11. Kapitel: Nachspiel

11 Nachspiel *

11.1 Bedrückende Wölfe, welche die Herde nicht schonen
11.1.1 Unbeugsame Härte mit äusserer Milde verschleiert. Dieselbe unbiblische Anwendung des Begriffs „Abrünnigkeit“ (Häresie) wie bei der Inquisition

„Ich weiß, daß nach meinem Weggang bedrückende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen werden“ (Apostelgeschichte 20:29).

Im Englischen gibt es die alte Wendung von der „eisernen Faust in einem Samthandschuh“, wodurch treffend beschrieben wird, wie Unbeugsamkeit mit äußerer Milde verschleiert werden kann. Die eiserne Strenge, die sich in der Vergehensweise der Mächtigen offenbarte, ist meines Erachtens nicht erst durch die Ereignisse des Frühjahrs 1980 hervorgerufen worden. Die Härte bestand bereits vorher, wie die Geschichte zeigt. Was im Frühjahr 1980 geschah, bewirkte nur, daß der Samthandschuh der Milde ausgezogen und die unbeugsame Härte darunter freigelegt wurde. Das bestätigen auch die nachfolgenden Geschehnisse.

Als das Rechtskomitee aus fünf Bethelältesten, das die Aufgabe erfüllte, die korrekterweise eigentlich die leitende Körperschaft selbst hatte wahrneh­men müssen, Ed Dunlap zum letzten Mal vorlud und ihm seinen Ausschluß mitteilte, sagte er:

„Wenn ihr das so entschieden habt, gut. Aber sagt nicht, es sei wegen Abtrünnigkeit gewesen! Ihr wißt, daß mit Abtrünnigkeit die Rebellion gegen Gott und Christus Jesus gemeint ist, und ihr wißtgenau, daß das bei mir nicht zutrifft.“

In der Augustnummer 1980 der US-Ausgabe des Mitteilungsblatts Our Kingdenn Ministry (deutsch: Unser Königreichsdienst, November 1980, S. 8), das monatlich allen Versammlungen zugeschickt wird, hieß es in einer Meldung auf der Titelseite, daß einer Reihe von Bethelmitarbeitern die Gemeinschaft entzogen wurde, die sich „abtrünnig gegen die Organisation verhalten“ hätten. Das stimmte zwar immer noch nicht, denn es hatte nicht einmal eine Rebellion gegen die Organisation stattgefunden, doch es kam der Wahrheit schon naher als Äußerungen, die anderswo zu hören waren. Am 28. Mai 1980 wurde mein Rücktrittsbrief der Bethelfamilie vorgelesen. Am 29. Mai wurden alle Bethelältesten zusammengerufen. Einer von ihnen war Jon Mitchell. Er arbeitete als Sekretär sowohl in der Dienstabteilung wie auch im Büro der leitenden Körperschaft. Ich hatte nur ein einziges Mal mit ihm zu tun gehabt, nämlich als er mir die Visa für meine Afrikareise beschaffte. Mit den Ausgeschlossenen hatte er nie ein Wort gesprochen, hatte aber im Büro einige Berichte der Rechtskomitees zu Gesicht bekommen [276] und den bürointernen Tratsch über die sogenannten Ketzerverfahren gehört. Über seine Eindrücke von der Zusammenkunft der Ältesten und den Ansprachen Schroeders und Barrys aus der leitenden Körperschaft berichtet er folgendes:

„Die Ansprache Schroeders behandelte das Thema Organisation. Er redete davon, wie reibungslos unsere Organisation funktioniere, und sagte, daß Leute, die meinten, sie könnten deren Regeln und Gebote nicht akzeptieren, lieber gehen und den Fortschritt hier nicht aufhalten sollten. (Um zu veranschaulichen, wie reibungslos alles in der Organisation laufe, hob er das Buch Branch Organisationhoch und sagte, in diesem Werk seien über 1000 Regelungen und Anweisungen für die Arbeit der Zweigbüros und der Brooklyner Zentrale enthalten.) Er betonte, es handle sich nicht um eine Hexenjagd, sondern offenbar laufe ein Selbstreinigungs­prozess ab.
Über die, die die Organisation verlassen haben, sagte er: ,Man kann nicht sagen, dag sie nicht an die Bibel glauben. Dazu müßte man ja Atheist sein. Sie verstehen sie nur anders.‘
Als er fertig war, durften die Bethelältesten Fragen stellen. Harold Jackson meldete sich und schlug die Einrichtung eines Forums oder eines offenen Gesprächskreise vor, in dem die strittigen Fragen erörtert werden sollten. Schroeder erwiderte darauf, so etwas sei nicht geplant. Wenn wir Fragen hatten, könnten wir sie schriftlich stellen. Warren Weil fragte an, ob man schon erwogen habe, die Brüder einen Treueeid ablegen zulassen. Dazu sagte Bruder Schroeder diesen Weg wolle man derzeit nicht beschreiten.
Der Vortrag von Lloyd Barry schien darauf abzuzielen, einige Glaubensansichten der sogenannten Abgefallenen zu widerlegen und zur Loyalität gegenüber der Organisation aufzurufen. Er las Sprüche 24:21, 22 vor und ermahnte uns eindring­lich, uns vor denen zu hüten, die für eine Veränderung sind‘. Mißbilligend sprach er sich darüber aus, daß einige sich zusammenfänden, um ein unabhängiges Bibelstudium zu betreiben. Er behauptete, manche täten dies sogar anstelle des gemeinsamen wöchentlichen Wachtturm- Studiums am Montagabend.
Ähnlich abfällig sprach er über diejenigen, die sich gerne auf Bibelkommentare von Schreibern der Christenheit stützten. (Mitarbeiter der Dienstabteilung hatten sich Barnes’ Notes on tlie New Testament zugelegt und ließen das Werk offen herumliegen, doch nach dieser Äußerung verschwand es schnell in den Schub­laden.) Barry sprach von dem reichen Erbe, das wir als Zeugen Jehovas halten, und war sichtlich betroffen darüber, daß einige es nicht so hoch einschätzten wie er und Auffassungen hätten, die dem Wachstum und dem Gedeihen der Organisation abträglich sein könnten.“

Obwohl Jon nie mit uns, die wir Zielscheibe dieser Ansprachen waren, über die strittigen Fragen oder überhaupt über die Bibel gesprochen hatte, fährt er fort:

„Diese Zusammenkunft und die darauf folgenden Ereignisse verstärkten in mir noch das Gefühl des Abscheus, das in mir hochkam, als ich von den Gemein­schaftsentzügen und der Entlassung von Bruder Franz zum ersten Mal gehört hatte.“

11.1.2 Kennzeichen der Abtrünnigkeit nach Ausformulierung der leitenden Körperschaft kennzeichnet jene selbst als wahre Abtrünnige und Gesetzlose!

Im Wachtower vom 1. August 1980 (Wachtturm vom 1. November 1980) sollte ein Artikel erscheinen, in dem die Kennzeichen für Abtrünnigkeit aufgezählt würden. Ich war mir aber bereits sehr gut im klaren darüber, was für Kennzeichen es wirklich gab, und mich bedrückte sehr, daß die Organisation diese Anzeichen selbst immer stärker aufwies, und zwar: [277]

„1) Die Unterdrückung des freien Bibellesens. Zwar würde es wohl kaum zu Bibelverbrennungen kommen, doch offensichtlich war die Möglichkeit, völlig frei die Bibel zu lesen und frei darüber zu sprechen, eingeschränkt. Weshalb ließ die leitende Körperschaft keine offene Diskussion der Streitfragen zu, wie es vorge­schlagen wurde, gerade weil es hier um Personen ging, die der Organisation viel an Substanz gegeben hatten und die wegen ihrer gründlichen Bibelkenntnis hohe Achtung genossen? Was wollte sie verbergen? Konnte die Wahrheit einer Prüfung nicht standhalten?
2) Die offensichtliche Betonungsverschiebung weg von der Bibel und hin zu unserem sogenannten reichen Erbe, d.h. den Traditionen unserer Organisation. Wie ich gut wußte, war dies eine Fehlentwicklung vieler religiöser Sekten, einschließlich der der Pharisäer gewesen. In Matthäus 15 und Markus 7 stehen die Worte Jesu, in denen er diese öffentlich rügte, weil sie ihrer Überlieferungen größeren Wert beimaßen als dem Wort Gottes. Der Vorschlag, man solle allen die Ablegung eines Treueeids abverlangen, um die Loyalität gegenüber der Organisation und ihren Überlieferungen sicherzustellen, ließ mich vor Schrecken erschauern. Doch er war in vollem Ernst vorgetragen worden.
3) Inquisirionsmethoden. Es war eindeutig, daß die leitende Körperschaft, deren Aufgabe ich mehr im Dienst für die Bruder gesehen hatte, sehr autoritär vorging und hier kurzen Prozess machen wollte. Wäre es nicht viel weiser und vernünftiger gewesen, etwas sorgsamer und bedächtiger vorzugehen, indem man die ganze Sache gründlich untersucht und das Für und Wider abgewogen hätte und dann erst, allmählich und behutsam, zu einer Entscheidung gekommen wäre?
Ich weiß noch, wie ich bei der Ältestenzusammenkunft dasaß und mir sagte: ,Hört auf! Nicht so übereilt! Merkt ihr denn nicht, was ihr da macht?’ So dachte ich, nicht weil ich der Organisation untreu war, sondern weil ich sehr an ihr hing und mir sehnlichst wünschte, sie auf einem starken Fundament der Wahrheit fest gegrün­det zu sehen.“

Genau wie er hoffte auch ich anfangs, die Vernunft werde die Oberhand gewinnen, sobald der Alptraum verflogen wäre. Ich hoffte, daß statt der aufgeladenen Atmosphäre, die fast einer hysterischen Belagerungsmentali­tät glich und aus der heraus ein kleines Häuflein gewissentreuer Menschen für eine riesige Bedrohung gehalten wurde, eine ruhigere, besonnenere Denkweise einkehren würde. Das Gegenteil war der Fall.

11.1.3 Es wird totale Anpassung von Kreis- und Bezirksaufsehern an die Lehren der Gesellschaft verlangt. Ältestenschaften unter argwöhnischer Beobachtung.

Die unglaublichen Forderungen nach totaler Anpassung, die nun erhoben wurden, kommen wohl nirgends besser zum Ausdruck als in einem Rund­schreiben, das die Dienstabteilung der Weltzentrale unter dem Datum vom 1. September 1980 an alle Kreis- und Bezirksaufseher, die reisenden Beauf­tragten der Gesellschaft, verschickte. Die ersten beiden Seiten dieses Briefes werden hier wiedergegeben. Von besonderem Interesse ist der Abschnitt „Die Herde schützen“ (die wichtigsten Punkte sind am Rand markiert). [278]

„SCG:SSF 1.September 1980

AN ALLE KREIS- UND BEZIRKSAUFSEHER
Liebe Brüder!

Wir wissen, daß ihr gemeinsam mit euren Frauen großen Nutzen aus den Bezirks­kongressen „Göttliche Liebe“ gezogen habt. Sie führten uns in beeindruckender Weise vor Augen, weshalb die Liebe die nützlichste Eigenschaft ist, die wir entwickeln können 1. Kor. 13:13). Die Liebe befähigt uns, trotz unserer Mängel und Fehler vereint zu bleiben Kol. 3:12-14).

Ihr könnt sicher sein, daß die Brüder, denen Ihr dient, durch Euer liebevolles Vorbild im Glauben erbaut und gestärkt werden. Bei uns sind etliche Briefe einge­gangen, in denen uns von der Liebe berichtet wird, die ihr, Brüder, und eure Ehe­frauen gezeigt habt. Eine Ältestenschaft schrieb über ihren Kreisaufseher: „(Er) ist wahrhaft dem Tun des Willens Jehovas ergeben … steht allen geistig bei … für alles offen. (Er) hat ein offenes Ohr und zeigt Einfühlungsvermögen gegenüber den Brüdern. Auf solche Brüder können wir uns verlassen, wenn in Zukunft die schweren Zeiten kommen werden.“

Ihr könnt zuversichtlich sein, daß die Brüder Eure Freundschaft, eure Gesellschaft und Eure Liebe schätzen werden, wenn Ihr Euch mit echter Sorge um die sie betreffenden Dinge kümmert (Phi 2:19-23, 29). Setzt daher auch weiterhin alles daran, auf liebevolle weise mit ihnen umzugehen. Setzt sie niemals unter Druck. Kanzelt sie nicht ab, Geht ihnen führend voran, wobei ihr eng mit ihnen zusammenarbeitet; ermahnt sie soweit sie dies brauchen. Habt Geduld, wenn sie scheinbar nur wenig Fortschritte machen. Dieser liebevolle, geduldige Umgang wird die Brüder erquicken (Matth. 11:28-30).

DIE HERDE SCHÜTZEN

Eine der Hauptaufgaben eines Aufsehers beim Hüten der ihm anvertrauten Herde Gottes besteht darin, diese vor Gefahren zu beschützen (Apg 20:28). In Apostelgeschichte 28:29 wird darauf hingewiesen, daß eine dieser Gefahren Menschen sein können, die vom Glauben abfallen. Dieses Thema Word im Wachtturm vom 1. August 1980 sehr gut behandelt. Ihr alle werdet Euch mit dem Inhalt der Studienartikel äußerst gründlich vertraut machen wollen. Ermuntert alle Ältesten und besonders die Dienstamtgehilfen, das ebenso zu tun. Verwendet Hauptpunkte daraus in euren Ansprachen. „Bleibt bei dem, was ihr gelernt habt“. [279]

Helft den Ältesten zu unterscheiden zwischen einem unruhestiftenden Abtrünnigen und einem Christen, der schwach im Glauben geworden ist und zweifelt. (2. Petr 2:??; Jud 22, 23). Gegen den ersteren sollte entschieden vorgegangen werden, nachdem längere Zeit hindurch versucht wurde, sein Denken zurechtzurücken (2. Joh 7-10). Andererseits sollte man jemand, der schwach geworden ist, liebevoll und geduldig beistehen, die genaue Erkenntnis zu erlangen, die seinen Glauben befestigt.

Seite 2

Bitte beachtet, daß ein Abgefallener seine Irrlehren nicht bei anderen zu verbreiten braucht, um ausgeschlossen zu werden. In der Wachtturm-Ausgabe vom 1. August 1980 heißt es auf Seite 17, Absatz 2: “Unser Word ‘Abfall’ ist die Wiedergabe des griechischen Ausdruck, der ‘Abscheiden’, ‘Trennung’, ‘Absonderung’, ‘Auswuchs’ und ‘Aufstand’ bedeutet. Wendet sich also ein getaufter Christ von den Lehren Jehovas, so wie sie vom treuen und verständigen Sklaven dargelegt werden ab, und glaubt er trotz biblischer Ermahnung weiterhin hartnäckig an eine andere Lehre, dann fällt er vom Glauben ab. Man sollte sich längere Zeit freundlich bemühen, sein Denken zurechtzurücken, wenn er aber nach einigen ausgedehnten Bemühungen immer noch an seiner falschen Lehren glaubt und der Auffassung , die ihm durch die Sklavenklasse zugekommen ist, zurückweist, dann sollten die entsprechenden rechtlichen Schritte eingeleitet werden.

