2. Kapitel: Motive und Hintergründe

2 Motive und Hintergründe *

2.1 Ein ganzes Leben als Zeuge Jehovas
2.1.1 Wissen um Dinge auf höchster Entscheidungsebene

„Für das, was ich jetzt. sage, rufe ich Christus zum Zeugen an. Auch mein Gewissen, in dem der heilige Geist zu mir spricht, bestätigt mir, daß ich die Wahrheit sage. Ich leide in meinem Herzen tief und unausgesetzt um meine Brüder, die Menschen meines Volkes. Für sie würde ich sogar die ewige Trennung von Christus auf mich nehmen“ (Römer 9:1-3, Die Bibel in heutigem Deutsch).

Das bisher Gesagte bietet meines Erachtens bereits guten Grund für das Abfassen dieses Buches. Bleibt die Frage, weshalb gerade ich es schreibe. Ein Grund liegt in meiner Lebensgeschichte und den damit verbundenen Erfahrungen. Vom Säuglingsalter bis hinein in mein 60. Lebensjahr war ich mein ganzes Leben lang mit Jehovas Zeugen verbunden. Das könnten wohl auch zahlreiche andere Menschen von sich sagen, aber es ist unwahrschein­lich, daß sehr viele darunter sind, die so vielfältige Erfahrungen gemacht haben, wie mir das in diesen Jahren beschieden war.

Ein weiterer, wichtigerer Grund liegt darin, daß ich umständehalber von Dingen erfahren habe, die der überwältigenden Mehrzahl der Zeugen Jehovas absolut verschlossen sind. Nur selten habe ich diese Umstände selbst herbeigeführt; oft hatte ich überhaupt nicht mit dem gerechnet, was ich erfuhr, und häufig genug war ich darüber erschüttert.

Ein letzter Grund, der sich aus den beiden vorhergehenden ergibt, hat mit meinem Gewissen zu tun. Wie verhält man sich, wenn man die Beweise dafür sich auftürmen sieht, daßanderen Menschen zu Unrecht schwerster Schaden zugefügt wird? Welche Verpflichtung hat jeder von uns, vor Gott und vor dem Mitmenschen, wenn er mit ansehen muß, wie Menschen über Dinge in Unkenntnis gehalten werden, die für sie von allergrößter Bedeu­tung sind? Diese Fragen bewegten mich sehr.

Im Folgenden will ich ausführlicher auf diese Gründe eingehen.

Am liebsten würde ich den ersten Grund übergehen, da er sich notwendiger­weise mit meinen „Leistungen“ befaßt Die gegenwärtige Lage erfordert es aber anscheinend, daß ich darauf eingehe, so ähnlich wie der Apostel Paulus sich durch die Umstände veranlaßt sah, gegenüber den Christen in Korinth auf seine persönlichen Erfahrungen als Christ zu verweisen und dann zu ihnen zu sagen: [15]

„Ich bin verrückt geworden – ihr habt mich dazu gezwungen! Eigentlich hätte ich von euch empfohlen werden müssen! Denn in gar nichts stehe ich hinter den ,Überaposteln‘ zurück, wenn ich auch gar nichts bin.“ [1]

Ich gebe nicht vor, ein Paulus zu sein, glaube aber, daß bei mir der Anlaß und die Motive zumindest ähnlich sind.

2.1.2 Mein Leben in der Retrospektive

Mein Vater und meine Mutter (sowie drei meiner vier Großeltern) waren Zeugen Jehovas. Mein Vater wurde 1913 getauft, als man noch einfach von „den Bibelforschern“ sprach. Als Zeuge aktiv wurde ich erst mit 16 Jahren. Obwohl ich noch zur Schule ging, beteiligte ich mich bereits binnen kurzem 20 bis 30 Stunden im Monat am „Zeugnisgeben“: ich ging von Tür zu Tür, stand mit den Zeitschriften an den Straßenecken und verteilte Handzettel, während ich Plakate umgebunden trug mit der Aufschrift „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang. Die Bibel nennt den Grund. Dienet Gott und Christus, dem König.“

2.1.3 Rutherfords Vortrag „Schau den Tatsachen in die Augen“

In jenem Jahr, dem Jahr 1938, hatte ich einen Kongreß besucht, der gerade gegenüber unserer Wohnung auf der anderen Seite des Ohio in Cincinnati abgehalten worden war, und dort hatte ich Richter Joseph F. Rutherford, dem Präsidenten der Watch Tower Society, zugehört, dessen Rede direkt aus London per Funk übertragen wurde. Einer der Hauptvorträge hatte das Thema „Schau den Tatsachen ins Auge“, und darin sagte Rutherford einleitend unter anderem:

Der Vorwand, die volle Bekanntgabe von Tat­sachen könnte gewisse Personen in ihren Empfindun­gen verletzen, liefert weder eine Entschuldigung noch eine Rechtfertigung, der Öffentlichkeit irgend etwas davon vorzuenthalten, und dies ganz besonders, wenn das Allgemeinwohl mit in Frage kommt. Frühere Glaubensansichten oder Meinungen sollten eine Per­son nie daran hindern dürfen, einen Tatsachenbericht entgegenzunehmen und zu prüfen.[2]

Das sprach mich an. Dieser Grundsatz schien mir gut als Handlungsma­xime für mein Leben geeignet. Den Tatsachen, die er nun äußern würde, stand ich aufgeschlossen gegenüber.
Als Hauptpunkte trug er unter anderem folgendes vor:

Gott zeigt nun denen, die fleißig die Wahrheit suchen, deutlich, daß Religion eine Form der Gottesverehrung ist. die aber die Kraft Gottes leugnet und Menschen von Gott weg­zieht Religion und Christentum stehen daher in scharfem Gegensatz zueinander.[3] [16]

Was sollte also, gemäß Jesu Weissagung, für die Zeit des Endes der Welt erwartet werden? Die Antwort lautet: Ein Weltkrieg, Hungersnöte, Seuchen, Bedrängnis der Nationen und unter anderem das Hervortreten eines Ungeheuers auf Erden … es sind Dinge die nicht bestritten werden können, weil sie tatsächlich geschehen sind und beweisen, daß Satans Welt zu Ende ist, und diese Tatsachen dürfen nicht übersehen werden.[4]

Jetzt steht Deutschland in einem Bun­de mit dem Papsttum, und Großbritannien steuert rasch auf dasselbe Ziel los. Die Vereinigten Staaten von Amerika, früher ein Bollwerk der Demokratie, sind ganz auf dem Wege, ein Teil der Totalitätsherrschaft zu werden. Demnach stehen folgende Tatsachen fest: Daß ich heute auf der Erde Satans Diktatur-Ungeheuer be­findet, das Jehovas Königreich unter Christus befeh­det und ihm trotzt. Der totalitäre Bund ist daran, die Macht über England und Amerika zu erlangen. Du kannst es nicht verhindern. Versuche es auch nicht! Sicherheit findest du auf der Seite des Herrn.[5]

Die Äußerungen, die sich mir damals besonders stark einprägten, habe ich durch Unterstreichen hervorgehoben. Sie wühlten mich zutiefst auf und erzeugten eine nie gekannte Erwartung unmittelbar bevorstehender Umwälzungen in mir.

In seinem weiteren Hauptvortrag. zum Thema „Füllet die Erde“, wurde die Ansicht erläutert, daß Gottes Botschaft bis 1935 an diejenigen gerichtet war, die mit Christus im Himmel herrschen würden, an die „kleine Herde“, daß sie nun aber an eine irdische Klasse, die „anderen Schafe“, gerichtet werde, die nach dem bevorstehenden Krieg von Harmagedon Nachkommen zeugen und die Erde mit gerechten Menschen füllen würden. Von dieser Gruppe sagte er:

Sie müssen in Gottes Organisation Schutz finden, was zeigt, daß sie in diese Organisation versenkt, getauft oder darin geborgen werden müssen. Die Arche, die Noah auf Gottes Befehl erbaute, veranschaulichte Gottes Organisation.[6]

Danach verwies der Präsident der Watch Tower Society darauf, daß Noahs drei Söhne offenbar erst zwei Jahre nach der Flut Kinder zu haben begannen, und wandte das auf jene und die in der heutigen Zeit eine irdische Hoffnung hatten: [17]

Wäre es schrift­gemäß, daß sie jetzt heirateten und Kinder aufzu­ziehen begännen? Nein. lautet die Antwort. die von der Heiligen Schrift gestützt wird. Es wird weit besser sein für sie, ohne Hemmschuh und Bürde zu sein, damit sie des Herrn Willen tun kön­nen, so wie der Herr es befiehlt., und auch während Harmagedon durch nichts gehindert zu werden.[7]

Richter Rutherford sprach mit großem Nachdruck, und was er sagte, hatte den Klang des Endgültigen. Das waren Tatsachen, zuverlässige Wahrheiten, auf die man die wichtigsten Entscheidungen im Leben gründen konnte. Die überragende Bedeutung der Organisation für die Errettung prägte sich mir tief ein, ebenso daß das Werk des Zeugnisgebens gegenüber so privaten Dingen wie Ehe und Kindern Vorrang haben müßte, oder von diesen zumindest nicht behindert werden dürfte.[8]

2.1.4 Taufe und erste Aufgaben innerhalb der Organisation

Im Jahr 1939 wurde ich getauft, und als ich im Juni 1940 den Schulabschluß hatte, ging ich sofort in den Vollzeitpredigtdienst. Damals war für die Welt und für Jehovas Zeugen ein stürmisches Jahr. Der 2. Weltkrieg war voll im Gange, und in verschiedenen Ländern wurde die Tätigkeit der Zeugen Jehovas verboten; Hunderte von ihnen kamen ins Gefängnis. In den Vereinigten Staaten schloß man Kinder von Jehovas Zeugen vom Schul­unterricht aus, weil sie sich weigerten, an der Fahnengrußzeremonie teilzunehmen (was man als eine Form von Bilderverehrung ansah). Die neutrale Haltung der Zeugen im Krieg rief Gewalttätigkeit von Seiten patriotisch gesinnter Amerikaner hervor. Heimtückische Übergriffe durch Pöbelhaufen begannen sich auszubreiten.

Im Sommer jenes Jahres fuhr unsere Familie zu einem größeren Kongreß der Zeugen nach Detroit (Michigan). Es herrschte eine Atmosphäre gespannter Erwartung, so als ständen wir unter Belagerung durch die Feinde. Am Schluß des Kongresses ließ Rutherford verlauten, dies könne vielleicht der letzte Kongreß vor der großen Drangsal gewesen sein. Ich weiß noch, wie 1940 heranrückte und ich meine Sommersachen wegräumte und dabei dachte, ich würde sie wohl nie wieder hervorholen. weil bis dahin entweder Harmagedon gekommen oder wir schon alle in Konzentrationslagern sein würden wie viele Zeugen in Nazi-Deutschland.

Anfang der 1940er Jahre erreichten die Pöbelübergriffe einen Höhepunkt. In Connersville (Indiana) war ich bei einer Gerichtsverhandlung gegen zwei Zeuginnen anwesend, die der staatsgefährdenden Tätigkeit („aufrühreri­sche Verschwörung“) angeklagt waren, bloß weil sie beim Bibelstudium in einer Wohnung Wachtturmschriften gelesen hatten, Die Verhandlung dau­erte fünf Tage, und am letzten Tag sprach die Jury sie nach Sonnenuntergang schuldig. Als wir aus dem Gerichtsgebäude traten, wurden der Verteidiger [18] (ein Zeuge namens Victor Schmidt] und seine Frau von einer Pöbelrotte angegriffen und gezwungen, im starken Regen den Weg bis an die Stadt­grenze zu Fuß zurückzulegen. Unterwegs setzte bei Schmidts Frau vor Aufregung über die ganze Situation die Menstruation ein. In meinem Auto befand sich unter anderen ein offizieller Vertreter der Zeugen (Jack Rain­bow), dem einige Männer aus diesem Pöbelhaufen bereits mit dem Tod gedroht hatten, falls er sich noch einmal in „ihre“ Stadt wage. Als ich am Stadtrand ankam und Schmidt in Begleitung seiner Frau erkannte, gefolgt von einem Rest des Pöbelhaufens, fühlte ich mich verpflichtet, das Risiko einzugehen, sie einsteigen zu lassen, was auch gelang. Ein anderer Zeuge hatte dies bereits versucht, doch hatte ihm das nur eine zertrümmerte Scheibe am Wagen eingebracht. Nachdem Schmidts Frau eingestiegen war, brach sie in hysterisches Schreien aus. Ihr Mann hatte Verletzungen im Gesicht und war mit Blut verschmiert, da man ihm anscheinend mit Schlagringen tiefe Schnittwunden beigebracht hatte.[9]

Eine solche rohe und abgebrühte Intoleranz hautnah zu erleben, hat mich als jungen Menschen damals nachhaltig beeindruckt. Von da ab war ich noch mehr davon überzeugt, daß es richtig war, gemeinsam mit diesen Menschen zu gehen, die so offensichtlich die wahren Diener Gottes waren. Später fuhr eine große Gruppe von 75 Zeugen aus der Gegend von Cincin­nati nach Connersville, wie es der Rechtsberater der Watch Tower Society, Haydcn Covington, als Taktik empfohlen hatte, um dort in einer Art Blitzkrieg-Aktion das Predigtwerk durchzuführen, meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich waren auch mit dabei. Mit einer Ausnahme wurden wir allesamt, Männer, Frauen und Kinder, festgenommen und in mehrere Gefängnisse gesteckt. Dort blieben wir eine Woche, bis eine Kaution gestellt werden konnte. Als noch nicht Zwanzigjähriger erlebte ich zum ersten Mal, was es heißt, wenn sich hinter einem eine schwere Metalltür schließt, der Riegel vorgeschoben wird, und man weiß, daß man sich nun nicht mehr frei bewegen kann.

