man habe ihn aller Aufgaben in der Versammlung enthoben, er dürfe auch nicht mehr bei den Zusammenkünften beten, und weiter: „Mit fast jeder Woche verliere ich etwas, worum ich 30 Jahre lang gebetet und wofür ich mich abgemüht habe.“ Er bat um eine baldige Antwort:

„Ich muß von der drückenden Last befreit werden, nicht zu wissen, wie ich vor Jehovas Organisation stehe.“ Manche Ältesten bemühten sich, die Sache etwas weniger forsch anzuge­hen. Dann konnte es ihnen aber passieren, daß sie dafür von der Zentrale in Brooklyn gerügt wurden. Hier ein Beispiel: [50]

SCE:SSE 4. August 1976

An die Ältestenschaft
der Versammlung Mxxxxxxxxxx
Wxxxxxxx, Mxxxxxxxxxx

Liebe Brüder!

Wir halten einen Brief des Komitees der Versammlung Sxxxxxxx in Händen, in dem von Jxxxxxxxxx die Rede ist.

Laßt uns bitte wissen, ob Älteste Eurer Versammlung unrichtigen Rat in Fragen des oralen Geschlechtsverkehrs erteilt haben. Sollten Älteste gegenüber Ver­heirateten gesagt haben, es sei nicht verkehrt, wenn sie Oralverkehr hätten, so fragen wir, auf welcher Grundlage dieser Rat gegeben wurde. Falls verkehrter Rat erteilt worden ist, so teilt uns bitte mit, ob geeignete Schritte unternommen worden sind, den falschen Eindruck bei den Empfängern des Rats zu korrigieren. Laßt uns auch wissen, ob die beteiligten Ältesten inzwischen mit den von der Gesellschaft in den Veröffentlichungen wiedergegebenen Äußerungen über oralen Geschlechtsverkehr übereinstimmen.

Wenn jemand von Euch Ältesten anderen Personen gesagt hat, oraler Geschlechts­verkehr sei als Vorspiel zum eigentlichen Geschlechtsverkehr erlaubt, dann war dieser Rat unrichtig.

Wir danken für die Aufmerksamkeit, die Ihr der obigen Angelegenheit widmet. Möge Jehovas Segen mit Euch sein, während Ihr Euch bemüht, Eurer Verantwortung als Älteste stets in vorbildlicher Weise nachzukommen.

Eure Brüder

Kopie an:
Rechtskomitee der
Versammlung Sxxxxxxxxx

der Zeugen Jehovas, Kalifornien

Der vorstehende Brief ist die Übersetzung einer Fotokopie des Originals, das die Dienstabteilung der Gesellschaft an eine Ältestenschaft verschickt hat (Namen und Ortsangaben wurden unkenntlich gemacht).[12] [51] Interessanterweise waren einige Älteste sogar der Ansicht, die Haltung der leitenden Körperschaft sei viel zu lasch und gehe noch nicht weit genug. In einem Brief von einem Ältesten aus den USA heißt es:

„Einige der älteren Brüder waren der Ansicht, die leitende Körperschaft hätte noch weiter gehen sollen in ihrer Verurteilung widernatürlicher Praktiken unter Eheleu­ten und auch bestimmte Stellungen beim Geschlechtsakt verbieten sollen … „

Weiter unten sagt der Älteste, wie er selbst darüber denkt:

„Da Jehova in diesem (18.) Kapitel von 3. Mose wie auch in den anderen Kapiteln über Fragen der Sexualität so sehr ins Detail geht, weshalb wird den Eheleuten dann nichts über annehmbare und nicht annehmbare Stellungen bei der geschlechtlichen Vereinigung gesagt? Wenn Jehova gewollt hätte, daß dieser eheliche Privatbereich den Nachforschungen oder Ansichten der Richter oder der älteren Männer offenstehen sollte, hätte er das dann nicht getan, damit geeignete Maßnahmen gegen Übertreter ergriffen werden konnten?“

3.3.2 Ein Regelwerk, das das Leben von Menschen auf tiefster Ebene des Liebeslebens beeinflusst

Von der Richtlinie der Gesellschaft mit betroffen waren unter anderem auch Menschen, deren normale Sexualfunktionen durch eine Operation oder einen Unfall stark beeinträchtigt waren. Manche gaben ihrem Kummer darüber Ausdruck, daß sie nun durch die Entscheidung der leitenden Körperschaft in eine so mißliche Lage gebracht wurden.

Ein Mann, der auf solche Weise impotent geworden war, hatte in den darauf folgenden Jahren durch die Anwendung eines jetzt von der Organisation verurteilten Mittels noch einen Anteil am Sexualleben nehmen können. Er sagte, vor der Entscheidung der leitenden Körperschaft habe er sich wenig­stens noch halbwegs als Mann fühlen können, weil er seiner Frau immer noch Freude bereiten konnte. Er könne, so schrieb er, nicht erkennen, wo die biblische Grundlage für die im Wachtturm vertretene Position zu finden sei, seine Frau fühle sich aber daran gebunden, und er habe nachgegeben, weil er sie liebe. Zwar wisse er, daß er noch immer derselbe Mensch sei, doch seelisch gehe er vor die Hunde, da er ernsten Schaden für seine Ehe befürchte. Flehentlich bat er, man möge ihm mitteilen, ob es nicht in Gottes Willen ein „Schlupfloch“ gebe, das ihm ermögliche, seiner Frau Freude zu bereiten.

3.3.3 Das Gewissen von Ältesten unter Zerreißprobe

In solcher und ähnlicher Sachlage wurde das Gewissen der Ältesten, die gegen Übertreter dieser Richtlinie der leitenden Körperschaft vorgehen mußten, schwer belastet. Der oben bereits erwähnte Älteste schreibt am Schluß seines Briefes folgendes:

„Ich kann biblische Gesetze und Grundsätze nur in dem Maße anwenden, in dem ich auch dahinterstehen und sie als Vertreter Jehovas und Christi Jesu ehrlich akzeptieren kann. Und wenn ich diese Gesetze und Grundsätze als Ältester in der Versammlung auszuführen habe, dann will ich das nicht deswegen tun, weil ich nun mal glaube, daß dies die Organisation Jehovas ist und ich ihr folge, ganz gleich, was sie von mir verlangt, sondern ich tue es, weil ich wirklich glaube, daß das völlig mit der Bibel übereinstimmt. Für mich soll auch in Zukunft gelten, wozu der Apostel Paulus in 1. Thessalonicher, Kapitel 2, Vers 13, ermahnt, nämlich das Wort Gottes anzunehmen, nicht als Menschenwort, sondern als das, was es wahrhaftig ist, als das Wort Gottes.“ [52]

Wenn ich die erwähnten Sexualpraktiken persönlich auch ganz und gar nicht befürworte, so kann ich doch ehrlich sagen, daß ich den Gemein­schaftsentzugsbeschluß, den das Gremiumfaßte, nicht befürwortete. Mehr aber auch nicht. Denn bei der Abstimmung habe ich mich der Mehrheit gefügt. Es war mir gar nicht recht, als ich den Auftrag bekam, die Texte zur Begründung der Entscheidung auszuarbeiten, doch ich nahm an und schrieb das, was gewünscht wurde, ganz gemäß der Linie des Beschlusses. Ich kann also von mir nicht sagen, ich hätte im Sinne der von dem Ältesten gerade beschriebenen vorbildlichen Einstellung gehandelt. Ich glaubte, die Organi­sation sei das einzige Instrument, dessen sich Gott auf Erden bedient, und so tat ich dies damals ohne sonderliche Gewissensqualen.

3.4 Der unheilige „heilige Geist“, der sich in unheiliger Form irrt und willkürlich korrigiert
3.4.1 Frühere Entscheidungen werden umgestossen: Wo war da der „heilige Geist“?

Die umfangreiche Korrespondenz zu diesem Thema hat die leitende Körper­schaft fast überhaupt nicht erreicht, da sie von Mitarbeitern der Korrespon­denzabteilung erledigt wurde oder von der Dienstabteilung. Ich bin aber sicher, daß Mitglieder der leitenden Körperschaft (wahrscheinlich durch private Kontakte und Gespräche) darauf aufmerksam gemacht wurden, sie hätten sich nach allgemeiner Ansicht unangemessen in das Privatleben anderer eingemischt. Als nach über fünf Jahren das Thema schließlich wieder auf der Tagesordnung stand, wurde die alte Entscheidung umgesto­ßen, und die leitende Körperschaft zog sich aus diesem Intimbereich des Lebens anderer Leute wieder zurück. Wiederum erhielt ich den Auftrag, etwas schriftlich auszuarbeiten, diesmal um die Änderung bekanntzuge­ben. Es bedeutete für mich eine gewisse persönliche Befriedigung, zugeben zu können – wenn auch mehr durch die Blume -, daß die Organisation sich geirrt hatte.