Das soll nicht bedeuten, daß Ihr oder die Ältesten Euch sozusagen auf Hetzjagd begeben und die Glaubensansichten Eurer Brüder ausforschen solltet, doch wenn die Ältesten etwas hinreichend Auffälliges in dieser Hinsicht bemerken, dann wäre es angebracht, zum Schutz der Herde freundlich und unauffällig nachzuhacken. Wir können nicht genügend betonen, daß in diesen Fällen äußerst behutsam, taktvoll und freundlich vorgegangen werden muß (Jak. 1:19, 20)

ZUSAMMENARBEIT VERSCHIEDENER ÄLTESTENSCHAFTEN

Uns ist aufgefallen, daß bisweilen in größeren Städten mehre Versammlungen betroffen sind, wenn Unrechttun aufgedeckt wird. Die Älteste in diesen Ver­sammlungen müssen eng zusammenarbeiten. Sie sollten stets daran denken, die Ältesten in den anderen Versammlungen umgehend über Verkündiger zu informieren, bei denen vielleicht etwas unternommen werden muß. Jemand, der in eine Verfeh­lung hineingerutscht ist, braucht sofortigen Beistand. Jeder, der Sich in seiner Sünde verhärtet, muß mit Strenge getadelt und, falls das nichts bewirkt, aus der Versammlung ausgestoßen werden. Ihr tätet gut daran, die Ältestenschaften auf die Dinge aufmerksam zu machen, die Euch während des Schulungskurses im Herbst 1971 in Redeplan Nr. 13 unter der Überschrift „Älteste benötigen weiterhin Hilfe beim lösen versammlungsübergreifender Probleme“ vermittelt wurden. Die Ältesten in den betreffenden Versammlungen sollten über alles unterrichtet werden, was be­kannt ist und was sie zur Aufklärung brauchen. [280]

Schärft den Ältesten ein, daß sie vor Gott dafür verantwortlich sind, das Auf­treten und die Ausbreitung von Unrechttun in der Versammlung zu vermindern 1. Kor. 5:6-8). Die Rechtskomitees sollten sehr sorgfältig ermitteln, ob jemand wirklich reuig ist, bevor sie ihm Vergebung gewähren, nachdem er die Versammlung in Verruf gebracht hat. Im allgemeinen bringt jemand, der bereut, auch wirklich „Frucht hervor, die der Reue entspricht“ (Matt. 3:8). Laßt uns nicht vergessen, daß ein Mensch dieselbe Sünde wieder begehen wird, wenn dieselben Umstände wieder eintreten und nicht schon sein Herz angesprochen worden ist, mag der ihm erteilte Rat oder die Zurechtweisung noch so gut gewesen sein. Die Ältesten müssen Willens sein, in solchen Fällen durchzugreifen, um die Herde zu schützen.“In diesem Rundschreiben wird die offizielle Linie wiedergegeben. Es heißt allen Ernstes, wenn jemand etwas glaubt – es nicht vor anderen vertritt, sondern einfach glaubt –, das nicht mit den Lehren der Organisation übereinstimmt, so genüge das, um ihn als Abtrünnigen abzuurteilen!

Das Rundschreiben beschränkt die Abweichungen in den Glaubensansich­ten nicht auf die biblischen Grundlehren wie das Kommen des Sohnes Gottes als Mensch, das Loskaufsopfer. den Glauben an Jesu vergossenes Blut als Grundlage für die Rettung, die Auferstehung oder ähnlich grundlegende Bibellehren. Der Betreffende braucht noch nicht einmal die Lehre der Bibel abzulehnen, nur die „Lehren Jehovas, so wie sie vom treuen und verständi­gen Sklaven dargelegt werden“. Das ist dasselbe, wie wenn man sagt, wenn jemand der schriftlichen Willensäußerung eines Herrschers glaubt und sie befolgt, sei das kein sicheres Zeichen für Loyalität, vielmehr komme es darauf an, daß er das glaubt und tut, was der Überbringer der Botschaft, der im Dienst des Herrschers steht, als die seiner Meinung nach richtige Deutung des Gesagten verkündet.

11.1.1 Schnüffelpraxis auf allen Ebenen, um mittels Daumenschrauben „einheitliches Denken“ aller zu erreichen

Dem Geschäftszeichen im Briefkopf des Rundschreibens vom 1. September 1980 ist zu entnehmen, daß der Verfasser Leon Weaver hieß. Daraus darf man aber nicht schließen, diese Schnüffelpraxis entspringe dem Hirn eines Einzelnen, genausowenig wie es sich um eine spontane Fehlleistung han­deln konnte, für die man sieh hinterher schämt, weil sie voreilig, verletzend und total unchristlich war. Der Verfasser gehörte dem Komitee der Dienst­abteilung an, dessen weitere Mitglieder unter anderem Harley Miller, David Olson, Joel Adams und Charles Woody waren, allesamt erfahrene Führungs­persönlichkeiten in der Organisation, seit Jahrzehnten in verantwortlicher Stellung. Gemeinsam überwachen sie im Auftrag der leitenden Körper­schaft die Tätigkeit der über 8500 Versammlungen (Gemeinden) und aller Ältesten und Kreis- und Bezirksaufseher in den USA, also von etwa einem Viertel aller Zeugen Jehovas. Sie arbeiten eng mit dem Dienstkomitee der leitenden Körperschaft zusammen und sollten die Vorgaben der leitenden Körperschaft und ihre Denkweise genau kennen.

Damit aber wird die Position, die in dem Rundschreiben vertreten wird, nur umso erschreckender. Wie ich aus langjähriger Tätigkeit im Dienstkomitee [281] weiß, muss jedes Schreiben von solcher Bedeutung dem Dienstkomitee der leitenden Körperschaft zur Genehmigung vorgelegt werden, bevor es ver­sandt werden darf.[1] Hatte nur ein einziges Mitglied des Komitees Einwände dagegen erhoben, so hätte der Brief der gesamten leitenden Körperschaft zur Besprechung vorgelegt werden müssen.

11.1.2 Inquisitionsmethoden von oberster Führungsschicht aus sanktioniert: Abtrünnig ist, wer eine Lehre der Gesellschaft anzweifelt und wird dem Ausschluss unterworfen, was dem Sinne nach Todesstrafe bedeutet!

Wie auch immer, das Rundschreiben und die darin beschriebene Verfah­rensweise. die einen an die Haltung kirchlicher Oberer zu Zeiten der Inquisition erinnert, mußte von einer ganzen Anzahl verantwortlicher Mitarbeiter der Weltzentrale, einschließlich mehrerer Mitglieder der leiten­den Körperschaft, abgesegnet worden sein. Da hier persönliche Freundschaf­ten, Familienbande, persönliche Ehre und andere wichtige Interessen schwer beeinträchtigt werden konnten, sollte man annehmen, darf die Verlautbarung vom 1. September 1980 lange und sorgfältig durchdacht wurde, bevor man sie als offizielle Äußerung des „treuen und verständigen Sklaven“ Jesu Christi guthieß. Was dort gesagt wurde, ließe sich später nicht leichtfertig mit den Worten abtun: „Das haben wir doch alles nicht so gemeint, wie es auf den ersten Blick aussieht.“ Viele Menschen wurden und werden einzig aufgrund der hier eingeführten Gedankenüberwachung aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Nur weil sie im Innern nicht alle Auslegun­gen der Gesellschaft akzeptieren können, werden sie als Abtrünnige abge­stempelt.

Möglicherweise gab ein Vorfall in einer New Yorker Versammlung, der sich kurz vorher ereignet hatte, den Anstoß zu dem Vorgehen. Der bereits erwähnte Jon Mitchell, der einen Teil seiner Arbeitszeit auch in der Dienstabteilung zubrachte, berichtet:

„So um diese Zeit herum (die Rede ist vom Frühsommer 1980) erhielten wir von F. W. Franz eine bürointerne Mitteilung, die dieser anscheinend als Antwort auf eine Anfrage von Harold Jackson (einem Mitarbeiter der Dienstabteilung) verfaßt hatte. Offensichtlich gab es in einer spanischen Versammlung eine Pionierschwester (Vollzeitpredigerin), die nicht guten Gewissens lehren konnte, die Zahl 144 000 in Offenbarung 7 und 14 sei buchstäblich zu verstehen. Sie sagte, sie habe nicht vor, andere für diese Ansicht zu gewinnen oder abweichende Auffassungen öffentlich zu vertreten, doch sie wolle denen, mit denen sie die Bibel studiere, nicht beibringen, daß die 144 000 eine buchstäblich zu nehmende Zahl sei.
Bruder Jacksons Frage lief offenbar darauf hinaus, ob man einen solchen Menschen als abtrünnig ansehen solle oder nicht. In der Mitteilung wurde Wert darauf gelegt, daß diese Frau tatsächlich als eine Abtrünnige anzusehen sei und man ihr die Gemeinschaft entziehen solle, wenn sie sich nicht bereit erkläre das zu lehren, was ihr die Gesellschaft aufgetragen habe. Ich entsinne mich, daß jemand in der Dienstabteilung erzählte, was aus dem Fall geworden war. Er berichtete, die Frau habe ,widerrufen‘ (recanted). Ich war schockiert, wie man diesen Ausdruck ohne jedes Schamgefühl in den Mund nehmen konnte.“

11.2 „Der Mensch der Gesetzlosigkeit“, der sich in der Endzeit in Gottes Tempel setzt fällt durch Ablehnung von Gottes Geboten auf! (2.Thess 2:3-8)
11.2.1 Keinerlei Schulung der Zeugen wirkliches Unrecht gemäss Gottes GESETZ zu erkennen und zu bekämpfen! Einzig gültiger Rechtsmassstab ist das Gesetz der Religionsgemeinschaft!

Vielleicht meint man, daß die extreme Haltung, die in dem Rundbrief vom 1. September 1980 eingenommen und durch die reisenden Beauftragten der [282] Gesellschaft allen Ältesten übermittelt wurde, einen Sturm des Protests oder zumindest erkennbaren Widerspruch von Seiten der Ältesten und anderer Zeugen Jehovas hervorrief. Dazu waren sie aber zu gut geschult. Einige wenige haben den Mund aufgemacht, aber nur sehr vorsichtig, damit man sie nicht als abtrünnig abstempelte. Daß es keine lauten Proteste gab, lag sicher nicht daran, daß sie „durch Prüfung (feststellten) … , was der gute und annehmbare und vollkommene Wille Gottes ist“, wozu der Apostel auffordert.[2] Liest man den Absatz auf Seite 2 des Briefes noch einmal genauer durch, so stellt man fest, daß nicht eine einzige Bibelstelle angege­ben wurde, die belegen würde, daß die Methode der Gedankenüberwachung eine biblische Grundlage hätte. Christen sollen „jeden Gedanken gefangen (nehmen), um ihn dem Christus gehorsam zu machen“ und nicht Menschen oder einer Organisation.[3] Woher dann die Bereitschaft, sein Gewissen so vollständig der Überwachung zu unterwerfen?

11.2.2 Das Wort der Gesellschaft ist identisch mit Gottes Wort!? Der Tanz um das „goldene Kalb“

Das Konzept von „der Organisation“ ist dafür verantwortlich. Aus ihr erwächst der Glaube, daß alles, was die Organisation sagt, in welchem Zusammenhang auch immer, einem Spruch Gottes gleichkommt. Charak­teristisch für die Einstellung, die die Verlautbarungen der Gesellschaft (wie auch dieser Brief) hervorrufen, war ein Vorfall während einer Ältestenbe­sprechung anläßlich eines Kreiskongresses in Alabama. Bezirksaufseher Bart Thompson hielt ein Buch der Gesellschaft mit einem grünen Einband hoch und sagte: „Wenn die Gesellschaft mir sagen würde, dieses Buch sei nicht grün, sondern schwarz, dann würde ich sagen: ,Also, ich hätte glatt schwören können, es sei grün; aber wenn die Gesellschaft sagt, es ist schwarz, dann ist es schwarz“ Ähnliche Vergleiche haben auch andere Beauftragte der Gesellschaft angestellt.

Derartig haarsträubende Bekundungen blinden Gehorsams mögen vielen denkenden Zeugen sicher zuwider sein. Doch die meisten sind bereit, sich zu fügen oder sogar „rechtliche Schritte“ einzuleiten, wenn jemand Zweifel an den Aussagen der Gesellschaft laut werden lässt. Wieso eigentlich?

Ich versuche, mich in diese Menschen – zu denen ich auch die Mitglieder der leitenden Körperschaft rechne – einzufühlen, um sie zu verstehen. Nach den Erfahrungen, die ich als einer der ihren gemacht habe, glaube ich, daß sie Gefangene einer Idee sind. Das Bild, das sie von „der Organisation“ ha­ben, scheint fast so lebendig und übt solche Macht über sie aus, daß sie vollständig von ihm beherrscht werden. Es formt ihr Denken, ihre Einstellung und ihr Urteilsvermögen so sehr, daß sie sich in all ihrem Tun und Lassen nach ihm richten. Viele würden meines Erachtens ganz anders handeln, wenn sie lediglich Gott, Christus und die Bibel be­achteten und dazu die Interessen ihrer Mitchristen und Mitmenschen im Sinn hätten und nicht die Interessen einer Organisation. Doch das Kon­zept von der Organisation schiebt sich dazwischen und verändert ihr [283] Denken und ihre Ansichten so grundlegend, daß alles andere davon über­schattet wird.

11.2.3 „Die Organisation“, „die Gesellschaft“: Ein Götzenbild von Menschen geschaffen dem man dient und vor dem man sich niederbeugt: Die leitende Körperschaft!

So haben die Mitglieder des Führungsgremiums auch eher das Ideal und nicht die Wirklichkeit im Sinn, glaube ich, wenn sie an die Organisation denken und von ihr sprechen. Sie stellen sich die Organisation als etwas vor, das größer und bedeutender ist als sie; sie denken mehr an die Mitglieder­zahlen, an die weltweite Ausdehnung und den internationalen Charakter dieser Organisation. Dabei merken sie anscheinend gar nicht, daß damit mehr das Verbreitungsgebiet der Organisation beschrieben ist, weniger sie selber. Wenn aber „Loyalität gegenüber der Organisation“ gefordert wird, müßte doch eigentlich klar sein, daß dann nicht das Verbreitungsgebiet angesprochen ist, nicht die Tausende von Versammlungen und deren Mitglieder, die der Führung der Organisation unterstehen. Dann ist von Loyalität gegenüber der Leitung die Rede, von der die Autorität ausgeht und die die Lehren verkündet. Und diese entscheidende Funktion üben ganz allein die Mitglieder der leitenden Körperschaft aus, ob sie das nun zugeben oder lieber verdrängen wollen. Sie allein sind die Organisation. Jegliche andere Autorität, sei es die der Zweigkomitees. der Bezirks- und Kreisaufse­her oder der Ältestenschaften in den Ortsversammlungen, untersteht ihnen vollständig. Sie können ohne vorherige Anhörung von sich aus Änderungen vornehmen, Personen einsetzen oder absetzen. Der Apostel Paulus sagt in Römer, Kapitel 13, die irdischen Regierungen „stehen in ihren relativen Stellungen als von Gott angeordnet“. Damit ist der Sachverhalt genau beschrieben, denn jegliche Autorität in der Organisation steht „in ihrer relativen Stellung als von der leitenden Körperschaft angeordnet“ und unterliegt vollständig ihrer Herrschaftsgewalt.

Wie bereits gesagt, glaube ich nicht, daß die meisten von ihnen dies bedenken. Für sie bleibt die Organisation etwas Undefiniertes, Abstraktes, lediglich eine vage Idee ohne konkrete Gestalt. Anders als mit diesem trügerischen Verständnis der Organisation kann man kaum erklären, wie jemand einem Gremium mit solcher Machtfülle angehören kann, ohne dabei ein klares persönliches Verantwortungsbewußtsein für die Folgen der Entscheidungen zu kennen. Welches Leid er damit anderen zufügt, wie er dadurch Menschen in die Irre führt und was dabei herauskommt, berührt ihn gar nicht. Das Denken wird offenbar von der Devise beherrscht: „Das hat die Organisation getan, nicht wir.“ Und da die Organisation das auserwählte Werkzeug Gottes ist, wird die Verantwortung Gott zugescho­ben. Es war Sein Wille – auch wenn sich die Entscheidung oder die Lehre als verkehrt herausstellt und revidiert wird. Menschen mögen aus der Gemein­schaft ausgeschlossen oder sonstwie geschädigt worden sein, stets wird sich der einzelne, der die Entscheidung mit gefällt hat, von jeder persönlichen Verantwortung frei fühlen. Und sei auch noch so großes Unheil angerichtet worden, Gott wird es schon richten für die Organisation.

11.3 Die wahren Verantwortlichen der Organisation und deren verschlungenen Wege werden aufgedeckt.
11.3.1 Die feigen Mitläufer und Mittäter, die sich hinter der Organisation verstecken, sie hatten alle nicht den Mut ihr Gewissen sprechen zu lassen!

Ich will nicht verurteilen, sondern versuche, eine Erklärung dafür zu finden, weshalb Männer, die mir als aufrecht und im Grunde genommen mitfühlend [284] vertraut waren, sich an etwas beteiligen konnten, das sie meines Erachtens normalerweise abgelehnt hätten. Das oben beschriebene Konzept der Organisation ist meiner Meinung nach unheilvoll; es ist schädlich und tragisch zugleich. Die drakonischen Maßnahmen, die gegen die sogenann­ten Abtrünnigen ergriffen wurden, waren in meinen Augen fast ausnahms­los nicht nur ungerechtfertigt, sondern widerwärtig. Sie waren nicht nur des Christentums unwürdig, sondern jeder freien menschlichen Gesellschaft. Und dennoch hilft es mir, mich zu bemühen, die Täter zu verstehen, denn so kann ich von Gefühlen der Bitterkeit und des Grolls frei bleiben, sowohl gegenüber einzelnen wie der ganzen Gruppe. Bitterkeit hat nur niederrei­ßende Wirkung und schadet einem selbst. Ich würde jedem der Beteiligten, ohne Ausnahme, in meinem Haus Gastfreundschaft erweisen wollen, ohne Fragen zu stellen oder eine Entschuldigung zu erwarten. Weder mir noch irgend jemand, den ich kenne, war daran gelegen, die Beziehung zu ihnen oder sonst jemand abzubrechen, weil wir verschiedener Auffassung waren, Wir haben den Bruch nicht gewollt und auch nicht herbeigeführt.