Ein paar Monate später war ich in Indianapolis (Indiana), um das Berufungs­verfahren im Fall Connersville mitzuverfolgen. Mein Onkel, Fred Franz, war ebenfalls dort; er war seit 1920 Mitarbeiter im Hauptbüro der Watch Tower Society und hatte enge Verbindung mit Richter Rutherford. Er war aus Brooklyn gekommen, um als eine Art Experte eine Zeugenaussage für die Gesellschaft zu machen. Die örtliche Versammlung der Zeugen Jehovas hatte ihn gebeten, an einem Abend bei ihnen einen Vortrag zu halten. Darin nahm er auf die Einstellung Bezug, die viele hatten, daß sich das Zeugnis­werk seinem Ende nähere und so gut wie abgeschlossen sei. Ich war einigermaßen verblüfft zu hören, wie mein Onkel genau das Gegenteil davon vertrat. In Brooklyn rechne keiner damit, daß bald zugemacht werde. Niemand, der den Wachturm abonnieren wolle, brauche dies bloß für sechs [19] Monate zu tun, er könne ihn für ein ganzes Jahr oder auch für zwei Jahre bestellen, wenn er wolle!

2.1.5 Erste Konflikte mit dem Onkel Fred Franz zeichnen sich ab

Das war genau das Gegenteil von dem, was der Präsident auf dem Kongreß in Detroit gesagt hatte. Für mich stand fest, daß mein Onkel hier seine Privatmeinung vortrug und keine Lehre der Gesellschaft. Ich wollte tatsäch­lich zu ihm gehen und ihn eindringlich zur Vorsicht mahnen. Inzwischen hatte sich ein allgemeines Gefühl der Dringlichkeit der Zeit ausgebreitet, und wenn seine Äußerungen bis nach Brooklyn durchsickerten, könnte es sein, daß man ihn für abtrünnig hielt, weil er diesen Geist verwässere und unterminiere. Im Vergleich zu Richter Rutherford war mein Onkel, obschon damals Ende vierzig, noch ein junger Mann, und ich wußte nicht, ob ich seine Worte als angemessen oder als das Produkt eines unabhängigen, etwas draufgängerischen Denkens auffassen sollte.

In jenem Jahr ging ich von zu Hause fort und zog mit einem jungen Glaubensbruder in das Kohlebergbaugebiet von West Virginia und dem Osten Kentuckys, ein Gebiet, in dem man fast täglich der Gefahr gewalttäti­ger Angriffe ausgesetzt war. Manche Wohnlager bestanden aus langen Zeilen von Holzbaracken. die sich an der Straße entlangschlängelten. Bisweilen konnten wir, wenn wir beim letzten Haus angekommen waren, sehen, wie am unteren Ende, wo wir mit den Besuchen begonnen hatten, Männer und Jugendliche aufgeregt hin- und herliefen und eine Menge zusammen trommelten.

Im Lager „Octavia“ in Kentucky wurde unser alter Wagen, ein Ford Model A, von verärgerten Kumpels umringt, die uns sagten, wir sollten abhauen und uns aus dem Staat Kentucky verziehen, wenn uns das Leben lieb sei. Wenn man mit ihnen vernünftig reden wollte, wurden sie nur noch mehr erbost. Ein paar Monate später kamen wir aber wieder, doch bevor wir aussteigen konnten, wurde auf uns geschossen. Nur durch eine List konnten wir die Verfolger abhängen, mußten aber über Nebenstraßen und über die Berge ausweichen, ehe wir wieder nach Hause fahren konnten. Bei den Bergarbeitern schien nicht so sehr der patriotische Eifer die Triebfeder zu sein, sondern mehr noch eine religiöse Selbstgerechtigkeit. Daßwir nicht an die Lehre von den buchstäblichen Höllenqualen glaubten (weshalb uns die kleinen Jungen „Höllenleugner“ nachriefen, wenn wir vorbeikamen), das wog in ihren Augen fast ebenso schwer wie unsere Haltung im Krieg.

Mir war diese engstirnige Bigotterie damals sehr zuwider. Ich war glücklich darüber, einer Organisation anzugehören, in der es solche Intoleranz nicht gab.

2.1.6 Der Kongress in St. Louis (Missouri) und die Freigabe des Buches „Kinder“

Der Sommer 1941 kam, und entgegen meinen Erwartungen fand ich mich doch auf einem Kongreß wieder, diesmal in St. Louis (Missouri), Ich kann mich noch entsinnen, daß die Menschen zusammenliefen, um zu erleben, wie Richter Rutherford in einem dicken Wagen auf das Kongreßgelände gefahren wurde, ihm zur Seite auf den Trittbrettern HaydenCovington und Nathan Knorr, beide hochgewachsene Kerle. Am letzten Tag des Kongresses ließ Rutherford alle Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis achtzehn [20] Jahren vorn beim Podium Platz nehmen. Nachdem er seine vorbereitete Ansprache beendet hatte, sprach er aus dem Stegreif zu ihnen. Er, der sonst ein so strenges Auftreten hatte und einen harten Ton anschlug, sprach jetzt in fast väterlichem Ton und empfahl den Kindern, das Heiraten so lange zurückzustellen, bis Abraham, Isaak, Jakob und andere Männer und Frauen des Glaubens der alten Zeit da wären, denn sie würden bald auferweckt und seien ihnen dann eine Hilfe bei der Auswahl ihrer Ehegefährten. Jeder erhielt ein kostenloses Exemplar des neuen Buches Kinder. Der Stoff in diesem Buch war eingekleidet in das Gespräch zweier fiktiver junger Leute mit Namen Johannes und Eunice, beide Zeugen Jehovas. Sie waren verlobt, hatten sich aber entschieden, mit dem Heiraten bis nach dem Hereinbre­chen der Neuen Ordnung zu warten, die so nahe bevorstand. In dem Buch sagte Johannes zu Eunice:

Es ist unsere Hoffnung, daß in wenig Jahren unser Ehebund vollzogen werden kann und wir durch des Herrn Gnade herzige Kinder haben dürfen. die dem Herrn zur Ehre gereichen werden. Wir können unsere Heirat gut hinausschieben, bis dauernder Friede auf der Erde Einzug hält. Jetzt dürfen wir unserer Bürde nichts hinzufügen, sondern müssen frei und für den Dienst des Herrn gewappnet sein. Wenn die Theokratie in voller Wirksamkeit ist, wird es keine Last mehr sein, eine Familie zu haben.[10]

Damals war ich neunzehn, und noch heute, mit über 70 Jahren, kann ich mich des inneren Aufruhrs entsinnen, einer seltsamen Mischung von Erregung und Niedergeschlagenheit, die diese Worte bei mir hervorriefen. Äußerungen dieser Art übten eine beunruhigende Wirkung auf mich in meinem Alter aus, wurde doch von mir die Entscheidung verlangt, mein Interesse an der Ehe auf unabsehbare Zeit hinauszuschieben. Ich konnte wahrscheinlich besser mit jungen Männern mitfühlen, die erwägen, katho­lische Priester zu werden. Der Präsident der Watch Tower Society allerdings hatte natürlich vor allem die Kürze der verbleibenden Zeit bis Harmagedon im Sinn gehabt. Im Watchtower vom 15. September 1941 hieß es später über diese Geschehnisse:

„Nachdem die Kinder das Geschenk (das Buch Kinder in Empfang genommen hatten, marschierten sie durch den Saal, das Buch fest an sich gedrückt. Es war für sie kein Gegenstand, mit dem sie spielten oder achtlos umgingen, sondern es war das Werkzeug, das der Herr ihnen für ihren wirkungsvollsten Einsatz in den vor Harmagedon verbleibenden Monaten zur Verfügung gestellt hatte.“[11] [21]

2.1.7 Richter Rutherfords Gesundheitszustand beeinflusste seine Aussagen

Jahre später erfuhr ich, daß Richter Rutherford damals ein vom Krebs gezeichneter Mann gewesen war. Seit vielen Jahren war er von seiner Frau getrennt gewesen, die ebenfalls bei den Zeugen war und krank und gebrech­lich in Kalifornien lebte. Sein einziger Sohn zeigte kein Interesse an der Religion des Vaters, als er erwachsen war. Wie mein Onkel, Fred Franz, sagte, stand hinter vielen Äußerungen des Richters aus den Jahren 1940 und 1941, so auch hinter dieser, sein schlechter werdender Gesundheitszustand sowie seine große Sehnsucht, das Ende noch zu eigenen Lebzeiten zu sehen. Hätte das Paar aus dem Buch wirklich gelebt und wäre nicht nur erfunden gewesen, so hätte die Verlobungszeit ziemlich lange gedauert – sie würde sogar noch immer andauern. Alle kleinen Mädchen auf dem Kongreß damals wären heute bereits über 50 und damit aus dem Alter heraus, in dem sie noch Kinder bekommen könnten. Einige der Kinder von damals sind dem Rat jedoch treu gefolgt. Sie haben nie geheiratet und sind jetzt alte Jungfern und Junggesellen.

Das Jahr 1942 brachte neue Erfahrungen, und zwar in einer „Sonderpio­nier“-Zuteilung in Wellston [Ohio].[12] Zusammen mit einem anderen jungen Zeugen wohnte ich in einem kleinen selbstgebauten Wohnwagen von 4,25 m Länge und 1,80 m Breite, dessen dünne Bretterwände ohne jede Wärme­dämmung waren. Unser kleiner Kohleofen blieb höchstens ein paar Stunden warm, und in vielen Winternächten bildete sich auf dem Wasser im lnnern des Wohnwagens eine Eisschicht. So manches Mal wachte man nachts auf und konnte dann nicht wieder einschlafen, weil die Füße vor Kälte zitterten. Etwas Besseres konnten wir uns nicht leisten, weil wir neben unserem Anteil an den Unkostenbeiträgen, die uns die Leute für die Literatur gaben, als Zuwendung von der Gesellschaft nur höchstens 15 Dollar monatlich erhielten.[13] In der besseren Zeit des Jahres bestand unsere Hauptmahlzeit am Tage zumeist aus gekochten Kartoffeln, billiger Margarine und Brot, das einen Tag alt war und deswegen die Hälfte kostete. Mein Partner hatte ein altes Auto, doch für Benzin langte das Geld nur selten.

Auch in dieser kleinen Stadt brachen Feindseligkeiten auf. Hin und wieder schlugen kleine Jungen alle Scheiben im Wohnwagen ein. Eines Abends, als ich zurückkam, lag er umgestürzt auf der Seite. Ich wurde wieder festge­nommen und verbrachte eine Nacht im Ortsgefängnis. In der Zelle wim­melte es förmlich von Wanzen, so daß ich es nicht fertig brachte, mich auf die Pritsche zu legen, sondern lieber die ganze Nacht auf einer leeren Blechbüchse sitzend zubrachte, die jemand in die Zelle gestellt hatte. [22]

2.2 Vom Missionar in der Karibik zum Mitglied der „leitenden Körperschaft“ in New York
2.2.1 Missionarausbildung an der Bibelschule Gilead

Im Jahr 1944 wurde ich zum Besuch der Wachtturm-Bibelschule Gilead eingeladen, zu einer fünfmonatigen Missionarausbildung. Nach der Gradu­ierung war ich anderthalb Jahre im reisenden Dienst tätig, bevor ich meine Zuteilung bekam. Ich besuchte Versammlungen in einem „Kreis“, der den Staat Arizona und einen großen Teil von Kalifornien umfaßte. Als ich die Versammlungen im Gebiet von San Diego in Kalifornien besuchte, ver­brachte ich fünf Nächte in Beth Sarim (was „Haus der Fürsten“ bedeutete). Dabei handelte es sich um ein großes Wohnhaus, das die Gesellschaft erbaut hatte und angeblich für die treuen Männer der alten Zeit von Abel an „verwaltete“, damit es ihnen nach ihrer Auferstehung zur Verfügung stünde.[14] Richter Rutherford verbrachte dort wegen seines Lungenleidens den Winter, so lange er am Leben war. Ich weiß noch, wie mir dieser Ort etwas unwirklich vorkam. San Diego war zwar eine schöne Stadt, und das Gebäude war ein wunderschöner Wohnsitz für wohlhabende Leute, doch mir konnte nicht einleuchten, weshalb die Menschen, von denen ich in der Bibel gelesen hatte, ein Interesse daran haben konnten, hier ihren Wohnsitz zugewiesen zu bekommen. Irgendetwas schien nicht zu passen.[15]