Der Text erschien im Wachtturm vom 15. Mai 1978, Seiten 30, 31, wo es unter anderem hieß:

„Nach sorgfältiger weiterer Erwägung dieser Frage ge­langen wir jedoch aufgrund des Fehlens deutlicher bi­blischer Anweisungen zu der Überzeugung, daß es sich dabei um etwas handelt, wofür ein Ehepaar selbst die Verantwortung vor Gott übernehmen muß, und daß es nicht die Aufgabe der Versammlungsältesten ist, das Verhalten in solchen ehelichen Intimbeziehungen zu be­stimmen oder jemandem lediglich aufgrund derartiger Handlungen die Gemeinschaft zu entziehen damit soll nicht gesagt werden, daß die verschiede­nen heute gepflegten sexuellen Handlungen gutgeheißen würden, denn so sind diese Ausführungen keineswegs gedacht. Durch sie kommt lediglich das Bewußtsein für die Verpflichtung zum Ausdruck, die Bibel entscheiden zu lassen und keinen dogmatischen Standpunkt in Fäl­len einzunehmen, in denen es mangels biblischer Be­weise keine ausreichende Grundlage dafür gibt.“

Genau so dachte ich eigentlich in bezug auf äußerst viele Fragen, mit denen man uns konfrontierte, daß es nämlich bei den meisten Dingen, über die wir entschieden, keine biblische Grundlage für dogmatische Festlegungen gab. Das habe ich aus diesem Anlaß auch gesagt, und für den vorliegenden Fall [53] stimmte man mir zu. Später habe ich diese Meinung immer wieder vertreten, aber wenig Widerhall gefunden.

Wenn ich die mir vorliegenden Briefe anschaue, von denen ich einige wiedergeben habe, so erscheint mir die Genugtuung, die ich beim Abfassen der Berichtigung empfunden haben mag, ziemlich hohl. Ich bin mir viel­mehr im klaren darüber, daß es auch durch noch so viele Worte nicht möglich ist, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen, all die Pein­lichkeiten, die Verunsicherungen und seelischen Leiden, die quälenden Schuldgefühle und die zerrütteten Ehen, zu denen es als Folge der ersten Entscheidung kam, einer Entscheidung, die innerhalb weniger Stunden von Männern gefällt wurden, die ganz kalt an die Sache herangingen, ohne zuvor darüber in Kenntnis gesetzt worden zu sein und nachgedacht zu haben, ohne gesondert darüber zu beten oder die Schrift zu erforschen. Und doch hatte ihre Entscheidung fünf Jahre lang weltweit Gesetzeskraft und brachte vielen Menschen Folgen, an denen sie ein Leben lang zu tragen haben. All das wäre nicht nötig gewesen.

3.4.2 Ist außerehelicher Analverkehr mit Ehebruch identisch?

Ein anderes Problem, das aufkam, war ähnlicher Art wie das eben behan­delte. Es betraf eine Zeugin Jehovas in Südamerika, deren Ehemann zugege­ben hatte, mit einer anderen Frau sexuelle Beziehungen gehabt zu haben. Die Schwierigkeit lag darin, daß er angab, die Beziehungen seien von der Art wie im zuvor beschriebenen Fall, nur daß es sich diesmal um analen statt genitalen Verkehr handelte.

Die Entscheidung der leitenden Körperschaft lautete, der Tatbestand des Ehebruchs sei nicht erfüllt. Für Ehebruch sei in jedem Fall genitale Kopula­tion erforderlich, bei der eine Zeugung von Kindern möglich sei. Darum sei der Mann nicht „ein Fleisch“ mit der anderen Frau geworden, und – so der Beschluß – die Ehefrau habe keinen biblischen Grund für eine Scheidung und zukünftige neue Eheschließung.

Nach der damals geltenden Norm mußten Entscheidungen einstimmig gefallt werden, und so fügte ich mich. Ich fühlte mich aber zutiefst beunruhigt, wenn ich an die Frau dachte, der jetzt mitgeteilt wurde, sie habe nach der Bibel kein Recht, sich in einer derartigen Situation von ihrem Mann loszusagen. Zugleich folgte aus der Entscheidung, daß man sich nach der Bibel von einem Ehemann, der sich homosexueller Handlungen oder sogar geschlechtlicher Beziehungen zu einem Tier schuldig machte, nicht scheiden lassen dürfte, da ein Mann nicht mit einem anderen Mann oder mit einem Tier in dem Sinne „ein Fleisch“ werden kann, das dadurch Nach­kommen gezeugt werden. Das war zu Anfang jenes Jahres sogar ausdrück­lich so im Wachtturm gesagt worden.[13]

3.4.3 Den kleinen Unterschied zwischen „Ehebruch“ und „Hurerei“ gilt es zu beachten!

Aus meiner tiefen Beunruhigung heraus machte ich mich an eine genauere Analyse der im griechischen Originaltext von Matthäus, Kapitel 19, Vers 9, gebrauchten Wörter. In der Neuen-Welt-Übersetzung der Gesellschaft werden Jesu Worte an dieser Stelle wie folgt wiedergegeben: [54]

„Ich sage euch, daß wer immer sich von seiner Frau scheiden läßt, ausgenommen aufgrund von Hurerei, und eine andere heiratet, Ehebruch begeht.“

Zwei verschiedene Begriffe werden verwendet, „Hurerei“ und „Ehebruch“. In den Wachtturm-Veröffentlichungen hatte es aber seit Jahrzehnten geheißen, sie bezögen sich im wesentlichen alle beide auf dasselbe; unter Hurerei sei zu verstehen, daß ein Mann mit einer anderen als seiner Ehefrau ehebrecherische Beziehungen hat (beziehungsweise eine Frau mit einem Mann, der nicht ihr Ehemann ist). Warum, so fragte ich mich, gebrauchte Matthaus zwei verschiedene Wörter (porneia und moikheia), um den Ausspruch Jesu wiederzugeben, wenn doch in beiden Fällen dasselbe gemeint ist, nämlich Ehebruch?

Ein Durchforsten der vielen Übersetzungen, Bibelwörterbücher, Kommen­tare und Lexika in der Bethel-Bibliothek förderte den Grund bald zutage. In praktisch jedem Buch, das ich aufschlug, stand, daß der griechische Begriff porneia (der in der Neuen-Welt-Übersetzung mit „Hurerei“ wiedergegeben wurde) sehr weit gefaßt war und ALLE Arten sexueller Unmoralumfaßte, weshalb er in vielen Bibelübersetzungen einfach mit „Unmoral“, „sexuelle Unmoral“, „Unkeuschheit“ oder „Unzucht“ übersetzt wird.[14] Aus den Lexika ging klar hervor, daß der Ausdruck auch auf homosexuelle Beziehun­gen Anwendung fand. Schlüssig wurde das ganze für mich aber erst, als ich herausfand, daß in der Bibel selbst porneia in Judas, Vers 7, gebraucht wird, um damit die berüchtigten homosexuellen Handlungen der Leute von Sodom und Gomorrha zu bezeichnen.

Ich legte die Ergebnisse meiner Nachforschungsarbeit in einem 14seitigen Schriftsatz nieder und machte davon für jeden in der leitenden Körperschaft eine Kopie. Ich wußte allerdings nicht, wie das aufgenommen werden würde. So ging ich zu Fred Franz ins Büro, sagte ihm, was ich getan hatte, und sprach von meinen Bedenken wegen der Reaktion der anderen. Seine Antwort: „Ich glaube nicht, daß es da Schwierigkeiten geben wird.“

Diese Antwort war nur kurz, doch sie war sehr zuversichtlich gesprochen worden. Als ich fragte, ob er lesen wolle, was ich herausgefunden hatte, lehnte er ab und sagte noch einmal, seiner Meinung nach werde es „keine Probleme“ geben. Ich hatte den Eindruck, daß er über einige Punkte bereits im Bilde war, doch wie lange schon, das konnte ich nicht erfahren. Da die Neue-Welt-Übersetzung der Gesellschaft hauptsächlich sein Werk war, dachte ich, er müsse zumindest einen Hinweis auf die wahre Bedeutung des Wortes porneia („Hurerei“) erhalten haben.[15] [55]

Als in der Sitzung der leitenden Körperschaft die Sprache auf dieses Thema kam, wurde das von mir vorgelegte Material akzeptiert, nachdem Fred Franz seine Zustimmung gegeben hatte, und ich sollte Artikel für den Wacht­turm schreiben, in denen die neue Sachlage dargestellt wurde.[16]

3.4.4 Veränderung der Grundsätze, aber der angerichtete Schaden bleibt! Wer zeichnet verantwortlich?

Ich entsinne mich noch, daß einige Zeit nach Veröffentlichung dieser Artikel ein Brief von einer Zeugin eintraf, die einige Jahre zuvor herausge­funden hatte, daß ihr Mann mit einem Tier geschlechtlich verkehrte. „Mit so einem Mann konnte ich nicht zusammenleben“, sagte sie und ließ sich scheiden. Später verheiratete sie sich wieder. Daraufhin wurde sie dafür aus der Versammlung ausgeschlossen, da sie „nicht biblisch frei war“. Nach­dem die Wachtturm-Artikel herausgekommen waren, schrieb sie und bat darum, daß in Anbetracht der jetzt veränderten Grundsätze etwas unter­nommen werde, sie von der Schmach zu befreien, die wegen des Gemein­schaftsentzugs auf ihrem Namen lastete. Ich konnte ihr nur antworten, daß die Artikel für sich allein ihre Handlungsweise bereits rechtfertigten. Obwohl es wiederum eine Genugtuung war, die Artikel zu schreiben, in denen die irrige Ansicht der Organisation zugegeben und berichtigt wurde, blieb doch die ernüchternde Erkenntnis zurück, daß damit der Schaden niemals wiedergutgemacht werden konnte, den die vorherige Lehrmeinung über Jahrzehnte hinweg bei zahllosen Menschen angerichtet hatte, nur Gott weiß bei wie vielen.

