10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

10 Zeit der Entscheidung *

10.1 Der überwältigende Gewinn Jesus als wahres Haupt zu erkennen, als einzigen Mittler zu Gott
10.1.1 Am Scheideweg: Einer Organisation die Treue halten und damit gegen das Gewissen zu entscheiden, oder eine undefinierte, unsichere Zukunft in Kauf nehmen?

„Aber dies alles, was mir früher als großer Vorzug erschien, habe ich durch Christus als Nachteil und Schaden erkannt. Ich betrachte überhaupt alles andere als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne“ (Philipper 3:7, 8, Die Bibel in heutigem Deutsch),

Ende 1979 war ich am Scheideweg angelangt.

Fast 40 Jahre lang hatte ich hauptberuflich im Dienst der Organisation gestanden, sie von ganz unten bis ganz oben durchlaufen. Die letzten 15 Jahre war ich in der Weltzentrale tätig gewesen, darunter neun Jahre als Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas weltweit.

Diese letzten neun Jahre waren die entscheidenden. In dieser Zeit holte die Realität meine Illusionen ein. Seither weiß ich, daß es stimmt, was ein inzwischen verstorbener Staatsmann einmal geäußert hat:

„Der große Feind der Wahrheit ist häufig nicht die vorsätzliche, betrügerische Lüge, sondern der Mythos: er hält sich zäh, klingt überzeugend und hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun.“

Langsam wurde mir klar, daß ich mein Leben großenteils auf nichts anderes gegründet hatte als genau dies, einen Mythos – „hält sich zäh, klingt überzeugend und hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun“. Nicht, daß sich meine Ansicht über die Bibel geändert hätte. Im Gegenteil, ich habe sie durch meine Erlebnisse eher noch mehr schätzen gelernt. Sie allein half mir, in den Dingen, die sich vor meinen Augen abspielten, einen Sinn zu sehen; mit ihrer Hilfe wurden mir die Einstellungen und Gedankengänge der anderen verständlich, und ich erkannte auch, warum ich in meinem Innern einen solchen Druck und solche Spannung fühlte. Alle Veränderung in mir erwuchs aus der Einsicht, daß ich die Bibel aus einer total sektiererischen Sicht heraus gesehen hatte – wovor ich mich eigentlich geschützt geglaubt hatte. Als ich die Heilige Schrift für sich selbst sprechen ließ, ohne daß alles erst durch den Trichter einer fehlbaren menschlichen Einrichtung als „Kanal“ gegangen war, machte ich die Entdeckung, daß sie erheblich an Aussagekraft gewann. Ich war höchst erstaunt darüber, wie viel Wichtiges mir vorher entgangen war.

Was sollte ich tun? Langsam aber sicher kam ich zu der Einsicht, daß der Organisation jegliche Flexibilität abhanden gekommen war (falls es sie je [215] gegeben hatte), daß sozusagen „die Weinschläuche alt und vertrocknet“ waren. Alles, was mir im Laufe der Jahre in der leitenden Körperschaft während der Sitzungen und auch sonst zu Ohren gekommen war, die Grundhaltung, die mir überall begegnete, deutete darauf hin. Man wurde immer verstockter gegenüber jeder biblischen Ermahnung zur Korrektur ihrer Lehren und ihrer Methoden beim Umgang mit denen, die zu ihr um Leitung aufblickten.[1] Heute wie damals bin ich der Ansicht, daß viele in der leitenden Körperschaft gute Menschen sind. In einem Telefongespräch sagte mir ein ehemaliger Zeuge: „Wir waren Mitläufer von Mitläufern.“ Ein anderer sagte: „Wir sind die Opfer von Opfern geworden.“ Beide hatten meines Erachtens recht. Charles Taze Russell übernahm Ansichten seiner Zeitgenossen und wurde deren Mitläufer; er wurde das Opfer der Mythen, die sie als „geoffenbarte Wahrheit“ verkündeten. Alle späteren führenden Köpfe der Organisation übernahmen diesen ursprünglichen Mythos und fügten ihren eigenen Teil hinzu, um das Gebilde auszubauen oder zu festigen. Gegenüber diesen Männern, die mir persönlich bekannt sind, fühle ich nicht Hag oder Erbitterung, sondern Mitleid, denn auch ich war ein solches „Opfer von Opfern“, ein „Mitläufer von Mitläufern“.

10.1.2 Autorität ja, autoritativ Nein! Am Ende der Hoffnung angelangt Veränderungen auf höchster Ebene veranlassen zu können.

Obwohl die Mitarbeit in der leitenden Körperschaft von Jahr zu Jahr schwieriger und belastender für mich wurde, besonders ab 1976, klammerte ich mich an die Hoffnung, alles würde sich zum Guten wenden. Schließlich mußte ich aber einsehen, daß alle Anzeichen gegen diese Hoffnung spra­chen.

Ich war kein Feind von Autorität, doch ich war gegen die extreme Form, in der sie bei uns angewandt wurde. Es konnte einfach nicht Gottes Wille sein, daß Menschen in der christlichen Gemeinschaft eine so allumfassende autoritäre Herrschaft über ihre Mitbrüder ausübten. Nach meinem Bibelverständnis gewährte Christus Autorität in der Gemeinde nur zum Dienen, nie zum Herrschen.[2]

Auch gegen eine „Organisation“ im Sinne einer geordneten Einrichtung hatte ich nichts, denn für mich gehörte so etwas einfach zur christlichen Gemeinde.[3] Doch meiner Meinung nach hatte eine solche Einrichtung ihrem ganzen Zweck und Wesen nach nur dafür da zu sein, den Brüdern zu helfen. Sie sollte ihren Interessen dienen, und nicht umgekehrt. Wie die Einrichtung im einzelnen aussah, war egal, doch sie mußte die Menschen aufbauen, damit sie keine geistigen Kleinkinder blieben, die von Menschen oder Institutionen abhingen, sondern fähig wurden, als voll erwachsene, reife Christen zu handeln. Sie sollten nicht bloß dazu erzogen werden, sich den Regeln und Anweisungen einer Organisation brav anzupassen, sondern Menschen werden, „die ihr Wahrnehmungsvermögen durch Gebrauch geübt haben zur Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht“.[4] Welche [216]Organisationsform man auch wählte, sie müßte zu einem Gefühl echter Bruderschaft führen, mit der freimütigen Rede und dem gegenseitigen Vertrauen, das wahre Bruderschaft kennzeichnet, und nicht zu einer Gesell­schaft, in der wenige regieren und die vielen anderen regiert werden. Und schließlich dürfte es Führung in dieser Einrichtung nur in der Form des beispielhaften Vorbilds geben, des Festhaltens am Wort Gottes, wobei die Weisungen des Herrn und Meisters so weitergegeben und eingeschärft würden, wie er sie gab, ohne sie den scheinbaren Interessen einer menschen­gemachten Organisation anzupassen und ohne daß man die anderen seine Macht spüren ließ, wie es die Großen dieser Welt tun.[5] Dies muß dazu führen, daß allein Christus Jesus das Haupt ist und nicht die Autorität irgendeines irdischen Herrschaftsapparats und seiner Funktionsträger über allem steht. Bei uns hatte ich den Eindruck, daß die Funktion Jesu Christi als aktives Oberhaupt überschattet und vollständig verschüttet wurde durch das autoritäre Gehabe, das ständige Eigenlob und die dauernde Selbstanpreisung der Organisation.

10.1.3 Das Wort der Schrift erneut über jedes Menschenwort stellt ist in Gefahr!

Darüber hinaus sah ich auch den Wert und die Notwendigkeit des Lehrens ein. Doch ich konnte es nicht akzeptieren, daß man die Auslegungen der Organisation, gegründet auf schwankendes menschliches Denken, gleich­rangig neben das stellte, was in Gottes unveränderlichem Wort selbst stand. Daß man den eigenen Traditionen so großes Gewicht beimaß, ja sogar das Wort Gottes verdrehte und zurechtstutzte, bis es zu diesen überkommenen Ansichten paßte, das hat mich seelisch stark belastet, genauso wie die Inkonsequenz im Handeln, die dazu führte, daß mit zweierlei Maß gemes­sen wurde. Was ich nicht akzeptieren konnte, war nicht die Lehre, sondern der Dogmatismus.

Ich habe meine Ansichten während meiner Tätigkeit in der leitenden Körperschaft nach Kräften vertreten. Das hat von Anfang an zu Schwierig­keiten geführt und mir Feindschaft eingebracht. Es endete mit Ablehnung und der Ausstoßung.

Im Herbst 1979 sollte ich im Rahmen einer „Zonenreise“ mehrere Zweigbüros in Westafrika besuchen, darunter einige in Ländern, deren Regierung die Tätigkeit der Zeugen Jehovas offiziell verboten hatte. Da ich wußte, wie schnell es passieren konnte, daß ich verhaftet und für längere Zeit ins Gefängnis gesteckt wurde, fühlte ich mich verpflichtet, einige meiner Sorgen mit meiner Frau zu besprechen. (Da es um ihre Gesundheit nicht sehr gut stand, hielt ich es für besser, die Reise allein zu unternehmen.) Sie hatte zwar zwangsläufig mitbekommen, daß ich seelisch sehr unter Druck stand, doch ich hatte ihr nie gesagt, welche Probleme mich eigentlich quälten. Dazu hatte ich mich nicht berechtigt geglaubt. Jetzt hingegen schien mir das nicht nur angebracht, sondern ich verspürte sogar eine Verpflichtung, mit ihr über die Dinge zu reden, die mir aufgefallen waren, gerade beim Lesen der Bibel. Wieso sollte ich mich von Menschen abhalten [217] lassen, mit der eigenen Frau Wahrheiten zu besprechen, auf die ich in Gottes Wort gestoßen war?

Wir kamen zu dem Schluß, daß es für uns das Beste sei, die Tätigkeit in der Weltzentrale aufzugeben. Unser innerer Friede und unsere Gesundheit erforderten es. Zudem hatten wir die schwache Hoffnung, doch noch ein Kind zu bekommen, und hatten bereits mit zwei Ärzten darüber gespro­chen, unter anderem mit Dr. Carlton, einem der Betriebsärzte.[6] Ich war 57 und wußte, daß es in diesem Alter äußerst schwierig sein würde, Arbeit zu finden. Doch ich vertraute darauf, daß sich schon irgendein Weg finden würde.

10.1.4 Neuer Wein gehört nicht in alte Weinschläuche! Korrupter und überalterter Machtapparat, unfähig zu wahren Korrekturen, der echten Wahrheit und Gerechtigkeit kaum zugeneigt

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich fühlte mich hin- und hergerissen. Einerseits dachte ich, durch mein Verbleiben in dem Gremium könnte ich wenigstens noch für andere die Stimme erheben, für die Heilige Schrift eintreten, für Mäßigung und Ausgeglichenheit plädieren, auch wenn man mich nur unwillig anhörte oder ignorierte. Andererseits spürte ich, daß mir nicht mehr viel Zeit dafür verbleiben würde, sondern daß man mir bald jeglichen Einfluß in der leitenden Körperschaft nehmen und mich mundtot machen würde. Genauso schwer wog, daß ich unbedingt aus dem schwelen­den Klima des Argwohns und der Verdächtigungen herauskommen und keinen Anteil mehr an diesem Machtapparat haben wollte, für den ich keine biblische Grundlage mehr finden und dessen Beschlüsse ich moralisch nicht befürworten konnte.

Wäre es mir um Sicherheit und Bequemlichkeit gegangen, so hätte ich mich ganz sicher entschieden zu bleiben, denn den Mitarbeitern in der Weltzen­trale wurden alle physischen Bedürfnisse erfüllt. Wegen unserer vielen Dienstjahre stünde uns die freie Auswahl unter den besseren Zimmern zu, die in den vielen Wohngebäuden der Gesellschaft von Zeit zu Zeit frei wurden.[7] Wir würden mehr als sechs Wochen Urlaub im Jahr haben, und diese könnten, da ich der leitenden Körperschaft angehörte, jederzeit mit Gastvorträgen in allen Teilen der USA und Kanadas verbunden werden, oder auch mit Zonenreisen in Gegenden rund um den Erdball. (Die Mitglieder der leitenden Körperschaft können ihren Urlaub regelmäßig an Orten verbrin­gen, von denen andere nur träumen.) Allein 1978 waren meine Frau und ich mehr als fünfzigmal mit dem Flugzeug unterwegs; im Laufe der Jahre hatten wir Reisen nach Mittel- und Südamerika, nach Asien, Europa, Afrika und in den Mittleren Osten unternommen.

10.1.5 Gewohnt vor Zehntausenden von interessierten Zuhörern zu reden, beständiger Ehrengast zu sein

Wäre es mein Ziel gewesen, angesehen und prominent zu sein, so hatte ich mir gar nicht mehr wünschen können. Pro Vortragseinladung, die ich im Monat annahm, mußte ich drei bis vier weitere ablehnen. Kam ich nach [218] Paris, Athen, Madrid, Lissabon, Mexiko City, Sao Paulo oder in fast jede andere Weltstadt, so brauchte ich nur dem dortigen Zweigbüro Bescheid zu geben, und schon wurde eine Veranstaltung organisiert, zu der Tausende von Zeugen Jehovas strömten. Vor Menschenmengen von 5000 bis 30 000 Personen zu sprechen wurde fast etwas Alltägliches. Wohin auch immer ein Mitglied der leitenden Körperschaft reist, praktisch immer ist er Ehrengast bei seinen Glaubensgenossen.[8]

Innerhalb der leitenden Körperschaft war es nicht schwer, allgemein geach­tet zu sein. Man mußte nur immer wieder neu seine vollständige Loyalität gegenüber der Organisation verkünden und sich, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei Abstimmungen und in Diskussionen auf die Seite der Mehrheit schlagen. Das ist gar nicht zynisch gemeint. Die wenigen anderen Mitglieder des Gremiums, die sich aus Gewissensgründen genötigt sahen, hin und wieder gegen eine traditionelle Leitlinie oder Lehre Stellung zu beziehen, können das bestätigen, auch wenn sie es vielleicht nicht laut sagen mögen.

Trotz allem waren mir Positionen in zwei der einflußreicheren Komitees der leitenden Körperschaft zugewiesen worden, im Schreibkomitee und im Dienstkomitee. Im Schreibkomitee hielt man es für richtig, mir die redak­tionelle Verantwortung (nicht das eigentliche Abfassen) für mehrere Bücher zu übertragen, die dann in vielen Sprachen in Millionenauflagen gedruckt wurden[9]

Das Geheimrezept, falls man es so nennen kann, wie sich eine prominente Position in der Organisation halten ließ, war nicht schwer zu erkennen. Mein Gewissen ließ es aber nicht zu, es anzuwenden.

10.1.6 Wenn unser Gewissen uns zum Feind aller anderen macht, wird dort Mitläufertum vom Machtapparat verlangt

Ich hätte blind gewesen sein müssen, um nicht zu sehen, wie sehr ich bei vielen aneckte mit meinen Äußerungen zu einigen Themen, auch wenn, wie ich meine, klare biblische Grundsätze mir den Weg wiesen. Manches Mal ging ich zur Sitzung mit dem festen Vorsatz, lieber gar nichts zu sagen, als Feindseligkeiten hervorzurufen. Wenn dann aber Fragen behandelt wurden, die einschneidende Folgen für das Leben vieler Menschen haben würden, konnte ich mich einfach nicht zurückhalten. Sonst hätte ich mich schuldig gefühlt. Ich machte mir nicht vor, daß ich mit meinen Worten viel ausrichten würde, denn aus Erfahrung wußte ich, daß meine Lage sich dadurch eher nur verschlechterte. Wenn ich aber nicht entschieden für die Grundsätze eintrat, die nach meinem Verständnis das Christentum erst ausmachten, wozu hätte ich dann überhaupt noch dort sitzen sollen? Was für einen Sinn hätte mein Leben dann noch gehabt? [219]

Etwa ab 1978 machte sich in der leitenden Körperschaft – wie bereits erwähnt – ein verändertes Klima bemerkbar. Die anfängliche Euphorie, von der die großen Umwälzungen in der Herrschaftsstruktur begleitet gewesen waren, war verflogen, Der Geist des brüderlichen Miteinander, der eine Zeitlang vorzuherrschen schien und zu Mäßigung und größerer Beweglich­keit im Denken geführt hatte, war ebenfalls deutlich geschwunden. Jeder hatte sich in seine Funktionen in den verschiedenen Komitees eingearbei­tet, und nach einiger Zeit wollten die ersten ihre Kräfte messen. Es bildeten sich deutliche Fraktionen heraus, so daß man Abstimmungsergebnisse oft mühelos vorhersagen konnte.

Erhoben beispielsweise Milton Henschel, Fred Franz, Ted Jaraez und Lloyd Barry die Hand, konnte man im allgemeinen sicher sein, daß auch Carey Barber, Martin Pötzinger, William Jackson, George Gangas, Grant Suiter und Jack Barr ihre Hand heben würden. Blieben die Hände der ersten Gruppe unten, war es gewöhnlich bei der zweiten ebenso. Bei einigen anderen war es wahrscheinlich, daß sie genauso stimmen würden, doch war ihr Abstim­mungsverhalten nicht so vorhersagbar. Bis auf seltene Ausnahmen ergab sich jedes Mal dasselbe Bild.