2.2.2 „Wer den Ledigenstand aufgibt, der verliert seine Dienstzuteilung“

Meine erste Missionarzuteilung war Frankreich. Ich konnte sie allerdings nicht annehmen, da die Wehrerfassungsbehörde mir keine Genehmigung gab, das Land zu verlassen. Darauf wurde ich der Insel Puerto Rico zugeteilt (deren Bewohner auch US-Staatsangehörige sind]. Vor der Abreise im Jahr 1946 sprach Nathan Knorr (der Anfang 1942 nach dem Tod Rutherfords Präsident der Gesellschaft geworden war) zu uns jungen Männern, die das Werk in verschiedenen Ländern als „Zweigaufseher“ beaufsichtigen soll­ten. Unter anderem schärfte er uns ein, wir sollten alles meiden, was in Richtung Ehe führen würde. Die Devise hieß: Wer den Ledigenstand aufgibt, verliert auch seine Dienstzuteilung.[16]

In Puerto Rico bestand unsere Gruppe im Missionarheim in San Juan schon bald aus einem Ehepaar, sieben jungen Frauen von Anfang Zwanzig und mir, alle untergebracht in einem zweigeschossigen Gebäude mit sechs Zim­mern. Obwohl ich die Empfehlung Knorrs beachtete und mich beschäftigt hielt (manchmal führte ich über fünfzehn Heimbibelstudien in einer Woche durch), bedeutete doch die Anweisung über das Heiraten bei diesen Lebens­umständen in dem engen Missionarheim einen Druck für mich, der mir immer mehr zu schaffen machte. Das wurde auch nicht besser durch die Anfälle von Ruhr, gefolgt von einer Paratyphusinfektion mit ihren kolikar­tigen Bauchschmerzen und blutigem Stuhl, und später von einer Leberent­zündung, die ich hatte. (Während der Anfälle von Ruhr und der Paratyphus­infektion arbeitete ich voll im Büro durch, nur bei der Hepatitis habe ich eine Woche ausgesetzt, doch ich war immer so schwach, daß ich kaum die [23] Treppe zum Büro hochgekommen bin.) Die ganze Belastung war so groß, daß ich nach acht Jahren kurz vor dem Nervenzusammenbruch stand. Ich schrieb an den Präsidenten und wurde daraufhin von meiner Funktion als Zweigaufseher entbunden (worum ich gar nicht gebeten hatte] und bekam angeboten, ich könne in die USA zurückkehren und dort als reisender Beauftragter tätig werden. Ich bat darum, in meiner Zuteilung Puerto Rico bleiben zu können, und wurde darauf in eine andere Stadt versetzt. Dieser Ort, Aguadilla, entsprach zwar nicht meinen Idealvorstellungen, doch ich hatte um diese Zuteilung gebeten, weil dort Hilfe dringender benötigt schien.

Nach etwa einem Jahr wurde ich dem reisenden Dienst zugeteilt und besuchte Versammlungen auf der Insel und den benachbarten Virgin­ Islands, östlich von Puerto Rico. Außerdem bat mich die Gesellschaft, in bestimmten Abständen in die Dominikanische Republik zu reisen, wo das Werk der Zeugen Jehovas unter der Regierung von Diktator Rafael Trujillo verboten worden war. Dabei ging es vor allem darum, Wachtturm-Literatur ins Land zu schmuggeln.[17] Ich tat dies mehrere Male und sollte dann, im Jahr 1955, versuchen, dem Diktator eine Bittschrift persönlich zu übergeben. Da bekannt war, daß Leute, die sein Mißfallen erregt hatten, einfach ver­schwanden, war mir bei der Übernahme dieses Auftrags nicht sehr wohl. Bei meiner Ankunft in Ciudad Trujillo (heute Santo Domingo] schickte ich ein Telegramm an den Generalissimo, in dem ich mich lediglich vorstellte als „nordamerikanischer Erzieher mit höchst bedeutsamen Informationen für Sie und Ihr Land“. Man gewährte mir eine Unterredung im Nationalpalast, und ich konnte die Petition seinen Händen übergeben.[18] Zu meiner Überra­schung wurde ich nicht des Landes verwiesen und konnte auch in Zukunft unbehelligt regelmäßig meine Schmuggelreisen durchführen.

2.2.3 Verfolgung unter Präsident Trujillo in der Dominikanischen Republik

Im Jahre 1957 wurden alle amerikanischen Missionare der Zeugen aus der Dominikanischen Republik ausgewiesen, nachdem eine Woge brutaler Verfolgung hereingebrochen war, während der viele einheimische Zeugen grausam geschlagen und ins Gefängnis geworfen wurden. Der Hauptgrund dafür war, daß sich die Männer weigerten, am Exerzieren teilzunehmen, wie es das Gesetz über die Wehrübungen vorschrieb. Doch auch von religiöser Seite kam starke Opposition, die sich in Hetzartikeln von Priestern und Nonnen in den Zeitungen kundtat. Die Gesellschaft bat mich, hinzufahren und die Lage der dominikanisehen Zeugen genauer zu erforschen. Ich war [24] erst kurz vorher dort gewesen, um den Missionaren Verhaltensmaßregeln zu überbringen, und hatte bei der Rückkehr Einzelheiten über die Verfol­gung mitgebracht, die in den Zeitungen Puerto Ricos groß herausgestellt wurden. Wie wir von jemand aus der Umgebung Trujillos erfuhren, war er wütend über diese Presseberichte. Ich kam mir vor, als stünde ich auf der Abschußliste, und entsinne mich noch, wie man mir in der ersten Nacht in Ciudad Trujillo im Hotel ein Zimmer im Erdgeschoß zuwies, das direkt neben dem Bett eine Terassentür hatte. Da mir die Lage zu gefährlich schien, formte ich die Bettdecke so, daß es aussah, als schliefe jemand darin, während ich selbst hinter dem Bett auf dem Fußboden lag. Doch auch diesmal gelang es mir wieder, ohne Zwischenfall ein- und auszureisen, und in den kommenden Jahren unternahm ich noch mehrere solcher Fahrten. Die Gesellschaft änderte ihre Haltung gegenüber dem Heiraten später, und 13 Jahre nach meiner Ankunft in Puerto Rico heiratete ich. Cynthia, meine Frau, schloß sich mir im reisenden Dienst an. Der Lebensstandard auf den Inseln war niedrig, viel niedriger noch als heute. Wir wohnten bei den Menschen, denen wir dienten, und teilten mit ihnen die Unterkunft. Manche hatten fließendes Wasser und Strom, manche nicht. Manchmal konnte man sich etwas zurückziehen, oft fast gar nicht. Da wir recht jung waren, paßten wir uns an, wenn auch die Gesundheit meiner Frau dabei schweren Schaden nehmen sollte.

Wenige Monate nach unserer Hochzeit zog sich meine Frau, während wir auf einer kleinen Insel dienten, eine schwere bakterielle Infektion des Magen-Darm-Trakts zu, offenbar von dem schlechten Wasser oder durch verdorbenes Essen. Wir wohnten bei einer liebenswerten westindischen Familie mit entzückenden Kindern. Leider wimmelte es in dem Haus, das sie gemietet hatten, nur so von Kakerlaken, was meiner Frau immer einen panischen Schrecken einjagte. Abends guckten wir immer auf den Betten genauestens nach, ob sie frei von Kakerlaken waren, bevor wir die Moski­tonetze herabließen. Ich vermutete, daß eine große Kleiderkiste in der Ecke das Hauptquartier dieser Tierchen war, nahm eines Tages Insektenspray zur Hand und hob das oberste Kleidungsstück an. Ich ließ es schnell wieder fallen, denn die Kiste war über und übervoll von kleinen Kakerlaken und ich befürchtete, sie durch das Spray erst noch überall hin zu verteilen. Oben­drein kam jede Nacht eine große Ratte in die Küche (die zwischen unserem Zimmer und der einzigen Toilette lag) und ließ die Konservendosen auf den Regalen wackeln.

Unter diesen Umständen zog sich meine Frau nun die Infektion des Magen­-Darm-Trakts zu, mit schlimmen Durchfällen und wiederholtem Erbrechen. Ich konnte sie zum einzigen Arzt auf der Insel schaffen, und eine Spritze brachte das Erbrechen für kurze Zeit zum Stillstand. Gegen Ende der Nacht ging es wieder von vorne los, und zusammen mit dem dauernden Durchfall erlitt sie massive Flüssigkeitsverluste. Ich rannte über einen Kilometer weit, riß den Arzt aus dem Schlaf, und dann brachten wir sie in seinem Jeep zu einer kleinen Klinik. Ihre Venen waren durch den Flüssigkeitsverlust so [25] sehr verengt, daß die Schwestern erst nach mehreren Versuchen schließlich eine Nadel hineinbekamen, um Kochsalzlösung zu verabreichen. Nach ein paar Tagen konnte Cynthia wieder entlassen werden, doch ist ihre Gesund­heit seither nie so richtig wiederhergestellt worden. Verschlimmernd kam später noch eine Peitschenwurm-Infektion hinzu.

2.2.4 Unter Lebensgefahr als Kreisaufseher erneut in der Dominikanischen Republik

Wir blieben bis 1961 im reisenden Dienst und wurden dann in die Domini­kanische Republik versetzt, wo Trujillo gerade kurz zuvor ermordet worden war.

In den fünf Jahren unseres Aufenthalts erlebten wir, wie vier verschiedene Regierungen gestürzt wurden, und im April 1965 wurden wir Augenzeugen eines Krieges, der sieh in dem Gebiet der Hauptstadt abspielte, in dem wir wohnten. Die meisten Amerikaner und anderen Ausländer verließen das Land. Unsere Missionargruppe wollte die dominikanischen Zeugen Jehovas nicht im Stich lassen, und so erfuhren wir am eigenen Leibe, was Krieg ist. Die Nächte waren erfüllt vom Lärm Hunderter von knatternden Gewehren und Maschinengewehren, von Panzerabwehrwaffen und schwereren Waf­fen. Am Tage ebbte der Kampfeslärm ab, und wir konnten etwas nach draußen gehen und unserer Tätigkeit nachgehen, wurden dann aber manch­mal gezwungen, in Deckung zu bleiben, wenn neue Feuergefechte ausbra­chen. Bis heute frage ich mich, wie dicht Kugeln eigentlich am Kopf vorbeifliegen müssen, damit man sie deutlich wie das Summen einer Biene hört. „Um solche brauchst du dir keine Sorgen zu machen“, tröstete mich ein Soldat. „Die Kugel, die dich trifft, die hörst du nicht.“

2.2.5 Beginn der 15 Jahre Dienst in der Weltzentrale im Bethel Brooklyn

Die verbleibenden 15 Jahre Vollzeitdienst sahen völlig anders aus, da wir sie im internationalen Hauptbüro. in der Weltzentrale in Brooklyn (New York) verbrachten. Ich habe über die frühen Jahre bis 1965 etwas ausführlicher berichtet, weil die damaligen Erlebnisse in ihrer Art ein wenig (wenn auch nur sehr schwach] an das erinnern, was der Apostel als Beweis für die Echtheit seines Dienstes für Gott und Christus anführt:

„In allem erweisen wir uns als Gottes Diener:
durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst.“

In den darauf folgenden Worten erwähnt er nichts von seinen Ansprachen, sagt nicht, vor wie vielen Menschen er aufgetreten ist, verweist auf keine organisatorischen Glanzleistungen, mit denen er große Menschenmengen zum Glauben gebracht hat.[19]

Ich behaupte nicht, mehr durchgemacht zu haben als viele andere Missio­nare der Zeugen Jehovas oder auch anderer Religionen. Ich habe es nur deshalb berichtet, damit der Leser abschätzen kann, wie stichhaltig und glaubwürdig der restliche Teil dieses Buches ist. [26]

2.3 Umstände und Konsequenzen *
2.3.1 Der Beginn einer ungerufenen und jahrelangen Konfliktsituation

„Wir können nicht verschweigen, was wir gesehen und gehört haben“
(Apostelgeschichte 4:20, Die Bibel in heutigem Deutsch).

Was ich in den nächsten 15 Jahren sah und hörte, und was mir am eigenen Leibe widerfuhr, hat mein ganzes Leben stark verändert. Ich kann nicht abschätzen, ob der Leser darauf ebenso reagiert wie ich, doch eines ist sicher: wer die Ereignisse nicht kennt, kann auch nicht begreifen, weshalb ich in eine Konfliktsituation kam. Hier trifft das Sprichwort zu: „Wenn irgendei­ner auf eine Sache eine Erwiderung gibt, ehe er sie angehört hat, so ist es ihm Torheit und Demütigung.“[20]

Ein Jahr vor dem Krieg in der Dominikanischen Republik und kurz nach einem Denguefieber-Anfall, der meine Nervenendungen übersensibel machte, besuchte ich einen Zehnmonatskurs an der Gileadschule.[21] Nach dessen Abschluß bat mich der Präsident der Gesellschaft, N. H. Knorr, meine Missionartätigkeit in der Karibik aufzugeben und zusammen mit meiner Frau ins internationale Hauptbüro („Bethel“ genannt) zu kommen, wo ich in die Schreibabteilung eintreten sollte, in der die Literatur der Gesellschaft abgefaßtwurde. Anderen wäre das sicher als eine Ehre erschie­nen, doch ich hatte einfach kein Interesse, den Ort zu verlassen, an dem ich gerade war. Ich ging zu Bruder Knorr ins Büro und erklärte ihm, wie gerne ich in meiner damaligen Zuteilung war, wie sehr ich die Menschen und die Arbeit dort mochte. Das wurde mir anscheinend als Mangel an Wertschät­zung für die angebotene Stellung ausgelegt. Er schien einigermaßen belei­digt. Ich sagte ihm dann, ich hätte ihn lediglich wissen lassen wollen, wie sehr ich den Missionardienst liebte, und daß ich die neue Zuteilung annehmen würde.