3.4.5 Leitende Körperschaft: Höchster Gerichtshof, höchste Verantwortlichkeit!

Die leitende Körperschaft war damals gleichzeitig Gerichtshof und gesetz­gebende Körperschaft, denn ihre Entscheidungen und Maßgaben hatten für alle Zeugen Jehovas bindende Gesetzeskraft. Sie war in dem Sinn eine „Leitende Körperschaft“, in dem man auch den Sanhedrin in biblischen Zeiten als solche bezeichnen konnte, da er ähnliche Funktionen ausfüllte. Ebenso wie damals alle auftauchenden Fragen, die Gottes Namenvolk betrafen, dem Sanhedrin in Jerusalem zur Klärung vorgelegt wurden, so auch heute der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas in Brooklyn. Sie übte aber, entgegen ihrem Namen, keinerlei Leitungsfunktionen aus. Entscheidungsbefugnis und administrative Verantwortung lagen allein beim Präsidenten der Gesellschaft, Nathan H. Knorr. Das hatte ich nicht erwartet, denn im Jahr meiner Ernennung hatte Vizepräsident Franz eine Rede gehalten, die später im Wachtturm vom 1. April 1972 abgedruckt wurde, in der er die Rolle der leitenden Körperschaft beschrieb. Darin hatte er den Gegensatz zwischen ihr und der Gesellschaft, der Watch Tower Bible andTract Society, hervorgehoben. Manche nannten dies die Ansprache vom „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, wegen einer darin gebrauchten ungewöhnlich offenen und freimütigen Formulierung. Immer wieder betonte er, die Gesellschaft sei lediglich ein „Verwaltungsorgan“, dessen sich die leitende Körperschaft bediene, damit es ihr „vorübergehend nützli­che Dienste leisten“ solle (Seiten 210, 215 und 216): [56]

„Diese weltumspannende Evangelisie­rungsorganisation richtet sich nicht nach einer heute bestehenden, gesetzlich eingetragenen Körperschaft, die den gesetzlichen Bestim­mungen einer der von Menschen geschaffenen Regierungen entsprechen mag, denen nun die Vernichtung im „Krieg des großen Tages Got­tes, des Allmächtigen“, in Har-Magedon, be­vorsteht. (Offb. 16: 14-16) Keine gesetzlich eingetragene Körperschaft der Welt steuert oder leitet diese Evangelisierungsorganisation. Im Gegenteil, sie leitet solche Körperschaften, die in diesem Werk des großen Theokraten vorübergehend nützliche Dienste leisten. Sie ist deshalb dem von Gott bestimmten Zweck entsprechend aufgebaut. Sie ist eine theokra­tische Organisation, die von oben, von Gott, nach unten, nicht von unten, von Menschen, nach oben regiert wird. Ihre Gott hingegebe­nen, getauften Glieder unterstehen einer Theokratie! Die irdischen, gesetzlich einge­tragenen Körperschaften werden zu beste­hen aufhören, wenn die von Menschen ge­schaffenen Regierungen, die sie zugelassen haben, nun bald untergehen werden. Die stimm­berechtigten Mitglieder der Gesellschaft sorgen also dafür, daß die leitende Körperschaft möglichst eng mit diesem Verwaltungsorgan zusammenarbeiten und es sich im Interesse des Werkes der Klasse des „treuen und verstän­digen Sklaven“ zunutze machen kann, indem sie Glieder der leitenden Körperschaft in den Vorstand der Gesellschaft wählen. Sie erken­nen an, daß die Gesellschaft nicht die verwal­tende Körperschaft ist, sondern daß sie ledig­lich das ausführende Organ ist. Die stimmberechtigten Mitglieder der Ge­sellschaft möchten also nicht die Vorausset­zungen für einen Konflikt oder Zwiespalt schaffen. Sie mochten es nicht so weit kommen lassen, daß die leitende Körperschaft, die die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ vertritt, von dem „Verwaltungsorgan“, des­sen sie sich bedient, beaufsichtigt und geleitet wird. Schließlich wedelt der Schwanz nicht mit dem Hund. sondern der Hund wedelt mit dem Schwanz. Ein den Bestimmungen des Cäsars entsprechendes religiöses Rechtsinstrument sollte nicht versuchen, seinen Urheber zu be­aufsichtigen und zu leiten, sondern es sollte von seinem Urheber geleitet und beaufsich­tigt werden.“ [57]

Starke Worte waren das. Das Problem war nur, daß diese Darstellung das Gegenteil der wirklichen Verhältnisse war.

Die leitende Körperschaft übte keine Kontrolle über die Gesellschaft aus, weder zu der Zeit, als der Vortrag gehalten wurde, noch als er veröffentlicht wurde, noch in den darauf folgenden vier Jahren.

Das Bild, das hier gemalt wurde, ist dann schließlich doch noch Wirklich­keit geworden, aber erst nach sehr drastischen Anpassungsvorgängen, die leider mit starken Gefühlsausbrüchen und beträchtlichem Streit verbunden waren. So seltsam es Jehovas Zeugen heute erscheinen mag, aber die in dieser Ansprache beschriebene leitende Körperschaft hatte es in der gesam­ten Geschichte der Organisation nie gegeben. Es dauerte über 90 Jahre, bis sie sich endlich herausbildete, und auch heute blickt sie erst auf eine kurze Existenz von gut einem Jahrzehnt zurück. Ich möchte erklären, weshalb ich das sage und wieso es den Tatsachen entspricht.

3.5 Drei Monarchen *
3.5.1 Die wahren Herren über ihr Volk identifizieren!

„Ihr wisset, daß die Herrscher der Völker den Herrn spielen über sie und die Großen sie ihre Macht spüren lassen. Nicht so soll es unter euch sein“ (Matthäus 20:25, 26, Pattloch-Bibel).

Nach außen hin nahm die Geschichte der Zeugen Jehovas so richtig ihren Lauf mit der Veröffentlichung der ersten Ausgabe der Zeitschrift Watch Tower am 1. Juli 1879. Im Jahr 1881 folgte die Gründung der Vereinigung Watch Tower Bible and Tract Society, 1884 dann ihre gesetzliche Eintra­gung. Diese Vereinigung wirkte damals mit Sicherheit nicht „steuernd, leitend oder beaufsichtigend“ auf die leitende Körperschaft der mit dem Watch Tower Verbundenen ein (um mit den Worten des Vizepräsidenten zu sprechen). Das konnte sie auch gar nicht, denn eine leitende Körperschaft gab es zu jener Zeit überhaupt noch nicht.

Charles Taze Russell begann den Watch Tower als seine ganz persönliche Zeitschrift und war ihr alleiniger Herausgeber. Zu seinen Lebzeiten wurde er von allen, die mit der Watch Tower Society verbunden waren, als ihr einziger Pastor angesehen. Die Gesellschaft erhielt zwar nach ihrer Grün­dung einen Vorstand (dem ursprünglich auch Russells Frau Maria ange­hörte), doch wurde dieser nicht als leitende Körperschaft angesehen und übte auch keine derartige Funktion aus. Im Wachtturm vom 1. April 1972 heißt es auf Seite 216 dagegen:

„Wie die Tatsachen zeigen. kam es zu einer Verbindung der lei­tenden Körperschaft mit der Watch Tower Bible and Tract Society of Pensylvania. C.T. Russell gehörte damals, im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, offensichtlich der leitenden Körperschaft an.“ [58]

Und was zeigen die „Tatsachen“ wirklich?

3.5.2 Stimmrechte einer Aktiengesellschaft ergeben den Herrn des Hauses!

Zum Thema Vorstand äußerte sich Russell in einer Sondernummer des Watch Tower vom 25. April 1894 selbst:

„Da Schwester Russell und ich über 3705 von insgesamt 6383 Stimmanteilen verfügen, wählen wir natürlich die Vorstandsmitglieder aus und haben damit die Kontrolle über die Gesellschaft. Damit waren die Vorstandsmitglieder auch von Anfang an einverstanden. Sie sollten vereinbarungsgemäß nur im Fall unseres Ablebens in Funktion treten.“[17]

Russell bewies durch die konsequent von ihm geübte Praxis, daß er die Direktoren oder irgend jemand sonst eindeutig nicht als Teil einer mit ihm gemeinsam fungierenden leitenden Körperschaft ansah. Im Wacht-Turm vom 5. Dezember 1923, Seite 308, heißt es:

„Oftmals, wenn Bruder Russell von anderen befragt wurde: Wer ist denn jener treue und kluge Knecht? – gab er wohl zur Antwort: „Einige sagen, dass ich es sei, während andere sagen, die Gesellschaft ist es.““

Der Artikel fährt dann fort:

„Beides entsprach der Wahrheit, denn Bruder Russell war tatsächlich, im wahrsten Sinne des Wortes, die Gesellschaft, insofern als er ohne Rücksicht auf irgendeine andere Persönlichkeit auf Erden das Wirken der Gesellschaft leitete. Er sagte manchmal andere zur Gesellschaft gehörende Brüder um Rat und hörte an, was sie zu sagen hatten, und handelte dann nach seinem eigenen besten Ermessen, indem er glaubte, daß es des Herrn Wille sei, daß er so handeln solle.“

3.5.3 Russell erklärt sich selbst zum „Mundstück Gottes“

Im Jahre 1907 beantwortete C. T. Russell eine Frage von einigen Lesern des Watch Tower wie folgt:

„Nein, die Wahrheit, die wir als Gottes Mundstück vortragen, sind uns nicht in Gesichten und Träumen offenbart worden, nicht durch eine hörbare Stimme Gottes, auch nicht zugleich auf einmal, sondern allmählich fortschreitend, besonders seit 1870, und ganz besonders seit 1880. Auch ist diese klare Entfaltung der Wahrheit nicht menschlichem Scharfsinn oder scharfer Auffassungsgabe entsprungen, sondern der einfachen Tatsache zu verdanken, daß Gottes rechte Zeit herbeigekommen
ist; und wenn wir nicht redeten und kein anderer zu finden wäre,
so würden gar die Steine schreien.“[18]