Nach diesem Schema verliefen die Abstimmungen besonders dann, wenn es um irgendeine der traditionellen Positionen oder Lehren ging. Man konnte vorher fast sicher sein, wer für die Beibehaltung der traditionellen Linie und gegen jede Änderung stimmen würde. Selbst in der Frage des Zivildienstes, die in einem anderen Kapitel bereits behandelt wurde, konnte diese Gruppe, obgleich sie überstimmt wurde, die Zweidrittelmehrheit blockieren, mit der die offizielle Haltung in dieser Frage geändert worden wäre.

Bei besonders strittigen Fragen gab es zumindest Anzeichen dafür, daß einige das Stimmverhalten anderer zu beeinflussen suchten. Meines Erach­tens hätte jemand, der Informationen verbreiten wollte, die nicht direkt zur laufenden Sitzung gehörten, dies am besten schriftlich tun und jedem ein Exemplar zukommen lassen sollen. Dann wären alle auf dem gleichen Informationsstand gewesen und die Karten hätten offen auf dem Tisch gelegen. Solche schriftlichen Vorlagen waren aber ziemlich selten und wurden dann auch kaum jemals Gegenstand der Diskussion.

10.2 Ausschlussverfahren vor Gerichtskomitees im Bethel Brooklyn
10.2.1 Traumatische Ereignisse in der Weltzentrale kündigen sich an: Die Jagd auf „Abtrünnige“ beginnt!

Was sich in der Sitzung der leitenden Körperschaft am 14. November 1979 abspielte, war meiner Ansicht nach schon eine Ankündigung der traumati­schen Ereignisse, die im Frühjahr 1980 die Weltzentrale erschütterten und in deren Gefolge mehrere Mitarbeiter wegen „Abtrünnigkeit“ aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurden und ich mich aus dem Führungsgre­mium zurückzog und die Weltzentrale verließ.

Vier unbedeutende Punkte standen an jenem Tag auf der Tagesordnung; alle Anträge gingen einstimmig über die Bühne. Aller Anschein von Harmonie verflog aber sehr schnell, als Grant Suiter sagte, er wolle eine Angelegenheit zur Sprache bringen, die zu beträchtlichem Gerede geführt habe. Er habe gehört, daß einige Mitglieder der leitenden Körperschaft sowie Mitarbeiter der Schreibabteilung in ihren Vorträgen Ansichten vertreten hätten, die [220] nicht mit den Lehren der Gesellschaft übereinstimmten, und das führe zu Verunsicherungen. Auch habe er gehört, fuhr er fort, daß Mitarbeiter der Weltzentrale Dinge sagten wie: „Wenn König Saul stirbt, wird sich alles ändern.“[10]

Ich hatte nie jemand in der Weltzentrale eine derartige Bemerkung machen hören. Grant Suiter sagte auch nicht, woher er seine Information hatte oder wer die Ursache des „Geredes“ sei, auf das er sich bezog, doch er wurde sehr aufgeregt. Seine Worte und sein Gesichtsausdruck spiegelten höchste Erregung. Zum ersten Mal fiel in einer Sitzung der leitenden Körperschaft das Wort „Abtrünnigkeit“.

Eine längere Diskussion entspann sich. Die meisten sagten, ihnen sei das völlig neu. Ich erklärte, viele Reden gehalten zu haben, sowohl in verschie­denen Teilen der USA wie auch in zahlreichen anderen Ländern, doch in keiner einzigen hätte ich etwas gesagt, das nicht mit den von der Organisa­tion veröffentlichten Lehren übereinstimmte. Falls irgendetwas Abwei­chendes gesagt worden sei, so wäre ein Beleg sicher leicht zu beschaffen, denn daß ein Vortrag eines Mitglieds der leitenden Körperschaft nicht von mindestens einem Zuhörer auf Band aufgenommen würde, das kam kaum vor. Auf Gerüchte brauchte man sich dann ganz bestimmt nicht zu stützen, denn in einem solchen Fall würde sicher jemand schreiben und um Klärung bitten. Auf meine Frage, ob er einen Fall aus den Reihen der leitenden Körperschaft oder der Schreibabteilung persönlich kenne, antwortete Grant Suiter lediglich, daß darüber geredet würde und daß Mitglieder von Zweig­komitees, die an Schulungskursen in der Weltzentrale teilnähmen, gesagt hätten, sie seien verunsichert, weil von den Dozenten ihrer Kurse Wider­sprüchliches zu hören gewesen sei.

10.2.2 Das Lehrkomitee und die Untersuchung: Begann das Königreich Jesu Christi bereits 33 u.Z.?

Es wurde beschlossen, das Lehrkomitee (dem die Schulungskurse unter­standen) mit einer Untersuchung zu beauftragen. In einer späteren Sitzung berichteten dessen Mitglieder, sie hätten keine Beweise für die genannten Vorwürfe gefunden. Die einzige Verunsicherung unter den Zweigmitarbei­tern habe es über einen Lehrpunkt gegeben, den Carey Barber im Unterricht behandelt habe. Er habe gesagt, das Königreich Christi habe im Jahre 33 U.Z. bei der Himmelfahrt zu herrschen begonnen, und das konnten manche mit der Lehre über 1914 nur schwer in Einklang bringen.[11] Schließlich kam man überein, daß alle Mitglieder der leitenden Körperschaft bei ihren Anspra­chen Vorsicht walten lassen sollten. Ausdrücklich wurde aber gesagt, dies sei kein Versuch, die privaten Gespräche, wie beispielsweise solche mit engen Freunden, in irgendeiner Weise zu reglementieren. Wie sich später zeigen sollte, konnte man sich darauf aber nicht berufen.

10.2.3 Gefährliches Glatteis: Irgendeine Lehre der Gesellschaft öffentlich oder privat in Zweifel zu ziehen!

Ich hielt diese Diskussion für bedeutsam. Grant Suiter hatte zwar auf [221] keinen konkreten Fall aus der leitenden Körperschaft hingewiesen, in dem jemand in einem Vortrag offiziell Meinungen vertreten hatte, die der veröffentlichten Lehre widersprachen, doch mir waren mehrere solcher Fälle bekannt. Erwähnt hatte ich bereits, daß Albert Schroeder auf seiner Europareise die Ansicht vertreten hatte, der Ausdruck „diese Generation“ könne eine andere Bedeutung haben als bislang offiziell verkündet. Das war uns gleich mehrfach von verschiedenen Orten berichtet worden. Genauso war bekannt, daß Fred Franz, der Präsident, eine neue Auslegung der „Schlüssel des Königreichs“ (Matthaus, Kapitel 16, Vers 19) eingeführt hatte, als er verschiedene Klassen der Gileadschule unterrichtete. Auch dies stand in Widerspruch zur bisher veröffentlichten Lehrmeinung der Organi­sation und war nicht vorher mit der leitenden Körperschaft abgesprochen worden. Diese Deutung wurde obendrein nicht als eine mögliche, sondern als die richtige vorgetragen.[12] Ganze Gileadklassen gingen in ihr Zuteilungsland mit dieser Ansicht, von der ihre Brüder alle noch nie gehört hatten.

Keiner dieser Fälle aber wurde in der Sitzung angesprochen, und mir lag auch nichts daran, davon anzufangen.[13] Ich spürte aber, daß da im Unter­grund etwas schwelte, das früher oder später zu Tage treten würde. Und wenn es so weit wäre, darüber hatte ich keinen Zweifel, dann würde es sich mit voller Wucht gegen mich und Edward Dunlap richten, der dem Gremium nicht angehörte, und nicht gegen einen der Genannten.

10.2.4 Ausstieg aus dem Dienstkomitee erwogen, um kein Stolperstein für andere zu sein?

Ich hatte schon erwogen, mich aus dem Dienstkomitee zurückzuziehen wegen der Einstellung, die mehrere seiner Mitglieder hatten, und nur noch im Schreibkomitee mitzuarbeiten. In einem Gespräch mit Robert Wallen, der Sekretär des Dienstkomitees war (aber nicht zur leitenden Körperschaft zählte), erwähnte ich, daß ich fast so weit sei, aus dem Komitee auszustei­gen.[14] Seine Reaktion war: „Das kannst du doch nicht machen! Es muß doch ein Gegengewicht in dem Komitee geben.“ Er bedrängte mich, meinen Entschluß rückgängig zu machen.

Doch dieselbe feindselige Einstellung, die in der Sitzung vom 14. November 1979 zu erleben gewesen war, kam auch in einer anderen Sitzung wieder zum Vorschein. Dieses Mal ging es, wie erwartet, direkt gegen mich. Lloyd Barry, der die Aufgabe hatte, jede Ausgabe des Wachtturms zusammenzustellen [222] und für die Veröffentlichung vorzubereiten, äußerte sich sehr besorgt darüber, daß ich eine ganze Anzahl von Wachtturm-Artikeln (er nannte die genaue Zahl), die durch das Schreibkomitee gegangen waren, nicht abgezeichnet hätte. (Jeder für die Veröffentlichung bestimmte Artikel ging erst an alle fünf Komiteemitglieder, und ihr Zeichen auf dem Deckblatt bedeutete ihre Zustimmung.) Ich verstand zwar nicht, weshalb er, statt mich vorher in einer Sitzung des Schreibkomitees daraufhin anzusprechen, das nun vor versammelter Mannschaft vorbrachte, gab aber zu, daß er recht hatte. Erstaunt war ich nur, die genaue Anzahl der Artikel, um die es ging, zu hören, denn ich hatte sie gar nicht gezählt. Er hatte es getan.

10.2.5 Fehlendes Zeichen der Zustimmung auf dem Deckblatt, wo das Gewissen mit dem Artikelinhalt nicht einig ging. Vom freiwilligen Rücktritt abgebracht.

Als Begründung sagte ich, daß ich in diesen Fällen ganz einfach aus Gewissensgründen nicht hatte mein Zeichen machen können. (Manche Artikel stammten vom Präsidenten und behandelten die Prophezeiungen Jeremias, wobei die angebliche prophetische Rolle der Organisation und bestimmte Daten, wie 1914 und 1919, stark herausgehoben wurden.) Ich hatte weder versucht, die Veröffentlichung dieser Artikel irgendwie zu behindern, noch hatte ich eine Streitfrage daraus machen wollen. Das Fehlen der Unterschrift bedeutete lediglich Enthaltung, nicht Widerspruch. Wenn das ein Problem sei, so erklärte ich vor allen Anwesenden, wenn es unerwünscht sei, daß jemand aus Gewissensgründen seine Unterschrift nicht gebe, dann sei die Lösung einfach: Man könne jemand anders für das Schreibkomitee einsetzen, dem es keine Gewissensbisse bereite, seine Zustimmung zu geben. Zugleich erwähnte ich, daß ich mit dem Gedanken gespielt hätte, von meinem Posten im Dienstkomitee zurückzutreten, um mehr Zeit für die Arbeit in der Schreibabteilung zu gewinnen. Ich überließ die Entscheidung ganz den anderen und sagte ihnen, daß mir jede Lösung recht sei.

Nach der Sitzung sprach mich Lyman Swingle, damals Koordinator sowohl des Schreibkomitees wie auch der Schreibabteilung. in seinem Büro an und meinte: „Das kannst du mir doch nicht antun! Wenn sie von sich aus einen anderen im Schreibkomitee einsetzen, meinetwegen. Aber biete ihnen bloß nicht selber den Rücktritt an!“ Er war richtig aufgebracht. Ich erwiderte, daß ich das alles der leitenden Körperschaft überlassen wolle; ich hätte aber die Zwistigkeiten satt und sei froh über alles, was den auf mir lastenden Druck wenigstens zum Teil reduziere. Noch einmal drängte er mich.

Man beließ mich in meinen Positionen.

Trotzdem hatte ich eine starke Vorahnung, daß sich etwas zusammen­braute. Doch daß ich mich nur sechs Monate später in einem Hexenkessel fast fanatischer Verfolgung wiederfinden würde, daß die leitende Körperschaft­ mit drastischen Maßnahmen einschreiten würde gegen etwas, das sie als Verschwörung großen Stils ansah, durch die die Organisation in ihren Grundfesten bedroht sei – das konnte ich damals noch nicht wissen. Im Folgenden will ich darlegen, was diese angebliche gefährliche Verschwö­rung eigentlich war, so daß jeder selbst abschätzen kann, wie „gewaltig“ deren Ausmaße waren, wie schwer die „Vergehen“ der Beteiligten waren, [223] welche Geschehnisse zu der sogenannten Säuberung im Frühjahr 1980 führten, und ob die Bedrohungsangst. die in der Organisation entstand und die bis zum heutigen Tage vorherrscht, wirklich begründet war.

10.2.6 Zweifel an der gängigen Lehrmeinung, Jesu sei nur Mittler der Gesalbten

Am 16. November 1979, einen Tag vor meiner Abreise nach Paris, der ersten Station in Richtung Westafrika. leitete der Präsident der Gesellschaft die morgendliche Bibeltextbesprechung. da er in dieser Woche gerade den Vorsitz hatte. In seinem Kommentar sagte er, einige zögen die Ansicht der Gesellschaft in Zweifel (die in einer der letztenWachtturm-Ausgaben erschienen war), daß Jesus Christus nur der Mittler der „Gesalbten“ sei und nicht auch der übrigen Millionen Zeugen Jehovas[15] Von diesen Zweiflern sagte er:

„Sie möchten alle miteinander vermengen und Jesus Christus zum Mittler für jeden Tom, Dick und Harry machen.“

Unwillkürlich mußte ich an all die Toms und Dicks und Harrys denken, die es unter den anwesenden Mitarbeitern der Weltzentrale gab, und ich fragte mich, was sie dabei wohl dachten. Mir war bekannt, daß über dieses Thema viel gesprochen wurde, zum Teil sehr negativ.

Der Präsident betonte dann, daß die Lehre der Gesellschaft richtig sei. Der einzige Bibeltext. den er dabei anführte, war aus Hebräer, Kapitel 12, und zwar die Worte:

„Was ihr erduldet, dient euch zur Züchtigung. Gott handelt mit euch als mit Söhnen. Denn welchen Sohn wird ein Vater nicht züchtigen? Wenn ihr aber ohne die Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, seid ihr wirklich illegi­time Kinder und nicht Söhne.“

Als Veranschaulichung gebrauchte er das Bild der Züchtigung eines Pferdes, das lernen soll, im Kreis zu gehen: „Hin und wieder sind vielleicht ein paar Peitschenhiebe nötig, um das Tier dazu zu bringen.“ Er forderte jeden, der die Lehre der Gesellschaft in diesem Punkt anzweifelte, auf stillzuhalten, die Züchtigung anzunehmen und „zu zeigen, daß er den Mummhat, weiter treu zu bleiben!“[16]

Am Abend desselben Tages flog ich nach Paris ab, doch noch tagelang fühlte ich mich angewidert, nicht nur von diesen Worten, sondern von der ganzen Haltung, mit der das Problem angegangen wurde, und von dem Geist, den ich bereits in den letzten Jahren erlebt hatte.

10.2.7 In New York wird ein „anderes Evangelium“ verbreitet als das des Jesus Christus!

Für mich ging aus der Bibel klar hervor, daß Jesus Christus seine Mittlerdienste jedem Tom, Dick und Harry anbot, um sie mit Gott zu versöhnen. Und er legte sein Leben für alle Menschen nieder als ein Loskaufsopfer, dessen Wohltaten allen und jedem zugänglich waren, der sie annehmen wollte. Das war genau das Gegenteil dessen, was dort in der Weltzentrale verkündet worden war. Es hatte den Anschein, als bekämen wir „ein [224] anderes Evangelium“ zu hören, nicht die gute Botschaft, die uns die inspirierten Bibelschreiber des 1. Jahrhunderts übermittelt hatten.

Das vorletzte Land in Afrika, das ich besuchte, war Mali. Die meisten Missionare dort stammten aus Frankreich. Nachdem ich mit großer Mühe in Französisch einige Punkte vorgetragen hatte, die ich in jedem Land mit den Missionaren besprach, fragte ich, ob Fragen bestünden. Als zweite Frage kam: „Der Wachtturm sagt, Jesus sei nur der Mittler für die Gesalbten, nicht für uns übrige. Könntest du uns das bitte näher erklären? Heißt das, daß er nicht einmal im Gebet unser Mittler ist?“

Hätte ich es darauf abgesehen Zweifel zu säen, so wäre das sicher eine günstige Gelegenheit gewesen. Ich bemühte mich aber, sie zu beruhigen, und verwies auf 1. Johannes, Kapitel 2, Vers 1, wo von Jesus als dem „Helfer“ derer gesprochen wird, für die er ein „Sühnopfer“ ist, auch für die „der ganzen Welt“. Selbst wenn sie Jesus nicht als ihren Mittler ansehen könnten, sagte ich, so doch bestimmt als ihren Helfer. Und sie könnten ganz sicher annehmen, daß er an ihnen ebenso sehr interessiert sei wie an sonst irgendjemand auf Erden.

Ich hatte den Eindruck, sie damit hinreichend beschwichtigt zu haben, und zugleich hatte ich die Aussagen des Wachtturm in keiner Weise in Zweifel gezogen.