2.3.2 Auftrag zur Erarbeitung eines biblischen Nachschlagewerkes unter fragwürdigem Beginn

Einige Monate nach unserer Ankunft, als ich mich schon eingearbeitet hatte, führte Präsident Knorr mich in einen Büroraum, in dem auf einem Tisch hohe Stapel mit maschinengeschriebenen Texten aufgetürmt waren. Er erteilte mir den Auftrag, ein biblisches Nachschlagewerk zu konzipieren. Die Manuskriptstapel waren das Ergebnis der Arbeit von 250 Männern in aller Welt, die jeder einen Teilauftrag erhalten hatten. Die Arbeitsaufträge waren allerdings meist nach der Stellung in der Organisation ausgegeben worden (Zweigbüromitarbeiter, Fabrikaufseher usw.). Nur wenige von ihnen hatten überhaupt Schreiberfahrung oder verfügten über die Zeit, die Kenntnisse oder die Bibliothek, um Nachforschungen anzustellen. Bei vorsichtiger Schätzung müßte man wohl sagen, daß mindestens 90 Prozent des eingereichten Materials nicht verwertet wurden.

Ich fing bei „Aaron“ an und machte weiter mit „Aaroniter“, „Ab“, „Abaddon“ [27] und so fort, doch schon bald war offensichtlich, daß einer allein diese Aufgabe unmöglich bewältigen konnte. Zuerst wurde dann noch Lyman Swingle, einer der Direktoren der Watch Tower Society, dafür eingeteilt, kurz darauf noch Edward Dunlap, der Registrator der Gileadschule. Später schlossen sich auch Reinhard Lengtat und John Wischuk, aus der Dienst­- bzw. der Schreibabteilung, der Projektgruppe an. Ab und zu waren noch weitere Personen verschieden lange beteiligt, doch die fünf Genannten wirkten an dem Projekt mit, bis nach fünf Jahren (1971) ein 1696seitiges Nachschlagewerk mit dem Titel Aid tu BibleUnderstanding (Hilfe zum Verständnis der Bibel) vorlag.[22]

2.3.3 Nur das schreiben, „was die Bibel sagt“: Konflikt gegenüber Lehrmeinung vorprogrammiert!

Ziemlich zu Anfang sagte Präsident Knorr etwas, das unsere Zielvorstellung entscheidend beeinflussen sollte. Er hatte es zwar ganz anders gemeint, als wir es auffaßten, doch das ist dabei weniger wichtig. Zu denen, die damals gerade an dem Projekt beschäftigt waren, meinte er: „Wir wollen nur das schreiben, was die Bibel sagt. Ihr braucht nicht erst alles in den Veröffentli­chungen der Gesellschaft nachzuschlagen.“

Wie uns später klar wurde, wollte er damit bezwecken, daß das Werk schneller fertiggestellt würde. Er dachte an ein kleines Büchlein, „ein Handbuch“, sagte er später. Wenn man lediglich wiederholte, was in der Bibel über einen Gegenstand gesagt wurde, ohne große zusätzliche Erläute­rungen, dann wäre nur sehr wenig Zeit für Nachforschungen nötig. Wirfaßten das falsch auf und meinten, wir sollten uns bemühen, immer alles so darzustellen, wie die Bibel es tatsächlich sagte, statt uns verpflichtet zu fühlen, alles so wiederzugeben, wie es in den Wachtturm-Veröffentlichun­gen stand. So ist ein deutlich anderes Werk entstanden, als es ursprünglich beabsichtigt war. In dem Material, das die 250 Männer eingesandt hatten, war der Stoff fast ausnahmslos so dargestellt, wie es der offiziellen Linie der Schriften der Gesellschaft entsprach. Unsere Nachforschungen ergaben häufig etwas anderes.

Der Vizepräsident der Gesellschaft, Fred Franz, galt in der Organisation als herausragender Bibelgelehrter. Bei verschiedenen Gelegenheiten suchte ich ihn in seinem Büro auf, um ihn über einzelne Probleme zu befragen. Zu meiner Überraschung verwies er mich in vielen Fällen auf Bibelkommen­tare und sagte: „Warum schaust du nicht einmal nach, was Adam Clarke darüber sagt oder was Cooke schreibt.“ Handelte es sich um einen Gegen­stand aus den Hebräischen Schriften, sagte er: „Sieh doch nach, was die Soncino-Kommentare sagen.“ In unserer Bethel-Bibliothek waren zahllose Regalmeter mit derartigen Kommentarwerken vollgestopft. Ich hatte ihnen jedoch keinen so großen Wert beigemessen, da sie von Gelehrten anderer Religionen stammten, und wie auch andere in der Abteilung zögerte ich, sie zu Rate zu ziehen, ja mißtraute ihnen sogar. Karl Klein, ein langgedienter [28]Mitarbeiter der Schreibabteilung, drückte das manchmal in sehr direkter Sprache aus und meinte, der Gebrauch dieser Kommentare sei ein „Nuckeln an der Brust von Babylon der Großen“, dem Weltreich der falschen Religion, wie die Gesellschaft die große Hure in der Offenbarung deutete.[23]

2.3.4 Persönliche Erkenntnis über die göttliche Inspiration der Schrift nimmt zu!

Je mehr ich in diesen Kommentaren nachschlug, desto tiefer beeindruckte mich der feste Glaube an die göttliche Inspiration der Bibel, der in den meisten zum Ausdruck kam. Was mich noch mehr beeindruckte, war, daß ihr Inhalt – obwohl zum Teil bereits im 18. Jahrhundert verfaßt – im allgemeinen sehr genau, zuverlässig und immer noch brauchbar war. Unwillkürlich mußte ich an unsere eigenen Veröffentlichungen denken, die oft schon nach wenigen Jahren veraltet waren und nicht mehr aufgelegt wurden. Ich war weit davon entfernt, diese alten Kommentare für fehlerlos zu halten, doch das Gute überwog in ihnen, und nur gelegentlich hatte ich den Eindruck, daß sie irrten.

Als ich den Auftrag für die Stichwörter „Älterer Mann“ und „Aufseher“ zugeteilt bekam, ergaben die Nachforschungen in der Bibel schon bald ganz klar, daß unser Aufsichtssystem in den Versammlungen nicht dem des 1. Jahrhunderts entsprach. (Bei uns gab es keine Ältestenschaften in den Versammlungen; jede Versammlung hatte nur einen einzigen „Auf­seher“) Das beunruhigte mich etwas, und ich trug die Erkenntnisse meinem Onkel vor. Wieder war ich von seiner Antwort überrascht. „Du mußt die Bibel nicht nach dem beurteilen wollen, was du heute in der Organisation siehst“, sagte er; und weiter: „Haltet das Hilfe-Buch rein.“ Ich hatte stets zur Organisation als Gottes einzigem Kanal für die Übermittlung von Wahrheit aufgeschaut, und so klang dieser Rat höchst ungewöhnlich in meinen Ohren, um es sehr zurückhaltend zu formulieren. Als ich darauf hinwies, daß die Neue-Welt-Übersetzung der Gesellschaft in ihrer Wieder­gabe von Apostelgeschichte, Kapitel 14, Vers 23, – im Zusammenhang mit der Ernennung der Ältesten offenbar die Worte „ins Amt“ eingefügt hatte, was den Sinn etwas veränderte, sagte er: „Warum prüfst du das nicht in anderen Übersetzungen nach, die weniger voreingenommen sind?“[24] Beim Hinaus­gehen fragte ich mich, ob ich gerade recht gehört hatte. In späteren Jahren sollte ich ihn an diese Worte in den Sitzungen der leitenden Körperschaft mehr als einmal erinnern.

Nach dieser Unterredung ging ich an die Bibel ganz anders heran. Aus seinen Bemerkungen war eine Achtung vor der Wahrheit der Heiligen Schrift herauszuhören, die mich tief beeindruckte. Mehr denn je begriff ich, welch grundlegende Bedeutung dem Zusammenhang des Textes zukam, wenn es galt, den Sinn einer Schriftstelle zu erfassen. Und andere, die am Hilfe-Buch [29] regelmäßig mitarbeiteten, haben das anscheinend ebenfalls erkannt. All­mählich begriffen wir auch, daß man die Bibel sich selbst definieren lassen muß, statt mit einer vorgefaßten Ansicht oder der Definition eines engli­schen Wörterbuches an sie heranzugehen. Nach und nach benutzten wir die griechischen und hebräischen Wörterbücher in der Bethel-Bibliothek immer öfter und auch Konkordanzen, die sich auf die Wörter der Ursprache statt auf englische Übersetzungen stützten.

Das Ganze war ein Lernprozess, der uns sehr bescheiden werden ließ, denn uns wurde bald klar, daß wir die Bibel längst nicht so gut verstanden, wie wir gedacht hatten, und daß wir nicht die fortgeschrittenen Bibelgelehrten waren, die zu sein wir uns einbildeten. Die vorhergehenden 25 Jahre war ich in einer derartigen Tretmühle ständiger Aktivitäten gewesen,daß ich zu solch einem ernsthaften, vertieften Studium der Heiligen Schrift nie gekommen war, obwohl ich die Bibel mehrere Male ganz gelesen hatte. Ich hatte eigentlich geglaubt, das sei gar nicht so notwendig, da ich annahm, andere täten dies für mich. Die beiden Schulungskurse an der Gileadschule waren so mit Lehrstoff vollgestopft, daß wenig Zeit blieb zum ruhigen Nachsinnen, zum Forschen und Analysieren ohne Zeitdruck.

2.3.5 Tiefschichtiges Nachforschen auch bei Freund und Gegner erweitert die Erkenntnis

Jetzt hatte ich die Zeit, und mir standen auch Bibelstudienhilfsmittel zur Verfügung, Lexika, Kommentare, hebräische und griechische Wörterbücher und so weiter, und das war eine Hilfe. Das Wichtigste aber war das Erkennen der Notwendigkeit, alles immer nur im Zusammenhang zu sehen, nur die Bibel sprechen zu lassen. Die neue Sichtweise stellte sich nicht von heute auf morgen ein, doch im Verlaufe mehrerer Jahre vertiefte sich allmählich das Bewußtsein, daß es ganz wesentlich darauf ankam, Gottes Wort, soweit es irgend ging, für sich selbst sprechen zu lassen. Ich verstand, weshalb jene 100 und 200 Jahre alten Kommentare in unserer Bethel-Bibliothek von vergleichsweise zeitlosem Wert waren. Da sie dem Text der Bibel Vers für Vers folgten, waren sie mehr oder weniger gezwungen, beim Sinn des Textzusammenhangs zu bleiben, und damit waren ihnen Zügel angelegt, die sie davor bewahrten, in sektiererische Ansichten oder phantasievolle Auslegungen abzuschweifen.

2.4 Was hat Vorrang: Biblisch begründete Wahrheit oder festgefahrene Lehrmeinung?
2.4.1„Ältester“ oder „älterer Mann“? Von bisherigen Ältestenschaften und durch Hierarchiedenken Rutherfords hin zur absoluten Kontrolle durch „Dienstleiter“

Was daher im Hilfe-Buch über Älteste und die Leitung der Versammlung in biblischen Zeiten stand, unterschied sich stark von der damals unter Zeugen Jehovas vertretenen Auffassung, nach der es ein mehr oder minder monarchisches System gab. Die schriftgemäße Einrichtung von Ältesten­schaften war 1932 von Richter Rutherford kurzerhand aufgehoben worden, weil einige Älteste mit der Gesellschaft und ihren Aktionen und Ansichten nicht übereinstimmten.[25] Seine Stellung als Präsident gab Rutherford die [30]notwendige Autorität für eine solche Vorgehensweise, und alle Versamm­lungen wurden aufgefordert, für die Abschaffung der Ältestenschaften und deren Ersatz durch – von der Gesellschaft eingesetzte – „Dienstleiter“ zu stimmen. Während der folgenden 40 Jahre gab es in den Versammlungen keine Ältestenschaften mehr. Das ist auch der Grund, weshalb in der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift, die die Gesellschaft in den 1950er Jahren herausgab, statt „Ältester“ regelmäßig „älterer Mann“ steht, denn der andere Begriff war offiziell in Ungnade gefallen.[26]

Nach Fertigstellung der Stichworteinträge „Älterer Mann“ und „Aufseher“ lieferte ich diese ab. Präsident Knorr und Vizepräsident Franz versuchten normalerweise gar nicht erst, die umfangreichen Vorlagen für das Hilfe­-Buch durchzulesen. Karl Adams dagegen, als Leiter der Schreibabteilung, sagte mir, er habe den Text gelesen und sei damit zu Bruder Knorr gegangen, mit den Worten: „Ich glaube, das solltest du lesen. Damit ändert sich einiges.“ Nachdem Knorr es gelesen hatte, ging er zu Fred Franz ins Büro und sagte ziemlich unwirsch: „Was soll das bedeuten? Soll das heißen, wir müssen so spät noch alles ändern?“ Fred Franz erwiderte darauf, er halte das nicht für nötig. Alles könne getrost so weiterlaufen, wie es zur Zeit gehandhabt werde.