Meine Anhörung vor der leitenden Körperschaft war auf Tonband aufge­zeichnet worden, und man hatte mir eine Kopie des Bandes versprochen. Was daraus wurde, ist meiner Meinung nach eine gute Veranschaulichung des eben Gesagten.

11.3.2 Die Tonbandaufzeichnungen der Sitzung als Zeugnis gegen die Gesellschaft

Etwa drei Wochen nach meiner Rückkehr nach Alabama ergab sich ein Anlaß, der leitenden Körperschaft zu schreiben, und dabei fragte ich wegen meiner Tonbandkopie an. Man antwortete mir mit folgendem Brief, datiert 26. Juni 1980: [285]

„26. Juni 1980
R. V. Franz
c/o P. V. Gregerson
Route 4, Box 444
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

Dein Brief von 14. Juni befindet sich in unseren Händen.

Wir haben in der Versandabteilung angefragt und erfahren, daß Deine Möbel fachgerecht verpackt und am 24. Juni in Brooklyn auf den Trans­port gegeben wurden. Sie sollten daher schon bald bei Dir eintreffen.

Zu Deiner Anfrage wegen des Tonbandes teilen wir mit, daß die Angelegen­heit bearbeitet wird. Sobald eine Kopie angefertigt werden kann, wirst Du sie zugesandt bekommen.
Wir sehen dem Eingang der beiden Verfahrensbroschüren entgegen, die Du uns zusenden wolltest. In Deinem Brief war auch die Rede von Ausar­beitungen zu dem Kongressvortrag, die Du an uns senden wolltest.

Möge Jehovas Segen mit Dir sein, Empfange Grüße unserer christlichen Liebe.

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Komitee“ [286]

Zwei Wochen verstrichen, und dann traf dieser Brief ein:

„10. Juli 1980

Mr. Raymund V. Franz
c/o P. V. Gregorson
Route 4, Box 444
Gadsden,AL 35904

Lieber Bruder Franz!

In Fortsetzung unseres Briefes vom 26. Juni teilen wir Dir mit:

Wir danken Dir für die Übersendung der Bücher Brach Organisation und Governing Body Proceture, die kürzlich hier eingingen. Die Versandabteilung hat uns wissen lassen, daß Deine Möbel übersandt wurden und bei Dir eingetroffen sind.

Was die Zusendung der Tonbandaufnahme vom 20. Mai angeht (wahrscheinlich meinst Du die Aufnahme der Sitzung der leitenden Körperschaft vom 21. Mai), so hatte das Vorsitzenden-Komitee erwähnt, daß „die Angelegenheit bearbeitet wird“.

Mittlerweile sieht die leitende Körperschaft es aber als ratsam an, keinerlei Kopien von Aufzeichnungen dieser Tage anzufertigen und herauszugeben. Angesichts der Tatsache, daß vertrauliches Material, welches den Mitgliedern der leitenden Körperschaft im April zugegangen war, auf irgendeine Weise in die Hände eines ausgeschlossenen Bethelmitarbeiters gelangt ist und weiterverbreitet wurde, hat die leitende Körperschaft beschlossen, daß es nicht angebracht ist, Aufzeichnungen ihrer Sitzungen (das betrifft Tonbandaufnahmen ebenso wie schrift­liche Sitzungsprotokolle) Personen außerhalb des Anwesens der Gesellschaft zu­kommen zu lassen. Darüber hinaus hat sich Dein Status geändert. Solltest Du etwas über die auf dem Band enthaltenen Dinge wissen wollen, so hätten wir nichts dagegen, es Dir hier im Bethel vorzuspielen.

Wiewohl wir Dir gegenüber mündlich (und auch schriftlich) geäußert haben, Dir eine Kopie der Aufnahme zu geben, hat sich doch die Situation grundlegend ge­ändert. Sicher kannst Du verstehen, daß die leitende Körperschaft dies als die beste Vorgehensweise ansieht. Wir vertrauen darauf, daß Du diese Regelung vernünftig finden wirst

In der Hoffnung, daß bei Dir alles in Ordnung ist, senden wir Dir Grüße unserer christlichen Liebe,

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Kommitee“ [287]

11.3.3 ”Euer Wort Ja bedeute einfach ja, euer Nein nein; denn was darüber hinausgeht, ist von dem, der böse ist.” Wer verlässt sich noch auf solche, die wortbrüchig sind? (Matthäus 5:37)

Es war gar nicht zu vermeiden, daß dieser Brief Erinnerungen an die Art und Weise aufsteigen ließ, wie die ganze Sache von Anfang an gehandhabt worden war, als das Vorsitzenden-Komitee alles ins Rollen brachte, was schließlich zu den Gemeinschaftsentzügen führte. Ich hatte gehofft, das sei vorbei gewesen. Worauf sich der Ausdruck „vertrauliches Material, welches den Mitgliedern der leitenden Körperschaft im April zugegangen war“, bezog, konnte ich mir nicht erklären, denn weder hatte ich während meines Aufenthaltes in Brooklyn jemand von den Ausgeschlossenen getroffen, noch hatte ich danach bis zu meiner Rückkehr nach Alabama jemand gesehen. Darum schrieb ich folgende Antwort:

„Watchtower Society
z.H. Vorsitzenden-Kommitee

Liebe Brüder,

ich bestätige den Eingang Eures Briefes vom 10. Juli. Die Möbelstücke sind bei uns in gutem Zustand eingetroffen und wir denken den Brüdern in der Versand­abteilung für ihre gute Arbeit.

Was Ihr mir über Eure Entscheidung, mir das Tonband von 21. Mai (ich hatte fälschlicherweise das das Datum 20. Mai genannt) nicht zuzusenden, schreibt, habe ich zur Kenntnis genommen. Euch muß aber klar sein, daß die Vereinbarung lautete, ich würde es ausgehändigt bekommen. Das hat der Vorsitzende zu Beginn der Sitzung ausdrücklich festgestellt. Es waren keine Bedingungen gestellt worden, die beispielsweise meinen Status betreffen, ob ich nun im Bethel bin oder außerhalb. Ihr habt damit die einzige Bedingung, von der ich meine Zustimmung zur Aufzeichnung der Sitzung abhängig gemacht habe, anerkannt – ohne Wenn und Aber. Da Ihr dieses euch schriftlich bestätigt habt, solltet Ihr zu Eurer Einwilligung stehen. was andere Leute getan haben, kann nicht als Begründung herangezogen werden, die Ab­machung mit mir zu brechen. Wenn Ihr Euch an die Übereinkunft nicht zu halten gedenkt, dann wäre es nur fair, wenn Ihr das Tonband und alle Kopien sowie Ab­schriften davon vernichtet. Wenn ich kein Anrecht auf eine Kopie haben soll, habt Ihr es auch nicht, da ich der Aufzeichnung nur unter der Bedingung zugestimmt habe, daß ich eine Kopie bekomme.

Ich bin mit der Durchsicht meiner Unterlagen noch nicht fertig, doch ich nehme en, daß sich darunter noch Material befindet, das an Euch zurückgehen soll; ich werde dies tun, sobald es mir möglich ist.

Einer baldigen Antwort Eurerseits zu der Angelegenheit mit dem Tonband blicke ich entgegen. Ich erwarte, daß Ihr mir entweder das Tonband zuschicken oder mir mitteilt, daß das Tonband und alle Kopien oder Abschriften davon vernichtet wurden.

Ich danke Euch dafür, daß Ihr Euch um diese Angelegenheit kümmert. Möge Gott Euch beistehen, die erhabenen Grundsätze seines Worte und die gute Botschaft von seinem Königreich in Treue hochzuhalten,

Mit Euch im Dienst Jehovas verbunden

R.V. Franz“ [288]

Drei Wochen später schrieb mir die leitende Körperschaft:

„Raymond Franz
c/o P. V. Gregerson
Route 4, Box 444
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

wir haben Deinen Brief vom 19. Juli erhalten, der auf den Brief des Vorsitzenden-Komitees vom 10. Juli an Dich Bezug nahm.

Die leitende Körperschaft hat entschieden, Dir die Bänder vom 21. Mai vorerst nicht zu schicken, wie bereits im Brief vom 10. Juli gesagt. Wie wir Dir darin schrieben, kannst Du Dir die Bänder im Bethel anhören, wenn Du wissen willst, was auf ihnen enthalten ist.

Empfange unsere Grüsse

Mit Dir im Dienst Jehovas verbunden

das Vorsitzenden-Komitee“

Man war nicht auf einen einzigen der von mir angesprochenen Punkte eingegangen. Mich überkam dasselbe Gefühl der Unwirklichkeit, das ich schon früher empfunden hatte. Es war kaum zu glauben, daß Leute in so verantwortungsvoller Position so unverantwortlich handeln konnten. Aus dem Brief sprach die Einstellung, alle Rechte gehörten ihnen (der Organisa­tion), und man könne die Rechte des einzelnen einfach übergehen und pauschal als belanglos abtun, wenn das im Interesse der Sache lag. Also schrieb ich ein weiteres Mal: [289]

„28. August 1980
An das
Vorsitzenden-Komitee
Broocklyn, New York

Liebe Brüder,

ich bestätige den Eingang Eures Briefes von 8. August, den Ihr mir als Antwort auf meinen Brief vom 19. Juli wegen der Übersendung des Tonbandes geschrieben habt.

In Eurem Brief wiederholt Ihr lediglich in verkürzter Form, was Ihr mir schen am 10. Juli geschrieben habt, geht aber auf die Argumente in meinem Brief vom 19. Juli überhaupt nicht ein.

Fest steht, daß Ihr aber die Aufzeichnung der Sitzung vom 21. Mai nur deshalb verfügt, weil Ihr unsere Vereinbarung gebrochen habt. Eine Vereinbarung einseitig und willkürlich mit neuen Bedingungen zu verknüpfen, widerspricht eindeutig jedem Rechtsmaßstab. In Eurem Brief vom 26. Juni habt Ihr zugegeben, daß Ihr mit mir vereinbart hattet, mir eine Kopie des Bandes zu geben, und ihr habt zugesagt, diese Kopie anzufertigen und mir zuzusenden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Status bereits geändert, und doch habt Ihr das später als Begründung dafür genommen, Eure Zustimmung zurückzuziehen. Die Gründe, die Ihr in eurem Brief vom 10. Juli für die Nichteinhaltung Eurer Zusage anführt, reichen als Rechtfertigung für einen Vertragsbruch Eurerseits in keiner Weise aus.

Bitte bedenkt die Folgen einer solchen Handlungsweise und denkt an den Grundsatz, der in 3. Mose 19:15 und in Römer 1:31 aufgezeigt wird. Da es Euch offensichtlich Unbehagen bereitet, eine Kopie des Bandes herauszugeben, habe ich Euch den einzig ehrenhaften Ausweg angeboten, nämlich das Band sowie alle Kopien und Abschriften zu beseitigen. Wenn Ihr das Band behalten wollt, dann könnt Ihr das anständigerweise nur tun, wenn ihr auch die Vereinbarung, auf Grund derer Ihr in seinen B­esitz gekommen seid, einhaltet. Ich zweifle nicht daran, daß ihr im umgekehrten Fall, wenn ich das Band in Händen hielte und Ihr darum bitten würdet, die Euch zugesprochene Kopie ausgehändigt zu bekommen, genau denselben Standpunkt ver­treten würde, wie ich jetzt (Matthäus 7:12).

Bitte seht dies als Ausdruck meiner Sorge um Euer geistiges Wohl an wie auch das aller Brüder. Wenn ich jetzt vielleicht auch nur noch einen unbedeutenden Status habe, so wäre ich doch dankbar, wenn Ihr die Punkte, die ich in diesem Brief und in dem vom 19. Juli angesprochen habe berücksichtigt.

Euer Bruder
R. V. Franz“

11.3.5 Eingeständnis der leitenden Körperschaft, dass alles Beweismaterial vernichtet wurde

Fast einen Monat später kam dann folgender Brief:

„GT/A 24. September 1960
Raymund V. Franz
Route 4, Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz!

Wir haben Deinen Brief vom 26. August 1980 erhalten und uns mit der Angelegenheit befaßt.

Hiermit unterrichten wir Dich davon, daß die Aufzeichnungen der Zusammen­kunft, vom 21. Mai, auf die Du Bezug nimmst, inzwischen zerstört worden sind. Dies geschah in Anwesenheit von drei Mitgliedern der leitenden Körperschaft als Zeugen. Es gab von den Bändern weder Abschriften noch irgendwelche Kopien. Die Bänder wurden vollständig zerstört.

Damit haben wir die von Dir geäußerten Wünsche erfüllt.

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Komitee“

11.3.6 Gleiches Vorgehen wie in der Watergate-Affäre, wo Beweismaterial von höchster Autorität her vernichtet wurde, um jede Beteiligung an Unrecht zu leugnen. Ein Milliardenkonzern und dessen Abfindung für 40 Jahre treuer sklavischer Arbeit!

Wie aus dem vorgelegten Briefwechsel hervorgeht, bestanden meine „Wün­sche“ eigentlich darin, eine Kopie des Bandes zu erhalten, so wie es mir zugesagt worden war. Da sich die leitende Körperschaft davon eindeutig nicht trennen wollte (was einen etwas an die Watergate-Affäre erinnert), hatte ich einen anderen Weg vorgeschlagen, der schließlich auch beschrit­ten wurde. Immerhin war ich froh, daß die Sache geklärt war, und ich hoffte, in Zukunft nichts mehr mit der leitenden Körperschaft zu tun zu haben. Es sollte anders kommen.

Ein paar Wochen, nachdem ich wieder in Alabama war, schickte die Gesellschaft einen Scheck über 10 000 Dollar, als einen Beitrag, um mir zu helfen, „im Süden wieder Fuß zu fassen“. Ich hatte nicht darum gebeten, und so kam das Geld unerwartet und wurde dankbar angenommen. Ich nahm einen Kredit über weitere 5000 Dollar auf und kaufte einen Wohnwa­gen für uns. Peter Gregerson erlaubte uns, ihn auf seinem Grundstück aufzustellen. Ich war froh (und finanziell darauf angewiesen), auf seinem Grundstück harte körperliche Arbeit zu tun. Den ganzen Tag lang habe ich Rasen gemäht, Unkraut gejätet und Hecken geschnitten, wobei ich von Wespen und Hornissen gestochen, sowie unzählige Male von Feuerameisen [291]gebissen wurde. Ich habe kräftig geschwitzt dabei, besonders als es einmal 30 Tage hintereinander regelmäßig über 40 Grad waren. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals im Leben solchen Muskelkater gehabt zu haben wie in diesen Monaten. Doch ich war froh darüber, weil es mir half, über den seelischen Schmerz besser hinwegzukommen.

11.4 Das Ende des Albtraums: „Die Wahrheit wird euch frei machen“
11.4.1 Tägliches Bibellesen stärkt den bedrückten Geist und rückt unser direktes Verhältnis zu Gott ins Zentrum!

Was meiner Frau und mir aber am meisten half, das war unser tägliches Bibellesen. Wir lasen jeden Morgen vier Psalmen, bis wir mit allen durch waren. Wir hatten sie früher schon oft gelesen, aber jetzt erschienen sie uns beinahe wie neu. Sie hatten nun für uns einen ganz anderen Gehalt. Denn wenn es einen Teil der Bibel gibt, der das sehr persönliche Verhältnis zeigt, das zwischen Gott und seinen Dienern bestehen kann und soll, dann sind das gerade die Psalmen, und zwar in herausragender Weise. Was ihre Verfasser so vielfältig zum Ausdruck bringen, ihr innerer Aufruhr, ihre Seufzer, das Gefühl der Verlassenheit und Verzweiflung, ihr wiederholtes Eingeständnis, daß ihre Hoffnung letztlich und einzig nicht auf Menschen, sondern nur auf Jehova Gott als ihrem Fels und höchsten Zufluchtsort ruht – all das hat uns sehr berührt.

Ich hatte die Weltzentrale verlassen, weil ich keine Verwicklungen herauf­beschwören wollte. Daran lag mir nichts. Die Probleme kamen aber hinter uns her.

11.4.2 Vorschlag der Versammlung Gadsden zum Ältestenamt wird von der Gesellschaft abgelehnt. Die Gesellschaft beansprucht für sich Göttlichkeit.