Ein paar Tage später allerdings, als ich zum Flugplatz fahren wollte, um nach Senegal weiterzureisen, kamen die Missionare vorbei, um Abschied zu nehmen und eine der Missionarinnen trat zu mir und fragte: „Aber ist Jesus nicht wenigstens im Gebet unser Mittler?“ Ich konnte nichts weiter tun, als im Wesentlichen nur das zu wiederholen und noch einmal zu betonen, was ich bereits bei der Zusammenkunft im Missionarheim gesagt hatte.

Nach etwa drei Wochen traf ich wieder in Brooklyn ein. Mir war nichts zugestoßen in Afrika; nur einmal war nachts der Zug entgleist, als ich gerade auf der 20stündigen Fahrt von Wagadugu (Obervolta, seit 1984 Burkina Faso) nach Abidschan in der Elfenbeinküste war.

Am Morgen nach meiner Rückkehr saßen beim Frühstück neben mir ein Mitglied eines Zweigkomitees und seine Frau, die zu Besuch weilten. Kaum hatte die Mahlzeit begonnen, wollte die Frau wissen, ob sie mir eine Frage stellen könne. Ich erwiderte: „Fragen stellen kannst du. Ob ich sie dir beantworten kann, weiß ich nicht.“ Sie sagte, am Abend zuvor habe sie demWachtturm-Studium beigewohnt, in dem ein Artikel über die Mittlerrolle Christi behandelt worden sei. Und dann stellte sie haargenau dieselbe Frage wie die Missionarin in Mali. Ich gab ihr dieselbe Antwort.

Das folgende Wochenende mußte ich in New Jersey einen Vortrag halten, und hinterher kam eine Zuhörerin zu mir, eine aktive Zeugin, die sagte, sie habe einige Fragen. Es waren drei Fragen, und die zweite hatte mit der Mittlerrolle Christi zu tun. Und wieder gab ich dieselbe Antwort.

Ich erwähne diese Vorgänge, weil sie veranschaulichen, wie ich vorging, wenn mir in offizieller Funktion Fragen zu Lehrpunkten der Organisation gestellt wurden. Hatte ich Zweifel über die biblische Grundlage einer Lehre [225] der Organisation, so besprach ich diese nur mit alten, vertrauten Freunden, die (soweit es Männer waren) alle ein Ältestenamt bekleideten. Bis 1980 gab es außer meiner Frau nur vier oder fünf Menschen auf der Erde, die überhaupt etwas von meinen Bedenken wußten, und auch von ihnen kannte keiner alle Gründe für diese Bedenken. Dazu hätte es eines Buches wie diesem bedurft.

10.3 Auf dem Abstellgeleise im Sackbahnhof angelangt
10.3.1 Keine Bereitschaft der leitenden Körperschaft vorhanden sich Zweifelsfragen zu stellen. Dogmatismus, wo Bereitschaft zum Überprüfen notwendig wäre.

Ich war mir aber völlig sicher, daß es zahlreiche andere Zeugen Jehovas gab, die viele meiner Bedenken teilten.[17] Was ich in der leitenden Körperschaft erlebt hatte, gab keinen Anlaßzu der Annahme, daß man sich diesen Bedenken zu stellen gewillt war, geschweige denn ihnen die gebührende Aufmerksamkeit widmen würde, indem man in der Bibel sorgfältig nach­forschte und dann auf der Grundlage dessen, was man dabei fand oder nicht fand, eine Entscheidung traf, und nicht einfach nur auf der Grundlage der eingefahrenen traditionellen Ansichten.

Meine Erfahrungen ließen vielmehr erwarten, daß man jede offene Diskus­sion solcher Probleme für äußerst gefährlich halten und als Zeichen der Illoyalität gegenüber der Organisation auslegen würde. Man hielt augenscheinlich die Einheit (besser Gleichförmigkeit) für wichtiger als die Wahrheit. Fragen der Lehre konnte man wohl im inneren Führungszirkel der leitenden Körperschaft diskutieren, doch nirgendwo sonst. Und wenn die Debatte im engen Kreis auch noch so hitzig war, nach außen mußte der Schein der Einmütigkeit gewahrt werden, selbst wenn dabei schwere Differenzen unter den Teppich gekehrt wurden.

In der Heiligen Schrift fand ich nichts, womit diese Verstellung zu rechtfer­tigen gewesen wäre, denn der Beweis für ihre Echtheit lag ja gerade in ihrer Freimütigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit. Differenzen unter den ersten Christen wurden offen zugegeben, auch bei den Ältesten und Aposteln. Und was noch wichtiger war, in der Bibel gab es keinen Hinweis darauf, daß Diskussionen sich auf einen so begrenzten, nach außen abgeschirmten Kreis von Männern beschränken müßten, deren geheime Zweidrittelbe­schlüsse von allen Christen als „geoffenbarte Wahrheit“ zu akzeptieren seien. Die Wahrheit brauchte meiner Ansicht nach keine offene Diskussion zu fürchten und sich auch der sorgfältigen Nachforschung nicht zu entzie­hen. Wenn eine Lehre dagegen abgeschirmt werden müßte, verdiente sie es auch nicht, aufrechterhalten zu werden.

10.3.2 Eduard Dunlop, der Registrator der Gileadschule mit tiefster Erkenntnis der biblischen Zusammenhänge

Seit meiner Arbeit an dem Nachschlagewerk Hilfe zum Verständnis der [226] Bibel hatte ich einen engen Kontakt mit Edward Dunlap. Ich lernte ihn 1964 kennen, als ich einen zehnmonatigen Kursus an der Gileadschule absol­vierte. Er war damals Registrator der Schule und zugleich einer der vier Dozenten. Unsere Klasse (die 39.) umfaßte etwa 100 Personen, fast alle waren Mitarbeiter von Zweigbüros. Man kann wohl sagen, daß sein Unter­richt nach Meinung der Mehrzahl der Teilnehmer bei weitem am meisten zu einem tieferen Verständnis der Bibel beitrug.[18] Ed stammte aus Okla­homa und war von einer etwas urwüchsigen Erscheinung. Er hatte nur einfache Schulbildung, konnte aber meisterhaft die schwierigsten und kompliziertesten Sachverhalte in verständlicher Sprache erklären, ob es sich dabei nun um die Anwendung des mosaischen Gesetzes oder Forschun­gen auf dem Gebiet der Genetik handelte. Noch wichtiger für mich war aber seine einfache, schlichte Wesensart. Sieht man einmal von seiner Vorliebe für grelle bunte Krawatten ab, war er im Kern ein zurückhaltender, unauffälliger Mensch, was Aussehen, Verhalten und Redeweise anging. Ganz gleich, mit wieviel Verantwortung die Aufgabe verbunden war, die ihm aufgetragen war, er blieb stets derselbe.

Seine Persönlichkeit spiegelte sich meines Erachtens sehr gut in einer Äußerung, die er mir gegenüber bei einer Semesterabschlussprüfung machte. Wir hatten im Unterricht die Briefe des Apostels Paulus bespro­chen, und jede Woche gab es einen Test über den behandelten Stoff. Im allgemeinen wurde dabei auch nach dem wahrscheinlichen Abfassungsort und -zeitpunkt gefragt. Das war kein Problem, solange es nur um einen einzigen Brief ging. Als aber die Abschlußprüfung bevorstand, wurde mir bewußt, daß jetzt alle 13 Briefe des Apostels Paulus auf einmal an der Reihe waren, und es war erheblich schwieriger, die Orte und Zeiten für sie alle im Kopf zu behalten. In der Bibel sind sie nicht chronologisch angeordnet. Ich mühte mich lange damit ab und erdachte mir schließlich ein System, wie ich mir alle merken konnte.

Die Prüfung kam, und wir hatten zwei Stunden Zeit, alle Fragen zu beantworten. Ich war etwas früher fertig, und als ich aus dem Raum ging, begegnete ich Ed. Erfragte: „Na, wie war’s?“ Ich antwortete: „Ach, gar nicht so schlimm. Aber eines werde ich dir nie vergessen.“ Er wollte wissen, was ich damit meinte. Darauf sagte ich: „Ich habe mich wie wahnsinnig angestrengt, ein System zu entwickeln, wie ich Zeit und Ort der Nieder­schrift für jeden Brief im Gedächtnis behalten kann, und dann stellst du nicht eine einzige Frage darüber!“ Er nahm meine Antwort ernster, als sie gemeint war, und erwiderte: „Weißt du, warum ich darüber keine Fragen in der Abschlußprüfung stelle? Ich kann mir das selber alles nicht merken.“ Es gab an der Schule vier Dozenten: Ulysses Glass, Bill Wilkinson, Fred Rusk und Ed Dunlap. Man tut wohl keinem Unrecht, wenn man sagt, daß nur von [227] Ed eine solche Antwort hätte kommen können. Sie war typisch für seine bescheidene Art.

Er war der Organisation stets voll und ganz ergeben und hatte ebensolange wie ich im Vollzeitdienst gestanden. Und noch etwas anderes zeigt, was für ein Mensch er war: Ende der sechziger Jahre zog er sich eine Entzündung des großen dreigeteilten Gesichtsnervs zu, von den Medizinern Trigeminus­neuralgie genannt, eine der schmerzhaftesten Erkrankungen beim Men­schen überhaupt. Jeder kleine Windhauch, jede leichte Berührung, die den Nerv erregte, konnte die stechenden, fast blindmachenden Schmerzen auslösen. Verschlimmert sich das Leiden, kann das Opfer sich nicht einmal die Haare kämmen, die Zähne putzen oder essen, ohne dabei einen Anfall zu riskieren. Manche werden davon zum Selbstmord getrieben.

Ed litt darunter sieben Jahre. Manchmal besserte sich sein Zustand, dann wurde es wieder schlimmer. Während dieser Zeit gelangte Nathan Knorr, der Präsident, irgendwie zu der Auffassung (möglicherweise aufgrund von Bemerkungen Dritter), es handle sich gar nicht um ein körperliches Leiden, sondern mit Eds Gefühlsleben stimme etwas nicht. So kam er einmal zu ihm und unterhielt sich mit Ed, um ihn über sein Eheleben auszuforschen und über andere Dinge, die mit der Krankheit zusammenhingen. Ed versicherte ihm, dies alles habe mit seiner Krankheit absolut gar nichts zu tun; im Urlaub könne es ihm glänzend gehen und doch kämen dann plötzlich die Anfälle. Diesen Erklärungen zum Trotz teilte der Präsident ihm mit, er habe beschlossen, ihn für eine Weile in der Druckerei arbeiten zu lassen, damit er mehr körperliche Betätigung habe. Er solle in die Buchbinderei gehen.

Ed war damals über sechzig; seit einiger Zeit schon stand er unter starken Medikamenten, die ihm der Betriebsarzt verschrieben hatte, um die schmerzhaften Anfälle zu unterdrücken. Tage- und wochenlang mußte er wegen seines Leidens das Bett hüten. Und jetzt wurde er in die Buchbinderei versetzt, wo er am Fließband stand und ununterbrochen Material in eine Maschine eingeben mußte. Er tat das mehrere Monate hindurch ohne Widerrede und bemühte sich, das Beste aus seiner „theokratischen“ Zutei­lung zu machen. Wie er mir aber anvertraute, kam ihm dabei zum ersten Mal so richtig zu Bewußtsein, welche absolute Herrschaft die Organisation über sein Leben ausübte. Seine Versuche, die Krankheit näher zu erklären, wurden einfach übergangen, und dann wurde ihm ohne das geringste Mitgefühl genau der Arbeitsplatz zugewiesen, der für jemand mit seinem Leiden am ungeeignetsten war.

Ein paar Jahre später, als er schon fast völlig verzweifelt war, hörte er von einem Neurochirurgen in Pittsburgh, der glaubte, die Ursache dieses uralten Leidens gefunden zu haben, und der in der Mikrochirurgie so weit vorange­kommen war, daß er Abhilfe schaffen konnte. Ed ließ den operativen Eingriff vornehmen. Dazu mußte der Schädel teilweise geöffnet werden, um an die Arterie zu gelangen, die parallel zu dem entzündeten Nerv verlauft. Das führte endlich zu seiner Heilung. Er erwartete nicht, daß die Organisation [228] sich für den schweren Irrtum bei der Einschätzung seiner Krankheit und für die Behandlung, die er erfahren hatte, bei ihm entschuldigte. Sie tat es auch nicht.

Unsere Arbeitsplätze lagen all die Jahre hindurch, sowohl bei der Arbeit am Hilfe-Buch wie auch später, fast unmittelbar nebeneinander, und so unter­hielten wir uns regelmäßig. Jeder ließ den andern teilhaben an dem Interessanten, auf das er bei seinen Nachforschungen gestoßen war. Bei verschiedenen Buchprojekten hatten wir von der leitenden Körperschaft den Auftrag, sie gemeinsam zu erarbeiten, wie zum Beispiel beim Kommen­tar zum Jakobusbrief. Wir stimmten nicht in allem überein, doch tat das unserer Freundschaft und unserer gegenseitigen Achtung keinen Abbruch. Ich erwähne dies alles, weil Edward Dunlap zu den wenigen gehörte, die meine schweren Bedenken hinsichtlich der Organisation und besonders der Abläufe in der leitenden Körperschaft kannte. Er dachte darüber genauso. Wie auch ich konnte er das, was er sah, hörte und las, nicht mit der Bibel in Einklang bringen.

10.3.3 Himmlische oder irdische Hoffnung? Veränderte „Erkenntnis“ oder Neuauflagen alter Lügen die bei Hymenäus begannen?

Obwohl er der Organisation schon seit Anfang der dreißiger Jahre angehörte, zählte er sich fast die ganze Zeit hindurch nicht zu den „Gesalbten“. Ende der siebziger Jahre sprach ich ihn einmal daraufhin an, und er erzählte, im Wachtturm habe damals, als er neu dabei war, gestanden, es gebe zwei Klassen, die himmlisches Leben erhalten würden, die „Erwählten“ (die 144000) und die „große Schar“ (oder „große Volksmenge“ aus Offenbarung, Kapitel 7). Von der „großen Schar“ hieß es, das seien Christen mit geringe­rem Glauben als die „Erwählten“, die darum zwar auch himmlisches Leben erhalten, doch nicht zu denen gehören würden, die mit Christus als Könige und Priester herrschen sollten. Da die eine Klasse einen höheren Rang hatte als die andere, dachte Ed, wie es für ihn typisch war, er gehöre der niederen Klasse an, der „großen Schar“.

Dann kam das Jahr 1935, und auf dem Kongreß in Washington verkündete Richter Rutherford die „geoffenbarte Wahrheit“, daß nach der Bibel die „große Schar“ nicht zu himmlischem, sondern zu irdischem Leben bestimmt sei. Ed sagte, er habe immer die Hoffnung auf ein Leben im Himmel gehabt und geglaubt, es könne nichts Herrlicheres geben, als in der Gegenwart Gottes gemeinsam mit seinem Sohn zu dienen. Da nun die Organisation aber ihre Lehre geändert hatte, unterdrückte er diese Hoffnung und gab sich mit dem zufrieden, was er als einer aus der „großen Schar“ erhoffen sollte.

Erst im Jahr 1979 rang er sich zu dem klaren Entschluß durch, daß keine menschliche Organisation die Einladung der Heiligen Schrift ändern konnte, indem sie ein Jahr festlegte, von dem ab eine Hoffnung nicht mehr offenstehen sollte, die die Bibel jedem eröffnete, der sie ergreifen wollte, heiße er nun Tom, Dick, Harry oder Ed. So begann er 44 Jahre nach 1935, beim Abendmahl vom Brot und Wein zu nehmen, was bei Jehovas Zeugen nur die „Gesalbten“ tun.

Wenn gefragt wird, wie denn jemand weiß, ob er zur Gruppe der „Gesalbten“ [229] mit himmlischer Hoffnung gehört, so wird als Standardantwort auf die Worte des Apostels Paulus inRömer, Kapitel 8, Verse 16, 17, verwiesen:

„Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Wenn wir also Kinder sind, sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes, doch Miterben mit Christus, vorausgesetzt, daß wir mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.“

Gemäß der offiziellen Lehre können nur die zu den 144 000 Gehörenden dieses Zeugnis des Geistes haben, und dieses sage ihnen, daß sie zu der ausgewählten Gruppe der 144000 gehören, die allein himmlisches Leben erhoffen können. Alle übrigen könnten sozusagen nur „voraussichtliche“ Kinder Gottes sein, und ihre Hoffnung müsse sich auf die Erde beschränken. Als Ed den Text im Zusammenhang las, vom Beginn des Kapitels an, wurde ihm klar, daß Paulus hier tatsächlich von zwei Gruppen sprach. Diese unterschieden sich jedoch nicht durch ihre Hoffnung auf zukünftiges himmlisches oder irdisches Leben.

10.3.4 Von welchem Geist lässt du dich leiten? „Alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“!

Bei den zwei Gruppen oder Klassen handelte es sich vielmehr einerseits um diejenigen, die sich vom Geist Gottes leiten ließen, und andererseits um die, die sich vom sündigen Fleisch beherrschen ließen.