2.4.2 Die Wahrheit über Älteste gemäss der Schrift in Widerspruch der „Überlieferung der Vorväter“ und führt zu neuen Konflikten

Als Karl Adams mir später davon berichtete, konnte ich es kaum glauben und besuchte meinen Onkel an einem Abend in seinem Privatzimmer, um mich danach zu erkundigen. Er bestätigte, daß seiner Ansicht nach Verände­rungen unnötig seien. Im Sommer sollte das fertige Hilfe-Buch auf den Bezirkskongressen freigegeben werden, und so fragte ich ihn, welche Wirkung es seiner Meinung nach auf die Brüder haben werde, wenn sie läsen, daß die Versammlungen im 1. Jahrhundert Ältestenschaften hatten und daß alle Ältesten als Aufseher dienten, und sie dann feststellen müßten, daß wir keine Anstalten machten, dem Vorbild der Bibel zu folgen. Darauf erwiderte er ganz ruhig, er meine nicht, daß das irgendwelche Probleme geben werde und daß die gegenwärtige Organisationsform mit der im Hilfe­-Buch beschriebenen „in Einklang gebracht“ werden könne. Ich gab meiner großen Sorge Ausdruck, es könne verheerende Wirkungen auf die Brüder haben, wenn wir das Vorbild der Schrift so übergingen. Er blieb bei seiner Ansicht und erzählte, daß Brüder vor einigen Jahrzehnten meinten, es könne nach der Übernahme der Königreichsherrschaft durch Christus im Jahr 1914 auch ruhig Veränderungen in der Verwaltung auf der Erde geben. Er habe stets geglaubt und tue das auch heute noch, fügte er hinzu, daß Jesus Christus die Geschicke seiner Diener auf Erden durch einen einzelnen Menschen und dessen Amtsgewalt lenke. Dies werde so lange der Fall sein, bis die neue Ordnung komme. Der Tenor dieser Äußerungen war von dem der früheren so verschieden, daß ich alles kaum unter einen gemeinsamen Nenner bringen konnte. [31] Einige Zeit darauf arbeitete der Vizepräsident jedoch Vortrage für den Kongreß aus, die darauf hindeuteten, daß es doch eine Änderung in der Leitung der Versammlungen geben würde. Als der Text bei Karl Adams einging, erkannte er dessen weitreichende Bedeutung und nahm sofort Verbindung mit Präsident Knorr auf, um ihm mitzuteilen: „Du solltest wohl noch mal mit Bruder Franz reden. Er hat anscheinend seine Meinung geändert.“ Bruder Knorr tat das, und es stimmte: Bruder Franz hatte es sich tatsächlich überlegt. Die Folge war, daß eine 40 Jahre alte Organisations­struktur geändert wurde.

2.4.3 Schwierigkeiten Chronologie: Die Grundfesten der „offiziellen Wahrheit“ beginnen zu wanken

Als mir das Stichwort „Chronologie“ zugewiesen wurde, ergaben sich ähnlich schwierige Fragen.[27] Eine der wichtigsten Lehren der Zeugen Jehovas besagt, daß das Jahr 1914 das Ende der „Zeiten der Heiden“ aus Lukas, Kapitel 21, Vers 24, ist. In jenem Jahr soll Jesus Christus die aktive Königsherrschaft ergriffen und für Menschenaugen unsichtbar zu regieren begonnen haben. In Daniel, Kapitel 4, ist von einer Zeitperiode von „sieben Zeiten“ die Rede, und das war die Grundlage für die Berechnungen, die zu diesem Jahr führten. Unter Zuhilfenahme anderer Texte machte man aus diesen „sieben Zeiten“ einen Zeitraum von 2 520 Jahren, der 607 v. u. Z. begann und 1914 u.Z. endete. Das Anfangsjahr 607 v. u. Z. soll der Zeit­punkt der Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen Eroberer Nebu­kadnezar gewesen sein. Daß das Jahr 607 v. u. Z. mit dieser Bedeutung nur in unseren Schriften vorkam, das wußte ich, den wahren Grund dafür allerdings kannte ich nicht.

Mit diesem einen Stichwort „Chronologie“ habe ich Monate des Nachfor­schens zugebracht, und es wurde der längste Eintrag im Hilfe-Buch‘.[28] Ein großer Teil dieser Zeit verging mit der Suche nach irgendeinem Beweis, einer Bestätigung in der Weltgeschichte für das Jahr 607 v. u. Z., das in unseren Berechnungen für das Jahr 1914 eine so zentrale Rolle spielte. Damals war Charles Ploeger, Mitarbeiter in der Weltzentrale, als mein Sekretär tätig, und er graste die Bibliotheken von New York ab, um irgend etwas zu finden, das dieses Jahr historisch untermauerte.

2.4.4 Keinerlei Hinweise, die das fragliche Jahr 607 v.u.Z. stützen: Damit wurde das Jahr 1914 als Beginn der Aufrichtung vom Königreich obsolet!

Wir fanden absolut nichts, was das Jahr 607 v. u. Z. bestätigt hätte. Alle Historiker verwiesen auf ein Datum 20 Jahre später. Erst durch meine Arbeit an dem Stichwort „Archäologie“ für das Hilfe-Buch wurde mir bewußt, daß man im Gebiet von Mesopotamien Zehntausende von Keil­schrifttafeln aus gebranntem Ton gefunden hatte, die alle aus dem alten Babylon stammten. Alle diese Tafeln gaben keinerlei Hinweis darauf, daß das Neubabylonische Reich (in das Nebukadnezars Regierungszeit fallt) lange genug dauerte, um mit unserem Datum 607 v.u.Z. für die Zerstörung Jerusalems zusammenzupassen. Alles deutete auf eine um 20 Jahre kürzere [32] Zeitspanne hin. Mir war zwar nicht ganz wohl dabei, doch ich wollte einfach glauben, daß unsere Chronologie trotz der gegenteiligen Beweislage richtig war. Darum haben wir auch beim Ausarbeiten des Hilfe-Buches viel Zeit und Raum darauf verwandt, die Glaubwürdigkeit der archäologischen und geschichtlichen Beweise herabzusetzen, die unser Jahr 607 v. u. Z. als fehlerhaft erwiesen und unseren Berechnungen einen anderen Ausgangs ­und Endpunkt gegeben hätten. Das Jahr 1914 wäre nicht zu halten gewesen. Charles Ploeger und ich fuhren nach Providence (Rhode Island) an die Brown University, um mit Professor Abraham Sachs, einem Spezialisten für Keilschrifttexte aus dem Altertum, zu sprechen. Wir wollten herausfinden, ob es irgendetwas gibt, das auf einen Mangel oder eine Schwäche bei den astronomischen Angaben in vielen dieser Texte schließen ließ, die unser Datum 607 v. u. Z. als unrichtig auswiesen. Am Schluß war klar, daß es buchstäblich eines Komplotts der Schreiber des Altertums bedurft hätte (für den es keinerlei denkbaren Grund gab I, die Angaben zu fälschen, wenn unsere Zahl stimmen sollte. Und wieder versuchte ich wie ein Anwalt, der sich unwiderlegbaren Beweisen gegenüber sieht. die Zeugen der alten Zeit (das Beweismaterial zum neubabylonischen Reich) in ein schlechtes Licht zu rücken oder anzuzweifeln.[29] Die Argumente, die ich vortrug, waren nicht erschwindelt, doch ich bin mir dessen bewußt, daß hinter ihnen die Absicht stand, eine Jahreszahl zu belegen, für die es keinerlei Stütze in der Geschichte gab.

Obwohl wir also manche Grundsätze besser einzuschätzen wußten, war am Hilfe- Buch trotzdem vielfach ein Deutliches Bemühen erkennbar, den Lehren der Gesellschaft treu zu bleiben. In gewisser Weise hat die bei der Arbeit gewonnene Erfahrung uns selbst mehr geholfen als dem Werk, das dabei herauskam. Und doch hat das Hilfe-Buch bei vielen Zeugen zu einem vermehrten Interesse an der Bibel beigetragen. Von grundsätzlichem Wert waren wohl der Stil und der Ansatz des Buches, sowie das Bemühen der meisten Beteiligten,Dogmatismen zu vermeiden und anzuerkennen, daß manches auch anders gesehen werden kann, und in einen Text nicht mehr hineinzulesen, als die Sachlage hergab. Doch auch hierin haben wir man­ches Mal das Ziel verfehlt, weil wir vorgefaßten Meinungen Vorrang gegeben und uns nicht so eng an die Schrift gehalten haben, wie wir es hätten tun sollen. Ich weiß, daß dies auf mich selbst zutrifft für die Abfassung der Stichworteinträge unter „Bestimmte Zeiten der Nationen“, „Treuer und verständiger Sklave“ und „Große Volksmenge“ in allen finden sich Argumente, die derzeitige Lehren aus den Wachtturmschriften stützen sollen. Weil diese Lehren für mich damals einfach Tatsachen waren, handelte ich der im (von mir später selbst verfaßten] Vorwort erklärten Absicht zuwider. Auf Seite 6 der englischen Originalausgabe steht unter der Überschrift „Sein Ziel“ folgendes: „Hilfe zum Verständnis der Bibel will [33] kein Lehrkommentar und kein interpretatives Werk sein.“ Soweit es auf übertragene und symbolische Bedeutungen eingehe, geschehe dies nicht „willkürlich oder in Anlehnung an ein bestimmtes Glaubensbekenntnis“. Im Allgemeinen traf das auch zu, doch bisweilen wichen wir von diesem Maßstab ab, weil tief verwurzelte Glaubensansichten sich als zu mächtig erwiesen.

2.4.5 Einladung Mitglied der „leitenden Körperschaft“ zu werden: Mit Realitäten konfrontiert, die fast schon unglaublich sind

In dem Jahr, in dem das Hilfe- Buch als ganzes Werk erschien, erhielt ich die Einladung, Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas zu werden, dem Gremium, das heute das Werk dieser Glaubensgemeinschaft in über 200 Ländern der Erde leitet. Bis dahin hatte es sieben Personen umfaßt, die identisch waren mit den sieben Direktoren der Watch Tower Bible and Tract Society, jener Gesellschaft, die ursprünglich von Charles Taze Russell, ihrem ersten Präsidenten, in Pennsylvanien gegründet wurde. Zusammen mit drei weiteren Personen wurde ich am 20. Oktober 1971 zum Mitglied der nun erweiterten leitenden Körperschaft ernannt. Mehr als allem anderen habe ich es wohl diesem Umstand zu verdanken, daß ich mit Realitäten konfrontiert wurde, mit denen ich nie und nimmer gerechnet hatte.

Viele Zeugen Jehovas nahmen Anstoß an einer Formulierung in einem Artikel der Zeitschrift Time vom 22. Februar 1982, in dem von mir die Rede ist. Die Schreiber des Artikels bezeichneten die Organisation der Zeugen Jehovas als „heimlichtuerisch“. Es mag seltsam erscheinen, daß dieser Ausdruck in Verbindung mit einer Organisation gebraucht wird, die selbst so vehement zu öffentlicher Tätigkeit aufruft, indem sie ihre Anhänger weltweit landauf landab von Haus zu Haus gehen laßt. Die Reporter von Time gebrauchten diesen Ausdruck offenbar, weil sie größte Mühe hatten, die Weltzentrale zu einer Stellungnahme zu dem im ersten Kapitel des vorliegenden Buches beschriebenen Sachverhalt zu bewegen.

2.4.6 Das gut gehütete Geheimnis um die wahre Funktion der „leitenden Körperschaft“ wird gelüftet

Tatsache ist aber, daß selbst unter den Zeugen Jehovas nur sehr wenige einigermaßen darüber Bescheid wissen, wie die Organisation in ihrem Zentrum funktioniert. Sie wissen nicht, wie man zu Entscheidungen in Fragen der Lehre gelangt, wie die leitende Körperschaft, die die weltweite Tätigkeit beaufsichtigt, ihre Diskussionen abhält, ob Beschlüsse stets einmütig gefaßt werden, oder was bei Uneinigkeit geschieht. All dies ist mit einem Mantel des Geheimnisses umhüllt, da die leitende Körperschaft nichtöffentlich tagt. Ich kann mich an nur zwei oder drei Fälle in den neun Jahren meiner Mitwirkung in diesem Gremium erinnern, bei denen jemand, ohne selbst Mitglied zu sein, in einer regulären Sitzung anwesend war. Und in diesen Fällen beschränkte sich ihre Aufgabe darauf, einen Bericht vorzutragen, den die Körperschaft angefordert hatte. Danach entließ man sie wieder, und die leitende Körperschaft führte ihre Beratungen intern weiter. Daß diese Außenstehenden etwas Wichtiges zu berichten hatten, berechtigte sie noch nicht zur Teilnahme an der Diskussion darüber. Auch gibt man der Anhängerschaft keinerlei detaillierte Angaben über Einnah­men und Ausgaben der Gesellschaft, über ihre Vermögenswerte oder das [34] Volumen ihrer Investitionen (wenngleich im Jahrbuch regelmäßig knapp über die Gesamtausgaben berichtet wird). [30]

Die überwiegende Mehrzahl der Zeugen Jehovas weiß über viele Dinge, die bei zahlreichen religiösen Organisationen allgemein bekannt sind, nur wenig oder überhaupt nichts. Die Entscheidungen aber, die die kleine Gruppe von Männern innerhalb dieses Gremiums fällt, können ihr Leben auf das Empfindlichste treffen – was oft auch der Fall ist – und sind dazu gedacht, weltweit ausgeführt zu werden.