[59] Da er sich selbst für „Gottes Mundstück“ und sein Werkzeug zur Offenba­rung der Wahrheit hielt, ist es verständlich, daß er keine Notwendigkeit für eine leitende Körperschaft sah. Ein Jahr nach dieser Äußerung setzte Russell ein Testament auf, das nach seinem Tode im Wacht-Turm vom Februar 1917 erschien. Da sich nirgendwo sonst so klar zeigt, wie umfassend Russells Macht über die Zeitschrift Watch Tower war, ist der vollständige Text im Anhang wiedergegeben. Hier sei nur auf den zweiten Absatz hingewiesen:

„Als ich die Zeitschrift „Zions Wachtturm“, das „Old Theology Cuarterly“, das Recht zum Nachdruck  der „Millennium-Tages-Anbruch-Schriftstudien“, verschiedener anderer, kleinerer Bücher, der Liederbücher usw. der Wachtturm Bibel- und Traktat Gesellschaft zugewendet habe, tat ich es mit der  ausdrücklichen Bedingung, daß ich während meiner Lebenszeit völlige Aufsicht über alle Interessen dieser Veröffentlichungen haben möchte, und daß sie nach meinem Tode in einer meinen Wünschen entsprechenden Weise fortgeführt würden. Hiermit bringe ich meine diesbezüglichen Wünsche, meinen, diese Sache betreffenden Willen wie folgt zum Ausdruck:“

Wiewohl er die Zeitschrift Watch Tower der Gesellschaft zuwendete (bei deren Registrierung im Jahr 1884), betrachtete er sie doch ganz klar als seine Zeitschrift, bei deren Veröffentlichung man sich selbst noch über seinen Tod hinaus nach seinem Willen zu richten hatte. Er gab Anweisung, daß die gesamte herausgeberische Verantwortung für den Watch Tower bei seinem Tode auf ein Herausgeber-Komitee von fünf Männern, die er persönlich ausgewählt hatte, übergehen sollte.[19] Darüber hinaus verfügte er, daß seine Stimmanteile an der Gesellschaft auf fünf Frauen übergehen sollten, die er als Bevollmächtigte benannte. Für den Fall, daß gegen ein Mitglied des Herausgeber-Komitees schwere Vorwürfe erhoben würden und es zweifel­haft wäre, ob es weiter im Amt bleiben könnte, traf er Vorsorge, daß diese Frauen gemeinsam mit den anderen Treuhändern der Gesellschaft (womit offenbar die Direktoren gemeint waren) und den verbleibenden Mitgliedern des Herausgeber-Komitees als Gerichtsbarkeitsausschuß amten sollten.[20]

3.5.4 Autokratie und nicht eine „leitende Körperschaft“! Das ist eine viel spätere Erfindung!

Da ein einzelner keine Körperschaft bilden kann, zeigen die Tatsachen, daß es zu Lebzeiten C. T. Russells, also bis 1916, nicht den Hauch einer leitenden Körperschaft gab. Unter der Präsidentschaft seines Nachfolgers Joseph F. Rutherford war es nicht anders, Man könnte meinen, die Mitglie­der des Herausgeber-Komitees bildeten gemeinsam mit den Vorstandsmit­gliedern der Gesellschaft eine solche leitende Körperschaft, doch die Fakten zeigen, daß dies nicht der Fall war.

Im Januar 1917 wurde Rutherford auf der Jahreshauptversammlung der Gesellschaft zum Nachfolger Russells im Präsidentenamt gewählt. Bereits [60] kurz nach Übernahme der Präsidentschaft gab es eine Auseinandersetzung zwischen ihm und vier der sieben Direktoren (einer Mehrheit also], weil er ihrer Meinung nach eigenmächtig vorging. Er mißachtete den Vorstand und arbeitete nicht mit ihm zusammen, sondern handelte auf eigene Faust und teilte ihm dann hinterher mit, was er entschieden habe. Die vier Direktoren meinten, dies sei ganz und gar nicht im Sinne dessen, was Pastor Russell, der „treue und kluge Knecht“, verfügt hatte. Wegen ihrer Einwände wurden die vier kurzerhand gefeuert.[21]

3.6 Veränderlicher „treuer Knecht“ Russell hin zum kollektiven „treuen Sklaven“
3.6.1 Rutherfords Schachzug als Teufels Advokat und sein Griff nach unumschränkter Macht

Rutherford fand heraus, daß sie zwar von Russell persönlich zu Direktoren auf Lebenszeit bestellt worden waren, die Ernennungen aber nie auf einer Jahreshauptversammlung der Gesellschaft bestätigt worden waren, Nach Aussage Alexander H. MacMillans, eines prominenten Mitarbeiters des Hauptbüros in jenen Tagen, beriet sich Rutherford mit einem außenstehen­den Rechtsanwalt, der ihm bestätigte, daß eine Entlassung aufgrund dieser Tatsache möglich war, jedenfalls rein juristisch gesehen.[22]

Rutherford hatte also die Wahl: Er konnte auf die Einwände der Mehrheit der Vorstandsmitglieder eingehen und sein Verhalten ändern. (Hätte er diese Männer als die Mehrheit einer leitenden Körperschaft im Sinne des Wachtturm von 1972 angesehen, wäre er moralisch dazu verpflichtet gewesen.) Oder er konnte sich die erwähnte juristische Handhabe zunutze machen und kraft seiner Macht als Präsident die widerspenstigen Direkto­ren entlassen.

Er entschied sich für die zweite Möglichkeit und ernannte stattdessen Direktoren seiner Wahl.

Und was wurde aus dem Herausgeber-Komitee? Im Jahr 1925 erhob die Mehrheit dieses Komitees starke Einwände gegen die Veröffentlichung eines Artikels mit dem Titel „Die Geburt der Nation“ (womit gemeint war, „daß das Königreich (1914) zu amten begonnen hatte“). So lesen wir es im Wachtturm vom 15. Juli 1938, Seite 217. Was das für diejenigen bedeutete, die mit dem Präsidenten nicht einer Meinung waren, wird so geschildert: [61]

„Durch des Herrn Gnade aber wurde er veröffentlicht, und das kennzeichnete in der Tat den Beginn des Endes des Herausgeberkomitees, indem es anzeigte, daß der Herr selbst seine Organisation leitet.“

Damit war das Herausgeber-Komitee ausgeschaltet. Rutherford hatte jegli­chen Widerstand gegen seine unumschränkte Herrschaft über die Organisa­tion erfolgreich beseitigt.

3.6.2 War Russell wirklich der behauptete “treue und kluge Knecht“? Wie man Ansichten verändert!

In diesem Zusammenhang ist von Interesse, daß während all dieser Zeit nicht nur in dem Buch Das vollendete Geheimnis (um das es bei dem Streit 1917 vor allem gegangen war), sondern auch im Wachtturm mit großem Nachdruck gelehrt wurde, Pastor Russell sei tatsächlich der in der Bibel vorausgesagte „treue und kluge Knecht“, den der Herr „über seine ganze Habe setzen“ würde“.[23] Die folgenden Passagen aus dem Wacht-Turm vom Juli 1922, Seite 100, zeigen sehr deutlich, wie man diese Lehre benutzte, um die gesamte Anhängerschaft zur vollen Linientreue anzuhalten:

„Treu in Ergebenheit

Treu zu sein bedeutet ergeben zu sein, und dem Herrn ergeben zu sein bedeutet, dem Herrn gehorsam zu sein. Des Herrn auserwähltes Rüstzeug zu verwerfen und zu verschmähen, heisst den Herrn selbst zu verwerfen und zu verschmähen nach dem Grundsatz, dass der, welcher den Knecht verwirft, den der Herr geschickt hat, den Herrn selbst verwirft.

Es ist heute niemand in der gegenwärtigen Wahrheit der ehrlich sagen kann, dass er eine Erkenntnis über den göttlichen Plan aus irgend einer anderen Quelle empfing, als durch die Vermittlung Bruder Russells, direkt oder indirekt. Durch seinen Propheten Hesekiel schattete Jehova den Dienst eines Knechtes vor. Er bezeichnete ihn als einen, der, in weissen Linnen bekleidet, ein Schreibzeug an seiner Hüfte, beauftragt war durch die Stadt (die Christenheit) zu gehen und die zu trösten, welche seufzen indem ihr Verständnis in Bezug auf Gottes grossen Plan erleuchtet wurde. Es sei jedoch bemerkt, dass das eine Gnade war, die nicht von einem Menschen gewährt wurde, sondern von dem Herrn selbst. Aber in Übereinstimmung mit Gottes Plan wurde ein Mensch benützt. Der Mensch, welcher diesen Dienst durch des Herrn Gnade ausführte war Bruder Russell.“

3.6.3 Wer Russell als „treuen Knecht“ verwirft, der verwirft Jesus als Herrn!?

Auch im Wacht-Turm vom 15. Oktober 1923, Seiten 308 und 311, wurde in einem Artikel mit der Überschrift „Die Treue wird geprüft“ die Überein­stimmung mit Russells Lehren und Methoden gleichgesetzt mit der Befol­gung des Willens des Herrn: [62]

„Wir glauben, dass alle, die sich jetzt in der gegenwärtigen Wahrheit freuen, zugeben werden, dass Bruder Russell das Amt des besonderen Knechts des Herrn getreulich ausführte; und ferner, dass er über die ganze Habe des Herrn gesetzt wurde.