Der Apostel hebt nicht den Gegensatz zwischen Leben im Himmel und Leben auf der Erde hervor, sondern den zwischen Leben und Tod überhaupt, zwischen Freundschaft mit Gott und Feindschaft mit Gott. In den Versen 6 bis 9 heißt es hierzu:

„Denn das Sinnen des Fleisches bedeutet Tod, das Sinnen des Geistes aber bedeutet Leben und Frieden, weil das Sinnen des Fleisches Feindschaft mit Gott bedeutet, denn es ist dem Gesetz Gottes nicht untertan und kann es tatsächlich auch nicht sein, So können denn die, die mit dem Fleisch in Übereinstimmung sind, Gott nicht gefallen. Ihr dagegen seid nicht in Übereinstimmung mit dem Fleisch, sondern mit dem Geist, wenn Gottes Geist wirklich in euch wohnt. Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, so gehört dieser ihm nicht an.“

In diesem Text ging es Paulus nicht um das Problem von himmlischem oder irdischem Leben, sondern einfach darum, ob jemand gemäß dem Geist Gottes lebte oder sich vom sündigen Fleisch leiten ließ. Paulus stellte klar, daß es nur eines gab: Entweder hatte man Gottes Geist und brachte dessen Früchte hervor, oder man stand in Feindschaft zu Gott und gehörte Christus nicht an. Ohne diesen Geist konnte es „Leben und Frieden“ nicht geben, nur den Tod. Hatte aber jemand den Geist Gottes, so war er ein Sohn Gottes, denn Paulus sagt (Vers 14):

„Denn alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes.“ [19] [230]

Dabei fiel Ed auf, daß Paulus nicht sagt, einige, sondern „ALLE, die durch Gottes Geist geleitet werden“, sind seine Söhne, seine Kinder. Wer durch den Geist geleitet wird, dem „bezeugt“ der Geist dies, wozu auch dessen Wirken in ihrem Leben zahlt, so wie es von Abel, Henoch, Noah und anderen in der Bibel ganz ähnlich heißt, sie „erlangten Zeugnis“, daß sie Gott wohlgefielen.[20]

Von welcher Tragweite dies alles war, wird sich im Verlauf der Schilderung der weiteren Ereignisse zeigen.

An dieser Stelle möchte ich nur noch anfügen, daß Ed meine hauptsächli­chen Bedenken teilte, besonders was den Dogmatismus und den autoritären Geist betraf, der in allem sichtbar wurde. Wie ich war er der Ansicht, daß die menschliche Autorität, sobald sie ihre Grenzen überschreitet, unweigerlich die Rolle Christi als Haupt der Versammlung überdeckt.

10.3.5 Rene Vasquez, Mitarbeiter der Dienstabteilung im Bereich spanischsprechende Versammlungen

Kurz nach meiner Rückkehr aus Afrika besuchte uns ein alter Freund in unserem Privatzimmer im Wohntrakt der Weltzentrale. Er hieß Rene Vazquez und war mir seit etwa 30 Jahren bekannt. Kennengelernt hatte ich ihn auf Puerto Rico in der Stadt Mayaguez, wo er bei seinem Vater und dessen zweiter Frau wohnte. Rene war damals noch ein Schüler. Sowohl sein Vater wie auch dessen Frau waren strikt dagegen, daß er mit Jehovas Zeugen die Bibel studierte. Ihr Widerstand wurde so heftig, daß Rene eines Abends nach seinem Bibelstudium, das bei Missionaren der Zeugen daheim abgehalten wurde, meinte, es nicht länger ertragen zu können. So übernach­tete er im Freien auf einer Parkbank. Tags darauf suchte er seinen Onkel und seine Tante auf und fragte sie, ob er zu ihnen ziehen dürfe. Sie erklärten sich einverstanden, und wenn sie auch nicht viel von den Zeugen Jehovas hielten, so waren sie doch tolerant. Nach seinem Schulabschluß nahm Rene sofort den Vollzeit- oder „Pionier-„Dienst auf.
Im Jahr 1953 besuchte er einen Kongreß in New York, worauf er sich einschloß, in den USA zu bleiben. In Michigan lernte er ein junges Mädchen kennen, heiratete und war mit ihr gemeinsam im Pionierdienst tätig. Sie wurden gebeten, als reisende Beauftragte der Gesellschaft die spanischspre­chenden Versammlungen im Westen der USA reihum zu besuchen. Später absolvierten sie die Gileadschule und wurden dann nach Spanien gesandt. Dort wurde Rene bald zum Bezirksaufseher ernannt. Offiziell war das Werk der Zeugen im Land verboten, und so mußten er und seine Frau Elsie bei ihren Reisen kreuz und quer durch Spanien ständig Angst haben, von der Polizei entdeckt, verhaftet und deportiert zu werden. Alle Versammlungen fanden heimlich statt. Nach jahrelanger Untergrundtätigkeit war Rene eines Tages mit den Nerven am Ende. Elsie und er waren inzwischen sieben Jahre in Spanien. Da seine Gesundheit angegriffen war, und weil Elsies Familie Beistand brauchte, kehrten sie in die USA zurück, mußten aber das Geld für die Reise selbst aufbringen, so daß sie bei ihrer Ankunft ohne einen roten Heller dastanden. [231]

Die einzige Arbeit, die Rene nun finden konnte, war in einem Stahlwerk, wo er schwere Lasten heben mußte. Da er sehr schmächtig gebaut war, brach er gleich am zweiten Tag zusammen und mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Er fand später eine andere Arbeit, und sobald sie ihre Schulden bezahlt hatten, gingen seine Frau und er wieder in den Pionierdienst. Im Laufe der Zeit wurde er Kreis- und Bezirksaufseher, und schließlich erhiel­ten sie eine Einladung zur Mitarbeit in der Weltzentrale in Brooklyn. Dort leitete Rene den Bereich der Dienstabteilung, von dem aus die spanischspre­chenden Gemeinden in den USA betreut wurden, in denen es ungefähr 30 000 Zeugen gab. Diese Stellung hatte er inne bis 1969; dann wurde Elsie schwanger, und das bedeutete für sie, daß sie ihren „Betheldienst“ auf­geben mußten.

Rene sagte mir damals, er wolle in New York bleiben, und zwar nicht, weil er die Stadt so sehr mochte, sondern weil er hoffte, dann irgendwann, sobald seine Umstände es gestatteten, wieder etwas für die Weltzentrale tun zu können. Nach ein paar Jahren arbeitete er zwei Tage pro Woche unentgelt­lich als Aushilfe wieder mit, übersetzte ins Spanische, führte Regie bei den Tonaufnahmen für die Kongreß-Bühnenstücke in Spanisch und machte in den zahlreichen spanischsprechenden Gemeinden in und um New York Kurzbesuche als Kreisaufseher. Früher war er eine Zeitlang in Portugal gewesen, und als in New York portugiesische Gruppen entstanden, frischte er seine Sprachkenntnisse auf und kümmerte sich auch um diese.

Ich glaube nicht, daß es in Renes über 30jähriger Tätigkeit in der Organisa­tion für irgend jemand in Puerto Rico, Spanien oder den USA je einen Grund gab, etwas an seinem Dienst zu bemängeln. Er war von Natur aus sanft, doch zugleich bestimmt, Er beherrschte die Kunst, fest zu bleiben und dabei doch nie hart zu sein. Dieser Beurteilung dürfte meines Erachtens niemand, der mit Rene Vazquez je zu tun hatte, widersprechen können, auch wenn heute seine Situation eine ganz andere ist, wie gleich zu berichten sein wird. Wenn er einen Fehler hatte, dann- wie er selber zugibt – den, daß er zu gutmütig war und keine Bitten abschlagen konnte, besonders von Seiten der Wacht­turm-Gesellschaft. Heute erkennt er, daß seine Familie darunter unnötig leiden mußte.

So hatten er und seine Frau beispielsweise jahrelang keinen richtigen Urlaub mehr gehabt und gerade alles für eine Reise nach Spanien vorberei­tet. Kurz vor der Abfahrt rief Harley Miller, der damalige Leiter der Dienstabteilung, an und bat Rene, während dieser Zeit im Kreisdienst tätig zu sein. Eine Zuteilung der „Organisation des Herrn“ hatte Rene nie abgelehnt, und so willigte er ein. Seine Frau fuhr dann mit ihrer Mutter nach Spanien.

Rene wohnte nicht weit vom Flughafen La Guardia, und Mitarbeiter der Dienstabteilung. unter ihnen Harle Miller, riefen ihn gewohnheitsmäßig an, um ihn zu bitten, sie vom Flughafen abzuholen und ins Bethel zurückzu­fahren, wenn sie am Wochenende von einer Vortragsreise mit dem Flugzeug eintrafen. Manchmal kamen die Maschinen um Mitternacht oder noch[232] später an. Für mich wollte Rene das ebenso tun, er bestand sogar darauf, und ich nahm sein Angebot an, bis ich erfuhr, in welchem Ausmaß man seine Hilfsbereitschaft ausnutzte. Für meine Begriffe ging das entschieden zu weit, und darum bemühte ich mich von da an – von seltenen Ausnahmen abgesehen – um andere Transportmöglichkeiten.

10.4 Eine Verschwörung oder eher Frustration einer kleinen Minderheit angesichts einer verkalkten, veränderungsscheuen Elite?
10.4.1 Drei Rädelsführer einer Verschwörung: Ray Franz, Ed Dunlop und Rene Vasques?, oder einfach Männer mit etwas mehr Charakterstärke dem Gewissen zu gehorchen?

Ich glaube, wenn man die leitende Körperschaft befragen könnte, wen sie als die Rädelsführer der „Verschwörung gegen die Organisation“, gegen die sie mit so massiven Mitteln vorging, bezeichnen würde, so kämen dabei wir drei heraus: Ed, Rene und ich. Dabei waren wir drei nie auch nur ein einziges Mal zusammen. Mit Rene habe ich mich in der fraglichen Zeit vielleicht zweimal länger unterhalten. Bei Ed und Rene war es genauso. Und welcher angeblich so schlimmen Missetaten haben wir uns schuldig gemacht? Ganz einfach: Wir haben miteinander und mit engen Freunden über die Bibel gesprochen.

An dem Abend, als Rene zu uns aufs Zimmer kam, nahm er gerade an einem Schulungskurs der Gesellschaft für Älteste teil. Wir unterhielten uns über seine Eindrücke, die im großen und ganzen gut waren. Dann aber sagte er:
„Mir kommt es fast so vor, als ob wir Zahlen anbeten. Manchmal wünschte ich, wir könnten die Berichte ganz abschaffen.“ Mit Berichten meinte er das Verfahren, daß jeder Zeuge regelmäßig zu Ende des Monats einen Vordruck ausfüllt, in dem seine „Zeugnistätigkeit“ erfaßt wird: wieviele Stunden er eingesetzt, wieviele Schriften er verbreitet hat, und weiteres mehr.[21]

Mir kamen dabei Gedanken aus dem Programm des letzten Bezirkskongres­ses über „Glaube und Werke“ in den Sinn, die ich ins Gespräch brachte, und ebenso die Worte des Apostels Paulus dazu im Römerbrief. Ich war der Meinung, daß Paulus hier vor allem dazu aufforderte, die Menschen im Glauben stark zu machen; danach würden sich die Werke von allein ergeben, weil echter Glaube tätig ist und Werke hervorbringt, genau wie das auch bei echter Liebe der Fall ist. Man kann Menschen ständig drängen, Werke zu tun, und unter Druck mögen sie dem auch folgen. Doch wie weiß man, daß diese Werke aus Glaube und Liebe getan wurden? Und wenn das nicht der Fall ist, wie können sie dann überhaupt noch Gott angenehm sein? Das führte zu der logischen Folgerung, daß sieh Werke des Glaubens spontan ergeben mußten. Sie durften nicht aus Routine getan werden und an eine bestimmte Form gebunden sein, so wie auch Taten der Liebe spontan sein und nicht lediglich als Pflichtübung absolviert werden sollten, [233] für die andere den Rahmen abgesteckt haben, Organisatorische Hilfen sind nicht verkehrt, doch sollten sie der Vereinfachung dienen und nicht unterschwellig Druckmittel sein, um denen, die sie nicht nutzten, Schuld­gefühle einzupflanzen. Je mehr man versucht, Mitchristen Vorschriften über ihre Handlungen zu machen, desto mehr nimmt man ihnen in Wahrheit die Möglichkeit, sich von Glaube und Liebe antreiben zu lassen. Ich gab zu, daß es erheblich schwieriger und mühseliger ist, den Glauben und die Wertschätzung der Menschen durch die Bibel zu stärken, als anfeuernde Reden zu halten oder anderen Schuldgefühle einzupflanzen. Doch der schwerere Weg war meiner Ansicht nach der einzig schriftgemäße und angebrachte.

Das war es im wesentlichen, was wir besprachen. Die Berichtszettel waren zwar der Auslöser, kamen dann aber gar nicht mehr vor. Als ich Rene einige Zeit darauf auf einem Gang im Bürogebäude traf, erzählte er mir, daß ihm seine Tätigkeit im Kreis- und Bezirksdienst vielmehr Freude mache, seit er alles im Lichte der Worte des Apostels im Römerbrief sehe; auch seine Gespräche mit Ältesten würden dadurch gehaltvoller.

10.4.2 Ein offenes, privates Gespräch und Lauscher als Denunzianten

Ein paar Wochen später waren meine Frau und ich bei ihnen zum Essen eingeladen. In unseren ersten Jahren in New York waren wir vier in dieselbe spanische Versammlung in Queens gegangen, hatten uns aber seither selten gesehen. Vor dem Essen und auch hinterher wollte Rene sich über Haupt­punkte des Römerbriefs unterhalten. Ich fühlte mich ihm gegenüber ver­pflichtet – wenn auch nicht in demselben Maß wie gegenüber meiner Frau –, offen auf seine Fragen einzugehen und nicht auszuweichen. Wir kannten uns seit 30 Jahren, und ich wußte, daß er aufrichtig um ein Verständnis der Bibel bemüht war. Ich sprach mit ihm als Freund, nicht als offizieller Vertreter der Organisation, und wenn ich mit ihm über Gottes Wort sprach, so war ich dafür vor allem Gott verantwortlich, nicht Menschen oder einer Organisation. Hätte ich mich davon zurückgehalten, mit jemand wie ihm über klare biblische Lehren zu sprechen, wie könnte ich dann noch das sagen, was Paulus gemäß Apostelgeschichte, Kapitel 20, Verse 26, 27, zu den Ältesten in Ephesus sagte:

„Darum rufe ich euch am heutigen Tag auf, zu bezeugen, daß ich rein bin vom Blut aller Menschen, denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Rat Gottes mitzuteilen.“

Paulus wußte, daß man deswegen in der Synagoge von Ephesus schlecht von ihm sprach.[22] Daß meine Äußerungen ähnliche Folgen haben könnten, war mir ebenfalls klar.

Unter anderem unterhielten wir uns über den ersten Abschnitt des achten Kapitels des Römerbriefes, von dem hier bereits die Rede war. Ich wollte wissen, wie er Vers 14 verstehen würde, wo von der Vater-Sohn-Beziehung zu Gott gesprochen wird, wenn er dabei den Textzusammenhang beachtete. [234]

Er hatte diesen Text nie im Zusammenhang untersucht (was wohl auf praktisch alle Zeugen Jehovas zutrifft), und als er das nun tat, war seine spontane Reaktion bewegend. Was für andere Menschen offensichtlich ist, kann einen Zeugen Jehovas packen wie eine Offenbarung. Rene sagte: „Jahrelang war mir, als ob ich dem heiligen Geist widerstand, wenn ich die Christlichen Griechischen Schriften (das Neue Testament) las. Immer bezog ich die Worte auf mich, hielt dann aber plötzlich inne und sagte zu mir: ,Das hat ja auf dich gar keine Anwendung; diese Worte gelten doch nur den Gesalbten.'“

Wir beide und Gott wissen, daß ich ihn nicht beeinflußt habe, die Sache in neuem Licht zu sehen. Das bewirkten die Worte des Apostels von alleine, sobald sie erst im Zusammenhang gelesen wurden. Als ich ihm später zufällig kurz begegnete, sagte er, für ihn sei von da an die Bibel insgesamt lebendig geworden und habe eine viel tiefere Bedeutung gewonnen.

So seltsam es sich anhören mag, aber wenn ein Zeuge Jehovas (der keiner der rund 9000 „Gesalbten“ ist) zu dem Schluß kommt, daß die Worte der Bibel von Matthäus bis zur Offenbarung tatsächlich an ihn persönlich gerichtet und direkt auf ihn anzuwenden sind, und das nicht nur „im erweiterten Sinne“, dann wird damit der Weg frei zu einer Flut von weiteren Fragen, Fragen, die schon lange gärten, die aber keiner zu stellen wagte.

Wenn ich mir anschaue, mit wie viel Aufwand in der letzten Zeit die Bibel und die Tatsachen hingebogen werden, damit die Interpretationen der Organisation aufrechterhalten werden können, dann bin ich froh, daß ich mich nicht von der Angst um die Anerkennung einer Organisation davon zurückhalten ließ, wenigstens einige Menschen in dieser Frage auf die Sicht der Bibel aufmerksam gemacht zu haben.

Am 4. März 1980 reichte ich ein Urlaubsgesuch beim Personal-Komitee der leitenden Körperschaft für die Zeit vom 24. März bis zum 24. Juli ein. Meine Frau und ich waren der Ansicht, daß wir wegen unseres Gesundheitszustan­des eine längere Ortsveränderung brauchten. Während dieser Zeit wollte ich mich auch nach Arbeit und Wohnung umtun für den Fall, daß wir unsere Tätigkeit in der Weltzentrale aufgeben sollten. Wir besaßen rund 600 Dollar auf dem Sparbuch und ein sieben Jahre altes Auto; das war unser ganzes Vermögen.