Damit komme ich zu dem letzten Grund für das Abfassen dieses Buches, dem wichtigsten von allen. Ohne ihn würden die vorhergehenden bedeu­tungslos.

2.5 Verpflichtung *
2.5.1 Der Grundsatz Jesu mit verpflichtender Wirkung

„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das sollt auch ihr ihnen tun; denn das ist das Gesetz und die Propheten“ (Matthäus 7: 12, Jerusalemer Bibel).

Dieser Grundsatz aus dem Munde Jesu hat bindende Wirkung für jeden von uns, der Christ zu sein beansprucht, in allem, was er tut. Niemand kann ehrlich von sich sagen, er komme diesen Worten in vollkommener Weise nach. Und ich behaupte das auch nicht von mir. Ich glaube aber, sagen zu können, daß das hier Niedergeschriebene dem aufrichtigen Wunsch ent­springt, diesem Grundsatz zu folgen.

Der Apostel Paulus bezeichnete sich selbst als „Schuldner“ gegenüber Menschen aller Art.[31] Er fühlte ihnen gegenüber eine Verpflichtung, und ähnlich fühle auch ich mich verpflichtet. Wenn jemand anders Über Dinge Bescheid wüßte, die ich brauchte, um eine wichtige Entscheidung zu fällen, dann würde ich wollen, daß man mich informiert. Die Entscheidung soll niemand anders für mich treffen, doch man sollte mir sagen, was man weiß, und dann mir überlassen, welche Bedeutung ich dem beimesse. Ich denke, so würde ein Freund, ein echter Freund, handeln.

2.5.2 Neun Jahre in der „leitenden Körperschaft“ als Zeit der Tortur gegenüber dem eigenen Gewissen

Meine neun Jahre in der leitenden Körperschaft haben stark auf mich gewirkt, ganz besonders auf mein Gewissen. Ich habe mich in einer der größten Krisen meines Lebens wiedergefunden und war vor Entscheidungen gestellt, wie ich sie nie erwartet hatte. Meine Entscheidung habe ich selbst gefällt, und der Preis dafür war beträchtlich. Aber ich bereue sie nicht, und ich bereue auch nicht, das Wissen erlangt zu haben, das dazu führte. Andere mögen sich anders entscheiden, und manche haben das auch getan. Das Recht dafür steht ihnen zu, das müssen sie mit Gott abmachen. [35]

Nachdem ich im Mai 1980 meine Mitarbeit in der leitenden Körperschaft eingestellt hatte, erreichten mich viele Anrufe von Zeitungen und Zeit­schriften, die wissen wollten, was in der Organisation vorgehe. Ich habe die Anrufer durchweg an die Weltzentrale in Brooklyn verwiesen. Mit der gleichen Regelmäßigkeit haben die Reporter darauf erwidert, auf diesem Wege hätten sie es bereits versucht, doch ohne Erfolg; stets habe es geheißen: „Kein Kommentar.“ Ich habe dann geantwortet, ich könne ihnen in der Angelegenheit nicht weiterhelfen. So habe ich es fast zwei Jahre lang gehalten. Was in diesen zwei Jahren passierte, nicht nur mit mir, sondern auch mit anderen, hat mich bewogen, meine Position zu überdenken.

2.5.3 Wer nach dem Gewissen handelt wird bezichtigt Rebell zu sein

In diesen zwei Jahren sind Motive, Charakter und Verhalten von Menschen, die aus Gewissensgründen nicht mit der Organisation einiggehen konnten, mit den übelsten Bezeichnungen belegt worden. Ihr Bemühen, das Wort Gottes allem anderen voranzustellen, wurde ihnen als Beweis des persönli­chen Ehrgeizes, als Rebellion und Stolz, als Sünde gegen Gott und Christus ausgelegt. Man unterstellte sofort, daß niemand von ihnen aufrichtig gehandelt hatte, aus Liebe zur Wahrheit oder Treue gegenüber Gott. Ganz gleich, um wen es sich im Einzelfall handelte, man warf einfach alle in einen Topf. Jedes Fehlverhalten, jede falsche Einstellung einzelner, die die Organi­sation verlassen hatten, wurde allen nachgesagt, die gegangen waren. Man bemühte sich nicht herauszufinden, ob nicht einige wegen Frustrationen, Enttäuschung und Kränkung so reagiert haben. Auf internationaler Ebene sind unter den Zeugen zahlreiche Gerüchte und Geschwätz der übelsten Sorte verbreitet worden. Gläubigen Christen mit hohen moralischen Grundsätzen wurde vorgeworfen, sie tauschten untereinander die Ehepart­ner aus, seien Homosexuelle, Heuchler und Egoisten, die sich selbst zum Mittelpunkt der Verehrung machen wollten. Ältere tat man oft als geistig verwirrt oder verkalkt ab.

Die einzigen, die derlei Gerede hätten unterbinden können, indem sie einfach darauf verwiesen hätten, daß diese Menschen möglicherweise auch aufrichtig sein und wirklich um ein gutes Gewissen ringen könnten – und die obendrein auch den Gerüchteverbreitern hätten zeigen können, wie sehr Gott falsches Zeugnis haßt -, diese Personen haben in Wahrheit zur Verbreitung von Gerüchten durch ihre Veröffentlichungen noch beige­tragen.[32]

2.5.4 Jeder, der der Organisation widerspricht von Satan angeführt?

Man lese beispielsweise, was im Wachtturm vom 15. November 1981 (Seite 28) stand, der in Millionen von Exemplaren in vielen Sprachen auf der ganzen Erde verbreitet wurde:

„Hin und wieder stehen unter dem Volke Je­hovas Personen auf, die wie Satan eine unab­hängige, kritische Haltung einnehmen. Sie wollen nicht „Schulter an Schulter“ mit der weltweiten [36] Bruderschaft dienen. (Vergleiche Epheser 2:19 bis 22.) Sie bieten dem Wort Jehovas eher eine „störrische Schulter“ (Sach. 7:11, 12). Diese Hochmütigen versuchen, die „Schafe“ von der einen internationalen „Herde“, die Jesus auf der Erde eingesammelt hat, wegzuziehen, indem sie das Muster der „reinen Sprache“, die Jehova in den vergangenen 100 Jahren auf so gütige Weise seinem Volk gelehrt hat, verunglimpfen (Joh. 10:7-10,16). Sie versuchen, Zweifel zu säen und Arglose von dem reichlich mit geistiger Speise gedeckten „Tisch“ im Königreichssaal der Zeu­gen Jehovas, wo wirklich ’nichts mangelt‘, weg­zuführen (Ps. 23: 1-6). Sie sagen, es genüge, nur die Bibel zu lesen, entweder allein oder in klei­neren Gruppen zu Hause. Aber seltsamerweise haben sie sich aufgrund dieses „Lesens der Bi­bel“ Irrlehren zugewandt, die Geistliche der Christenheit vor 100 Jahren in ihren Kommen­taren vertraten, und einige feiern sogar wieder Feste der Christenheit, z. B. den 25. Dezember, an dem die Römer die Saturnalien feierten. Jesus und seine Apostel warnten vor diesen Abtrün­nigen (Matth. 24: 11-13; Apg. 20:28-30; 2. Petr. 2: 1,22).“

In diesem einen Absatz werden also Menschen als wie Satan, unabhängig, kritisch, störrisch, hochmütige Verunglimpfer, Vertreter von Irrlehren und Abtrünnige bezeichnet. Und was hatten sie Verkehrtes getan, daß man diese schweren Anschuldigungen erhebt? Eines der „Vergehen“, die erwähnt werden, ist, daß sie auf eine nicht näher bezeichnete Weise mit einem nicht näher bezeichneten Teil der Lehre der Organisation nicht übereinstimmten. Außerdem hätten sie gesagt, es genüge, nur die Bibel zu lesen, und auf große Zusammenkünfte in einem Gebäude käme es nicht an.

Könnten diese Punkte für sich allein schon rechtfertigen, jemand mit Satan in eine Ecke zu stellen? Andere Gründe werden nicht genannt, und für viele Zeugen hat das auch ausgereicht, diese Menschen so einzustufen und mit ihnen entsprechend zu verfahren, so unglaublich das klingen mag.

2.5.5 Schummeln mit gezinkten Statistiken

In der folgenden Statistik aus den Aufzeichnungen der leitenden Körper­schaft über die weltweite Tätigkeit der Zeugen Jehovas werden die Zahl der Täuflinge und die Gesamtzahl der aktiven Anhänger für die Jahre 1970 bis einschließlich 1979 angegeben: [37]

Jahr

1970
1971
1972
1973
1974
1975
1976
1977
1978
1979

Summe Täuflinge in 10 Jahren:

Getaufte

164 193
149 808
163 123
193 990
297 872
295 073
196 656
124 459
95 052
113 672

1 793 898

Gesamtzahl der Berichterstattenden

1 384 782
1 510 245
1 596 442
1 656 673
1 880 713
2 062 449
2 138 537
2 117 194
2 086 698
2 097 070

Danach sind in den zehn Jahren bis einschließlich 1979 insgesamt 1 793 898 Menschen getauft worden. Die Organisation geht normalerweise davon aus, daß ein Prozent der Mitverbundenen jedes Jahr stirbt. Berücksichtigt man dies, so würde das einen Verlust von schätzungsweise 185 308 Personen bedeuten. Zieht man diese Zahl von der Zahl der Täuflinge ab, so hätte es in diesen zehn Jahren, wenn alle in der Organisation geblieben wären, noch einen Zuwachs von 1 608 590 geben müssen.

Was ergibt sich aber? Zählt man die 1 608 590 zu der Zahl der Aktiven im Jahr vor diesem Zehnjahreszeitraum (1969) hinzu, nämlich 1 256 784, so sollten 1979 insgesamt 2 865 374 Personen tätig gewesen sein. Der Bericht für das Jahr weist aber nur 2 097 070 aus. Das bedeutet, daß in diesen zehn Jahren etwa 768 304 Personen die Organisation verlassen haben oder untätig geworden sind. Das entspricht vier von zehn Getauften dieses Zeitraums. Oder andersherum ausgedrückt: Jeder vierte hatte die Organisa­tion verlassen.

2.5.6 Die starke Fluktuation unter Jehovas Zeugen und ihre Gründe

Die Gründe für diese starke Fluktuation sind vielfältig. Ich mache mir nicht vor, daß jeder von diesen mehr als einer halben Million Menschen, die in den zehn Jahren die Organisation verließen, dies aus Gewissensgründen tat oder von rechten Beweggründen getrieben wurde. Nicht allen ging es mehr um die Wahrheit als um sich selbst. Manche haben sich vor oder nach ihrem Weggang sittlicher Verfehlungen schuldig gemacht. Einige, die gegangen sind, haben später genau das getan, was sie der Organisation vorwarfen: Sie waren rachsüchtig und rechthaberisch, arbeiteten mit Spott, Halbwahrhei­ten und Übertreibungen, Andere haben sogar bei Zusammenkünften oder auf Kongressen der Zeugen Jehovas Störungen verursacht, was ich bedauer­lich finde. Doch mir sind auch viele, viele Menschen persönlich bekannt, die nicht so sind, bei denen man den sicheren Eindruck hat, daß sie ehrbare, mitfühlende Menschen sind, die Gott achten. Von einem selbstsüchtigen Standpunkt aus gesehen, konnten sie durch ihre Handlungsweise nur verlieren und nichts gewinnen. [38]

Viele waren gar nicht persönlich von einer herzlosen Behandlung betroffen, sondern waren entsetzt, weil sie sahen, wie mit anderen umgegangen wurde, Sie mußten mit ansehen, wie Menschen unter der Starrköpfigkeit und Engstirnigkeit, ja sogar der Arroganz seitens der verantwortlichen Mariner litten. Oder sie erkannten die schädliche Wirkung mancher Erlasse der Organisation, die nicht fest auf die Bibel gegründet waren. Das waren keine verärgerten, nachtragenden Querulanten, sondern Menschen, die sich lediglich für mehr Mitgefühl einsetzten, für ein getreueres Befolgen des Vorbildes des Sohnes Gottes, des Herrn über den christlichen Haushalt des Glaubens.