Jeder Mitknecht hat seine Fähigkeit oder Tauglichkeit gezeigt und hat dieselbe in dem Masse erhöht, wie er sich freudig dem Willen des Herrn unterworfen hat, indem er in dem Erntefelde des Herrn in Harmonie mit dem Wege des Herrn arbeitete, und zwar war es Bruder Russell, den der Herr dazu gebrauchte, diesen Weg klar zu machen, weil Bruder Russell das Amt dieses „treuen und klugen Knechts“ innehatte. Er tat das Werk des Herrn gemäss dem Wege des Herrn. Wenn somit Bruder Russell das Werk in dem Wege des Herrn tat, so ist irgendein anderer Weg, es zu tun, dem Wege des Herrn zuwider und könnte deshalb nicht ein treues Handeln in den Interessen des Königreiches des Herrn sein.“

Damit war der Fall ganz klar: Entweder man folgte treu den Lehren und der Praxis dieses Mannes, der „über die Habe des Herrn gesetzt“ war (Russell), oder man hatte Jesus Christus verworfen, war mithin vom Glauben abgefal­len. So unverfroren sind menschliche Machtansprüche nur selten formu­liert worden.

3.7 Der unangetastete Machtrausch des Richters Rutherford
3.7.1 Rutherford selbst zeigt sich von Beginn an als Doppelzüngig

Besondere Beachtung verdient deshalb, daß der neue Präsident zur selben Zeit, da diese Behauptungen über Russell aufgestellt wurden, die Vorkeh­rungen, die dieser zu Lebzeiten getroffen hatte, sowie dessen persönliche Auswahl von Männern für Aufsichtsposten bereits wenige Jahre nach dessen Tod über den Haufen warf. Was Russell in seinem Testament verfügt hatte, wurde als rechtlich und offenbar auch moralisch nicht bindend angesehen. Im Wachturm vom 15. Januar 1932, Seite 25, heißt es darüber:

„Die Tatsachen, die wohlbekannt sind und auf die prophetischen Worte Jesu Anwendung haben, sind folgende: 1914 setzte Jehova seinen König auf seinen Thron. Die unmittelbar darauf folgende dreiundeinhalb Jahre boten die Gelegenheit, solche, die die Berufung zum Königreich angenommen hatten, zu prüfen, ob sie selbstsüchtig oder selbstlos wären. Im Jahre 1916 starb der Präsident der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft. Es wurde ein beschriebenes Blatt vorgefunden, das er unterzeichnet hatte, und das sein „Letzter Wille und Testament“ genannt wurde, das aber tatsächlich gar nicht ein „Wille“ war. Es zeigte sich dann, dass Bruder Russell einige Jahre vor seinem Tode eingesehen“ …

[63] … „hatte, daß er nicht einen solchen Willen machen könnte. Das Werk der Organisation Gottes ist nicht der Kontrolle eines Menschen unterworfen und kann nicht durch den Willen irgend eines Menschen dirigiert werden. Es war deshalb nicht möglich, das Werk der Gesellschaft zu des Herrn Verherrlichung und Ehre in der Weise auszuführen, wie es auf jenem Zettel, der ein „Letzter Wille“ genannt wurde, niedergeschrieben war.“

3.7.2 Rutherford verflucht jene, die Menschen bewundern, um nun selbst bewundert zu werden!

Nur acht Jahre zuvor hatte der Wacht-Turm, der „Kanal des Herrn“, beharrlich verkündet, Russell „tat das Werk des Herrn gemäß dem Wege des Herrn“ und daher sei „irgendein anderer Weg, es zu tun, dem Wege des Herrn zuwider“. Jetzt, gut acht Jahre später, bezeichnete man alle, die etwas dagegen einzuwenden hatten, daß Rutherford die Anweisungen des Mannes verwarf, den der Wacht-Turm so vehement als den „treuen und klugen Knecht“ dargestellt hatte, als Menschen, die von Bosheit und Gehässigkeit getrieben würden, als Täter der Ungerechtigkeit:

„Die herausgesammelte oder verworfene Klasse aber weint und heult und knirscht mit ihren Zähnen gegen ihre Brüder, indem sie sagen, daß „Bruder Russells Wille nicht beachtet und der Wachtturm nicht veröffentlicht wird, wie er es angewiesen hat“; sie erheben ihre Hände in heiligem Entsetzen und vergießen Krokodilstränen, weil des Herrn Organisation auf Erden nicht im Eivernehmen mit dem Willen eines Menschen gebraucht wird. Mit anderen Worten, sie gebrauchen diese Vorwände als Grund und Ursache ihres Weinens und Heulens und ihres Kummers. Sie jammern, klagen und weinen, weil sie nicht die Leitung der Gesellschaft in Händen haben. Sie knirschen mit ihren Zähnen gegen die, die in des Herrn Werk tätig sind, und bringen alle erdenklichen Arten der Feindschaft, Bosheit und Lügenaussagen gegen die vor, von denen sie einst sagten, sie wären ihre Brüder. Judas erwähnt in seinem Briefe dieselbe Klasse, und seine Worte setzen genau die Zeit fest, wo dieses Heulen und Weinen beginnt, nämlich zu der Zeit, da der Herr Jesus Christus zum Tempel Jehovas kommt, um zu richten. Er sagt: „Diese sind Murrende, mit ihrem Lose unzufriedene, die nach ihren Lüsten (selbstsüchtigen Wünschen) wandeln; und ihr Mund redet stolze Worte (behauptend, sie seien Gottes Günstlinge), und Vorteils halber bewundern sie Personen (mit anderen Worten, sie bringen ihre Bewunderung für die Person des Menschen zum Ausdruck und wünschen, selbst bewundert zu werden; und ihr Wandel und ihre Handlungsweise entsprechen genau den Worten des Apostels).“ Sie geben in äußerst auf-„

[64] „sässiger Weise vor, dass sie einen Menschen, nämlich Bruder Russell, liebten und ihm ergeben seien; aber sie tun dies offenbar in der Absicht, irgendwelche selbstsüchtigen Vorteile zu gewinnen. Die Erwähnung dieser Dinge und das offenbare Vorhaben des Herrn, sein Volk dies verstehen zu lassen, haben den Zweck, dass des Herrn Volk solche Täter der Ungerechtigkeit meiden solle.“

Ein derart schwankender und unberechenbarer Kurs läßt sich schwer begreiflich machen. Das also sollte der Mitteilungskanal sein, den der Herr Jesus Christus als einzigen für würdig befunden habe, Menschen auf der Erde zu leiten.

3.7.3 Rutherford herrschte seit 1925 als gekrönter Monarch

In Wahrheit war es Rutherford, der seit 1925 die unbestrittene Herrschaft über die Gesellschaft ausübte, und in den darauf folgenden Jahren baute er seine Macht über jeden Bereich der Organisation nur noch mehr aus.[24]

Dazu gehörte die volle Entscheidungsgewalt darüber, was im Kanal des Wachtturms und allen anderen Schriften, die der Austeilung geistiger Speise an alle Versammlungen auf der Erde dienten, veröffentlicht werden durfte. Ich entsinne mich, wie mir mein Onkel bei einer Gelegenheit in seinem Büro erzählte, daß Rutherford einmal der Bethelfamilie eine neue Ansicht über ein Thema vorstellte und sie dann zur Diskussion auffor­derte.[25] Mein Onkel berichtete, er habe in der Diskussion eine ablehnende Ansicht dazu geäußert und dies biblisch begründet. Hinterher, so sagte er, habe ihm Rutherford persönlich den Auftrag gegeben, etwas zu schreiben, das die neue Sichtweise stützte, obwohl er, Fred Franz, klargemacht hatte, daß er sie als unbiblisch ansah.

Ein anderes Mal erzählte er, der „Richter“ (Rutherford) habe es gegen Ende seiner Präsidentschaft zur eisernen Regel gemacht, im Wachtturm nur Aufsätze über Prophetie oder das Predigtwerk erscheinen zu lassen. So kam es, daß eine ganze Reihe von Jahren hindurch Artikel zu Themen wie Liebe, Güte, Barmherzigkeit, Langmut und ähnlichen Eigenschaften in der Zeit­schrift einfach nicht vorkamen.

So haben Russell und Rutherford während der annähernd 60 Jahre ihrer bei den Präsidentschaften jeweils nach ihrem Gutdünken gehandelt; von einer leitenden Körperschaft gab es weit und breit keine Spur.