Als erstes ließen wir uns gründlich ärztlich untersuchen. Dabei stellte sich heraus, daß bei mir ein erhöhtes Herzinfarktrisiko bestand.

10.4.3 Einladung zu Peter Gregerson nach Alabama: Zweifel an 1914 und an 1975

Auf Bezirkskongressen im Bundesstaat Alabama hatten wir vor einigen Jahren einen Zeugen Jehovas namens Peter Gregerson kennengelernt. Seither hatte er uns mehrfach eingeladen, in der Versammlung Gadsden in Alabama Vorträge zu halten. Peter Gregerson hatte sich im Bereich Alabama und Georgia eine kleine Supermarktkette aufgebaut. Als meine Frau und ich bei einer Zonenreise auch nach Israel kamen, begleiteten Gregerson und seine Frau uns, und wir bereisten das Land der Bibel zwei Wochen lang gemeinsam.

Peter Gregerson hatte sich damals sehr besorgt darüber geäußert, welche [235] Folgen die Voraussagen (oder waren es nur „Andeutungen“?) über 1975 gehabt hatten. Seiner Meinung nach wäre es ein schwerer Fehler, wenn die Gesellschaft weiterhin auf dem Jahr 1914 so lautstark beharren würde. Die Enttäuschung nach 1975 wäre gar nichts im Vergleich zu der, die es geben würde, wenn man von 1914 abrücken müsse. Darin gab ich ihm recht, doch mehr wurde über das Thema nicht gesprochen.

Als er von unseren Urlaubsplänen horte, drängte er uns, eine Zeitlang bei ihnen zu wohnen. Er richtete einen Wohnwagen für uns her, der einem seiner Söhne gehörte, und bot mir an, ich könne sein Grundstück pflegen, so daß wir einen Teil unserer Unkosten abdecken und ich mich dabei zugleich körperlich betätigen könnte, wie es der Arzt empfohlen hatte.

Peter Gregerson war schon von Kindesbeinen an bei den Zeugen Jehovas. Seine Eltern hatten ihn zu den Versammlungen mitgenommen, seit er vier Jahre alt war; kurz vorher waren sie zu den Zeugen Jehovas gestoßen. Als junger Mann war er Vollzeit-Pionierprediger“ geworden, und selbst nach Heirat und Ankunft des ersten Kindes hatte er darum gerungen, im Vollzeitdienst zu bleiben, und sieh seinen Lebensunterhalt durch Hausmei­stertätigkeit verdient.[23] Die Gesellschaft hatte ihn in sogenannte Problem­gebiete in Illinois und Iowa geschickt, wo er Mißstände beheben und mehrere Gemeinden geistig stärken sollte. Im Jahr 1976 wurde er als einer der Vertreter der Ältesten nach Brooklyn zu Gesprächen mit der leitenden Körperschaft eingeladen, und ein paar Jahre später bat man ihn, einen Schulungskurs für Älteste in Alabama zu leiten.

10.4.4 Rücktritt Peter Gregersons vom Ältestenamt

Ein Jahr nach diesem Kurs faßte er aber den Entschluß, von seinem Ältestenamt in der Gemeinde zurückzutreten. Kurz vorher hatte er die Geschäftsleitung seiner Lebensmittelfilialkette an einen seiner Brüder übergeben und die freie Zeit für ein intensiveres Studium der Bibel einge­setzt. Einige Lehren der Organisation ließen ihm keine Ruhe, und er wollte ganz sicher gehen, daß sie wirklich stimmten, um so den Glauben zu erneuern, dem er sein ganzes Leben lang angehangen hatte. (Er war jetzt Anfang fünfzig.)

Es kam genau das Gegenteil dabei heraus. Je mehr er in der Bibel forschte, desto überzeugter wurde er, daß die theologischen Grundlagen der Organi­sation schwere Fehler enthielten. Darum entschied er sich gegen sein Ältestenamt. Mündlich formulierte er es mir gegenüber einmal so: „Ich kann mich einfach nicht mehr vor die Leute hinstellen und Zusammen­künfte leiten, in denen Dinge gelehrt werden, für die ich keine Grundlage in der Bibel entdecken kann. Da würde ich mir wie ein Heuchler vorkommen, und das läßt mein Gewissen nicht zu.“ Zwar hatte ich ihm empfohlen, seine Entscheidung zu überdenken, als ich davon erstmals erfuhr, doch ich konnte nicht leugnen, daß seine Fragen zu Recht bestanden. So respektierte ich seine Gewissensentscheidung und seinen Widerwillen gegen jede Form der Heuchelei. Er hatte den Scheideweg vor mir erreicht. [236]

Dies war der Mann, den die Organisation später als „Übeltäter“ einstufte, mit dem man nicht einmal essen durfte, und die Tatsache, daß ich 1981 mit ihm in einem Restaurant essen ging, führte zu meinem Rechtsverfahren und zum Ausschluß aus der Organisation.

Während wir uns in Gadsden erholten, im April 1980, hörte ich zum ersten Mal von Vorgängen in Brooklyn, die mir eigenartig vorkamen. Der erwartete Sturm war über uns hereingebrochen.

10.5 Inquisition *
10.5.1 Den Fallen der Pharisäer und Schriftgelehrten auszuweichen lernen: Geheime Ketzergerichte wie zur Inquisitionszeit!

„Als Jesus das Haus verlassen hatte, begannen die Schriftgelehr­ten und die Pharisäer, ihn mit vielerlei Fragen hartnäckig zu bedrängen; sie versuchten, ihm eine Falle zu stellen, damit er sich in seinen eigenen Worten verfange“ (Lukas 11:53, 54, Einheits­übersetzung).

Unter Inquisition versteht man dem Wortsinn nach eine Untersuchung, eine Ausforschung der Überzeugung und Ansichten eines Menschen.

Ziel der Inquisition im Mittelalter war es nicht, dem einzelnen beizustehen oder eine Grundlage für ein Gespräch mit ihm zu schaffen, sondern ihn als Ketzer zu überführen.

Zur Einleitung eines Verfahrens ist es nicht nötig, daß jemand Spaltungen hervorruft, heimtückische Handlungen begeht oder seine Auffassungen lautstark verkündet. Als Auslöser genügt bereits der bloße Verdacht. Irgendwelche Rechte billigt man dem Verdächtigten dabei praktisch keine zu; die Inquisitoren halten sich für vollauf berechtigt, auch die privatesten Dinge, wie Gespräche mit engsten Freunden, auszuforschen. Was die spanische Inquisition so verrufen machte, waren nicht allein die grausamen Methoden der Bestrafung, sondern in gleichem Maße die autori­täre Haltung und die selbstherrlichen Verhörmethoden, mit denen die Ketzergerichte die gewünschten Geständnisse herauspreßten. Die Folter und die grausamen Bestrafungen von damals sind heute verboten, doch die autoritäre Grundhaltung und die arroganten Verhörmethoden kann man sich offenkundig auch heute noch leisten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hier werde ich an einen Artikel in Erwachet! vom 22. April 1981 erinnert, der den Titel trug: „Den Wurzeln des Gesetzes auf der Spur“. Darin wurde hervorgehoben, wie vorbildlich das Mosaische Gesetz war. Unter anderem war zu lesen:

„Da das Gericht jeweils an den Stadttoren tagte, besteht keine Frage, daß es sich um ein öffentliches Verfahren handelte (5. Mose 16:18-20). Zweifellos beeinflußten die öffent­lichen Verfahren die Richter im Sinne der Sorgfalt und Gerechtigkeit – Merkmale, die bei Sitzungen unter Aus­schluß der Öffentlichkeit manchmal fehlen.“ [237]

Dieser Grundsatz wurde von der Gesellschaft in ihrer Zeitschrift in höch­sten Tönen gelobt. In der Praxis aber lehnte sie ihn vollständig ab. Es ist genau, wie Jesus sagte: „Sie selber tun gar nicht, was sie lehren.“[24] Die Fakten belegen, daß ihr „Sitzungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ lieber sind. So handelt nur, wer die Macht der Wahrheit fürchtet. Damit dient man nicht den Interessen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, sondern der Sache der Ankläger.

10.5.2 Verhör über persönliche Ansichten von Ed Dunlop durch Mitglieder der leitenden Körperschaft

Vier Wochen nach Antritt meines Erholungsurlaubs rief mich Ed Dunlap in Alabama an. Erst sprachen wir über allgemeines, und dann erzählte er mir, zwei Mitglieder der leitenden Körperschaft, nämlich Lloyd Barry und Jack Barr, seien in sein Büro gekommen und hätten ihn drei Stunden lang über seine persönlichen Ansichten ausgehorcht. Zwischendurch habe er sie gefragt: „Und was soll dieses Verhör?“ Darauf hatten sie ihm versichert, es handle sich nicht um ein Verhör, sondern sie wollten nur einmal wissen, wie er über verschiedenes denke.

Er erhielt keinerlei Erklärung darüber, was der Anlag für diese Befragung war. Sie behaupteten zwar, das Gespräch diene nur ihrer Information, aber Ed hatte doch stark den Eindruck, daß dies der Beginn einer inquisitorischen Aktion der Organisation war, der irgendjemand zum Opfer fallen sollte. Unter anderem wollte man von ihm Genaueres über seine Ansichten zur Organisation, zu den Lehren über 1914, über die zwei Klassen von Christen und über die himmlische Hoffnung wissen.

Er sagte seinen Befragern, in Bezug auf die Organisation bereite ihm besondere Sorgen, daß die Mitglieder der leitenden Körperschaft so wenig Bibelstudium betrieben. Seiner Meinung nach hatten diese Brüder gegen­über allen anderen eine Verpflichtung, das Erforschen der Schrift zu ihrer wichtigsten Tätigkeit zu machen und sich nicht übermäßig mit Papierkram und anderen Dingen zu beschäftigen, so daß das Bibelstudium zu kurz komme. Über 1914, so sagte er freimütig, dürfe man nicht dogmatisch reden, und fragte sie, ob denn die leitende Körperschaft selbst dieses Datum für unverrückbar und absolut feststehend hielt. Darauf antworteten sie, daß wohl ein oder zwei Mitglieder Zweifel hätten, doch insgesamt stehe die leitende Körperschaft voll hinter diesem Datum. Er sagte ihnen, bei Gesprä­chen mit den Mitarbeitern in der Schreibabteilung würde man feststellen können, daß fast alle zu verschiedenen Themen unterschiedlicher Auffas­sung wären.

10.5.3 Ausfragen der Mitglieder der Schreibabteilung über abweichende Ideen

An einem anderen Tag begannen Albert Schroeder und Jack Barr, jeden in der Schreibabteilung einzeln auszufragen. Keiner gestand irgendwelche Unsicherheiten in bezug auf bestimmte Lehren ein, doch wenn man sich sonst mit ihnen unterhielt, gab es ausnahmslos bei jedem einen Punkt, zu dem er eine abweichende Ansicht hatte.

Das Ironische an der ganzen Sache war, daß die Meinungen innerhalb der [238] leitenden Körperschaft über viele Themen deutlich auseinandergingen. Doch davon erwähnten die Befrager nichts.

Mir war bekannt, daß Lyman Swingle sich auf Zonenreise befand. Er war Koordinator des Schreibkomitees der leitenden Körperschaft und zugleich auch Koordinator der Schreibabteilung, und daß so massive Nachforschun­gen in seiner Abwesenheit begonnen wurden, erschien mir befremdlich. Die Untersuchungsführer hatten keinerlei Hinweis darauf gegeben, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sei, was eine derartig umfangreiche Unter­suchung erforderlich gemacht hätte. Das Fehlen jeglicher Erklärung für ihr Tun deutete nach meinen Erfahrungen mit der Organisation auf nichts Gutes hin, sondern ließ im Gegenteil für die Betroffenen das Schlimmste befürchten. Ich rief deshalb am Montag, den 21. April 1980, von Alabama aus in Brooklyn an und bat darum, mit Dan Sydlik von der leitenden Körperschaft zu sprechen. Der Mitarbeiter in der Telefonzentrale der Gesellschaft sagte mir, er sei nicht erreichbar. So bat ich darum, mit Albert Schroeder verbunden zu werden, der in dem Jahr Vorsitzender war, doch er war gleichermaßen nicht zu erreichen. Ich hinterließ dann bei der Vermitt­lung eine Nachricht, ich wäre dankbar, wenn mich einer der beiden anrufen würde.

Am nächsten Tag rief Albert Schroeder an.

Bevor ich auf das Gespräch und die Art und Weise eingehe, wie er in seiner Funktion als Vorsitzender der leitenden Körperschaft meine Fragen beant­wortete, möchte ich einen Überblick über die Ereignisse geben, die sich ­wie ich später erfuhr – bereits abgespielt hatten oder während des Gesprächs gerade stattfanden.

10.5.4 Humberto Godinez, der Denunziant, und wie Jesu Gebot umgangen wird Probleme friedlich zu lösen. Tonbandaufzeichnungen von Aussagen Dritter als Grundlage der Verfolgung.

Am 14. April, acht Tage vor Schroeders Rückruf, hatte ein Zeuge Jehovas in New York namens Joe Gould bei der Dienstabteilung in Brooklyn angerufen und mit Harley Miller gesprochen, einem Mitglied des Dienstabteilungsko­mitees.[25] Er erzählte Miller, einer seiner Arbeitskollegen, ein kubanischer Zeuge mit Namen Humberto Godinez, habe ihm von einem Gespräch berichtet, das dieser bei sich zu Hause mit einem Freund aus dem Bethel geführt habe. Nach seinen Worten habe dieser Bethelmitarbeiter in mehre­ren Punkten Ansichten geäußert, die von den Lehren der Organisation abwichen. Miller legte Gould nahe, von Godinez den Namen des Bethelmitarbeiters zu erfragen. Das tat er auch und fand heraus, daß er Cris Sanchez hieß. Darüber hinaus sagte Godinez, auch mein Name sowie Ed Dunlap und Rene Vazquez seien in dem Gespräch vorgekommen. Miller empfahl Gould und Godinez nicht, sie sollten sich um eine Klärung der Angelegenheit gemeinsam mit den Betroffenen bemühen, oder durch ein brüderliches Gespräch eine Lösung herbeizuführen suchen. Miller sprach nicht mit Ed Dunlap, den er gut kannte und der in einem Büro ihm gegenüber auf der anderen Seite der Straße arbeitete. Er rief auch nicht Rene Vazquez an, den er seit Jahren kannte und dessen freiwillige Chauffeurdienste er regelmäßig in [239] Anspruch nahm. Er setzte sich nicht mit Cris Sanchez in Verbindung, der in der Druckerei der Gesellschaft arbeitete und telefonisch zu erreichen war. Er sprach als erstes mit den Mitgliedern des Dienstabteilungskomitees und erkundigte sich, ob ihnen ähnliche Dinge bekannt geworden seien. Dann ging er zum Vorsitzenden der leitenden Körperschaft, Albert Schroeder.

Ihm wurde gesagt, er solle Godinez und seine Frau zu einer Unterredung zu sich in die Weltzentrale bitten. Kein Wort an Cris Sanchez, Ed Dunlap, Rene Vazquez oder an mich. Offenbar war das Vorsitzenden-Komitee der leiten­den Körperschaft der Auffassung, es sei nicht erstrebenswert, sich um die freundschaftliche Bereinigung der Angelegenheit zu bemühen und so zu verhindern, daß sie überhaupt ein großes Thema wurde.

Miller schlug in seinem Gespräch mit Godinez und seiner Frau vor, dieser solle Rene Vazquez anrufen und „taktvoll“ herausfinden, ob er sich zu der Sache äußern wolle. Es selbst zu tun, hielt Miller nicht für angebracht, und er hielt es auch nicht für ratsam, Ed Dunlap anzurufen oder kurz über die Straße zu gehen, um mit ihm zu reden. Man rief Rene an und erreichte, was man erreichen wollte: Er reagierte auf eine Weise, die man als belastend auslegen könnte. Dann wurde eine weitere Unterredung mit dem Ehepaar Godinez anberaumt, diesmal mit dem Vorsitzenden-Komitee der leitenden Körperschaft, bestehend aus Schroeder, Suiter und Klein. Dieses Gespräch fand am Dienstag, IS. April, statt. Noch immer waren Rene, Ed, Cris und ich nicht unterrichtet worden. Zwei Stunden dauerte die Unterredung; man nahm sie auf Tonband auf. Godinez berichtete, was er noch von der Unterhaltung mit Cris Sanchez wußte, seinem langjährigen Freund, Kuba­ner wie er. Diese hatte nach einem Essen im Hause der Familie Godinez stattgefunden, und es ging dabei um mehrere strittige Themen. Mehrfach erwähnte Godinez die Namen von Rene, Ed Dunlap und mir. Am Schluß der Tonbandaufnahme lobte jedes der drei Mitglieder der leitenden Körper­schaft – Schroeder, Suiter und Klein – das Ehepaar Godinez wegen dessen Loyalität und drückte (auf Band) seine Mißbilligung gegenüber denen aus, die im Verlauf des Gesprächs belastet worden waren.