2.6 Der Fluch um das Verbot des Umgangs mit Ausgeschlossenen
2.6.1 Vollkommene Quarantäne für “Abtrünnige“ und „Antichristen“, weil sie Zweifel an gewissen Lehren äussern! Geheimsitzungen von Rechtskomitees nach dem Muster der Inquisition

Dieses Mitfühlen mit anderen ist meines Erachtens ein entscheidendes Merkmal für die Echtheit der Motive. Gleichermaßen entscheidend ist, daß es ihnen um die Wahrheit ging, wenn sie sich für andere einsetzten. Sie wollten sich nicht der Falschdarstellung des Wortes Gottes schuldig machen, nicht heucheln, etwas zu glauben, das sie gar nicht glaubten, etwas zu unterstützen, das sie nicht unterstützen konnten, zu verurteilen, was ihrer Ansicht nach die Bibel selbst gar nicht verurteilt. Mir sind viele bekannt, die aus genau diesen Motiven gehandelt haben und die dennoch als „Abtrünnige“, „Antichristen“ und „Werkzeuge Satans“ abgestempelt wer­den. Einzige Grundlage der Verurteilung war jedesmal, daß sie nicht allen Lehren oder Grundsätzen der Organisation voll zustimmen konnten. Gegenüber solchen Menschen fühle ich eine Verpflichtung. Nahezu in jedem einzelnen Fall führte eine kleine Gruppe von drei oder fünf Männern (ein „Rechtskomitee“) in geheimen Sitzungen ein Verfahren gegen sie durch, zu dem Augen- und Ohrenzeugen nur zugelassen waren, um Aussa­gen zu machen, nicht aber, um die Verhandlung mitzuverfolgen. Später wurde der versammelten Gemeinde eine knappe Meldung über den Gemeinschaftsentzug verlesen, in der weder etwas über die Zeugenaussa­gen noch über die Beweise gesagt wurde, die zum Ausschluß führten. Nach der Verlesung der Bekanntmachung wurde von jedem Zeugen erwartet, daß er mit den Ausgeschlossenen kein Wort mehr wechselte, Dadurch entzog man diesen jede Möglichkeit, ihren Freunden und Bekannten etwas zu erklären. Hätten sie dasvor ihrem Gemeinschaftsentzug getan, wäre es ihnen als „Abwerbeversuch“, „Untergrabung der Einheit der Versamm­lung“, „Säen von Zwietracht“ oder „Bildung einer Sekte“ ausgelegt worden. Und wer nachher mit ihnen redete, gefährdete die eigene Stellung, da ihm dann ebenfalls der Gemeinschaftsentzug drohte.

Damit ist die Quarantäne perfekt, und jeder Diskussion ist das Wasser abgegraben. Die Aufzeichnungen über das Gemeinschaftsentzugsverfahren einschließlich irgendwelcherangeblicher Beweise ruht jetzt in einem der umfangreichen Archive in der Dienstabteilung in Brooklyn (oder in einem der Zweigbüros) und trägt den Vermerk „Nicht vernichten“. Das Archiv mit all seinem Beweismaterial ist genau wie die Anhörungsprotokolle geheim und keiner Prüfung zugänglich.

2.6.2 Wahre Gefährten für die Zeit der Not oder vorgespielte Heuchelei?

In der Bibel wird uns gesagt: „Ein wahrer Gefährte liebt allezeit und ist ein [39] Bruder, der für die Zeit der Bedrängnis geboren ist.“[33] Früher dachte ich, ich hätte solche Gefährten in großer Zahl Als die Krise aber den entscheiden­den Höhepunkt erreicht hatte, mußte ich feststellen, daß ich nur sehr wenige hatte. Diese wenigen sind mir dafür umso kostbarer, ganz gleich, ob sie sich nun mit vielen oder wenigen Worten für mich eingesetzt haben. Weil ich früher im Rampenlicht stand, fragen die Leute nach mir. Fast nie erkundigt sich aber jemand nach den anderen, die nicht so bekannt waren, obwohl sie dasselbe durchgemacht haben und praktisch dieselben Folgen tragen müssen.

Was muß es für eine Mutter bedeuten, die einem Töchterchen das Leben geschenkt hat, die das Baby gefüttert und bei Krankheit gepflegt hat, die das Mädchen später durch die prägenden Lebensjahre geführt und an seinen Problemen Anteil genommen hat, die die Enttäuschungen und traurigen Augenblicke wie ihre eigenen durchgemacht und mit ihrer Tochter geweint hat – was muß es für diese Mutter bedeuten mitzuerleben, wie ihre jetzt erwachsene Tochter sie plötzlich zurückweist, und das nur, weil ihre Mutter Gott und ihrem Gewissen treu bleiben wollte?

Welches Leid erfahren Eltern, deren Sohn oder Tochter heiraten und ihnen sagen, es sei am besten, sie ließen sich nicht auf der Hochzeitsfeier blicken, oder die erfahren, daß eine Tochter ein Kind zur Welt gebracht hat, und ihnen gesagt wird, sie sollten nicht kommen, um das Enkelkind zu sehen? Das ist keine Einbildung. So ergeht es vielen Eltern. Ich will nur ein Beispiel bringen. Eine Mutter aus Pennsylvanien schreibt:

„Ich habe Kinder in der Organisation, die verheiratet sind und mich sogar zu sich einluden während der ersten Zeit, als ich mich von der Organisation zurückzog, damit ich mich erholen konnte. Ihre Einstellung zu mir als Mensch hatte sich nicht geändert. Seit aber die Bekanntgabe kam (im Wachtturm vom 15. Dezember 1981, der genaue Anweisungen für den Umgang mit Personen, die sich aus der Versamm­lung zurückgezogen hatten, enthielt), werde ich von ihnen nur noch gemieden. Nicht einmal telefonisch haben wir Verbindung, und sie nehmen keinerlei Kontakt mit mir auf. Ichmuß etwas dagegen tun, aber ich weiß nicht was. Ich unternehme nichts, damit es nicht etwas Falsches ist und sie sich noch mehr von mir entfremden. Ich rufe nicht bei ihnen an, damit sie sich nicht eine Geheimnum­mer geben lassen, und ich schreibe nicht, weil ich – wie schon gesagt – befürchte, etwas zu äußern, das sie als anstößig auslegen könnten. Ich mußte ins Krankenhaus deswegen, weil ich mit den Nerven am Ende war, und kurz darauf stand ich gleich wieder vorm Nervenzusammenbruch, weil mich diese Reaktionen so schrecklich mitgenommen haben. Vielleicht geht es Dir genauso. Ich weiß nicht, wie ich den Verlust meiner Kinder (und künftiger Enkelkinder) verkraften soll. Es ist einfach zu viel.“

Wenn meine frühere Bekanntheit irgendwie dazu beitragen kann, daß die Lage solcher Menschen mit einem offeneren Sinn gesehen wird und zu einem veränderten Verhalten anderer ihnen gegenüber beiträgt, dann hat sie meines Erachtens damit ihren einzigen nützlichen Zweck erfüllt. [40]

Ich denke dabei an die Worte des Apostel Paulus:

„Gott kennt mich durch und durch. Ich hoffe aber, daß ihr mich genauso kennt. Es geht mir nicht darum, schon wieder mich selbst anzupreisen. Vielmehr möchte ich euch zeigen, daß ihr Grund habt, auf mich stolz zu sein. Dann wißt ihr, wie ihr die zum Schweigen bringen könnt, die auf äußere Vorzüge stolz sind, aber wenn man ihnen ins Herz sieht, haben sie nichts vorzuweisen. Gebt mir Raum in eurem Herzen! Ich habe doch keinem von euch Unrecht getan. Ich habe keinen zugrunde gerichtet und keinen ausgebeutet. Ich sage das nicht, um euch zu verurteilen. Ich habe euch ja schon gesagt, daß mein Herz für euch weit geöffnet ist. Ihr seid im Leben und im Tod mit mir verbunden.“[34]

Wenn das in diesem Buch Gesagte dazu beitragen könnte, daß die Kinder einer einzigen solchen Mutter sich nicht für sie schämen, sondern stolz auf sie sind, weil sie der Stimme ihres Gewissens gefolgt ist, so wäre das all die Mühen wert gewesen.

2.6.3 Mitglied der „leitenden Körperschaft“ während neun Jahren, um als glaubwürdiger Zeuge gegen sie und ihre Machenschaften aufzutreten!

Damit habe ich im Wesentlichen gesagt, weshalb in diesem Buch Dinge aufgezeichnet sind, die ich im Verlauf meiner neun Jahre Mitgliedschaft in der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas gesehen, gehört und erlebt habe. Dies ist offensichtlich nötig, um zu zeigen, woher die Probleme, die auf beiden Seiten so vielen das Herz zerreißen, im Kern eigentlich kommen. Diese Darstellung ist nicht als eine Art Enthüllung gedacht. Manches war zwar schockierend für mich, doch ich berichte darüber nicht wegen der Schockwirkung, sondern weil sich daran beispielhaft sehr grundlegende Probleme aufzeigen lassen. Man sieht daran, zu welchen Extremen die Treue zu einer Organisation führen kann, wie Menschen, die im Grunde genommen freundlich und ohne böse Absichten sind, soweit gebracht werden können, daß sie Entscheidungen fällen und Handlungen begehen, die herzlos und ungerecht, ja sogar grausam sind. Namen, Zeit und Ort werden im Allgemeinen genannt werden, da dies für einen glaubwürdigen Tatsachenbericht notwendig erscheint. Ohne diese Angaben würden ganz sicher viele die Wahrheit des Gesagten bezweifeln oder leugnen. Dort, wo die Nennung des Namens und anderer Daten unwichtig erschien und wo dies den Betroffenen unnötige Schwierigkeiten bringen könnte, wird auf diese Angaben verzichtet. Einzelpersonen werden nur so weit behandelt, wie sie zum Gesamtbild gehören. Wenn einige öfter zitiert werden, dann deshalb, weil sie viel zu sagen hatten und weil ihre Worte von größerer Tragweite waren. Andere, wie beispielsweise Lyman Swingle oder Karl Adams, kommen häufiger vor, weil ich durch meine Arbeit mit ihnen engeren Kontakt hatte.

Beim Zitieren habe ich mich bemüht, fair zu sein, nichts aus dem Zusam­menhang zu reißen, keinen Sinn hineinzulegen, der nicht enthalten ist. Zitate sind meines Erachtens für die jeweilige Person charakteristisch und widersprechen nicht ihrer sonstigen Persönlichkeit, ihren Ansichten und ihrem Verhalten. Dennoch habe ich einige wenige Zitate anonym gelassen, [41] darunter auch solche von Mitgliedern der leitenden Körperschaft, weil ich dem einzelnen oder seinen nahen Verwandten besondere Schwierigkeiten ersparen möchte oder aus Rücksicht auf die besonderen, teils tragischen Umstände im Leben der betreffenden Person. Dies in allen Fällen zu tun, ist offenkundig unmöglich, da sonst der Bericht seine Aussagekraft verliert. Des Weiteren bin ich der Ansicht, daß niemand erwarten kann, von der Verantwortung völlig freigesprochen zu werden, die sich aus den Worten Jesu ergibt: „Aber das sage ich euch: am Tag des Gerichts werden die Menschen sich verantworten müssen für jedes unnütze Wort, das sie gesprochen haben! Aufgrund deiner eigenen Worte wirst du dann freigespro­chen oder verurteilt werden“.[35] Wir können Vergebung für verkehrte oder verletzende Worte zu erlangen suchen und sie vielleicht auch erhalten. Doch wir bleiben weiter für sie verantwortlich.

2.6.4 Darf oder muß man „schmutzige Wäsche“ hin und wieder in der Öffentlichkeit waschen?

Manche werden die Preisgabe einiger Dinge als das Waschen schmutziger Wäsche in der Öffentlichkeit verurteilen. Merkwürdig ist nur, daß dieselben Personen nichts dagegen haben, die schmutzige Wäsche anderer Religionen zu waschen, sie sind daran sogar interessiert und forcieren noch die Veröffentlichung. Doch was innerhalb ihrer eigenen Religionsorganisation vorgeht, das sollte ihrer Meinung nach nicht außerhalb diskutiert werden. Die harte Tatsache ist aber, daß es heute unter Jehovas Zeugen keine Möglichkeit gibt für eine Diskussion. Wollte es jemand versuchen, so würde das als ein Zeichen für einen rebellischen Geist gewertet werden und nur neue Gemeinschaftsentzüge zur Folge haben. Da diese Dinge innerhalb der Organisation nicht diskutiert werden sollen, bedeutet dies, daß sie gar nicht diskutiert werden, daß sie ignoriert werden müssen. Einigen wäre es natürlich am liebsten, wenn das so bliebe. Die Frage ist nur, ob das richtig ist.

Es ist wohl richtig, daß ein Christ auf Gott vertraut, der alles sieht und das endgültige Urteil spricht. Ganz bestimmt kann allein Er alles Unrecht vollständig und endgültig wiedergutmachen. Es gibt keinerlei Rechtferti­gung für zornige Vergeltung und gehässige Gegenvorwürfe. Für Verleum­dungstaktik ist kein Platz. In dieser Hinsicht ist die Bibel eindeutig,[36] Soll das aber bedeuten, daß man über Unrecht ganz und gar still sein muß? Soll man schweigen, wenn im Namen Gottes Irrtum verbreitet wird? Ist es vielleicht ein Anzeichen von „Mißachtung von Gott verliehener Autori­tät“, wenn man darüber spricht?[37]

Die offizielle Linie der Organisation heißt: Es ist überhaupt kein Unrecht geschehen. Alles gehe in voller Übereinstimmung mit der Bibel vor sich; die Heilige Schrift erfordere ein solches Vorgehen sogar. Wenn das so ist, dann [42] sollte es gegen eine offene Diskussion dieser Dinge nichts einzuwenden geben. Die Diskussion sollte sogar ergeben, daß die Richtigkeit der offiziel­len Linie der Organisation noch stärker hervortritt und der Vorwurf des Unrechts entkräftet wird. Nur wer wirklich Unrecht verübt, will Still­schweigen erzwingen, so wie es diktatorische Regierungen und autoritäre Religionen in alter und neuer Zeit praktiziert haben.