3.8 Unter Präsident Knorr kam es zum Aufstand der Direktoren
3.8.1 Mit der Wahl von Präsent Knorr kommen langsam Veränderungen in die Hierarchie: Der Vizepräsident Fred Franz als Kämmerer

Nach Richter Rutherfords Tod am 8. Januar 1942 wurde Nathan H. Knorr vom Vorstand einstimmig zum Nachfolger gewählt. Die Organisation blieb [65] im Wesentlichen unverändert, abgesehen von kleineren Eingriffen in die Struktur, als Knorr einen Teil der Verantwortung auf andere Schultern legte. (Auf Grund der Umstände konnte er gar nicht anders handeln, denn die Zahl der Zeugen wuchs von 108 000 beim Tod Rutherfords auf über zwei Millionen im Verlauf der Präsidentenzeit Knorrs an.) Knorr, der nicht so gut Bücher schreiben konnte, noch sich in Bibelstudien vertiefen mochte, stützte sich im Wesentlichen auf Fred Franz als letzte Instanz in biblischen Fragen und als Hauptverfasser der Schriften der Organisation. Fragen, wie sie in den Sitzungen der leitenden Körperschaft besprochen wurden (wovon zu Anfang dieses Kapitels berichtet wurde), wurden über Jahrzehnte hinweg Fred Franz zur Entscheidung vorgelegt. War Präsident Knorr der Ansicht, die Entscheidung könnte sich nachteilig auf die Tätigkeit der Organisation in einigen Ländern der Welt auswirken, so besprach er dies gewöhnlich mit Fred Franz unter vier Augen und zögerte nicht, ihm zu sagen, wie seiner Meinung nach unter den gegebenen Umständen pragmatisch vorgegangen werden müsse, wobei er sich, falls nötig, über den Vizepräsidenten hinweg­setzte. Wie schon betont, war das die Situation bis in die I970er Jahre hinein, was sich beispielsweise bei der Entscheidung zeigte, in den Ver­sammlungen wieder Ältestenschaften einzuführen. Diese Entscheidung ging vor allem auf die Ansicht dieses einen Mannes zurück. Als er seine Meinung änderte und die Wiedereinführung der Ältestenschaften befürwor­tete, stimmte der Präsident ihm zu.

Dasselbe galt im Wesentlichen für alles, was veröffentlicht wurde. Der Präsident wählte die Hauptartikel für den Watchtower aus den Vorschlägen aus, die von verschiedenen Autoren eingereicht worden waren, und leitete sie dann an die Schreibabteilung weiter, wo Korrektur gelesen und, falls nötig, redaktionelle Bearbeitungen vorgenommen werden sollten. Darauf wurden sie abschließend vom Vizepräsidenten und vom Präsidenten gele­sen und im Falle der Genehmigung veröffentlicht. Als ich 1965 in die Schreibabteilung eintrat, erklärte mir der damalige Leiter, Karl Adams, der Präsident lasse den Mitarbeitern dort beträchtliche Freiheit in der Bearbei­tung dieser Artikel. Hiervon ausgenommen war einzig alles, was der Vizepräsident verfaßt hatte: „Was von Bruder Franz kommt, wird als ‚zur Veröffentlichung freigegeben‘ angesehen, ohne daß etwas daran geändert werden darf.“

3.8.2 Den Abschluss der Menschheitsgeschichte für 1975 von Fred Franz lauthals proklamiert

Doch der Präsident konnte sich auch hierüber hinwegsetzen. Im Jahre 1967 zum Beispiel schickte Präsident Knorr an Karl Adams, Ed Dunlap und mich je eine Ausfertigung einer Leserfrage, die Fred Franz geschrieben und zur Veröffentlichung eingereicht hatte.[26] Gerade ein Jahr zuvor war ein Buch von Fred Franz herausgekommen, in dem auf das Jahr 1975 als den Abschluß von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte hingewiesen worden war. Darin hatte er die 6000 Jahre mit sechs Tagen von je 1000 Jahren verglichen und geschrieben: [66]

„So erreichen wir in nicht vielen Jahren innerhalb unserer Generation das, was Jehova Gott als den siebenten Tag der Existenz des Menschen ansehen könnte. Wie passend es für Jehova Gott sein würde, diese. kommende siebente Periode von tausend Jahren zu einer

WARUM DIE SCHOPFUNG NOCH FREI GEMACHT WERDEN WIRD

Sabbatperiode der Ruhe und Befreiung zu machen, zu einem großen Jubeljahrsabbat, um Freiheit auf der ganzen Erde allen ihren Bewohnern auszurufen! Das würde für die Menschheit äußerst zeitgemäß sein. Es würde auch von Gott aus sehr zeitgemäß sein, denn erinnere dich bitte daran, die Menschheit hat nur noch das vor sich, was das letzte Buch der Heiligen Schrift über die Tausendjahr­herrschaft Jesu Christi über die Erde, die Millenniumsherr­schaft Jesu Christi, sagt. Prophetisch sagte Jesus Christus, als er vor neunzehnhundert Jahren auf Erden war, über sich selbst: „Denn der Sohn des Menschen ist Herr über den Sabbat.“ (Matthaus 12:8) Es würde sich nicht nur lediglich um Zufall oder Wahrscheinlichkeit handeln, sondern es würde gemäß dem liebenden Vorhaben Jehovas Gottes sein, daß die Herrschaft Jesu Christi, des ‚Herrn über den Sabbat‘, parallel mit dem siebenten Millennium der Exi­stenz des Menschen läuft.“ [27]

Seit Jahrzehnten hatte es unter Jehovas Zeugen nichts gegeben, was so viel Wirbel hervorgerufen hatte wie diese Sätze. Eine gewaltige Woge großer Erwartungen erhob sich, die weit über das Endzeitgefühl hinausging, das wir Anfang der 1940er Jahre erlebt hatten.

3.8.3 Statt 1975 kommt nun das Ende bereits 1974?

Aus diesem Grund waren wir auch so verblüfft, als wir in der „Leserfrage“ von Fred Franz nun lasen, das Ende der 6000 Jahre werde sogar noch ein Jahr eher kommen, als es gerade eben in dem neuen Buch gesagt worden war; statt 1975 hieß es jetzt 1974. Gegenüber Karl Adams sagte Knorr, er sei zu Fred Franz gegangen, sobald er den Entwurf erhalten hatte, um ihn nach den Gründen für den plötzlichen Umschwung zu fragen. Franz habe darauf mit aller Bestimmtheit geantwortet: „So ist es nun mal. Es ist 1974.“

Knorr war bei dieser Änderung nicht wohl zumute, und deshalb hatte er jedem von uns dreien eine Kopie gesandt mit der Bitte, getrennt dazu Stellung zu nehmen. Die Argumentation des Vizepräsidenten stützte sich fast vollständig auf den Gebrauch einer Kardinal- und einer Ordnungszahl im Bericht über die Flut in 1. Mose, Kapitel 7, Verse 6 und 11 („sechshundert Jahre“ und „im sechshundertsten Jahr“). Es sollte nachgewiesen werden, daß in dem neuen Buch bei der Jahresangabe für den Zeitpunkt der Flut ein Fehler von einem Jahr unterlaufen war und daß man ein Jahr hinzuzählen mußte, was bedeutete, daß das Ende der 6000 Jahre um ein Jahr vorzuverle­gen sei, auf 1974 statt 1975.

3.8.4 Ein neuer Begriff taucht auf: Leitende Körperschaft. Wie sah die Realität unter den Direktoren aus?

Wir waren alle der Meinung, daß dieser Stoff nicht veröffentlicht werden [67] sollte, da er die Brüder in höchstem Maße verunsichern würde.[28] Der Präsident war offensichtlich derselben Ansicht, denn der vom Vizepräsiden­ten eingereichte Artikel wurde nie veröffentlicht, was sehr selten vorkam. Der Ausdruck „leitende Körperschaft“ wurde erst unter der Präsidentschaft Knorrs häufiger gebraucht.[29] In der Literatur begann man nun, diesen Begriff mit dem Direktorium der Watch Tower Society zu verknüpfen. In dem Buch Zum Predigtdienst befähigt, das die Gesellschaft 1957 herausgab, erscheint auf Seite 353 folgender Satz:

„In all den Jahren, seitdem der Herr zu seinem Tempel gekommen ist, Ist die sichtbare leitende Körperschaft eng mit dem Direktionsausschuß dieser Korpora­tion verbunden, ist sozusagen mit ihm identisch.“

Die sieben Direktoren wurden also als die sieben Mitglieder der leitenden Körperschaft angesehen.

Tatsache ist aber, daß ihre Position sich kaum von der der Direktoren zu Zeiten Russells und Rutherfords unterschied.

Darauf weist Marley Cole hin, ein Zeuge, der (mit voller Unterstützung der Gesellschaft) ein Buch schrieb mit dem Titel Jehovas Zeugen – die Neue-­Welt-Gesellschaft.[30] Unter der Überschrift ,,Innerer Aufruhr“ beschreibt er als erstes die Kontroverse zwischen Rutherford und dem Direktorium im Jahr 1917:

„Vier Vorstandsmitglied wünschten eine Neueinteilung. Wie die Dinge standen, handhabte der Präsi­dent selbst die Verwaltung, ohne die Vorstandsmitglieder zu befragen. Er ließ sie erst wissen, was er tat, nachdem es bereits geschehen war. Er setzte sie in den Stand von bloßen Beratern in legalen Angelegenheiten der Körperschaft. Rutherford kümmerte sich nicht um den Widerstand. Vor Ihm habe es der Pastor ebenso gehalten. Der Pastor faßte die Beschlüsse und gab administrative Anordnungen heraus ohne vorherige Zu­stimmung des Vorstands.“

In einer Fußnote fügt Cole dann hinzu:

„1) Daß der Präsident der Gesellschaft danach fortfuhr, sein Amt in so uneingeschränkter Freiheit auszuüben, geht aus folgendem Bericht über H. Knorrs Tätigkeit bei der Herausgabe einer neuen Bibelübersetzung hervor.“[31] [68]

3.8.5 Die „Neue-Welt-Übersetzung“, mehrheitlich das Werk von Fred Franz!

So dann wird der Wachtturm vom 15. November 1950, S. 344 (Watchtower vom 15. September 1950) zitiert. Darin wird enthüllt, daß der Präsident das Direktorium von der Existenz der Neuen-Welt-Übersetzung (wahrschein­lich einem der größten Projekte, das die Organisation je in Angriff genom­men hatte) erst in Kenntnis setzte, als die Griechischen Schriften bereits fertig übersetzt und druckreif vorlagen.