Ein paar Monate fühlten wir uns in der Gemeinschaft der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas sehr wohl, nahmen an den Zusammen­künften und am öffentlichen Predigtwerk teil. Einige Monate nach meinem Zuzug schlug die Ältestenschaft mich der Gesellschaft zur Ernennung als Ältester vor. Sie erhielt kurz und bündig zur Antwort, dieGesellschaft sehe es nicht als ratsam an, mich für dieses Amt vorzuschlagen, auch nicht als Dienstamtgehilfe. Als einziger Grund wurde angegeben, daß die Nachricht über meinen Rücktritt (die in derselben englischen Ausgabe von Unser Königreichsdienst wie die Mitteilung über den Ausschluß mehrerer Bethel­mitarbeiter erschienen war) noch zu frisch sei. Der Geist, der aus dem Brief sprach, hat den vorsitzführenden Aufseher der Versammlung ganz schön betroffen gemacht, doch ich riet ihm, die ganze Sache einfach auf sich beruhen zu lassen.

Nach diesem Brief und nach den Informationen, die die Ältesten aufgrund des Rundbriefs der Gesellschaft vom 1. September 1980 erhielten (in dem stand, daß als Grund für einen Gemeinschaftsentzug schon das bloße Glauben von Dingen genüge, die nicht mit den veröffentlichten Lehren der Gesellschaft übereinstimmten) veränderte sich das Klima allmählich. Im Wachtturm erschienen nun Artikel, die eindeutig dazu bestimmt waren, die Debatte über den angeblichen Abfall vom Glauben zu intensivieren, statt Ruhe einkehren zu lassen. Von da bis zum Zeitpunkt des Niederschreibens dieses Berichts ist offensichtlich eine gezielte Kampagne veranstaltet wor­den, um in Wort und Schrift die scharfen Maßnahmen gegen die Brüder in Brooklyn zu rechtfertigen, die im Eilverfahren ausgeschlossen worden waren. Immer dogmatischer beanspruchte man göttliche Autorität und [292] forderte bedingungslose Gefolgschaftstreue. In jeder Ausgabe des Wacht­turms standen Artikel, die gezielt die strittigen Lehrpunkte behandelten und hartnäckig deren Richtigkeit behaupteten. Die Folge war eine allge­meine Verhärtung der Positionen statt einer Mäßigung. Dabei wurden im Verdrehen fremder Ansichten neue Rekorde aufgestellt.

11.4.3 Eine Athmosphäre der Angst wird geschürt, alle fürchten sich davor, als Abtrünnige zu gelten

Eine Atmosphäre voller Angst und Argwohn entstand. Älteste, die sonst eigentlich mäßigend auf andere eingewirkt hätten, scheuten sich, das zu tun, damit es ihnen nicht als Zeichen von Untreue ausgelegt würde. Jetzt gewannen diejenigen die Oberhand, die eher für hartes Durchgreifen waren, und sie nutzten die Gunst der Stunde. Es war wie zu Zeiten des US-Senators McCarthy in den frühen 50er Jahren, als jeder, der für Bürgerrechte und Freiheit eintrat und sich gegen die rücksichtslose Unterdrückung unliebsa­mer Anschauungen aussprach, der sehr realen Gefahr aussetzte, als Sympa­thisant der Kommunisten oder Mitläufer radikaler Gruppen eingestuft zu werden.

Unter diesen Umständen wurde die Teilnahme an den Zusammenkünften immer bedrückender für mich, denn ich mußte erleben, wie Gottes Wort mißbraucht wurde, indem ihm Aussagen unterschoben wurden, die darin nicht enthalten waren. Außerdem mußte man sich eine endlose Selbstbe­weihräucherung und Selbstrechtfertigung der Organisation anhören. Man sehnte sich nach der Redefreiheit in den Synagogen des 1. Jahrhunderts, als Menschen wie den Aposteln die Gelegenheit eingeräumt wurde, für die Wahrheit zu sprechen (obwohl das letztlich dazu führte, daß die Einstellun­gen sich verhärteten und die Tore der Synagogen ihnen ganz verschlossen blieben). Ich fühlte mich aber, wie ich es auch Peter Gregerson gegenüber formuliert habe, nur als Gast im Königreichssaal. Es war ihr Saal, ihre Zusammenkunft, ihr Programm, und mir lag es fern, ihre Aktivitäten durch Äußerungen von meiner Seite zu beeinträchtigen. So beschränkte ich meine Beiträge auf das Vorlesen wichtiger Schriftstellen. wobei ich einfach die Teile betonte, die jeweils etwas zum Thema sagten. Fast immer kam dann jemand aus der Versammlung zu mir, oft einer von den Älteren, und äußerte Wertschätzung dafür.

Als sich aber die Kreuzzugsstimmung weiter verstärkte, bekam ich immer mehr den Eindruck, daß es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis weitere Maßnahmen gegen mich ergriffen werden würden. Und so geschah es auch.

11.5 Das Verbrechen und die Strafe *
11.5.1 Kreuzzug gegen jeden, der als Abtrünniger gilt und jeden, der mit einem solchen irgenwelchen Verkehr pflegt

„Deshalb murrten sowohl die Pharisäer als auch die Schriftge­lehrten fortwährend und sprachen: „Dieser Mann heißt Sünder willkommen und ißt mit ihnen“ (Lukas 15:2).

Einmal Essengehen genügte. Und das kam so:

Rund sechs Monate nach meiner Rückkehr nach Alabama schickte die Gesellschaft einen neuen Kreisaufseher in das Gebiet. Vorher hatte ein [293] Mann diesen Posten innegehabt, der eher gemäßigt war und Probleme nicht so schnell aufbauschte. Stattdessen kam jetzt jemand, dem der Ruf größerer Aggressivität anhaftete. Etwa zur selben Zeit war Jas Rundschreiben der Gesellschaft an die Kreis- und Bezirksaufseher versandt worden, in dem davon die Rede war, daß jemand schon dann vom Glauben abgefallen sei, wenn er im Stillen etwas glaube, was nicht mit den Lehren der Organisation übereinstimme.

Bei seinem zweiten Besuch in der Versammlung Gadsden-Ost (im März 1981) vereinbarte der neue Kreisaufseher, der Wesley Benner hieß, ein Treffen mit Peter Gregerson und besuchte ihn zusammen mit Jim Pitchford, einem Ältesten aus der Versammlung. Als Grund gab Benner gegenüber Gregerson an, in der Stadt und im Kreis gebe es „viel Gerede“ über ihn. Gregerson bedauerte dies außerordentlich und fragte, woher die Informa­tion über das Gerede denn stamme. Erst wollte Benner nicht mit der Sprache herausrücken, doch als Gregerson darauf hingewiesen hatte, daß er dies wissen müsse, um Abhilfe schaffen zu können, sagte Benner, ein angeheira­teter Verwandter Gregersons sei die Quelle.

Gregerson stellte klar, daß er mit seinen Äußerungen äußerst zurückhal­tend gewesen sei und Gespräche über biblische Themen mit Leuten aus der Gegend ganz auf seine engsten Verwandten beschränkt habe. Er bereite ihm Sorge, daß nun Personen außerhalb dieses engen Familienkreises „viel Gerede“ verursachten, wie der Kreisaufseher gesagt hatte. Er fragte, wie das wohl kommen könne. Wesley Benncr wußte keine Erklärung.

11.5.2 Peter Gregerson, ehemaliger Ältester hatte irgend einer Lehre der Gesellschaft widersprochen. Tribunal vor dem Kreisaufseher.

Und worum ging es eigentlich bei dem Gerede? Benner erwähnte einen Punkt aus einem Wachtturm-Artikel, dem Gregerson widersprochen haben soll. Als wichtige Lehre konnte man ihn auf keinen Fall bezeichnen; es ging eigentlich mehr um eine reine Formsache.[4] Doch da Gregerson der Organi­sation widersprochen hatte, wurde sie wichtig. Der Kreisaufseher mußte nach einem langen Gespräch einräumen, daß es in diesem Punkt tatsächlich einen Fehler gegeben haben konnte. (Tatsache ist, daß er in allen fremdspra­chigen Ausgaben desWatchtower weggelassen wurde, doch die Leser der englischen Ausgabe wurden darüber nicht informiert.)

Gregerson sagte hinterher: „Mir ging es darum, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Ich habe getan, was ich tun konnte, damit das Gespräch ruhig und sachlich blieb.“ Als der Kreisaufseher und der ihn begleitende Älteste gingen, hatte Gregerson das Gefühl, die Sache sei in Freundschaft bereinigt worden, und er war froh darüber. Doch dem war nicht so.

11.5.3 Wachtturm-Artikel die ein Klima schaffen wie zur Zeit der Hexenverfolgung

Eine Woche später ließ der Kreisaufseher ihm ausrichten, er wolle sich [294] ein zweites Mal mit ihm treffen, um die Angelegenheit weiterzuverfolgen. Wie Gregerson mir sagte, glaubte er, die Zeit sei nun reif für eine Entschei­dung. Das Vorgehen der leitenden Körperschaft und ihrer Dienstabteilung hatte, insbesondere durch den Rundbrief vom 1. September 1980 und eine Serie von Wachtturm-Artikeln, ein geistiges Klima erzeugt, das an die Zeiten der Hexenverfolgung erinnerte. Er wäre naiv, meinte er, wenn er nicht sähe, daß man allem Augenschein nach darauf aus war, ihm die Gemeinschaft zu entziehen. Seiner Meinung nach spielte dabei mindestens zum Teil eine Rolle, daß er mit mir befreundet sei. Er sah für sich zwei Möglichkeiten: Entweder zog er sich selbst aus der Versammlung zurück, oder er ließ den Bestrebungen, ihn auszuschließen, freien Lauf, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Wünschenswert erschien ihm keine der beiden Mög­lichkeiten, doch vor die Wahl gestellt, glaubte er, die erste wählen zu müssen und sich freiwillig zurückzuziehen.

Ich entgegnete, so weit sei die Sache sicher noch nicht, doch er sagte, er habe alles sorgfältig erwogen- auch im Gebet -, und er habe das Gefühl, dies sei die vernünftigste Lösung. Die Familie machte ihm am meisten Sorgen. Von seinen sieben Kindern waren drei verheiratet, einige hatten selber Kinder, außerdem wohnten drei Brüder und zwei Schwestern von ihm mit vielen Nichten und Neffen in der Nähe. Sie alle waren Zeugen Jehovas.[5] Wenn er zuließ, daß es zum Gemeinschaftsentzug kam, so wären sie in einer sehr prekären Lage. Sie stünden vor der schweren Entscheidung, ob sie mit ihm, ihrem Vater, Großvater, Bruder und Onkel, weiter in Verbindung bleiben oder der Organisation gehorchen und jeden Kontakt mit ihm abbrechen sollten. Und dann beschäftigte er noch ungefähr 35 Zeugen in seinen Supermärkten. Ein freiwilliges Zurückziehen wäre für ihn günstiger, denn gemäß seinem Verständnis war er dann einfach kein Mitglied der Versamm­lung mehr, doch die drastische Beendigung aller Kontakte – wie beim Gemeinschaftsentzug verlangt – würde nicht nötig.[6]

11.5.4 Folge der Anfeindungen gegen Peter Gregersons: Seine Rücktrittserklärung von der Versammlung

Am 18. März 1981 reichte Gregerson seine Rücktrittserklärung ein, die [295] dann in der Versammlung vorgelesen wurde. Es fielen zwar die zu erwarten­den Bemerkungen, denn er war von Kindheit an ein Zeuge Jehovas gewesen und hatte der Versammlung jahrelang vorgestanden, doch insgesamt schien der Brief eine klärende Wirkung auszuüben, weil Gregerson darin friedlich seine Gründe darlegte und keine feindseligen Töne anschlug. Traf er von da an einen Zeugen Jehovas in Gadsden, so wurde er, von seltenen Ausnahmen abgesehen, mindestens freundlich behandelt. Und so wäre es wohl auch geblieben, wenn jeder sich von seinem eigenen Empfinden für Recht und Unrecht hätte leiten lassen. Die große Krise schien abgewendet.

Kein halbes Jahr später standen im Watchtower Artikel, die die Sachlage grundlegend veränderten. Es gab Kommentare wie: „Das ist haargenau auf dich und Peter Gregerson zugeschnitten, nur eure Namen haben sie ausgelassen.“ Ich glaube, die Situation in Gadsden gab nicht allein den Ausschlag, doch zumindest einen gewissen Einflug auf die Verfasser hat sie wohl gehabt. Und was brachten die Artikel Neues?

11.6 Der Fall Raymond Franz als Grundlage der Neudefinition durch die leitende Körperschaft des Umgangs mit jenen, welche ausgeschlossen sind und die die Versammlung freiwillig verlassen?
11.6.1 Der Umgang mit Ausgeschlossenen wird neu definiert: Auch jene die die Gemeinschaft freiwillig verlassen sind nun gemeinen Verbrechern gleichgestellt!

Im Jahr 1974 hatte ich von der leitenden Körperschaft den Auftrag erhalten, mehrere Artikel über den Umgang mit Ausgeschlossenen zu schreiben. (Das hatte sich damals wegen einer kurz zuvor gefällten Entscheidung des Gremiums als notwendig gezeigt.)[7] Durch diese – von der leitenden Körper­schaft genehmigten – Artikel wurde die bis dahin geübte Praxis stark abgemildert. Die Zeugen wurden aufgefordert, im Umgang mit Ausge­schlossenen barmherziger zu sein; besonders entschärft wurden die stren­gen Anweisungen für das Verhalten gegenüber ausgeschlossenen Familien­angehörigen.

Durch den Watchtower vom 15. September 1981 (Wachtturm vom 15. Dezember 1981) wurde das alles nicht nur rückgängig gemacht, sondern zum Teil trat sogar noch eine Verschärfung gegenüber der Situation vor 1974 ein. (Das war ein Beispiel für ein „Kreuzen“, das noch hinter die Ausgangsposition zurückführte.)[8]

Drastisch änderte sich die Lage für diejenigen, die von sich aus die Versammlung verlassen hatten (wie es Peter Gregerson einige Monate zuvor getan hatte). Zum ersten Mal wurde öffentlich die Anweisung ausgegeben, jeden, der dies tat, wie einen Ausgeschlossenen zu behandeln.[9] [296]

Als ich die Artikel las, hatte ich, angesichts meiner Erfahrungen mit der leitenden Körperschaft, besonders den letzten mit dem Vorsitzenden­ Komitee, kaum noch einen Zweifel mehr, wohin das alles führen würde. Lange brauchte ich auch nicht zu warten.

Der nun folgende Teil wird so ausführlich wiedergegeben, nicht weil es um meinen eigenen Fall geht oder weil es so ungewöhnlich ist, sondern weil es so typisch für die Methoden der Ältesten der Zeugen Jehovas in zahllosen solcher Fälle ist. Man sieht daran, welches Denken und welche Geisteshal­tung ihnen von ihrer zentralen Leitung eingeflößt wurde.

11.6.2 Die Geisteshaltung von Ältesten wird von Seiten der leitenden Körperschaft vergiftet: Anonymität der Denunzianten wird geschützt, damit das Recht auf Verteidigung arg beschnitten

Der Watchtower vom 15. September 1981 traf mehr als zwei Wochen vor dem Erscheinungsdatum ein. Schon wenige Tage später erhielt ich Besuch von einem der Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas, Es war Dan Gregerson, der jüngste Bruder Peter Gregersons. Er fragte an, ob er sich gemeinsam mit einigen anderen Ältesten mit mir zu einem Gespräch zusammensetzen könne. Mir sei das recht, antwortete ich und fragte, worüber sie reden wollten. Er zögerte etwas und sagte dann nur, sie wollten mit mir sprechen, weil ich abfällige Äußerungen über die Organisation gemacht hätte. Als ich mich erkundigte, wer so etwas behaupte, meinte er, die Person wolle lieber anonym bleiben. (Solche anonymen Anschuldigun­gen sind gang und gäbe, und vom Beschuldigten wird erwartet, daß er das als normal und rechtens hinnimmt.)