Wie Miller unternahm auch das Vorsitzenden-Komitee der leitenden Kör­perschaft nichts, um mit Cris Sanchez zu sprechen, über den es nur aus zweiter Hand etwas gehört hatte. Es bemühte sich nicht mit Rene Vazquez, Ed Dunlap oder mir zu sprechen, über die es nur aus dritter Hand informiert worden war. Am nächsten Tag, Mittwoch, 16. April 1980, spielte das Vorsitzenden-Komitee die zweistündige Aufzeichnung des Gesprächs der gesamten leitenden Körperschaft in deren regulärer Sitzung in voller Länge vor (in Abwesenheit von Milton Henschel, Lyman Swingle und mir).

All das hatte sich eine Woche vor Schroeders Anruf bei mir abgespielt, und er rief auch nur deswegen bei mir an, weil ich darum gebeten hatte. Nachdem die leitende Körperschaft das Tonband angehört hatte, kam es zu der Befragung Ed Dunlaps und der gesamten Schreibabteilung. Die Ton­bandaufnahme war der auslösende Faktor, und das wussten die Mitglieder der leitenden Körperschaft, die die Befragungen durchführten (Barry, Barr [240] und Schroeder), auch. Und doch sagten sie nichts davon, auch dann nicht, als Barry und Barr von Ed Dunlap nach dem Grund für die Aushorchung gefragt wurden. Weshalb nicht? Dann ging alles sehr schnell. Man ging ganz gezielt vor und leistete ganze Arbeit. Als erstes wurden Cris Sanchez und seine Frau sowie Nestor Kuilan und dessen Frau verhört. Cris und Nestor arbeiteten gemeinsam in der spanischen Übersetzungsabteilung. in der Rene an zwei Tagen in der Woche tätig war.

Dann rief Harley Miller Rene an und bat ihn, in sein Büro herüberzukom­men, um – wie er zu ihm sagte – seinen „großen Wissensschatz in einigen Dingen kurz etwas anzuzapfen“.

10.5.5 Die großen Drahtzieher bleiben versteckt im Hintergrund

Auf Veranlassung der leitenden Körperschaft wurde für jede Einzelgruppe ein eigenes Untersuchungskomitee eingesetzt, das die Befragung durchfüh­ren sollte. Diesen Komitees gehörten bis auf Dan Sydlik nur Mitarbeiter der Weltzentrale an, die nicht zur leitenden Körperschaft zählten. Diese steu­erte alles durch ihr Vorsitzenden-Komitee, blieb aber selbst von nun an im Hintergrund. Um die Mitglieder der verschiedenen Untersuchungskomi­tees auf ihre Aufgabe vorzubereiten, ließ man ihnen jeweils Ausschnitte des zweistündigen Tonbands vorspielen, das die leitende Körperschaft zuvor angehört hatte. So kam es, daß die Mitglieder dieser Komitees bei ihren Verhören von Sanchez, Kuilan und Vazquez wiederholt meinen Namen und den von Ed gebrauchten. Das Vorsitzenden-Komitee hatte es aber immer noch nicht für angebracht gehalten, uns wenigstens von der Existenz einer solchen Tonbandaufnahme zu unterrichten. Weshalb nicht?

10.5.6 Privatgespräche, auf welche die Gesellschaft Anrechte anmeldet, selbst unter Drohung von Ausschluss

Die Fragen der Untersuchungskomitees zeigten klar, auf welches Ziel sie lossteuerten. Das Komitee, das Nestor Kuilan verhörte, forderte ihn auf, seine Privatgespräche mit Ed Dunlap und mir wiederzugeben. Er erwiderte, er glaube nicht, daß seine Privatgespräche irgendjemand anders etwas angingen, und sprach ihnen das Recht ab, darüber etwas zu erfahren. Dabei stellte er klar, daß er sie selbstverständlich informieren würde, wenn er meinte, es sei etwas Verkehrtes oder „Sündhaftes“ gesagt worden. Seine Befrager sagten ihm, er solle kooperieren oder sonst könne er sich auf einen Gemeinschaftsentzug gefaßt machen. Darauf antwortete er: „Gemein­schaftsentzug? Wofür denn?“ „Weil du Personen deckst, die vom Glauben abgefallen sind.“ Kuilan sagte: „Vom Glauben abgefallen? Wer ist hier vom Glauben abgefallen?“ Sie sagten, das werde gerade ermittelt, doch sie seien sieh ziemlich sicher, daß es solche Personen gebe.

Das ist gerade so, als ob man einem Mann Gefängnis androht, falls er nicht kooperiert und Informationen über andere preisgibt. Fragt er weshalb, sagt man ihm, er sei Mittäter bei einem Bankraub gewesen. Will er wissen, welche Bank ausgeraubt wurde und wer die Täter seien, erfährt er: „Äh, wir wissen zwar noch nicht, welche Bank überfallen wurde und wer es genau war, aber wir sind sicher, dass irgendwo eine Bank überfallen wurde, und wenn du unsere Fragen nicht beantwortest, werden wir dich als Komplize überführt ansehen und ins Gefängnis stecken lassen.“

Nestor berichtete, er habe während seiner Gileadschulzeit bei Ed Dunlap [241] gelernt und seither kenne er ihn, und mich kenne er, seit ich Missionar und Zweigaufseher in Puerto Rico war. Er bestätigte, mit uns beiden verschie­dentlich gesprochen zu haben, doch in diesen Gesprächen sei es um nichts Sündiges oder Schlechtes gegangen und daher seien sie seine Privatangele­genheit.

Als Albert Schroeder am 22. April meiner Bitte nachkam und mich anrief, lief die Justizmaschinerie der Organisation bereits auf vollen Touren, Als Vorsitzender der leitenden Körperschaft kannte er die Details besser als jeder andere, denn alle Untersuchungskomitees unterstanden dem Vorsit­zenden- Komitee.

Er wußte, daß sein Komitee der leitenden Körperschaft eine Woche vor meinem Anruf die schon erwähnte zweistündige Tonbandaufnahme vorge­spielt hatte.

Er wußte, daß sämtliche Untersuchungskomitees vor ihrem Einsatz genaue Instruktionen erhalten hatten, wobei man ihnen auch das Tonband in Auszügen vorgespielt hatte, und daß die Mitglieder dieser Komitees zu derselben Zeit, da er mit mir sprach, meinen Namen und den von Ed Dunlap in ihren Verhören verwendeten.

Er wußte, daß es in den Anhörungen der Komitees um den äußerst schwerwiegenden Vorwurf der Abtrünnigkeit ging. Er, der uns beide seine Brüder nannte und seit Jahrzehnten mit uns vertraut war, mußte um die sehr schweren Folgen wissen, die dieser Vorwurf für uns haben konnte. Und was sagte er mir am Telefon?

Nach der Begrüßung begann ich: „Sag mal, Bert, was geht da eigentlich in der Schreibabteilung vor?“

Er antwortete:

„Tja, weißt du, die leitende Körperschaft meinte, es sei angebracht, sich die Abteilung einmal näher anzusehen, um herauszufinden, wie man die Arbeitsab­läufe verbessern könnte, die Leistungsfähigkeit steigern könnte in der Abteilung, ­und – um zu sehen, ob es Brüder gibt, die in irgendwelchen Punkten Vorbehalte haben.“

Das letzte sagte er so ganz beiläufig, als wäre es nebensächlich. Er hatte eine klare Gelegenheit gehabt, mir zu sagen, was sich abspielte. Er nutzte sie nicht.

Darauf fragte ich, welchen Grund es denn für so umfangreiche Nachfor­schungen geben könne. Jetzt hatte er zum zweiten Mal die Gelegenheit, mir ehrlich zu sagen, was los war. Er antwortete:

„Äh, die Abteilung ist nicht so leistungsfähig, wie sie es eigentlich sein sollte. Das Buch für den Kongreß in diesem Sommer wird zu spät in die Druckerei kommen.“

Ein zweites Mal war er lieber ausgewichen, statt mir offen auf meine Frage zu antworten. Ich erwiderte ihm, das sei nichts Neues, doch im Jahr vorher seien der Kommentar zum Jakobusbrief (geschrieben von Ed Dunlap) wie auch das Buch Wähle den besten Lebensweg (von Reinhard Lengtat) Anfang Januar in die Druckerei gegangen, also früh genug. (Meine Aufgabe war es [242] gewesen, dafür zu sorgen, daß diese beiden Bücher rechtzeitig fertig wurden. An dem Buch für 1980, betitelt Der Weg zu wahrem Glück, schrieb gerade Gene Smalley, der noch nie ein Buch verfaßt hatte; dieses Projekt wurde nicht von mir betreut.) Abschließend sagte ich noch, ich könne nicht einsehen, daß dies ein Grund für solche Nachforschungen sei.

Schroeder fuhr fort:

„Und außerdem sind einige Brüder nicht so ganz zufrieden damit, wie ihre Artikel überarbeitet werden. Ray Richardson hat gesagt, er habe einen Artikel eingereicht (er nannte das Thema) und sei gar nicht erfreut über die Art und Weise, was man daraus gemacht habe.“

Ich sagte darauf: ,,Bert, wenn du auch nur ein bißchen was von Autoren weißt, dann dies, daß keiner es vertragen kann, wenn in seinem Werk herumgestrichen wird. Das ist doch nichts Neues! Das gibt es doch schon, seit es die Schreibabteilung gibt. Was sagt denn Lyman (Swingle, der Koordinator der Schreibabteilung) dazu?“

„Oh, Lyman ist zur Zeit nicht da.“

„Das weiß ich auch“, antwortete ich. „Er ist auf Zonenreise. Hast du ihm geschrieben?“

„Nein.“

Dann sagte ich: „Das kommt mir aber sehr merkwürdig vor, Bert. Nimm mal an, Milton Henschel (der Koordinator des Verlagskomitees, das für die gesamte Produktion der Druckerei zuständig ist) wäre auf Reisen, und nimm an, ein anderes Mitglied des Verlagskomitees wäre ebenfalls weg, meinetwegen Grant Suiter, und der leitenden Körperschaft käme zu Ohren, in der Druckerei laufe alles nicht so optimal. Meinst du, die leitende Körperschaft würde dann beschließen, die Druckerei und ihre Arbeitsab­läufe durch eine Untersuchung auf den Kopf zu stellen, während diese beiden Brüder abwesend sind?“ (Ich wußte, daß man an so etwas nicht einmal im Traum denken würde.)

Er zögerte etwas und sagte dann: „Es ist halt so, daß wir von der leitenden Körperschaft den Auftrag bekommen haben, und jetzt arbeiten wir eben einen Bericht für sie aus. Und den werden wir morgen vorlegen.“

Ich erwiderte: „Ich wäre dir dankbar, wenn du sie wissen ließest, wie ich darüber denke. Ich halte das für eine schwere Beleidigung von Lyman Swingle, menschlich gesehen und auch in Anbetracht seiner Position und seiner langen Dienstzeit, wenn man solche Aktionen unternimmt, ohne ihn zu konsultieren oder wenigstens zu informieren.“

Schroeder sagte, er wolle meine Äußerungen weitergeben. Ich fügte noch hinzu, wenn es irgendetwas gebe, das wirklich wichtig sei und worüber gesprochen werden müßte, könnte ich jederzeit kommen. „Das könntest du?“ fragte er. „Ja, natürlich könnte ich das. Ich brauchte nur ins Flugzeug zu steigen und rüberzufliegen.“ Er fragte, ob ich am kommenden Mittwoch da sein könne. Darauf sagte ich: „Und wofür soll das gut sein, wenn Lyman Swingle dann nicht da ist?“ Damit schloß das Gespräch.

10.5.7 Die Verantwortlichen halten sich verdeckt, das Untersuchungsgericht arbeitet im Finsteren

Mehrfach hatte der Vorsitzende der leitenden Körperschaft der Zeugen [243] Jehovas Gelegenheit gehabt, meine Bitte um Auskunft offen und ehrlich zu erfüllen und zu sagen: „Ray, wir haben das Gefühl, daß da eine schwerwie­gende Sache ins Rollen gekommen ist; es steht sogar der Vorwurf der Abtrünnigkeit im Raum. Wir meinen, du solltest wissen, daß dein Name da mit hineingezogen wird‘; und bevor wir irgendetwas unternehmen, dachten wir, vom christlichen Standpunkt gesehen sei es richtig, zuerst mit dir selbst zu reden.“

Stattdessen sagte er nichts, kein einziges Wort, aus dem hervorging, wie die Dinge standen. Den letzten Teil dieser Äußerung hatte er allerdings sowieso nicht mehr machen können, da er und die anderen Mitglieder des Vorsitzenden-Komitees bereits die ganze umfangreiche Maschinerie von Bandauf­zeichnungen, Untersuchungskomitees und Verhören in Gang gebracht hatten. Die Lagebeschreibung, die der Vertreter der leitenden Körperschaft mir gab, war also schlicht irreführend, ein reines Phantasieprodukt. Nur konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, wie sehr ich an der Nase herumgeführt wurde. Schon bald erfuhr ich mehr, doch fast ausschließlich durch Quellen außerhalb der leitenden Körperschaft.

War schon das Verhalten der leitenden Körperschaft und ihres Vorsitzen­den-Komitees mir gegenüber schwer begreiflich, so wird es vollends uner­klärlich, ja unentschuldbar, daß man zu Ed Dunlap, der doch direkt in der Weltzentrale arbeitete, nicht aufrichtig und ehrlich war. Schon der einfache Anstand hätte Barry und Barr bewegen müssen, ihm auf seine Fragen nach dem Zweck des Verhörs zu sagen, weshalb die leitende Körperschaft sie beauftragt hatte und welche schweren Anklagen erhoben wurden. Jesus Christus sagte, wir sollten andere so behandeln, wie wir von ihnen behan­delt werden wollten. Christliche Grundsätze hätten es zwingend erfordert, daß ihm jemand ins Angesicht sagt, welche Anschuldigungen über Abtrün­nigkeit hinter seinem Rücken erhoben wurden. Diejenigen, die die Vor­würfe kannten, wollten es nicht tun. Und sie taten das bewußt noch fast einen ganzen Monat lang nicht! Und dabei nannten sie seinen (und meinen) Namen erst gegenüber den Mitgliedern der Untersuchungskomitees, später gegenüber den Rechtskomitees, insgesamt über einem Dutzend Männern, und noch immer ging niemand von der leitenden Körperschaft zu ihm und teilte ihm mit, welche schweren Vorwürfe mit seinem Namen verbunden wurden. Und viele von ihnen hatten täglich mit ihm Kontakt!

Wie man eine solche Handlungsweise noch als christlich ansehen kann, weiß ich nicht.

10.6 Die eiserne Hand derer, welche ihre Macht lieben und missbrauchen
10.6.1 Erste Ausschliessungen aus der Gemeinschaft künden drohende Gerichte an: Die Köpfe von Cris Kuilan und dessen Frau, Rene und Else Vasquez rollen als erste

Am Freitag, den 25. April, ganze drei Tage nach Schroeders Anruf, wurden Cris Sanchez und seine Frau sowie Nestor Kuilan durch die von der leitenden Körperschaft eingesetzten Rechtskomitees aus der Gemeinschaft ausgestoßen, Ein anderes Rechtskomitee schloß Rene und Else Vazquez sowie einen Ältesten ihrer Nachbarversammlung aus der Organisation aus. Alle Namen außer dem des Ältesten wurden vor der gesamten Belegschaft der Weltzentrale verlesen mit dem Hinweis, daß ihnen die Gemeinschaft entzogen worden sei. Damit informierte die leitende Körperschaft über 1500 [244] Personen, hielt es aber nicht für angezeigt, auch mir etwas davon zu sagen. Natürlich habe ich es dann auch erfahren, aber nicht durch meine Amtskol­legen von der leitenden Körperschaft, sondern durch Anrufe der Betroffenen. Diane Beers, zehn Jahre lang Mitarbeiterin in der Weltzentrale und gut mit den Ehepaaren Sanchez und Kuilan bekannt, beschreibt in einem Brief, wie die Ereignisse der Woche vom 21. bis 26. April 1980 auf sie gewirkt haben:

„Ich glaube, was sich mir am stärksten eingeprägt hat, war die grausame Art und Weise, in der man mit den Brüdern verfuhr. Sie wußten nie, wann sie vor einem Komitee zur Verhandlung erscheinen sollten. Das Telefon klingelte plötzlich und Cris wurde geholt. Nachher kam er zurück, das Telefon klingelte wieder, und nun war Nestor an der Reihe. Und so ging das die ganze Zeit. Man ließ sie die ganze Woche über völlig im Unklaren. Norma erzählte mir einmal, das Komitee wolle mit ihr reden, ohne daß Cris dabei sei, und sie wisse nicht, was sie tun solle. Ich riet ihr, nie ohne Cris zu gehen, sonst hätte sie keinen Zeugen dafür, was man ihr gesagt und was sie geantwortet hat. Sie könnten alles Mögliche behaupten, und dann hätte sie keine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Langsam wurde offensichtlich, daß Norma gegen Cris ausgespielt werden sollte.