Das Direktorium kam bis zum Jahr 1971, als der Vortrag über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, gehalten wurde, überhaupt nicht regelmäßig zusammen, sondern nur, wenn der Präsident eine Sitzung anberaumte. Bisweilen vergingen ganze Monate ohne eine Sitzung, und auf der Tagesordnung standen anscheinend hauptsächlich geschäftliche Dinge, wie der Ankauf von Gebäuden und Grundstücken sowie Anschaffungen für die Druckerei. Zu der Frage, welche biblischen Artikel erscheinen sollten, hatte das Direktorium im allgemeinen nichts zu sagen, und es wurde auch nicht um Zustimmung gefragt. Das stellte Vizepräsident Franz klar, als er 1954 in Schottland vor Gericht im Fall Walsh aussagte. Auf die Frage, wie das Verfahren bei größeren Änderungen in der Lehre sei und ob diese zuvor vom Direktorium genehmigt werden müßten, erwiderte der Vizepräsident gemäß dem offiziellen Gerichtsprotokoll (F. steht für Frage des Anwalts und A. für die Antwort von Fred Franz):

„F: Hat in religiösen Dingen jedes Mitglied des Direktoriums gleichviel zu sagen? A: Der Präsident ist das Sprachrohr. Er hält die Reden, die einen Fortschritt im Bibelverständnis zeigen. Danach kann er andere Mitarbeiter im Hauptbüro vor­übergehend beauftragen, andere Reden zu halten, in denen Teile der Bibel bespro­chen werden, auf die weiteres Licht gefallen ist. F: Sagen Sie bitte, wird über die Fortschritte, wie Sie es nennen, von den Direktoren abgestimmt? A: Nein. F: Wie werden sie dann zu offiziellen Verlautbarungen? A: Sie werden dem Herausgeber­komitee vorgelegt, und ich prüfe sie an Hand der Bibel und gebe meine Zustim­mung. Dann leite ich sie an Präsident Knorr weiter, und Präsident Knorr trifft die endgültige Entscheidung. F: Und dem Direktorium werden sie überhaupt nicht vorgelegt? A: Nein.“[32]

Aus eigener Erfahrung war mir bekannt, daß diese Darstellung in Bezug auf das Direktorium der Wahrheit entsprach, Vor dem Jahr 1971 nahm ich an einer Sitzung von mehreren Mitarbeitern der Schreibabteilung teil, die von Karl Adams einberufen worden war. Es tauchte die Frage auf, wie man die Genehmigung des Präsidenten für einige vorgeschlagene Verbesserungen im Watchtower bekommen könnte. Einer schlug vor, Lyman Swingle, der als einer der Autoren zugegen war, solle das Thema gegenüber Knorr anschneiden. SwinglesAntwort war kurz, sprach aber Bände über die wahre Situation. Er sagte: „Wieso ich? Was kann ich schon machen? Ich bin doch bloß ein Direktor.“ [69]

3.8.6 Erweiterung der leitenden Körperschaft über die sieben Direktoren hinaus bringt kaum Veränderung

Selbst nach der Erweiterung der leitenden Körperschaft über die sieben Direktoren hinaus blieb die Lage unverändert. In einer Sitzung von 1975 wurde über den Entwurf einer Rede gesprochen, die der Vizepräsident für einen Kongreß ausgearbeitet hatte. Darin wurden die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig (aus Matthäus. Kapitel 13) besprochen, und bis ins einzelne wurde erläutert, daß das von Jesus dort erwähnte „Königreich der Himmel“ in Wahrheit ein „Schein-Königreich“ sei. Einer in der Runde, der den Stoff gelesen hatte, fühlte sich von der Argumentation nicht überzeugt. Nach einer Diskussion stimmten von den 14 Anwesenden nur fünf (darunter Knorr und Fred Franz) dafür, den Text als Vortrag auf demKongreß zu verwenden, die anderen neun stimmten nicht zu. Also wurde er nicht verwendet, jedenfalls nicht als Ansprache. Doch der Stoff erschien in einem auf dem Kongreßfreigegebenen Buch und nach wenigen Monaten auch im Wachtturm.[33] Der Präsident hatte sich bei seiner Entscheidung, diesen Stoff zu veröffentlichen, nicht davon beeindrucken lassen, daß zwei Drittel des Gremiums zumindest einige Zweifel daran bekundet hatten.

Aber es war nicht nur der Inhalt der Zeitschriften und der anderen Literatur, es waren auch alle übrigen Aspekte der weltweiten Tätigkeit der Zeugen Jehovas, so die Leitung der über 90 Zweigbüros (wobei man den einzelnen Zweigaufseher als den „vorsitzführenden christlichen Aufseher des Gebie­tes, für das er ernannt wurde“, bezeichnete), die Aufsicht über die Tätigkeit der reisenden Beauftragten, die Leitung der Missionarschule Gilead ein­schließlich der Zuteilung der einzelnen Missionare zu ihren Ländern und Aufgabenbereichen, die Organisierung von Kongressen und die Gestaltung der Kongreßprogramme. In all diesen und vielen weiteren Dingen hatte nur einer das Sagen: der Präsident der Gesellschaft. Ob die leitende Körperschaft über eine Frage aus all diesen Bereichen beriet oder nicht beriet, das lag vollständig in seiner Entscheidung und seinem Ermessen.

3.8.7 „Der Hund der mit dem Schwanz wedelt“ und der „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“!

Das alles ließ sich nur schwer mit den Artikeln vereinbaren, die nach dem Vortrag des Vizepräsidenten über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, erschienen waren. Dort klang alles so entschieden und endgültig:

„Gottes heiliger Geist muss also, obwohl es im neun­zehnten Jahrhundert keine Apostel Christi mehr gab, bei der Bildung der leitenden Körperschaft des gesalbten Überrestes der Klasse seines – treuen und verständigen Skla­ven – ebenfalls mitgewirkt haben, Die Tat­sachen sprechen für sich selbst. Es trat eine Gruppe von gesalbten Christen auf den Plan, die die Aufgaben bereitwillig übernahmen, die mit der Leitung der Gott hingegebenen, getauften und gesalbten Diener Jehovas ver­bunden waren, die den Fußstapfen Jesu [70] Christi folgten und sich bemühten, das Werk durchzuführen, von dem Jesus in seiner in Matthäus 24:45-47 aufgezeichneten Prophe­zeiung gesprochen hatte. Die Tatsachen spre­chen lauter als Worte. Die leitende Körper­schaft ist vorhanden. Dankbar und mit Überzeugung erklären Jehovas christliche Zeugen, daß ihre religiöse Organisation keine Einmannorganisation ist, sondern daß sie eine aus gesalbten Christen bestehende lei­tende Körperschaft hat.“ [34]

Leider war das ganz einfach nicht wahr. Die Tatsachen, die anhand der Veröffentlichungen der Watch Tower Society selbst und der Äußerungen ihrer Direktoren belegt wurden, zeigen eindeutig, daß von einer leitenden Körperschaft unter der Präsidentschaft Russells im 19. Jahrhundert keine Rede sein konnte, ebensowenig im 20. Jahrhundert unter der Rutherfords, und daß es auch zu Knorrs Präsidentenzeit keine gab, die der Beschreibung im Wachtturm entsprochen hätte. Das Bild, das man präsentierte, war sehr eindrucksvoll, doch es war ein Wunschbild, eine Erfindung. Tatsache ist, daß seit Gründung der Organisation eine monarchische Herrschaftsform bestand. (Das aus dem Griechischen abgeleitete Wort „Monarch“ bedeutet „Alleinherrscher“ und wird auch definiert als „jemand in herausragender Position und Machtstellung“.) Daß der erste Präsident gütig, der zweite hart und selbstherrlich und der dritte sehr geschäftsmäßig war, ändert überhaupt nichts daran, daß jeder der drei Präsidenten eine monarchische Herrschaft ausübte. Der großen Mehrzahl der Zeugen, die in der englischen Ausgabe des zitierten Wachtturm-Artikels als „Fußvolk“(„rank and file“) bezeich­net wurden (und zu denen die meisten der „Gesalbten“ zählten, aus denen die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ besteht), hatten davon keine Ahnung. Bestätigen konnten das nur die, die selbst eine Position in der Nähe dieses Sitzes der Macht bekleideten, und war um so besser, je näher sie ihm waren.