Ich fragte ihn, ob er nicht der Meinung sei, daß hier der Rat Jesu Christi aus Matthaus. Kapitel 18, Verse 15 bis 17, anzuwenden sei (wo gesagt wird, daß jemand, der eine Beschwerde gegen einen Bruder hat, zuerst selbst zu dem Bruder gehen und das Problem mit ihm besprechen solle). Dan Gregerson gab mir recht. Ich schlug ihm vor, er als Ältester solle zu der Person gehen und ihr empfehlen, zu mir zu kommen und über die Sache zu reden, um so den Rat Jesu anzuwenden. Darauf antwortete er, die betreffende Person fühle sich hierfür nicht „geeignet“. Ich wies ihn darauf hin, daß es doch darum gar nicht gehe und daß ich keinerlei Interesse daran hätte, mit irgend jemand große Dispute zu führen, sondern ich wäre vielmehr dankbar davon zu erfahren, wenn ich jemanden beunruhigt habe, so daß ich mich bei ihm persönlich entschuldigen und die Angelegenheit bereinigen könne[10], Er erwiderte, ich müsse sehen, die Ältesten hätten auch die „Verantwortung, die Herde zu schützen und über die Interessen der Schafe zu wachen“. Dem stimmte ich voll und ganz zu und sagte, er sei sich bestimmt darüber klar, daß damit für die Ältesten die Aufgabe verbunden sei, jeden aus der Herde zu ermuntern, sich eng an das Wort Gottes zu halten und es im Leben anzuwenden. In dem vorliegenden Fall könnten sie der Person helfen einzusehen, daß sie Jesu Rat anwenden und zu mir gehen und mit mir reden müsse; dann könnte ich wissen, was sie verletzt habe, und mich gebührend entschuldigen.

11.6.3 Anschuldigung, mit einem der die Versammlung verlassen hat gegessen zu haben

Er sagte, er wolle dieses Thema fallenlassen. dafür wollten sie mit mir über [297] meinen „Umgang“ sprechen. Das könnten sie gern tun, erwiderte ich, und wir vereinbarten einen Termin zwei Tage später, zu dem er einen weiteren Ältesten mitbringen wollte. Dan Gregerson kam dann mit Theotis French zu mir und las als erstes die Bibelstelle aus 2. Korinther, Kapitel 13, Verse 7 bis 9, vor. Er informierte mich dann, sie seien gekommen, um mein Denken gemäß dem Watchtower vom 15. September 1981 „zurechtzubringen“, insbesondere was meinen Umgang mit seinem Bruder, Peter Gregerson, betraf, der inzwischen die Gemeinschaft verlassen hatte. Dan Gregerson hatte sich in einem Restaurant aufgehalten, als ich dort im August mit Peter Gregerson einmal essen war (unsere beiden Frauen waren ebenfalls mit dabei gewesen).

Ich fragte sie, ob ihnen bewußt sei, daß sie sieh gerade auf Peter Gregersons Grund und Boden aufhielten und daß er mein Hauswirt und obendrein mein Arbeitgeber war. Das wußten sie.

Wie in allen Dingen, so erklärte ich dann, ließe ich mich auch in Fragen des Umgangs von meinem Gewissen leiten und erläuterte den Rat des Apostels Paulus über die Bedeutung des Gewissens in Römer, Kapitell4. Ich sei gern bereit, alles zu tun, was die Bibel verlange, doch ich könne für die neue Lehrmeinung über solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, keine Stütze finden. Ich fragte die beiden, wo das in der Bibel stehe.

Was jetzt kam, war leicht vorherzusagen: Als Beweis zitierte Dan Gregerson 1. Korinther, Kapitel 5. Ich zeigte ihm, daß der Apostel dort davon sprach, man solle keinen Umgang haben mit solchen, die Bruder genannt würden, aber Hurer, Götzendiener, Schmäher, Trunkenbolde und Erpresser seien. Mit solchen hatte ich keinen Umgang. Sicher wollten sie doch Peter Gregerson nicht dazu zählen? Darauf sagte keiner etwas.

Als nächstes las er 1. Johannes, Kapitel 2, Vers 19, vor: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie sind nicht von unserer Art gewesen; denn wenn sie von unserer Art gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.“ Auf die Frage, von wem in dem Text die Rede sei, gaben sie zu, daß Johannes von „Antichristen“ sprach. Genau dasselbe sei der Fall mit dem Text aus 2. Johannes, Verse 7 bis 11, fügte ich hinzu, wo der Umgang mit solchen Menschen behandelt wird. Ich versicherte ihnen, ich wolle auf keinen Fall etwas mit einem Antichristen zu tun haben, einem, der gegen Gott und Christus rebelliert hat. Unter meinen Bekannten befände sich aber auch niemand von dieser Sorte. Sie wollten doch bestimmt nicht sagen, Peter Gregerson sei ein Antichrist? Wieder keine Reaktion.[11]

11.6.4 Vollständige Unterordnung unter alles was der Wachtturm sagt gefordert und „Demütig die Leitung Gottes annehmen“: Ist dies wirklich identisch?

Damit war das biblische „Zurechtbringen“ durch diese beiden Hirten der Herde auch schon beendet. Danach bezogen sie sich nur noch auf den Watchtower. Sie wollten wissen, ob ich akzeptiere, was dort stand und ob ich mich der Leitung der Organisation unterstelle. Ich antwortete, es komme letztlich darauf an, was Gottes Wort zu einem Thema sage; manche [298]Lehren seien eindeutig fest in Gottes Wort verankert, andere dagegen könnten sich ändern.

Um das zu veranschaulichen, fragte ich Dan Gregerson, ob er sich vorstellen könne, daß die Organisation irgendwann einmal ihre Deutung der Worte Jesu über „diese Generation“ in Matthäus, Kapitel 24, ändern könne. (Daß innerhalb der leitenden Körperschaft von Schroeder, Klein und Suiter tatsächlich bereits eine Änderung vorgeschlagen worden war, derzufolge der Beginn „dieser Generation“ von 1914 auf 1957 verschoben werden sollte, ließ ich unerwähnt.) Seine Antwort: „Wenn die Organisation es einmal für richtig hält, das zu ändern, werde ich es akzeptieren.“ Das war zwar keine direkte Antwort, zeigte aber, daß er eine Änderung für möglich hielt. Als nächstes fragte ich ihn, ob er es für denkbar hielt, daß die Organisation eines Tages bei der Lehre vom Loskaufsopfer Jesu Christi für die Menschheit eine Änderung vornehmen könnte. Er guckte mich nur wortlos an. Ich sagte, ich sei sicher, daß er nicht damit rechne, denn diese Lehre habe eine stabile biblische Grundlage. Bei der anderen Lehre handle es sich um unser „gegenwärtiges Verständnis“, das sich ändern könne und ganz bestimmt nicht mit der Lösegeldlehre auf derselben Stufe stehe. Und genauso sähe ich den Stoff im Watchtower vom 15. September 1981 an, einschließlich der Anweisung, mit denen, die die Gemeinschaft verlassen hatten, keinen Umgang zu pflegen.

Nun sprach Gregerson davon, man müsse „demütig die Leitung Gottes annehmen“. Dem konnte ich mich von ganzem Herzen anschließen und fügte hinzu, sie seien bestimmt auch der Meinung, daß diejenigen, die Demut predigten, sie auch selbst als erste gegenüber anderen anwenden sollten.

Dann brachte ich als Veranschaulichung das Beispiel einer Gruppe von Leuten, die in einem Zimmer zusammensitzen und sich unterhalten. Einer sagt mit aller Entschiedenheit, wie er über verschiedene Dinge denkt. Als er fertig ist, meldet sich ein anderer und sagt, in vielem stimme er voll und ganz mit ihm überein. einiges könne er aber nicht so sehen, und zwar aus diesen und jenen Gründen. Darauf wird der erste Redner wütend und ruft die anderen Anwesenden dazu auf, den zweiten hinauszuwerfen, da er hier nicht her gehöre und man mit ihm nichts zu tun haben dürfe, denn er stimme mit ihm nicht in allen Punkten überein. „Wer muß hier wohl Demut lernen?“, fragte ich. Sie gaben keine Antwort. Die Unterredung war kurz danach beendet und sie gingen.

Am Abend kam Peter Gregerson zu mir herüber, um zu hören, wie es ausgegangen war. Ihm ging es sehr nahe, wie man jetzt gegen mich vorging, und er wußte, wohin es führen konnte. Er meinte, wenn ich es für besser hielte, keinen weiteren Kontakt mehr mit ihm zu haben, würde er das verstehen.

11.7 Erst in der Not zeigen sich wahre Gefährten! Unbeugsamer Druck, um jeder Veränderung bisheriger falscher und lügenhafter Lehren auszuweichen
11.7.1 Peter Gregerson zeigte sich früh bereit Unannehmlichkeiten durch die Organisation in Kauf zu nehmen, die im Gefolge der Ungnade gegenüber Ray Franz zu erwarten waren: Ein wahrer Gefährte liebt allezeit! (Spr 17:17)

Da erinnerte ich ihn an ein Gespräch, das wir eineinhalb Jahre vorher an einem Abend im Mai 1980 geführt hatten, kurz vor meiner Abreise nach Brooklyn zur letzten Sitzung mit der leitenden Körperschaft. Wir waren [299] allein in seinem Wagen gewesen und ich hatte ihm erzählt, daß ich mit Cynthia, meiner Frau, gesprochen und daß wir beschlossen hätten, nach dieser Sitzung lieber nicht nach Alabama zurückzukehren, sondern eher zu Verwandten von Cynthia zu gehen. Ich sagte, ich wüßte nicht, wie die Verhandlung ausgehen würde; man müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Deswegen wolle ich ihm und seiner Frau keine Ungelegenheiten bereiten.[12] Unserer Ansicht nach würde man der Familie meiner Frau weniger Schwie­rigkeiten machen. Darauf antwortete er, daß ihnen sehr an unserer Rück­kehr gelegen sei, ja daß sie fest damit rechneten. Ich sprach ihm meinen Dank dafür aus, erinnerte aber an seine große Familie – Frau, Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Enkel, und dazu alle Angeheirateten, allesamt Zeugen Jehovas – und daran, daß meine Rückkehr viele Probleme und viel Unerfreuliches für sie von seiten der Organisation bedeuten könne.

Seine Reaktion darauf war: „Das ist mir schon klar, und glaube nicht, ich hätte nicht schon viel darüber nachgedacht. Doch wir haben das in der Familie besprochen und wir sind darüber schon hinaus. Für uns ist der Fall klar: Wir wollen, daß ihr wiederkommt, ganz gleich, wie es ausgeht.“ Wieviel diese Worte mir damals bedeuteten, läßt sich schwer beschreiben. Ich sagte ihm, ich sähe keinen Grund, jetzt, wo die umgekehrte Situation vorliege, anders zu handeln als er damals. Ich konnte doch nicht etwas unterstützen, wodurch ein Mensch als Sünder abgestempelt wurde, der lediglich gemäß seinem Gewissen gehandelt hatte, dem es um die Wahrheit ging und der sich für die Interessen anderer einsetzte.

11.7.2 Der Kreisaufseher Benner wird zur Galionsfigur bei der Hexenjagt: Wer ist ein „böser Mensch“? Wo das GESETZ abgelehnt wird folgt Menschengebot!

Nach dem Gespräch mit den beiden Ältesten, die mich hatten „zurechtbrin­gen“ wollen, hörte ich nichts mehr, bis einige Wochen später Kreisaufseher Benner eintraf. Er vereinbarte, mit Dan Gregerson zu mir zu kommen. Außerdem kam – auf eigenen Wunsch – Tom Gregerson mit, ein weiterer Bruder Peter Gregersons, der Zweitälteste der vier.

Das Gespräch lief wieder ganz nach dem vorhersehbaren Schema ab, außer daß der Kreisaufseher die Angewohnheit hatte, mich ständig zu unterbre­chen, bis ich ihn schließlich bitten mußte, als Gast in meiner Wohnung solle er mich doch wenigstens erst ausreden lassen, bevor er seine Kommen­tare abgebe.[13] Wieder stützte sich das „Zurechtbringen“ auf denWatchto­wer und nicht auf die Bibel. Und als ich fragte, ob sie meinten, Peter Gregerson gehöre zu den „bösen Menschen“, von denen in 1. Korinther, Kapitel 5, die Rede sei, oder er sei ein „Antichrist“, so wie der Apostel Johannes ihn beschreibt, wollte sich wieder keiner äußern.

Ich verwies auf Römer, Kapitel 14, wo der Apostel betonte, wie wichtig es für jeden sei, treu nach seinem Gewissen zu handeln. Jeder, der etwas tut [300] und dabei glaubt, es sei vielleicht nicht gemäß Gottes Willen, begeht eine Sünde, denn „alles, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde“. Mein Gewissen erlaube es mir nicht, Peter Gregerson als „bösen Menschen“ anzusehen oder zu behandeln, wenn doch alle meine Erfahrung mit ihm das Gegenteil belege. Das hätte den Grundsatz der Bibel verletzt, der sagt: „Wer den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für böse erklärt – ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“[14]

11.7.3 Wessen Gewissen steht im Vordergrund? Das biblisch geschulte oder das durch den Wachtturm? Die organisationstreue interne Justiz arbeitet kalt, berechnend, ebenso wie die in der Welt

Benner sagte dazu, die Ältesten müßten sich genauso von ihrem Gewissen leiten lassen wie ich von meinem. Und wenn das meine Einstellung sei, dann müßten sie eben „die Konsequenzen ziehen und handeln“. (Anschei­nend ließ das Gewissen der Ältesten es nicht zu, das Gewissen eines anderen zu respektieren und Toleranz zu üben.) Welches Handeln er meinte, wurde im Anschluß daran klar. Er sagte, er betrachte sich nur als Überbringer dessen, was die Organisation ihm auftrage. Wörtlich: ,,Ich wiederhole (engl. „parrot“ = nachplappern) lediglich das, was die leitende Körperschaft mir aufgetragen hat.“ Er sagte das mit offensichtlichem Stolz; aus welchem Grund, weiß ich nicht.

Das Gespräch war bald vorbei und sie gingen wieder. Tom Gregerson schüttelte ungläubig den Kopf und meinte, das sei eine sehr aufschlußrei­che, doch deprimierende Erfahrung gewesen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, daß Menschen so reden könnten.

Vom 1. November an lief in Gadsden alles genauso ab wie schon zuvor in Brooklyn: Der Apparat der organisationsinternen Justiz setzte sich in Bewegung. Ständig riefen die Ältesten an, um zu allem möglichen eine Auskunft zu erhalten. Man teilte mir mit, daß ich vor ein Rechtskomitee kommen würde.

11.8 Nur die Definition der Bibel, wer als „böser Mensch“ und wer als „Abtrünniger“ gilt ist verbindlich! Klageerhebung gegen R.Franz aufgrund von Menschengebot.
11.8.1 Rücktritt aus den gesetzlichen Körperschaften (Incorporated = den Aktiengesellschaften) und Anfrage an die leitende Körperschaft, was wirklich mit Umgang mit „bösen Menschen“ gemeint sei

Ich hatte sowieso vorgehabt, an die leitende Körperschaft zu schreiben, um meinen Rücktritt aus den gesetzlichen Körperschaften zu erklären. (Sowohl in der pennsylvanischen wie auch der New Yorker Vereinigung war ich seit einigen Jahren Mitglied gewesen.)[15] Und so schrieb ich im Zusammenhang damit an die leitende Körperschaft am 5. November auch folgendes:

„Einige Älteste hier am Ort haben die Information im Watchtower vom 15. 5eptember 1981 als Aufforderung verstanden, von mir zu verlangen, ich solle meine Beziehung zu Peter Gregerson, dem Mann, auf dessen Grund und Boden ich wohne und für den ich arbeite, ändern. Sie sagen, da er von sich aus die Gemeinschaft verlassen habe, solle ich ihn zu denen rechnen, mit denen man nicht essen solle – böse Menschen und Antichristen -, andernfalls müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Da ich jetzt bald sechzig bin und über keine Geldmittel verfüge, ist [301] es mir unmöglich, umzuziehen oder eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich wäre deshalb sehr dankbar zu erfahren, ob Ihr mit den Äußerungen in dieser Nummer der Zeitschrift wirklich das meint, was da steht, daß es nämlich ein Grund für den Gemeinschaftsentzug ist, wenn man eine Einladung seines Wohnungs- und Arbeitgebers zum Essen annimmt. Sollten sie aber über das hinausgegangen sein, was mit der Veröffent­lichung beabsichtigt war, so wäre ein Rat zur Mäßigung an sie eine sehr große Erleichterung für mich, da die Situation möglicherweise für mich sehr belastend wird. Ich bin für jede Klarstellung Eurerseits dankbar, ganz gleich, auf welchem Wege Ihr sie mir zukommen laßt.“

Am selben Tag kam ein Anruf von den Ältesten. Da sie dies in der letzten Zeit so häufig getan und sich dabei so wenig brüderlich gezeigt hatten, zuckten meine Frau und ich jedesmal zusammen, wenn das Telefon klingelte. Daher sagte ich ihr, falls wieder ein Anruf käme und ich wäre nicht da, sollte sie ihnen mitteilen, daß sie alles schriftlich machen sollten. Das sagte sie ihnen auch. Am nächsten Tag schrieb das offiziell eingesetzte Rechtskomitee einen Brief, der am 10. November 1981 bei uns eintraf. Viele Zeugen Jehovas wollen nicht glauben, daß ich wirklich deshalb ausgeschlossen wurde, weil ich mit Peter Gregerson einmal essen ging. Manche behaupten hartnäckig, das könne einfach nicht der Fall gewesen sein. Ich glaube, die Wiedergabe des sich nun entwickelnden Briefwechsels wird hier für Klärung sorgen. Der erste Brief, verfaßt vom Rechtskomitee, trug das Datum 6. November 1981.