Am Freitagnachmittag (25. April) schließlich kreuzte das Komitee um 16.45 Uhr im 8. Stock auf, wo wir alle arbeiteten, und ging gleich ins Konferenzzimmer, das neben meinem Arbeitsplatz lag. Kurz darauf war Arbeitsschluß, und alle gingen heim. Ich blieb aber da, weil ich sehen wollte, wie es ausging. Nacheinander wurden Cris und Norma und Nestor und Toni hineingerufen; immer wenn einer herauskam, ging ich hin, um zu erfahren, wie der ,Schuldspruch‘ lautete. Ich weiß noch, wie ich in Nestors Büro ging, um mit ihm und Toni zu reden, und sie zu mir sagten, ich solle lieber gehen, sonst würde ich auch noch Ärger bekommen, weil ich mit ihnen zusammen gesehen worden sei. Ich ging zu Fuß nach Hause und mußte auf dem ganzen Weg gegen die Tränen ankämpfen. Ich konnte einfach nicht mehr, so schrecklich war es. Ich konnte nicht fassen, was da vor sich ging. Das ist ein Gefühl, das ich nie vergessen werde. Viele Jahre lang hatte ich hier ein Zuhause gefunden und mich wohlgefühlt, und jetzt kam ich mir völlig fremd vor. Ich mußte daran denken, wie Jesus sagte, an ihren Früchten werde man sie erkennen, und in meinen Augen hatte das, was ich in dieser Woche erlebt hatte, mit christlichem Handeln einfach nichts mehr zu tun. Es war so gefühllos und ohne Liebe. Diese Menschen hatten viele Jahre lang für die Gesellschaft gearbeitet, hatten einen guten Ruf und wurden von allen sehr geschätzt. Und doch zeigte man ihnen keine Barmherzigkeit. Das war unfaßbar für mich.

An dem Abend hatten wir Versammlung, aber ich bin einfach nicht hingegangen, denn ich war zu aufgebracht. Als Leslie (die Zimmergenossin) nach der Versamm­lung zurückkam, unterhielten wir uns noch, und auf einmal klopfte es. Es muß so gegen 11 Uhr gewesen sein. Toni Kuilan war es. Sie war noch gar nicht richtig drin, da brach sie schon schluchzend zusammen. Sie wollte nicht, daß Nestor erfuhr, wie sehr sie das alles mitnahm. Wir saßen zusammen und heulten und redeten. Wir sagten ihr, daß sie und Nestor noch genauso unsere Freunde seien wie vorher. Wir versuchten, ihr Mut zu machen, so gut es ging. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen; so zwischen 2 und 3 Uhr früh bin ich einmal aufgestanden. Ich saß auf dem Klo und mußte über alles, was vorgefallen war, nachdenken. Es kam mir wie ein Alptraum vor, so als ob es sich gar nicht wirklich ereignet hätte.

Am Samstagmorgen wollte ich zu Nestor und Toni und Cris und Norma gehen, und als ich zum Zimmer der Kuilans kam, hatten sie gerade Besuch von John Booth (einem Mitglied der leitenden Körperschaft]. Man hatte ihn geschickt, um ihnen mitzuteilen, daß ihre Berufung von der leitenden Körperschaft abgelehnt worden [245] sei. Das Komitee hatte ihnen am Freitagabend gesagt, ihre Berufung müsse am nächsten Morgen bis 8 Uhr vorliegen. Das allein war ja schon absurd. Doch sie hatten sich gefügt und ihre Berufung pünktlich vor 8 Uhr früh eingereicht. Und jetzt sollte Booth ihnen das Nein mitteilen. Nestor fragte ihn nach dem Grund für die Ablehnung, worauf er Booth antwortete, er sei bloß der Botenjunge. Man spürte, daß er mit keinem von ihnen auch nur ein einziges Wort reden wollte.“

Diese Menschen hatten der Organisation seit Jahrzehnten angehört und viele Jahre lang ganzherzig ihre gesamte Zeit für das hergegeben, was sie als Dienst für Gott ansahen, und das alles wurde in nur sechs Tagen, vom 21. bis 26. April, einfach so hinweggewischt, und sie wurden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Wenn es einmal vorkam, daß ihre Verhandlungsführer während dieser Woche aus der Bibel zitierten, dann geschah das, um anzuklagen und zu verurteilen, nicht so, wie Paulus es im 2. Timotheus­brief, Kapitel 2, Verse 24 und 25 schreibt:

„Einer, der dem Herrn dient, soll aber nicht streiten, sondern allen freundlich begegnen und ihnen den wahren Glauben bezeugen. Er darf sich nicht provozieren lassen, sondern muß die Gegner verständnisvoll auf den rechten Weg weisen, Vielleicht gibt Gott ihnen die Gelegenheit zur Umkehr und laßt sie zur Besinnung kommen, so daß sie die Wahrheit erkennen (Die Bibel in heutigem Deutsch).“

10.6.2 Loyalität gegenüber der Organisation mehr gefragt, wie Loyalität zu Gottes Wort und zu Christus!

Ich denke, es wirft kein gutes Licht auf eine Religionsgemeinschaft, wenn deren Vertreter nicht bereit sind, sich die Zeit zu nehmen – und zwar nicht bloß ein paar Stunden oder auch Tage, sondern Wochen oder Monate -, um anhand der Bibel mit solchen zu diskutieren, die daran zweifeln, daß die Lehren dieser Gemeinschaft schriftgemäß sind. Als diejenigen, die in der Weltzentrale verhört wurden, Argumente aus der Bibel vortrugen, sagte man ihnen klipp und klar: „Wir sitzen nicht hier, um eure biblischen Fragen zu besprechen.“ Harley Miller ließ Rene Vazquez wissen: „Ich beanspruche gar nicht, ein Theologe zu sein. Ich versuche, mit dem, was die Gesellschaft veröffentlicht, auf dem laufenden zu bleiben, und das ist so ziemlich alles, was ich schaffe.“ Den Verhörenden ging es nicht zuallererst um die Treue gegenüber Gott und seinem Wort, sondern um die Loyalität gegenüber der Organisation und ihren Lehren. Damit lagen sie, wie schon gezeigt wurde, voll und ganz auf der Linie der Veröffentlichungen der Gesellschaft.

10.6.3 Berufung gegen den Ausschluss durch Rene Vasquez

Die Wahrheit ist, daß keiner der Ausgeschlossenen je die Absicht hatte, sich von den Zeugen Jehovas zu trennen, noch haben sie andere dazu je auffordern wollen. Das kommt in erschütternder Weise in dem Brief zum Ausdruck, mit dem Rene Vazquez gegen den Gemeinschaftsentzug, den man über ihn und seine Frau verhängt hatte, Berufung einlegte: [246]

„Rene VASQUEZ
3-06 81 Street
Jackson Heights, NY 11370
4. Mai 1980

An das Rechtskomitee
c/o Claudius Johnson
1670 E 174 Street Abt. 6 A
Bronx, NY 10472

Liebe Brüder,

1ch halte es für notwendig, auf diese Weise noch einmal an Eure Vernunft zu appellieren sowie an Eure Unparteilichkeit, damit ihr erkennt, daß die Anklage gegen meine Frau und mich nicht stichhaltig ist. Wir kennen noch nicht einmal unsere Ankläger.

Während der Verhandlung haben wir immer wieder in einer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit vor Jehova Gott betont, daß es uns nicht im Traume einfallen würde eine Sekte zu fördern oder vom Glauben abzufallen. Sieht man das nicht allein schon an meinem ganzherzigen Dienst für Jehova in den letzten 30 Jahren? Wie oft habe ich nicht meine Familie und meine weltliche Arbeit dafür hintenangestellt! Weshalb sollte es jetzt plötzlich als Angriff auf die Organisation oder Abfall vom Glauben ge­deutet werden, wenn ich in der jüngsten Vergangenheit mit lieben Brüdern und Freun­den in vertraulichen Gesprächen über Dinge aus der Bibel gesprochen habe? Warum muß man gleich zum äußersten Mittel des Gemeinschaftsentzugs greifen, wenn durch ein Ver­nünftiges Gespräch, durch Freundlichkeit, echte christliche Liebe und Barmherzigkeit alles zu bereinigen gewesen wäre, was durch unkluges Reden oder die Wiedergabe von Dingen, die nicht mit den Veröffentlichungen der Gesellschaft in Einklang standen, Mißverständnisse oder Kümmernisse hervorgerufen haben mag? Wo ist der böse Übeltäter, der Hasser Jehovas, der Widerspenstige, der reuelose Sünder, der ausgemerzt werden sol1? Wann sollte man an einer rein äußerlichen Definition von Abtrünnigkeit fest­halten, dazu noch in solch kalter, unbarmherziger weise, und Menschen verurteilen, die nichts getan haben, außer so viele Jahre lang treu zu dienen und ihre Seelen für ihre Brüder zu verausgaben?

Wer ist es denn, der Schmach auf den Namen Jehovas bringt und ein schlechtes Licht auf die Organisation wirft? Vertausendfachen nicht die scharfen Maßnahmen und die eiskalten Methoden, deren man sich bedient, sowie die Verbreitung verleumderischer Gerüchte, der Mangel an Liebe und Barmherzigkeit, die Furcht und der Terror der inquisitorischen Verhöre alles, wes an etwaigen Mißverständnissen und unbeabsich­tigten Kümmernissen durch unangebrachte Wiederholung von Äußerungen entstanden sein mag?

Brüder, in unseren Herzen ist nichts als reine Liebe zur gesamten Bruderschaft. Meine Frau und ich haben zu keiner Zelt die Absicht verfolgt, unter den Brüdern Verwirrung oder Verunsicherung im Glauben hervorzurufen. Wir hätte Jesus Christus in einer solchen Situation gehandelt?

Es hat den Anschein, daß es dem Komitee vor allem darum ging, uns schuldig zu sprechen, weil wir abtrünnig geworden seien. Man hält diesen Anklagepunkt aufrecht, obwohl wir mehrfach von Herzen gesagt haben, daß ein Abweichen vom Glauben für uns undenkbar wäre und daß wir das nie vorhatten. Das Komitee wollte offensichtlich be­weisen, daß wir abtrünnig waren, indem es die Privatgespräche mit einigen unserer engsten Freunde als Teil eines bösen Plans entlarvte, der auf die Gründung einer Sekte oder eine Spaltung hinauslief. Bruder Harold Jackson gebrauchte zweimal das Bild eines Mädchens, das Hurerei begangen hat, dessen Verstand aber den Gedanken,
so etwas getan zu haben, zurückwies, so daß sie tatsächlich glaubte, keine Hurerei begangen zu heben und dabei doch Schwanger war. Auf unseren Fall angewendet hieße das, wir seien Abtrünnige, ganz gleich, wie sehr wir den Gedanken zurückwiesen [247]

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oder wie sehr unser Herz und unser Gewissen sagten, so etwas sei für uns undenkbar, Brüder, wir können sehr wohl noch zwischen unserer Rechten und unserer Linken unterscheiden! Es geht doch hier nicht um ein junges Mädchen, dem es an Verständnis und Erfahrung mangelt. Um das Argument aber trotzdem fortzuführen: Wenn wir etwas wären, was wir in Wahrheit gar nicht sind, weil Herz, Sinn und Gewissen uns sagen, daß wir es nicht sind, wie würde Jesus Christus in einem solchen Fall verfahren? Würde er gegenüber dem Mädchen nicht liebende Güte und Barmherzigkeit walten lassen, damit die Sünde nicht als König herrscht? Er ist doch dafür gestorben, daß uns Gnade erwiesen werden könnte.

Entspricht es aber der göttlichen Weisheit, wenn man zur Beurteilung eines anderen Falles die Veranschaulichung eines Mädchens vorträgt, das sich sicher ist, keine Hurerei begangen zu haben, während doch zugleich ihr Bauch dick ist? Was ist, wenn eine Untersuchung ergibt, daß sie, eine Unterleibszyste hat, also die Wahrheit gesagt hat, und nun wird durch die Verhörer ein schrecklicher psychologischer Druck auf sie ausgeübt, der ihr entsetzliche Qualen bereitet? Und was ist, wenn obendrein noch das verleumderische Gerücht verbreitet wird, sie sei schwanger, sie werde bald Zwillinge bekommen, oder sie habe bereits Drillingen das Leben geschenkt und was nicht noch alles mehr? Wäre das nicht ein schweres Unrecht? Wer würde dann wirklich den Schaden
Verursachen? Hätten nicht die Liebe und Barmherzigkeit, wie Jesus Christus sie geübt hat, solches Unrecht zu vermeiden gesucht?

Genau aus diesem Grund hat Jesus Christus auch zu denen, die ihn wegen seiner Heilungen am Sabbat verurteilten, gesagt: „Richtet nicht mehr nach der äußeren Erscheinunq, sondern fällt ein gerechtes Urteil“ (Joh. 7:24).

Bruder Episcope hat als Mitglied des Rechtskomites, in Form von rhetorischen Fragen gesagt, jemand, der vom Glauben abgefallen sei, könne in seinem Lehren aufrichtig sein, doch er sei immer noch ein Abgefallener. Das würde bedeuten, daß wir unge­achtet unserer fortlaufenden Beteuerungen, eine Handlungsweise sei undenkbar für uns, wir hätten uns zu keinem Zeitpunkt an bösen Plänen gegen die Organisation beteiligt noch eine Sekte gebildet, dennoch als Abtrünnige zu behandeln seien, und zwar wegen der Dinge, die wir im privaten Gespräch mit unseren Freunden erörterten.

Würde man diese Definition von Abtrünnigkeit konsequent anwenden, so müßte man zu dem Schluß kommen, daß die Vergangenheit unserer Organisation der Zeugen Jehovas voller Taten des Abfalls ist. Als wir lernten, die unsichtbare Gegenwart Jesu Christi habe im Jahre 1874 begonnen, waren wir sehr aufrichtig. Doch Jehova wusle, daß wir etwas lehrten, das nicht in Übereinstimmung mit der Bibel war. Dann hätte er uns als Abtrünnige ansehen müssen, folgt man der Definition von Bruder Episcopo. Wieder und wieder haben wir als Organisation mit aller Hingabe und Aufrichtigkeit Dinge gelehrt, die sich als nicht in Übereinstimmung mit dem Worte Gottes herausstellten, und als die Ereignisse nicht gemäß der Lehre eintraten, hat das den Glauben vieler beeinträchtigt. Wollte man deshalb die Organisation als abtrünnig verurteilen; wäre das Liebe und Barmherzigkeit? Wäre es dann vernünftig, die ganze Organisation der Klasse des Hymenäus und Philetus zuzurechnen, die den Glauben anderer untergruben, indem sie sagten, die Auferstehung habe bereits stattgefunden?

Man begründet das Vorgehen gegen uns damit, daß wir bestimmte biblische Fragen mit einzelnen Brüdern im privaten Gespräch erörtert haben. Vertrauliche Dinge mit einem Freund oder Vertrauten zu besprechen, gehört zu den Grundrechten des Menschen. Nimmt man uns diese Freiheit oder verlangt die Preisgabe dessen, was da besprochen wurde, und verurteilt uns dann wegen des Gesprochenen, oder droht man denen, die wir ins Vertrauen gezogen haben, wenn sie nicht als Ankläger gegen uns auftreten, was für eine Art von Unterwerfung fordern wir dann als Organisation? Wäre das nicht eine vollständige Unterwerfung, ein absoluter Gehorsam? Würden wir aber damit nicht in Wirklichkeit die Stellung Jesu Christi als Haupt der Versammlung verletzen?

Wir könnten viele Beispiele für Gespräche nennen, an denen viele beteiligt waren, auch einige aus unserem Komitee, in denen Dinge zur Sprache kamen, die nicht in den Veröffentlichungen standen und die die Gesellschaft nicht lehrte. Wenn diese [248]
3
Gespräche mir bekannt waren, wie viele andere wissen oder wußten davon? Sollte man deswegen Nachforschungen wie zu Zeiten der Inquisition einleiten, um das herauszufinden? Sind sie alle Abtrünnige? Ich will keine konkreten Beispiele und Namen nennen, weil ich weiß, daß es ungerecht wäre, dies zu tun. Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, wir zeigten mit dem Finger auf andere. Sollen denn die Brüder jetzt in einer Atmosphäre der Angst und des Schreckens leben, in der man sich schon verdächtig macht, Wenn man sagt, man lese daheim die Bibel, und dies möglicherweise als Zeichen der Abtrünnigkeit – oder sollte man sagen „Ketzerei“? – angesehen wird?

Als ich dem Komitee bei der Verhandlung sagte, es täte uns leid, daß wir Unruhe gestiftet hätten, weil wir unklugerweise gegenüber einigen Brüdern Dinge wiedergegeben haben, die wir selbst gehört hatten, und als ich versicherte, in Zukunft würden wir auf keinen Fall mehr in dieser Weise sprechen, sondern jedem, der davon zu reden anfangen würde, sagen wollten, er solle dies unterlassen, da fuhr mich Br. Harold Jackson an, ich müsse ihnen dafür schon irgend eine Gewähr bieten. Er sagte dann, wir seien eine Gefahr für die Organisation, und deutete an, ich versuchte die Angelegenheit zu vertuschen. Er glaube meinen Worten nicht. Was soll man nach der Bibel in einem solchen Falle tun? Wie soll eine „Gewähr“ geboten werden? Selbst wenn jemand zu Recht angeklagt wird, eine Sekte einführen zu wollen, sagt Titus 3:10: „Einen Menschen, der eine Sekte fördert, weise ab nach einer ersten und zweiten Ermahnung.“ Die zweite ernste Ermahnung wäre dann fällig, wenn derjenige weiterhin neue Übertretungen begeht, wodurch er zeigt, daß er mit aller Macht eine Sekte fördern will. Selbst wenn man uns aufgrund dieses ersten unglückseligen Mißverständnisses als solche Leute einstufte, so haben wir unsere Kontakte zu anderen zur Vermeidung irgendwelcher weiterer Mißverständnisse weit über das normale Maß hinaus reduziert. Da eine lediglich mündlich gegebene Zusage nicht genügen würde, wäre nach dem Rat des Apostels Paulus der Wandel des Betreffenden die notwendige Gewähr, sofern er keinen Anlaß zu einer zweiten ernsten Ermahnung gibt. Doch nicht mal diese Chance gibt man uns.