2.6.5 Die Bibel zeigt deutlich, daß Missetaten von Führungspersonen öffentlich gemacht werden müssen!

Was zeigt die Bibel? Bewahrt sie Stillschweigen über Missetaten, wenn sie von Menschen in verantwortlicher Stellung begangen wurden? Davon kann wohl keine Rede sein; vielmehr zielte die Tätigkeit der Propheten Israels oft gerade auf solche Menschen, und die Propheten verkündeten öffentlich, welche Gebote Gottes führende Persönlichkeiten übertreten hatten und welche Konsequenzen das für sie hatte. Gerade auf diese Offenheit und Ehrlichkeit der Bibel haben Jehovas Zeugen oft als einen Beweis dafür hingewiesen, daß sie wahrhaft das Wort Gottes ist.[38]

Und die Apostel und Jünger Jesu? Bei ihnen war es doch gerade der Herrschaftsapparat des Bundesvolkes Gottes, bestehend aus dem Sanhe­drin, den Ältesten und den Priestern mit ihrer von Gott stammenden Autorität, der so emsig darum besorgt war, den Aposteln die öffentliche Bekanntmachung des ungerechten Vorgehens gegen Jesus zu verbieten.[39] Sowohl die Propheten Israels wie auch die Jünger Christi machten das Unrecht bekannt, weil sie eine höhere Autorität achteten und ihr gehorch­ten, und weil das im Interesse der Menschen lag, die davon erfahren mußten. Heute gibt es keine Apostel oder Propheten, die im Auftrage Gottes handeln. Man braucht aber kein Prophet zu sein, um dem Beispiel der Propheten Gottes zu folgen. Sonst hätten die Worte Jesu keinen Sinn, die er an die richtete, die geschmäht und über die allerlei Böses gesagt wurde, daß sie sieh freuen sollten, „denn ebenso verfolgte man vor euch die Prophe­ten“.[40] Eben weil diese Christen genauso handelten, wurde mit ihnen auch genauso verfahren. Man braucht nicht Apostel zu sein, um dem Vorbild der Apostel nachzufolgen, genauso wenig wie man ein Messias sein (oder zu sein vorgeben) muß, um den Fußstapfen Jesu Christi nachzufolgen.[41]

Zwischen dem, was man dem Sohn Gottes antat, und dem, was mit den heute Betroffenen geschieht, ist natürlich ein himmelweiter Unterschied. Doch das Öffentlichkeitsprinzip, das Gott in biblischen Zeiten guthieß, dürfte auch auf die heutige Situation anzuwenden sein. Zumindest zeigt sich darin, daß Er mit Sicherheit nicht gegen die Aufdeckung von Unrecht und voll Falschdarstellungen ist, solange der Beweggrund dabei ist, anderen zu helfen und Menschen auf Tatsachen hinzuweisen, die ihnen bei der Entscheidungsfindung dienlich sein könnten. Hier gilt das Wort: „Das Böse triumphiert, wenn die Guten nichts tun.“ [43]

2.6.6 Rettung aufgrund von unverfälschtem Glauben, nicht aufgrund grossartiger Werke!

So schwerwiegend die Dinge auch sind, von denen ich hier berichte, sie allein haben aber noch nicht zu meiner Entscheidung geführt. Ich wurde durch sie erst zum intensiveren Nachdenken über die Bedeutung wichtiger Teile und Lehren der Bibel gebracht, z.B.

weshalb der Apostel Paulus so sehr die Rettung durch Glauben betonte und „nicht (aufgrund von) Werken … , damit kein Mensch Grund zum Rühmen habe“;
was eigentlich der wirkliche Unterschied zwischen der Gerechtigkeit ist, die durch die Erfüllung des Gesetzes erlangt wird, und der, die aus Gottes Gnade oder unverdienter Güte stammt;
welche Bedeutung die Rolle des Sohnes Gottes als Haupt der Christenver­sammlung hat;
was der wahre Zweck der Versammlung ist;
warum Gott Menschen in ihr Autorität gewährte und wie diese miß­braucht werden kann.

Die entscheidende Bedeutung dieser Lehren wurde mir so richtig klar, als ich miterlebte, was sich in der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas, ihrem inneren Zirkel der Macht, abspielte.

Viele andere aus den Reihen der Zeugen Jehovas, die über all das, was ich hier vortrage, nichts wußten, sahen sich ebenso am Scheideweg angelangt und haben ihre Entscheidung einfach auf der Basis dessen gefällt, was sie in der Bibel lasen. Andere ringen zur Zeit noch mit ihrem Gewissen und haben ihre Entscheidung noch nicht treffen können; sie empfinden eine diffuse Angst oder gar Schuld. Es ist mein Wunsch, daß gerade ihnen dieses Buch eine Hilfe sein möge. Ihnen ist es verpflichtet. Mögen sie es verwenden, wozu ihr Gewissen sie treibt, während sie sich der Leitung des Geistes Gottes und seines Wortes unterstellen. [44]

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[1] 2. Korinther 12: 11, Wilckens; vergleiche 3: 1,2; 5: 2, 13; 6:4-10; 11:21-29.
[2] Schau den Tatsachen ins Auge, S. 3.
[3] a.a.O; S. 8. (Heute akzeptieren Jehovas Zeugenden Begriff „Religion“ als Bezeichnung für die wahre Anbetung.)
[4] a,a.O., S. 8, 9 (Damals wurde gelehrt, die Welt habe 1914 in dem Sinn „geendet“, daß Satans Zulassung zur Macht endete. Heute wird dies nicht mehr gelehrt.)
[5] a.a.0., S. 16, 17, 27 (Wie bekannt, ging das „Diktatur‘ Ungeheuer“ im 2. Weltkrieg unter, was das genaue Gegenteil dieser Voraussage war.]
[6] a,a,O., S. 41, [Diese Ansicht über die symbolische Bedeutung der Arche hat sich inzwischen geändert, obwohl die zentrale Bedeutung der Organisation bei der Errettung im wesentlichen noch genauso gesehen wird, wie es hier steht.]
[7] a.a.O., S. 46, 47.
[8] Erst 1959, mit 36 Jahren, habe ich geheiratet. Meine Frau und ich haben keine Kinder, da wir bis vor wenigen Jahren Geburtenkontrolle praktiziert haben.
[9] Siehe Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1975, S. 186, 187; außerdem die Broschüre Theocracy (1941), S. 44, 45.
[10] Kinder (1941), S. 365, 366.
[11] Siehe Watchtower vom 15. September 1941, S. 288. Der englische Originaltext lautet: „Receiving the gift (the book Children), the marching children clasped it to them, not a toy or plaything for idle pleasure, but the Lord’s provided instrument for most effective work in the remaining months before Armageddon.“
[12] „Sonderpioniere“ sind Vollzeitbeauftragte („Pioniere“), die von der Gesellschaft in bestimmte Gebiete gesandt werden, mehr Stunden pro Monat leisten müssen und eine monatliche Zuwendung als Zuschuß zur Deckung ihrer Unkosten erhalten.
[13] Auf dem Anforderungsformular für diese Zuwendung gab es eine Spalte, in der man angeben sollte, wieviel man für die Literatur erhalten und wieviel man ausgegeben hatte und welche Differenz offenstand. Da der Unterschiedsbetrag manchmal nicht ganz 15 Dollar betrug, erschien es mir korrekt, weniger anzufordern. Das hatte aber zur Folge, daß ich ständig knapp bei Kasse war und immer weniger Geld anforderte. Später wurde mir klar,daß die meisten Sonderpioniere einfach die vollen 15 Dollar anforderten.
[14] Siehe das Buch Rettung (19.39), S. 325, 326.
[15] Wenige Jahre darauf wurde Beth Sarim verkauft. Auch den Glauben an die Wiederkehr der „Treuen der alten Zeit“ vor Harmagedon ließ man fallen.
[16] Diese Regel hatte im wesentlichen für die Weltzentrale und alle Zweigbüros gleichermaßen Gültigkeit. Mitte der 1950er Jahre kam man davon ab. Knorr selbst heiratete.
[17] Obwohl nicht gerade von kleinem Wuchs, wog ich während meiner Zeit in der Karibik im Durchschnitt nur 53 kg. Ich konnte mehrere Zeitschriften unter zwei Unterhemden um meinen Körper packen und ein geöffnetes Buch von 384 Seiten in die kurze Hose stecken, ohne daß es auffiel. Das einzige Problem bestand darin, daß mir die Kanten des geöffneten Buches während des Sitzens im Flugzeug in die Seiten schnitten, was recht unangenehm war.
[18] Der Generalissimo empfing mich in vollem Uniformschmuck mit allen seinen Auszeich­nungen (die er sich zum Teil selbst verliehen hatte). Als er herausfand, in welcher Mission ich in Wirklichkeit vorsprach, endete das Gespräch recht schnell. Trotzdem schien es einen günstigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, denn einige Zeit später wurde das Verbot aufgehoben, nach etwa einem Jahr aber wieder erneut verhängt.
[19] 2. Korinther 6:4-18, Einheitsübersetzung.
[20] Sprüche 18:13.
[21] Denguefieber wird wie Malaria von Moskitos übertragen, bricht aber später nicht immer wieder von neuem aus. Die bleibenden Nachwirkungen in meinem Fall gehen eventuell auf eine Scharlacherkrankung im Kindesalter zurück.
[22] Die Stichworte, die wir zu bearbeiten hatten, wurden jedem von uns fünf von Karl Adams zugeteilt, dem damaligen Leiter der Schreibabteilung. Die deutsche Fassung des Werkes erschien 1980-1987 in 8 Teilbänden mit zusammen 1618 Seiten und ist „eine verkürzte Ausgabe des englischen Werkes“ (Vorwort). Siehe auch den Anhang.
[23] Ich kann eigentlich kaum glauben, ,b(\ er das so kraß meinte, wie es sich anhörte, da er diese Kommentare selbst zu Rate zog und wußte, daß Fred Franz sehr oft aus ihnen schöpfte.
[24] Spätere Ausgaben der Neuen-Welt-Übersetzung liegen diesen Zusatz weg. In der ersten Ausgabe [auch der deutschen) hatte es geheißen: „Überdies setzten sie in der Versammlung für sie ältere Männer ins Amt ein, und indem sie unter Fasten beteten, vertrauten sie sie Jehova an, an den sie gläubig geworden waren.“
[25] Zur Rechtfertigung dieses Vergehens wird im allgemeinen betont, daß einige Ältesten sie weigerten, am Zeugnisgeben von Tür zu Tür teilzunehmen, das damals stark gefördert wurde. Sie werden als Männer hingestellt, die nur daran interessiert waren, Zusammen­künfte durchzuführen und Vorträge zu halten. Nie wird erwähnt, daß der Präsident der Watch Tower Society, Richter Rutherford, haargenau dasselbe tat. Das wurde damit erklärt, daß seine vielen Aufgaben es nicht zuließen, an der Haus-zu-Haus-Tätigkeit teilzunehmen.
[26] In späteren Ausgaben der Neuen-Welt-Übersetzung wird das Wort „Älteste“ verwendet, aber nur in der Offenbarung und nur in den Texten, die sich auf die 24 Ältesten am Thron Gottes beziehen.
[27] Mir wurden auch die meisten geschichtlichen Stichworte zugeteilt, die mit den Herrschern und der Geschichte Ägyptens, Assyriens, Babyloniens (hier nur die Herrscher), Medo­-Persiens und anderer Reiche zu tun hatten.
[28] Es umfasst in der englischen Ausgabe insgesamt 27 Seiten (S.322-348)
[29] Aid to Bible Understanding, S. 326-328, 330, 331. (Diese Passagen wurden in der deutschen Ausgabe weggelassen.)
[30] In einem Finanzbericht an die leitende Körperschaft von 1978 ist von Vermögenswerten (Immobilien, Guthaben usw.) in Höhe von 332 Millionen US-Dollar die Rede. Selbst innerhalb der leitenden Körperschaft wußten nur wenige Genaueres über die Art der finanziellen Beteiligungen der Gesellschaft
[31] Römer 1:14.
[32] 2. Mose 20:16; 3. Mose 19:16; Psalm 15:3; 1. Petrus 2:21-23.
[33] Sprüche 17: 17.
[34] 2. Korinther 5: 11, 12; 7:2,3, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[35] Matthaus 12:36, 37, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[36] Psalm.37:5-9, 32, 33; Römer 12:17-21; 1. Petrus 2:21-23.
[37] Im Wachtturm vom 15. November 1982 wird in einer Betrachtung der Worte aus Judas über Menschen, die „lästernd über Herrliche (reden)“ (Vers 8), gesagt, zu diesen Herrlichen gehörten „ernannte christliche Aufseher“, und es wird vor der „Neigung … , die von Gott verliehene Autorität zu mißachten“, gewarnt. Siehe auch den umrandeten Kasten auf Seite 29 dieser Ausgabe.
[38] Siehe das Buch „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert t und nützlich“ (1967). S. 339.
[39] Apostelgeschichte 4:5-23; 5:17-40.
[40] Matthaus 5:11, 12; vergleiche Jakobus 5:10, 11.
[41] 1. Korinther 11:1; Epheser 5:1; 1. Petrus 2:21.