11.8.2 Einziger Anklagepunkt des „Rechtsverfahrens“: Das Essen mit einer Person die die Gemeinschaft freiwillig verliess

Aus diesem Brief geht deutlich hervor, daß nur ein einziger Anklagepunkt die Grundlage des „Rechtsverfahrens“ war, und zwar, daß ich Umgang mit jemand hätte, der die Versammlung verlassen hat. [302]

„2822 Fields Avenue
East Gadsden, AL 35903
6. November 1981

Raymond V. Franz
Route 4,
Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

wie Du uns durch Deine Frau am Donnerstag aufgefordert hast, laden wir Dich hiermit zur Sitzung des Rechtskomitees am Samstag, 14. November, um 14 Uhr im Königreichssaal der Versammlung Gadsden-Ost. Zweck der Sitzung ist es, mit Dir über Deinen weiter bestehenden Umgang mit einer Person zu sprechen, die die Gemeinschaft der Versammlung verlassen hat.

Wenn Du zu der angegebenen Zeit nicht erscheinen kannst, so nimm bitte mit einem von uns Verbindung auf, damit ein anderer Termin vereinbart werden kann.

Deine Brüder“

In meiner Antwort schrieb ich den Ältesten, ich hätte mich an die leitende Körperschaft gewandt mit der Bitte, die Darstellung im Watchtower vom 15. September 1981 genauer zu erklären; ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, daß sie darauf keine Rücksicht genommen hätten; anscheinend wollten sie mir nicht genügend Zeit geben, eine Antwort zu erhalten. Außerdem wies ich darauf hin, daß es wohl nicht angebracht sei, Dan Gregerson in das Komitee aufzunehmen, nachdem er bereits als mein Ankläger aufgetreten sei. Ich äußerte die Hoffnung, man werde das Komitee erweitern, um eine faire und unparteiische Beratung dieser neuen Richtlinie der Organisation und ihrer Umsetzung zu ermöglichen.[16]

11.8.3 Überstürztes Rechtsverfahren, wo die leitende Körperschaft die Fäden zog. Machtmißbrauch zum vorsätzlichen Mord?

Ich schickte den Brief ab, und als ich eine Woche später, am Freitag, 20. November, von der Arbeit nach Hause kam, erzählte mir meine Frau, der Älteste Theotis French habe angerufen und mitgeteilt, das Rechtskomitee werde bereits am nächsten Tag, am Samstag nachmittag, die Verhandlung führen. Sie hätten mir das in einem Brief geschrieben. [303]

Am Nachmittag war in der Post eine Nachricht, daß ein Einschreibebrief vorläge. Ich konnte gerade noch mit dem Wagen zum Postamt rasen, um den Brief vor Schalterschluß abzuholen. Er trug das Datum des 19. November 1981.

„2822 Fields Avenue
East Gadsden,
AL 35903
19. November 1981

Raymond V. Franz
Route 4, Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

die Ältestenschaft hat Deinen Brief besprochen und möchte dazu Stellung nehmen.
Als erstes möchten wir Dich wissen lassen, daß wir darüber informiert waren, daß Du einen Brief an die Watchtower Society gerichtet hast, und daß wir ent­schieden hatten, mit der Anhörung vor dem Rechtskomitee zu beginnen.

Zweitens: Da Dan Gregerson Ankläger ist, hat die Ältestenschaft entschieden, ihn im Rechtskomitee durch Larry Johnson zu ersetzen.

Drittens: Außer Dan Gregerson gibt es noch weitere Personen, die in dieser Angelegenheit als Zeugen auftreten könnten, doch wir glauben, es ist nicht notwendig, ihre Namen preiszugeben, da Du zugibst, mit Personen Umgang zu pflegen, die die Gemeinschaft der Versammlung verlassen haben.

Viertens hat die Ältestenschaft entschieden, daß das Rechtskomitee aus drei Ältesten bestehen wird. Wir möchten Dir versichern, daß die dafür ernannten Brüder Dich nicht im vorhinein verurteilt haben und die Verhandlung mit einer objektiven Haltung angehen werden.

Schließlich, Bruder Franz, würde das eingesetzte Rechtskomitee mit Dir eine Zusammenkunft für Samstag, 21. November, um 16 Uhr im Königreichssal ver­einbaren wollen. Solltest Du nicht kommen können, so fordern wir Dich auf, einen der unten angegebenen Brüder zu benachrichtigen, um einen günstigeren Termin auszumachen.

Deine Brüder“

11.8.4 Unabhängiges und neutrales „Rechtskomitee“, das zum Vornherein aufgrund von Weisungen den Ausschluss geplant hat!?

Es war nicht nur der sehr förmliche Charakter dieses Briefes, der auffiel. Vielmehr enthielt er trotz der Schlußfloskel „Deine Brüder“ nicht einen Funken der Wärme, die man in einer christlichen Bruderschaft vorzufinden erwartet. Er hätte genausogut auch von einem Gericht kommen können, so sehr wird er von einer kalten, gesetzlichen Haltung beherrscht. Wenn sie mich wirklich noch nicht vorverurteilt hatten (wie es ausdrücklich gesagt [304] wird), dann hätte ganz sicher ein Geist brüderlicher Nächstenliebe aus dem Brief gesprochen, mitfühlende Anteilnahme an den vitalen Interessen des Menschen, an den er gerichtet war. Selbst wenn man unberücksichtigt läßt, daß ich praktisch mein gesamtes Leben im Dienst als Zeuge Jehovas eingesetzt habe und in der leitenden Körperschaft gewesen war, wenn man mein Alter und meine persönlichen Umstände außer Acht läßt, selbst dann hatte wenigstens eine Spur von liebevollem Interesse zu sehen sein müssen, sogar wenn sie mich als „einen der geringsten“ der Brüder Christi ansahen (nach Matthaus. Kapitel 25, Vers 40). Meines Erachtens darf man diese gefühllose Einstellung nicht den Briefschreibern anlasten. Sie hat ihren Ursprung anderswo. Der Brief war dafür nur ein Musterbeispiel.

Meine Frau hatte Theotis French schon am Telefon gesagt, daß wir am Samstag Besuch aus einem anderen Teil der USA erwarteten, den wir jetzt nicht mehr anrufen und daher unsere Plane nicht rückgängig machen konnten.
Am Montag danach, am 23. November, schrieb ich einen weiteren Brief, in dem ich meine Bestürzung darüber zeigte, mit welcher Eile und Rücksichts­losigkeit das Komitee verfuhr.

Am selben Nachmittag rief French an und teilte mit, das Komitee werde zwei Tage darauf, am Mittwoch, 25. November, abends eine Verhandlung durchführen und eine Entscheidung treffen, ganz gleich, ob ich nun da sei oder nicht. Es war jetzt sinnlos, den Brief, den ich geschrieben hatte, in den Postkasten zu werfen[17], Offenbar hatten sie es nun sehr eilig, und ich bezweifle, daß der Anstoß hierfür von ihnen selbst kam. Der Komiteevorsit­zende gab später zu, sie stünden mit Wesley Benner, dem Beauftragten der Gesellschaft, in Verbindung. Entsprechend auffällig glichen ihre Äußerun­gen und Einstellungen denen, die er bei mir zu Hause gezeigt hatte. Und es konnte nicht der geringste Zweifel bestehen, daß er seinerseits mit der Dienstabteilung in der Weltzentrale in Brooklyn in Verbindung stand, und diese wiederum mit der leitenden Körperschaft. Das ist keineswegs unge­wöhnlich; so läuft es normalerweise immer. Überrascht haben mich diese Methoden nicht, einfach nur bedrückt.

11.8.5 Trotz gravierender Verfahrensmängel mit dem Segen der leitenden Körperschaft als deren Diener der Rechtsfindung? Zuhörer werden ausgeschlossen, um keinerlei Zeugen zu haben. Diejenigen die das Licht scheuen lieben Finsternis!

Als Mittwoch, der 25. November, da war, entschloß ich mich, lieber zu der Verhandlung hinzugehen, als in meiner Abwesenheit entscheiden zu las­sen. French hatte gesagt, der Termin sei am „Mittwoch abend“. Nachmit­tags rief ich bei einem aus dem Komitee an, um die genaue Uhrzeit zu erfahren. Da sagte mir seine Frau, sie seien bereits im Königreichssaal. Ich rief dort an und erfuhr, daß die Sitzung am Nachmittag stattfinden würde. „Abend“ hieß offensichtlich eine beliebige Uhrzeit ab 15 Uhr. Ich sagte, davon hätte ich nichts gewußt und man habe mir keine genaue Uhrzeit genannt. Auf meine Bitte hin erklärten sie sich einverstanden, den Termin auf 18 Uhr zu verlegen.
Tom Gregerson hatte den Wunsch geäußert, mit mir zu gehen, und so rief [305] ich ihn an. Als wir im Königreichssaal ankamen, begaben wir uns ins Konferenzzimmer, wo sich die Ältesten French (als Vorsitzender), Bryant und Johnson aufhielten. Sie sagten Tom Gregerson, er könne nicht dabei sein, höchstens um Zeugenaussagen zu machen. Er antwortete, er wolle anwesend sein, da ungefähr 35 Zeugen Jehovas in der Firma Warehouse Groceries arbeiteten, bei der er in leitender Position tätig sei. Er müsse doch wissen, welche Haltung man in dieser Frage genau einnehme. Sie blieben bei ihrem Nein.

Nachdem er hinausgegangen war, eröffnete das Komitee die Sitzung und rief die Zeugen herein. Es waren zwei: Dan Gregerson und die Frau von Robert Daley.

Dan Gregerson sagte als erster aus. Er berichtete, er habe mich zusammen mit Peter Gregerson (und unseren Frauen) im Western Steak House gesehen. Damit war er fertig. Ich fragte ihn dann, wann das war, und er gab zu, es sei im Sommer gewesen, also bevor der Watchtower vom 15. September 1981 herausgekommen war, in dem die neue Anweisung stand, daß jeder, der von sich aus die Versammlung verlassen habe, wie ein Ausgeschlossener zu behandeln sei. Ich sagte dem Komitee, diese Zeugenaussage habe keinerlei Bedeutung, es sei denn, sie meinten, ein Gesetz könne rückwirkend in Kraft treten.

Dann wurde die andere Zeugin um ihre Aussage gebeten, Sie sagte im wesentlichen dasselbe wie Dan Gregerson, nur daß es sich um einen Zeitpunkt nach der Veröffentlichung desWatchtower vom 15. September 1981 gehandelt habe.

Ich gab bereitwillig zu, daß ich zu diesem Zeitpunkt mit Peter Gregerson essen gegangen war, und fragte sie, ob sie nicht ebenfalls, gemeinsam mit ihrem Mann (einem Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost) mit Peter Gregerson essen war. (Dieser hatte sich eines Tages in Morrison’s Cafeteria zufällig gerade hinter Daley und seiner Frau angestellt. Da Daley in erster Ehe Peter Gregersons Stiefvater gewesen war – er hatte seine Mutter nach dem Tod des Vaters geheiratet -, stupste Gregerson ihn kurz an, worauf Daley sich umdrehte und mit ihm eine Unterhaltung anfing. Daley forderte ihn auf, sich zu ihnen zu setzen, und alle drei redeten beim Essen miteinan­der. Auch das hatte sich ereignet, nachdem der Watchtower vom 15. September 1981 erschienen war.)

Das versetzte die Zeugin in helle Aufregung und sie sagte, es sei schon wahr, aber sie habe einigen „Schwestern“ hinterher gesagt, sie wisse, daß es nicht richtig gewesen sei und daß sie es nie wieder tun werde. (Nach der Verhandlung erzählte ich das Peter Gregerson, und er rief aus: „Aber die haben doch sogar zweimal mit mir gegessen! Als ich einmal zu Morrison’s ging, saßen sie schon da und winkten, ich solle mich zu ihnen setzen.“ Vom zweiten Mal hatte die Zeugin nichts gesagt, und ich wußte damals nichts davon.)

Das war die gesamte „Beweislast“, die gegen mich vorlag. Die bei den Zeugen verließen den Raum. [306]

11.9 Despotismus und Machtmissbrauch durch interne Justiz der Zeugen Jehovas klar belegt: Leitende Körperschaft vor Gott und dessen Richter Jesus Christus angeklagt!
11.9.1 Der Wachtturm vom 15. September 1981 als einzig legitime Grundlage und höchste Autorität? Ein Hohn auf die Aussagen der Schrift!

Dann wurde ich gefragt, wie ich zu dem Watchtower vom 15. September 1981 stehe. Ich wollte wissen, weshalb sie nicht warteten, bis die leitende Körperschaft auf meine Anfrage vom 5. November geantwortet hätte. Da legte Theotis French, der Vorsitzende, seine Hand auf den Watchtower, der aufgeschlagen vor ihm lag, und sagte: „Mehr Autorität brauchen wir nicht.“

Ich fragte, ob sie sich nicht sicherer fühlen würden, wenn die leitende Körperschaft ihre Sichtweise bestätigt hätte. Er wiederholte, sie müßten sich an das halten, was veröffentlicht sei, und außerdem hätten sie sowieso in der ganzen Sache Brooklyn angerufen. Damit hörte ich von einem solchen Anruf zum ersten Mal. Das war dann wohl auch der Grund, warum French zwei Tage vorher am Telefon gemeint hatte, das Rechtskomitee glaube nicht, man müsse noch auf eine Antwort der leitenden Körperschaft warten! Sie gingen genauso heimlichtuerisch vor wie schon das Vorsitzenden­-Komitee vor ihnen und hielten es offenbar überhaupt nicht für nötig, mich wissen zu lassen, daß sie schon bei der Weltzentrale in Brooklyn angerufen hatten.

Ich erkundigte mich, ob sie mit jemand von der leitenden Körperschaft gesprochen hätten. Die Antwort war: „Nein, mit der Dienstabteilung. „Und was hatte man ihnen gesagt? French sagte, ihnen sei mitgeteilt worden: „Es hat sich nichts geändert; laßt euch nicht aufhalten.“

French sagte weiter: „So wie ich es sehe, hat die Gesellschaft sich die alte Position (aus dem Wachtturm des Jahres 1974) noch einmal kritisch unter die Lupe genommen und kehrt jetzt zu der vorher gültigen Position zurück.“ (Genauso hatte Kreisaufseher Benner sich mir gegenüber geäußert.) „Der Wachtturm hilft uns erkennen, wo wir einen klaren Trennstrich ziehen müssen“, meinte French weiter. Edgar Bryant fügte noch hinzu: „Wir versuchen alle, so zu handeln, wie es der Wachtturm von uns verlangt.“ Ich betonte, für mich sei die Bibel die Richtschnur. Sie war bis dahin von keinem der drei Ältesten auch nur erwähnt worden. Ich fragte, welche biblischen Gründe es gebe, Peter Gregerson als jemand einzustufen mit dem man nicht essen dürfe.

Johnson schlug 1. Korinther, Kapitel 5, auf, las ein paar Verse vor, stockte dann und brach ab, ohne dem Gelesenen eine Anwendung zu geben. Jeden einzelnen fragte ich dann, ob er ehrlich sagen könne, daß Peter Gregerson zu der Sorte Leute gehöre, die in solchen Texten beschrieben wurde, ein­schließlich der im Johannesbrief genannten „Antichristen“. French war ganz aufgeregt und sagte, ihm stehe es nicht zu, diesen Mann zu beurteilen; er wisse nicht genug über Peter Gregerson, um ein Urteil zu fällen. Ich fragte, wie sie dann von mir erwarten konnten, genau dieses Urteil zu fällen und die Konsequenzen zu ziehen, wenn sie selbst es nicht tun wollten, Darauf sagte er: „Wir sind nicht dazu hier, um von dir belehrt zu werden, Bruder Franz.“ Ich versicherte ihm, ich hätte nicht vor, sie zu belehren, sondern mein gesamter christlicher Lebenswandel werde in Frage gestellt und stände auf dem Spiel, und darum sei ich der Ansicht, ich hätte ein [307] Recht, mich dazu zu äußern. Weder Edgar Bryant noch Larry Johnson wollte klar sagen, was er über Peter Gregerson dachte, und dabei wurde es hier als „kriminelle“ Tat verhandelt, daß man mit ihm essen gegangen war.