3.8.8 Aufstand der Direktoren gegen die Universalgewalt des Präsidenten

In besonderem Maße traf dies auf die Mitglieder der leitenden Körperschaft zu, und 1975 beschloß der „Hund“, es sei an der Zeit, „mit dem Schwanz zu wedeln“. Das Gremium war mehrheitlich der Ansicht, es sei höchste Zeit, daß Worte und Fakten einmal miteinander zur Deckung gebracht wurden. Was dann geschah, war interessanterweise im wesentlichendasselbe, was die vier Direktoren 1917 verlangt hatten, nämlich eine Umorganisation, eine Forderung, die in den Wachtturm-Schriften danach durchgängig als ehrgeiziger Anschlag, als Rebellion und als Verschwörung bezeichnet worden war, der „dank Gottes Gnade kein Erfolg beschieden war“. Fünfund­fünfzig Jahre später hatte derselbe Vorstoß dann Erfolg, doch Monate schwerer Auseinandersetzungen in der leitenden Körperschaft gingen dem voraus. [71]

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[1] Der Ausdruck „treuer und verständiger Sklave“ ist dem Gleichnis Jesu in Matthaus 24:45-47 entnommen, die Zahl 144000 stammt aus Offenbarung 7:4 und 14:3.
[2] Siehe Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1990, S. 40, Wachtturm 1.1.1996, S. 15
[3] Zu jener Zeit gehörten dem Gremium an: Nathan Knorr, Fred Franz, Grant Suiter, Thomas Sullivan, Groh, Knorr, Jackson, Suiter, Greenless, Franz, Booth und Gangas sind inzwi­schen verstorben (Stand: Ostern 1996).
[4] Die Vollsitzungen der leitenden Körperschaft finden jeden Mittwoch statt.
[5] über die normale Pflichtschulzeit hinausgehende Bildung wird allgemein mißbilligt, da sie dem Glauben abträglich sei und in ein soziales Umfeld führe, das schnell zur Unsittlichkeit verleite.
[6] Zu der Zeit galt die Regel, galt eine Scheidung nur dann auch schriftgemäß war, wenn der Unschuldige sie beantragt hatte.
[7] Man vertrat die Auffassung, dass die Geldstrafe nicht bezahlt werden sollte, da das unter den gegebenen Umständen ein eingeständnis der Schuld sei und man daher in Bezug auf seine Lauterkeit Kompromisse gemacht hätte. Heute gilt diese Auffassung nicht mehr.
[8] Den Auslöser bildete ein Artikel im Wachturm vom 15. März 1970 (S. 189-1911, der die Aufmerksamkeit auf derartige sexuelle Beziehungen gelenkt und sie sehr ausführlich erörtert hatte. Ohne Zweifel waren die Ältesten dadurch für solche Berichte erst sensibel geworden; er war wahrscheinlich auch verantwortlich dafür, daß im vorliegenden Fall die Vorgänge im Schlafzimmer erst gemeldet wurden.
[9] Siehe Wachtturm vom 15. Februar 1973, S. 126-128; ebenso vom 1. Februar 1973, S. 95, 96.
[10] In einem bürointernen Vermerk vom 9. August 1976 stellte einer der Mitarbeiter im Hauptbüro, der die eingehende Fragenpost bearbeitete, fest: „Wegen dieser Frage ist es in einer immensen Zahl von Fällen zu Problemen gekommen, häufig dort, wo einer der Ehepartner ungläubig (gemeint ist: kein Zeuge Jehovas) ist. Frauen haben sich geweigert, ihren Mann auf diese Weise zu stimulieren, oder sich von ihm auf diese Weise stimulieren zu lassen. Daran sind Ehen kaputtgegangen.“
[11] Viele Zeugen Jehovas bezeichnen die Organisation als „unsere Mutter“, und zwar deshalb, weil dieser Ausdruck im Wachtturm gebraucht wurde, so in den Ausgaben vom 1. Dezember 1950, S. 358, 359, vom 15. April 1952, S. 122, und vom 1. Juli 1957, S. 402, 403.
[12] Die Kopie wurde vom Durchschlag angefertigt und trägt daher auch im Englischen keinen Unterschriftsstempel. Das Geschäftszeichen „SCE“ verweist auf Merton Campbell aus der Dienstabteilung als Verfasser des Briefes.
[13] Siehe Wachtturm vom 15. März 1972, S. 191, 192
[14] Für „Ehebruch“ steht im griechischen Originaltext von Matthaus 19:9 das Wort moikheia, das keine weite, sondern eine sehr enge Bedeutung bat; es wird nur für Ehebruch im üblichen Wortsinn gebraucht
[15] In der Neuen-Welt-Übersetzung steht nicht, wer sie übersetzt hat. Sie wird vorgestellt als das anonyme Werk eines „Neue-We!t-Bibelübersetzungs-Kumitees“. Dem Komitee gehörten außerdem noch Nathan Knorr, Albert Schroeder und George Gangas an; doch einzig Fred Franz beherrschte die Sprachen der Bibel genügend, um sich an eine solche Übersetzung heranzuwagen. Er hatte zwei Jahre Griechisch an der Universität von Cincinnati gelernt, sich aber Hebräisch nur selbst beigebracht.
[16] Siehe Wachtturm vom 15. März 1973, S. 191, 192.
[17] Frau Russell ist von ihrem Posten als Mitherausgeberin des Watch Tower wegen Meinungs­verschiedenheiten mit ihrem Mann im Oktober 1886 zurückgetreten und lebte seit dem 9. November 1897 von ihm getrennt. Bis zum 12. Februar 1900 blieb sie aber weiterhin Direktorin der Gesellschaft. Im Jahr 1906 liess sie sich scheiden.
[18] Wacht Turm April 1907, S. 65; ebenso September 1916, S. 133.
[19] Russell nominierte Rutherford nicht unter die fünf Männer, sondern führte ihn in einer zweiten Fünfergruppe auf, aus der gegebenenfalls Ersatz einspringen sollte.
[20] Im Buch Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (1960) steht auf Seite 64, Russells Stimmanteile seien nach dem Gesetz mit seinem Tode erloschen.
[21] Typisch für diese Handlungsweise war Rutherfords Entscheidung, das Buch Das vollendete Geheimnis herauszubringen, das als „hinterlassenes Werk Pastor Russells“ bezeichnet wurde, aber in Wahrheit von Clayton J.Woodworth und George H. Fisher verfaßt war. Nicht nur hatte Rutherford sich über dessen Abfassung mit den Direktoren nicht verständigt, sie erfuhren von dessen Veröffentlichung sogar erst, als Rutherford es vor der Bethelfamilie, den Mitarbeitern im Hauptbüro. freigab. In späteren Veröffentlichungen der Watch Tower Society, auch in dem Buch Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (S. 70, 71), wird der Eindruck erweckt, dies sei derHauptanlaß für die Uneinigkeit mit den vier Direktoren gewesen. Das ist eine Verdrehung der Tatsachen, denn Rutherford gab die Entlassung der vier Männer von ihren Posten als Direktoren am selben Tag (17. Juli 1917) bekannt, an dem er das Buch Das vollendete Geheimnis den Mitarbeitern vorstellte. Die Bekanntgabe der Entlassung der Direktoren erfolgte sogar noch vor der Präsentation des Buches.
[22] Alexander H. MacMillan: Faith on the March: (Englewood Cliffs, New Jersey 1957), S. 80. Das Vorwort schrieb N. H. Knorr.
[23] Siehe Das vollende Geheimnis (Ausgabe 1917), S. 5; Wacht-Turm Juni 1922, S. 87, 88; Juli 1922, S. 99; 15. Oktober 1923, S. 307, 308
[24] A. H. MacMillan schreibt in Faith Oll the March (S. 152): „RusseIl hatte es den einzelnen weitgehend anheimgestellt, wie sie ihre Aufgaben erfüllten …. Rutherford wollte das Predigtwerk vereinheitlichen. Er räumte uns keine Gelegenheit ein zu sagen, was wir dachten und für richtig hielten, um das dann jeweils nach eigenem Ermessen in die Tat umzusetzen, vielmehr wurde er selbst nach und nach der Hauptsprecher der Organisation. So konnte seiner Meinung nach die Botschaft am besten widerspruchsfrei verbreitet werden.“
[25] Dabei ging es entweder darum, ob die „höheren Gewalten“ in Römer 13:1 nicht die irdischen Regierungen, sondern Jehova Gott und Jesus Christus waren, oder um die Entscheidung, die Ältestenschaften abzuschaffen. Genau weiß ich das heute nicht mehr.
[26] Unter den drei Adressaten war ich der einzige, der sich zu den „Gesalbten“ zählte (seit 1946).
[27] Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes (1967), S. 30, 31.
[28] Ich verwies darauf, daß sich die Argumentation vor allem auf einen Teil der Bibel stützte, über den man schwer etwas Endgültiges sagen könne, und daß die Gründe für die Änderung bestenfalls dürftig zu nennen seien.
[29] Im Wachtturm (Ausgabe Bern) vom 1. Juli 1938, S. 201, werden in einem Artikel über das Thema „Organisation“ die Ausdrücke „zentrale Körperschaft“ und „Zentralbehörde“ gebraucht, aber nicht auf die heutige Zeit angewendet, sondern nur auf die Gruppe der Apostel und ihrer engen Mitverbundenen.
[30] Marley Cole: Jehovas Zeugen – Die Neue-Welt-Gesellschaft (Frankfurt/Main 1956), S. 88-92. Cole fasste das Buch so ab, als sei er ein Außenstehender, der einen objektiven Bericht vorlegt. Dahinter stand die Absicht, Menschen zu erreichen, die normalerweise keine Literatur der Gesellschaft lesen würden. Deshalb lief, man das Buch auch bei einem fremden Verlag veröffentlichen.
[31] a.a.O, S. 89.
[32] Der Vizepräsident spricht zwar von einem „Herausgeberkomitee“, gibt aber später an, daß aus dem Kreis des Vorstands nur er und Präsident Knorr dazugehörten. In Wahrheit gab es außer den beiden gar kein offizielles Herausgeberkomitee. Im Jahr 1965 brauchte auf den Manuskripten, die zur Veröffentlichung gelangten, außer diesen beiden lediglich die Unter­schrift von Karl Adams zu stehen, und er gehörte nicht zu den Direktoren und zählte sich auch nicht zur Klasse der „Gesalbten“.
[33] Siehe das Buch Rettung aus der Weltbedrängnis steht bevor (1975), S. 201-210, außerdem Wachtturm vom 1. Januar 1976, S. 13-32.
[34] Wachtturm vom 1. April 1972, S. 217.