11.9.2 Jene die als Richter amten, die keine im Zusammenhang mit dem Verfahren stehenden Fragen zu beantworten vermögen

Der Vorsitzende sagte dann, er sehe in weiteren Diskussionen keinen Sinn. Man rief Tom Gregerson herein, um herauszufinden, ob er irgendeine Aussage zu machen habe. Als er wissen wollte, welche Auswirkungen die in dem Watchtower beschriebene Position auf Beschäftigte seiner Firma haben würde, die Zeugen Jehovas seien und hin und wieder mit jemand, der die Gemeinschaft verlassen hat, auf Geschäftsreise gehen oder eine Mahlzeit einnehmen würden, antwortete Larry Johnson, sie seien jetzt nicht dazu da, diese Frage zu beantworten; das könne er ein andermal vortragen.[18] Tom Gregerson gab zurück, er stelle diese Frage nun schon zum wiederholten Male, habe auch den Kreisaufseher gefragt, und noch immer bleibe er ohne Antwort. Keine Reaktion. Die Verhandlung wurde geschlossen und wir gingen. Das Rechtskomitee blieb zurück, um die „Beweise“ zu erörtern. Etwa eine Woche später klingelte das Telefon und Larry Johnson teilte mir mit, das Komitee habe beschlossen, mir die Gemeinschaft zu entziehen. Mir stünden vom Tage des Anrufs an sieben Tage Frist zu, um Berufung einzulegen.

11.9.3 Brief zur Berufung gegen das Urteil des Ausschlusses mit klarer Begründung

Ich schrieb einen langen Brief, in dem ich meine Berufung begründete. Es schien mir am besten, alles schriftlich zu machen. Gesprochenes kann man schnell ändern, verdrehen oder einfach vergessen; Geschriebenes dagegen bleibt erhalten und läßt sich nicht so leicht übergehen. Meine Erlebnisse bei der Verhandlung zeigten deutlich, wie vergiftet das ganze Klima war, so daß kaum mit einer ruhigen und vernünftigen Erörterung der biblischen Grundsätze im Berufungsverfahren gerechnet werden konnte.

Ich erinnerte sie in meinem Brief an den von der Gesellschaft veröffentlich­ten Rat, die Ältesten eines Rechtskomitees sollten „die Dinge sorgfältig abwägen“, nicht nach „starren Verhaltensregeln“ suchen, sondern „stets das Grundsätzliche sehen“ und „sicher sein, daß der Rat fest in Gottes Wort verankert ist“; sie sollten „sich genügend Zeit nehmen und bemüht sein, das Herz des Betreffenden zu erreichen,“ und sollten „die Schrifttexte, die auf den Fall Anwendung finden, ausführlich besprechen und sicher sein, daß er (der Beschuldigte) sie auch versteht“. So hatte man es gesagt; getan wurde es nicht. (Und dabei wußten die Urheber dieses Rates, wie die Praxis aussah.) Die folgenden beiden Absätze geben den Kern meiner Stellung­nahme wahrscheinlich am besten wieder:

Man könnte vielleicht sagen, ich hätte keine Reue darüber bekundet, daß ich mit Peter Gregerson essen gegangen bin. Um Reue zu bekunden, muß ich erst davon über­zeugt sein, daß ich eine Sünde gegen Gott begangen habe. Diese Überzeugung läßt sich nur aus Gottes Wort herleiten, denn es allein ist inspiriert und unfehlbar zuverlässig (2. Timotheus 3:16, 17). So wie ich die Bibel verstehe, ist Treue gegenüber Gott und seinem Wort das Wichtigste und steht über jeder anderen Treue, ganz gleich welcher Art (Apostelgeschichte 4:19, 20; 5:29). Mir scheint, es steht weder mir noch irgendeinem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen zu, etwas zu diesem Wert hinzuzufügen, sonst würden sie „als Lügner erfunden“ werden [308] oder gar von Gott mit Plagen heimgesucht werden (Sprüche 30:5, 6; Offenbarung 22:18, 19). Diese biblischen Warnungen kann ich nicht leichtnehmen. In Anbetracht der Ermahnungen der Bibel, andere nicht zu richten, habe ich eine gesunde Angst davor, mich selbst (oder jemand anders oder eine Gruppe) zum Gesetzgeber zu machen und fühle mich gezwungen, das Richten allein dem Wort Gottes zu überlassen. Um das tun zu können, muß ich sicher sein, nicht lediglich einem von Menschen erdachten Maßstab zu folgen, der sich selbst als göttlich hinstellt, aber in Wirklichkeit nicht inspiriert ist und von Gott nicht gestützt wird. Ich möchte mir nicht anmaßen und so unverschämt sein, jemand zu verurteilen, den Gott in seinem Wort nicht ebenso verurteilt (Römer 14:4, 10-12; Jakobus 4:11, 12; siehe auch denKommentar zum Jakobusbrief. Seite 161 bis 168).

Ich versichere Euch, daß ich meine Sünde demütig vor Gott bereuen werde, sobald Ihr mir aus der Bibel verstehen helft, daß das Einnehmen einer Mahlzeit mit Peter Gregerson eine Sünde ist. Diejenigen, die bisher mit mir gesprochen haben, haben das nicht getan, sondern nur auf die erwähnte Zeitschrift als ihre „Autorität“ verwiesen (diesen Ausdruck gebrauchte der Vorsitzende des Rechtskomitees). Nach meinem Verständnis muß sich jegliche Autorität in der Christenversammlung aus Gottes Wort ableiten und fest in ihm verankert sein. Sprüche 17:15 sagt: „Wer irgend den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für böse erklärt –
ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“ Mir liegt nichts daran von Gott verabscheut zu werden und deshalb nehme ich das alles sehr ernst.

Zum Schluß appellierte ich ein weiteres Mal an sie, meine Bitte zu respektieren und die Antwort der leitenden Körperschaft auf meinen Brief vom 5. November abzuwarten.[19]

11.9.4 Die leitende Körperschaft entzieht sich ihrer Verantwortung mittels Schweigen

Mittlerweile war mir klar geworden, daß die leitende Körperschaft meinen Brief überhaupt nicht zu beantworten gedachte. Ein Monat war bereits verstrichen, und man wußte sehr gut über meine Lage Bescheid und darüber, welche Bedeutung eine Stellungnahme von ihrer Seite für mich hatte. Aus meiner jahrelangen Tätigkeit in dem Gremium wußte ich, daß dessen Mitglieder zwar am liebsten im Hintergrund blieben, zugleich aber über den Fortgang des Falles genauestens unterrichtet waren. Die Dienstabteilung leitete sämtliche Informationen weiter, die sie laufend vom Kreisaufseher erhielt. Das Vorgehen und die Äußerungen der örtlichen Ältesten ließen erkennen, daß das Verfahren aus der Zentrale der Macht durch den Kreisauf­seher als Mittelsmann gesteuert wurde. Diejenigen, die das Machtzentrum bildeten, die leitende Körperschaft, waren bereit, mit meinen Richtern (durch die Dienstabteilung) in Verbindung zu treten, lehnten es aber ab, auf mein schriftliches Hilfeersuchen zu reagieren, ja überhaupt den Eingang der Post zu bestätigen.

Am 11. Dezember, sieben Wochen nach meinem ersten Brief, schrieb ich also ein weiteres Mal an die leitende Körperschaft. Ich fügte eine Kopie meines Berufungsschreibens bei und erinnerte an meinen Brief vom 5. November.[20]

Genau sieben Tage, nachdem ich die Berufung eingereicht hatte, rief French an und teilte mit, es sei ein Berufungskomitee zusammengestellt worden; er nannte die Namen der Mitglieder. Drei Tage später rief er wieder an und ließ mich wissen, daß das Berufungskomitee am Sonntag verhandeln werde. Ich [309] erwiderte, ich hatte ihm geschrieben mit der Bitte, mir die genauen Namen der Komiteemitglieder zu nennen, denn von einigen hatte er lediglich den Familiennamen angegeben. Ich kündigte eine Bitte um Änderung der Zusammensetzung des Komitees an. Als ich fragte, weshalb gerade diese Männer genommen worden seien, sagte er, Wesley Benner, der Beauftragte der Gesellschaft, habe sie ausgewählt.

Er hatte für das Berufungskomitee Willie Anderson, Earl Parnell und Rob Dibble ausgesucht. Da es in diesem Fall vor allem um meinen Kontakt zu Peter Gregerson ging, erschien mir diese Auswahl schier unglaublich.

Bei keinem einzigen war zu erwarten, daß er an ein Verfahren, in dem es um Peter Gregerson ging, unbefangen herangehen würde.

11.9.5 Das Berufungskomitee abgelehnt, da keiner frei von Vorurteilen und Verwicklungen war

In meinem Brief an die Ältesten von Gadsden wies ich auf die (ihnen wohlbekannte) Tatsache hin, daß Willie Anderson Vorsitzender eines Komitees gewesen war, das wegen der Art und Weise, wie es gegen eine große Zahl junger Leute in der Versammlung vorgegangen war, für erhebli­chen Aufruhr in Gadsden gesorgt hatte. Peter Gregerson hatte sich dann an die Zentrale in Brooklyn gewandt mit der Bitte, sie solle ein Revisionskomi­tee einsetzen. Dieses stellte fest, daß das Komitee unter der Leitung Willie Andersons in einer ganzen Anzahl Fälle erheblich zu weit gegangen war. Das hatte eine deutliche Auswirkung auf die Beziehung zwischen Anderson und Peter Gregerson von da an.

Weshalb der Kreisaufseher Earl Parnell auserkoren hatte, war noch schwerer zu begreifen. Eine Tochter Peter Gregersons war mit dem Sohn von Parnell verheiratet gewesen, hatte sich aber gerade von ihm scheiden lassen. Daß die Eltern der beiden in gespannter Beziehung zueinander standen, wußte jeder; Kreisaufseher Benner war über die Scheidung informiert, und man hätte annehmen sollen, er habe genügend Gespür, um zu wissen, wie unpassend die Ernennung Parnells in einem Fall sein würde, bei dem Peter Gregerson eine der Schlüsselfiguren war.

Ähnlich war es bei Rob Dibble. Er war Parnells Schwiegersohn; seine Frau war die Schwester von Parnells Sohn, der gerade von Peter Gregersons Tochter geschieden worden war.

Ich schrieb der Ältestenschaft von Gadsden, ich könne mir kaum ein ungeeigneteres Dreierkomitee für eine unvoreingenommene, objektive Verhandlung vorstellen. (Die einzige Logik, die man in dieser Auswahl entdecken könnte, wäre, daß man mit aller Macht bewußt eine Verurtei­lung herbeiführen wollte.) Ich forderte die Einsetzung eines vollständig neuen Komitees.[21]

An demselben Tag, an dem ich diese Briefe geschrieben hatte (20. Dezem­ber), rief French ein weiteres Mal an. Das Berufungskomitee lasse mir mitteilen, es werde einen Tag später, Montag, eine Sitzung abhalten, „ob ich nun anwesend sei oder nicht“. Ich sagte French, ich hätte schriftlich um eine Änderung der Zusammensetzung des Komitees gebeten und auch an[310] die Zentrale in Brooklyn geschrieben. Am nächsten Tag, Montag, trug ich die Briefe persönlich zu seinem Haus.

Am Mittwoch, 23. Dezember, also zwei Tage später, kam folgender Zettel per Einschreiben:

Übersetzung: Ray Franz, die Zusammenkunft, die für Donnerstag, 24. Dezember, um 19.00 Uhr im Königreichssaal der Versammlung Gadsden­ Ost festgelegt war, ist auf den 28. Dezember, 19 Uhr, verlegt worden. Würden dich sehr gern dort sehen. Gezeichnet Theotis French

Von einer Zusammenkunft am Donnerstag hatte mir niemand etwas gesagt. Dieser Zettel war also meine offizielle Vorladung zu einer Verhandlung am Montag, 28. Dezember.

In den zwei Tagen nach der Zustellung der Briefe bei French tat sich einiges. Mir kam zu Ohren, daß er sich um Informationen für eine neue, völlig andere Anklage bemühte. Ein weiterer Bruder Peter Gregersons, Mark Gregerson, der in Florida wohnte, rief Peter Gregerson an und erzählte ihm, Theotis French habe bei ihm daheim angerufen. Er habe Mark Gregersons Frau gefragt, ob sie sieh erinnern könne, von mir jemals abfällige Bemerkun­gen über die Organisation gehört zu haben. Sie habe ihm geantwortet, ihr seien keinerlei abfällige Äußerungen von mir zu Ohren gekommen, weder über einzelne noch über die Organisation. Als sie ihn fragte, wozu er das wissen wolle, habe er gesagt, er wolle „nur ein paar Sachen herausfinden“. Mit ihrem Mann wollte er nicht sprechen.

11.9.6 Nervenzerüttende Tage unter dem Damoklesschwert: Jeder Grund auch noch so geringfügig für den vorhergeplanten Hinauswurf ausreichen! Franz muss zum Schweigen gebracht werden.

Und wieder stiegen in mir lebhafte Erinnerungen an die nervenzerrüttenden Erlebnisse auf, die ich eineinhalb Jahre zuvor durchmachen mußte, als das Vorsitzenden-Komitee der leitenden Körperschaft ganz ähnlich vorging. Seit meinem Brief an die leitende Körperschaft, in dem ich um eine klärende Stellungnahme zu den Darlegungen im Watchtower vom 15. September 1981 gebeten und auf die große Bedeutung, die eine Antwort für mich hätte, hingewiesen hatte, waren fast sieben Wochen verstrichen. Inzwischen hatte [311] ich noch zweimal geschrieben und um eine Reaktion ersucht. Man hielt es nicht für angebracht, etwas zu antworten, ja bestätigte nicht einmal den Briefeingang. Ist es nicht unglaublich, daß die Führung einer internationa­len Organisation mit weltweit mehr als zwei Millionen Mitgliedern, die den Anspruch erhebt, ein leuchtendes Vorbild im Anwenden christlicher Grundsätze zu sein, sich derartig verhält? Nein, denn kennt man die Einstellung der Männer in der Führungsspitze, so ist das nur folgerichtig. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Briefe einfach ignoriert wurden, wenn die leitende Körperschaft meinte, eine Beantwortung wäre nicht vorteilhaft. Und dasselbe dachte sie in meinem Fall.

11.10 Die Beurteilung von fehlerhaften Menschen ist vor Gott ohne Gewicht! Rechtschaffenes Verhalten, Mut und Treue zur Schrift und zu Gottes GESETZ wird im Gericht Gottes dagegen Anerkennung finden!
11.10.1 Offensichtliche Aussichtslosigkeit Gerechtigkeit zu erfahren führt zum Rückzug der Berufung.

Von Anfang an hatte ich keinen Zweifel gehabt, worauf das alles hinauslau­fen sollte. Die Art und Weise, wie das Verfahren durchgezogen wurde, ekelte mich an. Ich kann das nur als engstirnig bezeichnen; man war offensichtlich mit Gewalt darauf aus, irgend etwas zu finden, ganz gleich, wie geringfügig und lächerlich es war, um einen Grund für meinen Hinauswurf zu finden. So schrieb ich am 23. Dezember meinen letzten Brief und schickte je ein Exemplar an die leitende Körperschaft und an die Ältestenschaft der Versammlung Gadsden-Ost.

„23. Dezember 1981

An die
Ältestenschaft der
Versammlung Gadsden-Ost
Gadsden, Alabama

Liebe Brüder,

hiermit ziehe ich meine Berufung gegen den Gemeinschaftsentzug zurück. Ich tue dies aus folgenden Gründen:

Das erste Rechtskomitee hat mich auf Grund einer Aussage, ich sei nach der Veröffentlichung des Watchtower von 15. September 1981 mit Peter Gregerson einmal essen gegangen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Daß man vierzig Jahre Vollzeitdienst gegenüber solch einer Bagatelle einfach unter den Tisch fallen läßt, ist für mich ein Anzeichen dafür, daß man gar nicht gewillt ist, meine Gewissensgründe, wie ich sie in meinem Brief vom 8. Dezember 1981 darge­legt habe, ernsthaft zu berücksichtigen, noch daß man mir an Hand der Bibel zeigen will, worin meine Übertretung eigentlich bestand.

Darüber hinaus läßt die Wahl des Berufungskomitees durch den Kreisaufseher keine faire Behandlung meines Falls erwarten. Wie ich in meinem Brief von 20. Dezember 1981 ausgeführt habe, wurden gerade solche Personen ausge­wählt, die am wenigsten erwarten lassen, daß sie neutral und unbefangen an meinen Fall herangehen werden. Für mich ist diese Auswahl durch nichts zu rechtfertigen; sie macht meines Erachtens die Rechtsprechung hier zur Farce.

Nichts scheint dafür zu sprechen, daß die leitende Körperschaft bereit ist, mich zu unterstützen, da mein Brief vom 5. November an sie nun seit fast sieben Wochen unbeantwortet geblieben ist. Wie den Äußerungen des Vorsitzen­den des ersten Rechtskomitees zu entnehmen ist, hat er zwar mehrfach bei der Dienstabteilung angerufen, doch die Gespräche geben keinen Anlaß , auf Erleich­terung zu hoffen, denn man hat, so der Vorsitzende, dort gesagt: „Es hat sich nichts geändert, laßt euch nicht aufhalten.“ [312]

Und schließlich weiß ich inzwischen, daß man versucht, telefonisch, selbst per Ferngespräch, Dinge herauszufinden, die man gegen mich verwenden könnte. Dies geschah während der letzten Tage, nachdem ich meinen Brief abgegeben hatte, worin ich ein anderes Berufungskomitee verlangt hatte. Obwohl die angesprochene Person nie eine Beschwerde gegen mich erhoben hat, fragt man sie aus, ob sie sich an irgend etwas erinnern kann, das ich gesagt habe und das als abfällig gewertet werden könnte. Wenn ich in der Versammlung wirklich Unruhe hervorge­rufen hätte, dann wäre es bestimmt nicht nötig gewesen, zu solchen Methoden Zuflucht zu nehmen, um Material für eine Anklage zusammenzutragen.

Der weitere Einsatz solcher Methoden kann nur eine weitere Schädigung meines Rufes zur Folge haben. Dies ist die Aufforderung an jedermann zu Verdächtigun­gen und übler Nachrede.

Ich fühle so, wie es der Apostel in Galater 6:17 schreibt: „Fortan bereite mir niemand Mühe, denn ich trage die Wundmale eines Sklaven Jesu an meinem Leibe.“ In den letzten acht Wochen hat man meine Frau und mich seelischen Qualen ausge­setzt, nicht bloß durch die wiederholten Besuche und über ein Dutzend Anrufe (so daß wir das Klingeln des Telefons fast nicht mehr hertragen konnten), sondern viel stärker noch durch die sich abzeichnende Einstellung. Und nun stellt sich auch noch heraus, daß man heimlich Nachforschungen anstellt, die eindeutig meinen rechtmäßigen persönlichen Interessen schaden. Ähnliches ist mir letztes Jahr in New York widerfahren, wo man ebensolche Anstrengungen unternahm, und das einen Monat lang, ohne mir in dieser langen Zeit eine einzige Silbe darüber zu sagen, daß es an meinem Verhalten etwas auszusetzen gab. Und dabei habe ich denen, die die Nachforschungen ausführten, deutlich Gelegenheit gegeben, ihre Anklagen mir gegenüber zu äußern. Mir liegt nichts daran, dieselbe Mißhandlung noch einmal durchzumachen, insbesondere da alles darauf schließen läßt, daß eine unbegründete Schädigung meines Rufes doch bleiben wird. Die endgültige Klärung muß in Gottes Händen ruhen (Matthäus 10:26).

Die Tatsache, daß ich meine Berufung zurückziehe, darf in gar keiner Weise als Schuldeingeständnis ausgeleqt werden oder daß ich den Gemeinschaftsentzug in irgendeiner Weise als richtig, gerecht oder biblisch begründet ansehe. Mit dem Apostel kann ich wiederum sagen: „Für mich nun ist es etwas sehr geringfügiges, daß ich von euch oder von einem menschlichen Gerichtshof beurteilt werde. Ja, ich beurteile mich auch selbst nicht. Denn mir ist nichts bewußt, was gegen mich spräche. Doch dadurch werde ich nicht als gerecht erfunden, der mich aber beur­teilt ist Jehova“ (1. Korinther 4:3, 4). Ich vertraue fest auf sein gerechtes Urteil, und was mir widerfahren ist, das hat meinen Glauben an die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit seines Wortes nur gestärkt. Solange ich lebe, werde ich be­strebt sein, anderen Menschen die Wahrheit seines Wortes zugänglich zu machen, zu ihrem Segen und zum Ruhme Gottes.

Der gute Wille meines Herzens und mein Bitten zu Gott sind meinen Brüdern unter den Zeugen Jehovas zugewandt. Seit 1938 habe ich gewissenhaft ihren Interessen gedient, und ich versichere Euch, daß ich freudig weitere Prüfungen ertragen würde, wenn sich mir auch nur ein Funken Hoffnung zeigte, daß ihnen dies zum Guten gereichen würde. (Vergleiche Römer 9:1-3.)

Hochachtungsvoll
Rt 4, Box 44OF
Gadsden, AL 35904″

Inzwischen stand für mich fest, daß die Drahtzieher der ganzen Sache das Gefühl bekommen hatten, die „Beweise“ zur Rechtfertigung meines Aus­schlusses – daß ich mit Peter Gregerson einmal essen gegangen war ­könnten recht dürftig aussehen. Doch statt Beweisgründe aus Gottes Wort zu nennen (die gezeigt hätten, daß das wirklich eine Sünde war), was ich in [313] meinem Berufungsschreiben erbeten hatte, sollte die Anklage durch weite­res Belastungsmaterial gestützt werden. Ich sah keinen Sinn darin, mich dem weiterhin auszusetzen.

11.10.2 Gemeinschaftsentzug als wirksam erklärt: 43 Jahre treuen Dienstes und völliger Selbstaufopferung sind wertlos! Wahrlich: „Eine menge Kehricht“ (Phi 3:8, 9)

Nach acht Tagen rief Larry Johnson an und teilte mit, sie hätten meinen Brief erhalten, und da ich meine Berufung zurückgezogen hätte, sei die Entscheidung des ersten Komitees und damit mein Gemeinschaftsentzug rechtswirksam.

Der Tag, an dem der Anruf kam, war sehr passend. Am 1. Januar 1939 hatte ich mich taufen lassen, und genau 43 Jahre später, am 31. Dezember 1981, wurde ich exkommuniziert, allein deswegen, weil ich mit jemand, der von sich aus die Gemeinschaft verlassen hatte, eine Mahlzeit eingenommen hatte.

War das der eigentliche Grund? Ich glaube es nicht. Es war nur eine vorgeschobene Äußerlichkeit, um ein Ziel zu erreichen. Für solche Leute heiligt der Zweck die Mittel. Wenn eine Organisation darauf angewiesen ist, derart lächerliche Äußerlichkeiten zu Hilfe zu nehmen, verrät das meines Erachtens ein sehr niedriges Niveau der Umgangsformen und eine enorme Unsicherheit.

Wenn mich meine Erfahrungen als Mitglied der leitenden Körperschaft nicht täuschen, wenn man ferner das Verhalten des Vorsitzenden- Komitees im Frühjahr 1980 berücksichtigt sowie alles, was seither veröffentlicht wurde, so hat man meinen Ausschluß einfach als vorteilhaft für die Organisation angesehen, um eine angebliche Bedrohung abzuwenden. Falls dies zutrifft, so offenbart das ebenfalls ein gewaltiges Unsicherheitsgefühl ­insbesondere weil es sich hier um eine internationale Organisation handelt, die beansprucht, Gottes auserwähltes Werkzeug zu sein, im Schutz des Allmächtigen zu stehen, vom regierenden König zum Sachwalter seiner gesamten irdischen Interessen eingesetzt worden zu sein. Wäre diese Organisation von der Richtigkeit ihrer Lehren felsenfest überzeugt, weil sie wahr sind und eine feste Verankerung in Gottes Wort haben, würde sie sieh so bestimmt nicht verhalten. Und sie würde sich auch nicht so verhalten, wenn sie wirklich Vertrauen zu ihren Anhängern hätte, wenn sie glaubte, daß ihre Schulung wirklich reife Christen hervorgebracht hat, die sich von keinem muttergleichen Magisterium vorschreiben lassen müssen, was sie zu lesen, zu denken und worüber sie zu sprechen haben, sondern die alleine wissen, aufgrund ihrer Erkenntnis aus dem Wort Gottes, was Wahrheit und was Irrtum ist.

11.10.3 Alles gnadenlos ausmerzen, was eine vermeintliche Bedrohung und Ketzerei darstellen könnte

Doch seit dem 1. Jahrhundert haben viele religiöse Organisationen so gehandelt, die meinten, unbedingt alles ausmerzen zu müssen, was ihrer Ansicht nach eine Bedrohung darstellte, weil es ihre Verfügungsgewalt über andere einschränken könnte.

In seinem Buch A History of Christianity (Eine Geschichte des Christen­tums) beschreibt Paul Johnson, welche Methoden in jener dunklen Zeit religiöser Unduldsamkeit, aus der die Inquisition hervorging, angewendet wurden: [314]

„Gedankenverbrechen waren schwer nachzuweisen; deshalb wandte die Inquisi­tion Methoden an, die bei anderen Gerichten verboten waren, und verstieg damit gegen örtliche Satzungen, gegen Gesetze und Gewohnheitsrecht, ja gegen buch­stäblich jeden Aspekt der hergebrachten Rechtsprechung.“[22]

Die Methoden, die die Ältesten der Zeugen Jehovas in ihren Rechtskomi­tees regelmäßig anwenden, haben mit der Rechtsprechung an Gerichten in den liberalen Ländern der Welt nichts mehr gemein. In den Verhandlungen vor diesen Komitees werden entscheidende Informationen verschwiegen (wie beispielsweise die Namen von böswilligen Belastungszeugen), es wird mit anonymen Denunzianten gearbeitet, und es werden ähnliche Taktiken angewendet, wie sie der Historiker Johnson aus der Zeit der Inquisition beschreibt. Immer und immer wieder wird damit gegen jeden vorgegangen, der nicht hundertprozentig mit dem „Mitteilungskanal“, „der Organisa­tion“, übereinstimmt. Wie in der alten Zeit gilt auch für die große Mehrzahl der Fälle heute, was Johnson sagt:

„Es ging ganz einfach darum, um jeden Preis eine Verurteilung zu erreichen; nur auf diese Weise, so dachte man, liege sich die Ketzerei ausrotten.“[23]

Ein letztes Mal will ich betonen: Ich glaube nicht, daß die Härte oder die Kälte, die distanzierte, überhebliche, manchmal sogar selbstgefällige Art, die in der Organisation zu beobachten ist, der normalen Persönlichkeit der meisten Handelnden entspricht. Sie beruht meines Erachtens auf der falschen Lehre, nach der einer Organisation absolute Machtansprüche und unnahbare Überheblichkeit zugebilligt werden, die ebenso maßlos wie unbegründet sind. Diese Lehre muß nicht nur in Frage gezogen, sondern sie muß als das bloßgestellt werden, was sie ist: als eine schädliche, Gott entehrende Doktrin. [315]

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[1] Dem Komitee gehörten damals an: Ted Jaracz (Koordintor), Milton Henschel, Albert Schroeder, William Jackson und Martin Pötzinger.
[2] Römer 12:2.
[3] 2. Korinther 10:5.
[4] Der Artikel stand im Wachtturm vom 15. November 198O und sollte zeigen, daß das griechische Wort naos (Tempel oder Heiligtum), das in Offenbarung 7:15 verwendet wird, sich in bezug auf die „große Volksmenge“ auf die Tempelvorhöfe beziehen könnte. Es wurde darauf verwiesen, daß Jesus die Geldwechsler aus dein naos vertrieben habe. Siehe Seite 15, Kasten am Fuß der Seite.) Da die Bibel selbst, nämlich in Johannes 2:14-16, eindeutig ein anderes Wort verwendet (hieron), war die Behauptung ganz offensichtlich falsch. Ein Ältester formulierte es so: „Das war entweder Unehrlichkeit oder Dummheit.“
[5] Zur Verwandtschaft seiner Frau gehörten ebenfalls viele Zeugen.
[6] Mir war aus eigener Erfahrung bekannt, daß die leitende Körperschaft bis dahin das Verlassen der Gemeinschaft mit einem Gemeinschaftsentzug nur in solchen Fällen gleichgesetzt hatte, in denen jemand in die Politik oder zum Militär ging, jedoch nicht, wenn sich jemand einfach aus der Versammlung zurückzog. Ich hatte nämlich den Auftrag erhalten, das Handbuch Aid to Answering Branch Correspondence (Hilfe zur Beantwortung von Anfragen an das Zweigbüro) zu überarbeiten, in dem alle solche Leitsätze deutlich formuliert wurden, und ich wußte, daß man in bezug auf das Verlassen der Gemeinschaft keine solch extreme Position bezogen hatte. Wer sich zurückzog, wurde nicht genauso behandelt wie jemand, der ausgeschlossen worden war. Die einzige Besonderheit war, daß er einen Wiederaufnahmean­trag stellen mußte, wenn er wieder in die Versammlung aufgenommen werden wollte. Nachdem mir zu Ohren gekommen war, daß die Dienstabteilung Briefe verschickt hatte, in denen eine solche Gleichsetzung vorgenommen worden war, sprach ich mit jemand vom Komitee der Dienstabteilung und wies darauf hin, daß die Angelegenheit nie der leitenden Körperschaft vorgelegen habe und daher einen Fall von eigenmächtigem Vorgehen der Dienstabteilung darstelle. (Dies war ein Beispiel dafür, daß die Abteilung gelegentlich neue Leitlinien festlegte, ohne dazu beauftragt worden zu sein.) Er gab zu, daß aus der leitenden Körperschaft nichts dergleichen verlautet sei.
[7] Es lagen zwei Fälle von Ausgeschlossenen vor, die zu den Zusammenkünften kommen wollten, dabei aber Hilfe brauchten. Im einen Fall handelte es sich um eine junge Frau, die weitab auf dem Land in Neuengland wohnte, im anderen um eine Frau in einem Rehabilita­tionszentrum für Drogenabhängige im Mittelwesten. Beide konnten die Zusammenkünfte nur besuchen, wenn man sie abholte. Die leitende Körperschaft entschied, daß es in solchen Fällen vertretbar sei, das zu tun.
[8] Im Wachtturm vom 15. Mai 1982 erschien ein Artikel, der das häufige Hin und Her in den Lehren der Gesellschaft rechtfertigen sollte. Dabei wurde die Veranschaulichung eines am Wind kreuzenden Segelboots gewählt. Das Problem dabei ist, daß das viele Verändern der Lehre oft buchstäblich zum Ausgangspunkt zurückführt.
[9] Das richtete sich vor allem gegen die, die sich zurückzogen. Wer in die Politik oder zum Militär ging, wurde zwar auch als jemand eingestuft, der „die Gemeinschaft verlassen hat“, doch das geschah nicht auf seinen Wunsch hin, sondern die Ältesten taten das automatisch, weil die Gesellschaft das so forderte. Das Neue war also, daß jetzt auch die erfaßt wurden, die freiwillig ihren Austritt erklärt hatten (ohne gegen irgend etwas verstoßen zu haben).
[10] Von wem er sprach, weiß ich bis heute nicht.
[11] Dan Gregerson gab zu, mit seinem Bruder Peter noch nie über dessen abweichende Ansichten gesprochen zu haben, wiewohl er von deren Existenz sehr genau wußte.
[12] Zu der Zeit hatte Peter Gregerson die Gemeinschaft noch nicht verlassen. Das geschah erst knapp ein Jahr später.
[13] Während des Gesprächs kam aus der Ecke, in der der Kreisaufseher saß, mehrfach ein Piepton. Inzwischen frage ich mich, ob er die Unterhaltung auf Tonband aufgenommen hat, da dies anscheinend eine Lieblingsmethode der leitenden Körperschaft geworden ist.
[14] Sprüche 17:15.
[15] Ich war weiter Mitglied geblieben, nachdem ich die Weltzentrale verlassen hatte. In den Jahren 1980 und 1981 erhielt ich wie gewohnt die Abstimmungsunterlagen für die Teilnahme an der Jahreshauptversammlung. Im ersten Jahr schickte ich die Stimmkarte ein, doch 1981 konnte ich mich nicht mehr dazu durchringen, insbesondere wegen der Veröffentlichungen der Gesellschaft in ihren Zeitschriften.
[16] Zur Information wird der hier im Anhang im vollen Wortlaut wiedergegeben.
[17] Wiedergabe des Briefes im Anhang.
[18] Tom Gregerson war damals Präsident der Firma Warehouse Groceries.
[19] Der gesamte Brief wird im Anhang wiedergegeben.
[20] Siehe Anhang.
[21] Siehe Anhang.
[22] Paul Johnson: A History of Christianity. New York: Atheneum, 1979, S. 253.
[23] a.a.O. S. 253, 254.