Bruder Jackson sagte mehrfach, das, was wir getan hätten, stelle einen Angriff auf das Zentrum der Organisation dar. Einen solchen Angriff hat es aber doch überhaupt nicht gegeben, und mir ist niemand bekannt, der einen vorhätte! Könnte diese Formulierung vielleicht aus dem Munde eines Menschen stammen, dem es an Unterscheidungsvermögen fehlt und der sich auf Grund eines vorschnellen Urteils geprägt hat, weil er sich beschweren wollte? Sollte man das gleich als absolute Wahrheit nehmen und andere danach beurteilen? Brüder, es ist sehr verwirrend und beunruhigend für uns, was für extreme und unverständliche Maßnahmen in diesem Fall ergriffen wurden.

Mit unserer Berufung möchten wir Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erwirken, denn man hat uns wegen eines Unrechts verurteilt, das wir nicht begangen haben.“

Seid unserer Gebete zu Jehova in dieser Angelegenheit versichert, damit sie sich zum Segen seines Namens und zum geistigen Wohlergehen seines Volkes aufkläre.“[249] Über 30 Jahre vorher hatte Rene sein Vaterhaus verlassen, um einer engstirnigen, bedrückenden und intoleranten Atmosphäre zu entfliehen. Er erkämpfte seine Freiheit, um bei den Zeugen Jehovas bleiben zu können. Zu ihnen fühlte er sich hingezogen. Von da an widmete er sich mit ganzer Kraft und ganzem Herzen dem Dienst in ihren Reihen. Nun erlebte er, wie all diese 30 Jahre in weniger als zwei Wochen als nebensächlich abgetan wurden, wie man ihn strengen Verhören unterzog, die Aufrichtigkeit seiner Beweggründe in Zweifel zog und ihn als Rebell gegen Gott und Christus abstempelte. In seinem Brief klingt die schmerzhafte Einsicht durch, daß er sich genau derselben Intoleranz und Engstirnigkeit gegenübersah, der er entronnen zu sein geglaubt hatte.

Renes Berufung wurde angenommen, und er kam vor ein neues Komitee, bestehend aus fünf Ältesten. Alle seine Versuche zu zeigen, daß es ihm um Versöhnung ging, daß er aus Lehrfragen keine Streitfragen machen und diese nicht dogmatisch sehen wollte, wurden als Ausflucht zurückgewiesen und als Beweis seiner Schuld ausgelegt.

Einmal, nachdem er schon stundenlang mit Fragen in die Zange genommen worden war, unterbrach ihn Sam Friend, der dem Berufungskomitee ange­hörte: „Das ist doch alles leeres Gewäsch! Ich lese dir jetzt die Liste der Fragen vor und du antwortest darauf mit Ja oder Nein.“ Er gebrauchte dabei den englischen Ausdruck „hogwash“ für „leeres Gewäsch“, der wörtlich etwa mit „Schweinedreck“ zu übersetzen ist. Da Renes Muttersprache Spanisch ist, kannte er die umgangssprachliche Bedeutung dieses Aus­drucks nicht. Erst später wurde ihm klar, daß hier eine besondere Bedeutung gemeint war. Doch als das Wort ausgesprochen wurde, traf ihn das darin enthaltene Bild des Schmutzes sehr tief, so daß es in seinem Innern einen Knacks gab und er erwiderte: „Nein! Ich beantworte überhaupt keine Fragen mehr. Ihr wollt meine innersten Beweggründe zerpflücken, und das mache ich nicht länger mit!“ Die Sitzung wurde unterbrochen. Rene ging hinaus, und als er auf die Straße kam, brach er in Tränen aus.

Die Berufung wurde abgelehnt.

10.6.4 Die Liebe der meisten wird erkalten: Bittere Erfahrungen Ausgeschlossener!

Rene hatte viele Mitarbeiter der Dienstabteilung gekannt und mit vielen zusammengearbeitet; etliche von ihnen hatten jahrelang seine Freundlich­keit und Hilfsbereitschaft gern in Anspruch genommen, doch jetzt setzte sich nicht einer von ihnen auch nur im geringsten Maße für ihn ein und forderte, man solle auch ihm gegenüber Freundlichkeit zeigen.[26] Seine unbestreitbare Aufrichtigkeit und sein makelloser Dienst über 30 Jahre hinweg – all das hatte keinerlei Gewicht auf den Waagschalen der Gerech­tigkeit der Organisation, solange er nicht total mit der Organisation übereinstimmte und alles ohne zu fragen hinnahm. Sicher lassen sich auch hier die Worte des Jakobus anwenden, der schreibt: [250]

„Redet und handelt als Menschen, die einst vor Gottes Gericht nach dem Gesetz beurteilt werden sollen, das wahrhaft frei macht. Wer selbst kein Erbarmen gehabt hat, über den wird auch Gott erbarmungslos Gericht halten. Wer aber barmherzig war, darf auch vor Gottes Gericht auf Erbarmen hoffen.“[27]

Am 8. Mai 1980 endlich ließ mich die leitende Körperschaft offiziell wissen, daß mein Name mit im Spiel war. Albert Schroeder, der Vorsitzende, rief mich an und sagte, die leitende Körperschaft wünsche mein Erscheinen in Brooklyn. Damit erhielt ich von dieser Seite den allerersten Hinweis darauf, daß gegen mich etwas vorlag.

Fünfzehn Tage waren vergangen seit jenem ersten Gespräch, in dem der Vorsitzende mir wiederholt ausgewichen war, um nicht zu sagen, was eigentlich los war. Noch immer wußte ich nichts davon, daß es die zweistündige Aufzeichnung eines Verhörs gab, geschweige denn, daß diese der gesamten leitenden Körperschaft vorgespielt worden war. Seit diesem Zeitpunkt waren 23 Tage verstrichen.

In diesen 23 Tagen hatte man das Band nicht nur der leitenden Körperschaft vorgespielt, sondern Ausschnitte daraus, in denen mein Name und der von Ed Dunlap vorkamen, auch noch mindestens 17 weiteren Personen (den Mitgliedern der Untersuchungs- und Rechtskomitees), drei Mitarbeitern in der Weltzentrale und dreien von außerhalb war die Gemeinschaft entzogen worden, einer von ihnen war seit 30 Jahren mein Freund; man hatte ein weiteres Interview aufgenommen mit einem Mann namens Bonelli (wovon noch die Rede sein wird), und insgesamt hatte man mit allen Mitteln versucht, aus den Reihen der Bethelmitarbeiter und von anderen Bela­stungsmaterial zusammenzutragen, wobei man teilweise so weit ging, den Gemeinschaftsentzug anzudrohen, um etwas herauszupressen.

Erst nachdem all das geschehen war, hielt die leitende Körperschaft es für angebracht, mich durch das Vorsitzenden-Komitee davon in Kenntnis zu setzen, daß ich ihrer Meinung nach mit dem Ganzen etwas zu tun hatte. Warum erst jetzt?

10.6.5 Rüde, intolerante Verhandlungsmethoden mit dem Ziel der Einschüchterung. Vorverurteilung seitens der leitenden Körperschaft macht jedes Verfahren zur Farce!

Alles, was ich wußte, stammte aus anderen Quellen, nicht von der leitenden Körperschaft, der ich neun Jahre lang angehört hatte. Die Bethelmitarbeiter, die im Kreuzverhör standen und gegen die man Verfahren durchführte, riefen bei mir an und berichteten mit Entsetzen von der rüden, intoleranten Einstellung, der sie begegnet waren. Nach ihrer Meinung wollten die Drahtzieher zuerst mit ihnen abrechnen, bevor sie sich die vornahmen, um die es eigentlich ging, nämlich Ed Dunlap und mich. Sie sahen dahinter die Taktik, mit den Kleinen anzufangen, den weniger bekannten und nicht so prominenten Beteiligten, und deren angebliche Schuld aufzudecken, so daß der Eindruck entstand, es handle sich um eine schwere Bedrohung gewalti­gen Ausmaßes. Nachdem man so eine möglichst stabile Basis geschaffen habe, könne man sich an die Prominenteren heranwagen. So jedenfalls war ihr Eindruck; ob er zutrifft, kann ich nicht sagen. Interessanten Aufschluß [251] hierüber könnte man wahrscheinlich von den Mitgliedern des Vorsitzen­den-Komitees erhalten, die alle Untersuchungsergebnisse erhielten und die den Untersuchungs- und Rechtskomitees die Anweisungen gaben. Eher wäre wohl nicht zu klären, welche Gründe das Komitee für seine Vorge­hensweise genau hatte.

Als Schroeder mich am 8. Mai anrief, sagte ich ihm, wie mir darüber zumute war, daß nicht ein einziger aus der leitenden Körperschaft so viel brüderliche Rücksichtnahme aufgebracht hatte, mich zu unterrichten, und das, nach­dem ich mit ihnen neun Jahre lang (mit einigen sogar 15 Jahre) zusammen gewohnt und gearbeitet hatte. Ich konnte es kaum fassen, daß so etwas möglich war. (Um keinem Unrecht zu tun, muß eingeräumt werden, daß manche vielleicht nicht im einzelnen darüber Bescheid wußten, wie das Vorsitzenden-Komitee die Angelegenheit handhabte. Möglicherweise wuß­ten sie nicht, worüber ich mit Albert Schroeder am 23. April am Telefon gesprochen hatte und welche irreführenden Antworten er auf meine Fragen gegeben hatte, wiewohl es möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, daß dieses Gespräch auf Band aufgenommen wurde, wie die weitere Entwicklung zeigen sollte. Doch wie dem auch sei, eine kleine oder größere Zahl von Mitgliedern des Gremiums mag geglaubt und darauf vertraut haben, daß das Vorsitzenden-Komitee alles in anständiger Weise gemäß christlichen Grundsätzen abwickelte, indem es deren andere Mitglieder so behandelte, wie es selbst behandelt werden wollte.)

10.7 Das Inquisitionsverfahren erreicht den Freidenker in der leitenden Körperschaft
10.7.1 Erste Vorladung zur Aussprache und Konfrontation mit den Vorwürfen: Die Paranoia und der Watergate-Effekt nehmen ihren Verlauf

Als nächstes fragte ich Albert Schroeder, was er wohl gedacht hätte, wenn damals, als er in Europa war und seine Vorstellungen über eine abweichende Auslegung des zentralen Begriffs „diese Generation“ vortrug, einige in Brooklyn ihn daraufhin des Vertretens „abtrünniger Ansichten“ angeklagt und dann begonnen hätten, all das zusammenzutragen, was er irgendwann einmal zu irgendjemand gesagt haben mag, um dies als Beweismaterial für eine solch schwere Anklage zu verwenden, ohne ihn davon überhaupt zu unterrichten. Was hätte er wohl dazu gesagt?

Er erwiderte nichts. Ich sagte ihm, ich würde wunschgemäß nach Brooklyn kommen, und damit war das Gespräch beendet.

Als ich schließlich am 19. Mai in Brooklyn eintraf, hatten die Ereignisse derart an meinen Nerven gezehrt, daß ich kurz vor dem Zusammenbruch stand. Was da ablief, schien alles keiner rationalen Erklärung mehr zugäng­lich. Manche sprachen von einem „Alptraum“. Andere glaubten, man müsse einen deutlicheren Ausdruck wählen: Paranoia (Verfolgungswahn). Unschuldige Christen wurden so behandelt, als wären sie gefährliche Feinde.

Vor kurzem fiel mir ein Zeitungsausschnitt aus der New York Times wieder in die Hände, den ich vor ein paar Jahren abgeheftet hatte. Unter der Überschrift „Mißtrauen bei Nixons Mitarbeitern“ hieß es da unter an­derem:

„Ein Psychiater, der von 1971 bis 1973 zum Mitarbeiterstab des Wessen Hauses gehört hatte, berichtete, bei den engeren Mitarbeitern von Richard M. Nixon [252] herrsche ein tiefes Mißtrauen gegenüber den Motiven anderer; man betrachte Rücksichtnahme auf anderer Leute Gefühle als Charakterschwäche und vertrage keinen Widerspruch und keine Opposition, auch wenn sie loyalen Beweggründen entspringe.
‚Sie waren unfähig, den Unterschied zwischen einer abweichenden Sachauffassung und einem Verrat an der Sache zu erkennen’, führte Dr. Jerome H. Jaffe aus. Darin lag die eigentliche Tragik. Wer anderer Meinung war, der war ein Verräter. Darum ging es immer wieder.’ …
,Menschen, die kalt und leidenschaftslos Personalentscheidungen treffen konnten, fanden die Bewunderung der Nixon-Administration‘, sagte er. ,Wer auf Gefühle anderer Rücksicht nahm, wer meinte, ein bestimmtes Ziel sei es nicht wert, daß man um seinetwillen Menschen zugrunde richte, konnte keine Anerkennung erringen. Solche Rücksichtnahme zu üben, galt als entscheidender Charakter­fehler.
Ihnen saß das Mißtrauen gegenüber den Motiven anderer ganz tief, und sie waren unfähig anzunehmen, daß der Mensch mehr könne, als nur seine selbstsüchtigen Ziele zu verfolgen‘, sagte er.“[28]

10.7.2 Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns. Wo bleibt die Liebe des Christus, die Liebe zu Wahrheit und zu Gerechtigkeit?

Darin offenbart sich eine erschreckende Ähnlichkeit mit der Situation in Brooklyn im Frühjahr 1980. Dort herrschte dieselbe Einstellung: „Wer anderer Meinung war, der war ein Verräter. Darum ging es immer wieder.“ Von der Güte Christi spürte man nichts, aber auch gar nichts. Statt freundschaftlicher Wärme und einem einfühlenden Verstehen, das der Freundschaft erst die Wärme verleiht, herrschte ein kaltes, einzig an Organisationsinteressen orientiertes Verhalten. Man nahm stets das Schlimmste an, gab möglichen anderen Erklärungen gar keine Chance, und sah Nachsicht und Geduld als Schwächen an, da sie den Interessen und Zielen der Organisation zuwiderliefen, die da lauteten: Gleichförmigkeit, Fügsamkeit, stromlinienförmige Anpassung. Es war, als hätte man ein gewaltiges Räderwerk der Justiz in Gang gesetzt, das sich jetzt unerbittlich drehte und gefühllos alles zermalmte, bis es sein Ziel erreicht haben würde. Ich konnte kaum glauben, daß all dies sich wirklich zutrug.

Als ich in der Weltzentrale eintraf, fand ich auf meinem Schreibtisch unter anderem einen Text des Vorsitzenden-Komitees vom 28. April 1980 vor. (Siehe nächste Seite.) Ein Teil des Inhalts überraschte mich, hatte ich doch nie irgendwelche Gedanken in dieser Richtung gehegt, geschweige denn geäußert. Der dogmatische Ton, in dem alles abgefaßt war, widerte mich an. Und ich hatte den Eindruck, als enthielte die Anmerkung am Fuß der Seite den eigentlichen Kern des Problems. Darin verweisen die Verfasser nämlich wiederholt auf den“grundlegenden biblischen Rahmenbau der christli­chen Lehren der Gesellschaft“, das „Muster gesunder Worte, die Jehovas Volk im Laufe der Jahre als bibelgemäß akzeptiert hat“.

10.7.3 Festalten an den alten, traditionären Lehren der Gesellschaft gefordert: Das Vorsitzenden-Komitee beanstandet eine Liste von Zweifelsfragen

Das kam mir bekannt vor, denn dieses Argument war in den Sitzungen der leitenden Körperschaft oft zu hören gewesen: man müsse an den altbewähr­ten traditionellen Lehren der Gesellschaft festhalten, so als wären die Jahre, während derer man an sie geglaubt habe, bereits ein Beweis für ihre … [253] (Fortsetzung am Ende des Protokolls)

„Für die leitende Körperschaft:

BEWEISE FÜR DIE VERTRETUNG FALSCHER LEHREN IN LETZTER ZEIT

Im Folgenden werden einige der falschen Lehren aufgezählt, die aus dem Bethel heraus verbreitet werden. Die leitende Körperschaft erfuhr davor durch Brüder­ aus den Versammlungen erstmals am 14. April.

1. Jehova hat heute keine Organisation auf Erden, und die leitende Körperschaft wird nicht von Jehova geführt.

2. Jeder, der seit den Tagen Christi (33 u. Z.) getauft wurde und bis zum Ende noch getauft werden wird soll auch himmlische Hoffnung heben. Beim Gedächtnismahl sollen alle von den Symbolen nehmen, nicht nur die­jenigen, die sich zum gesalbten Überrest zählen.

3. Die Vorkehrung der Klasse eines „treuen und verständigen Sklaven“, bestehend aus den Gesalbten und der leitenden Körperschaft aus ihren Reihen, zur Leitung von Jehovas Volk hat keine biblische Grundlage. Jesus gebrauchte diesen Ausdruck in Matth. 24:45 lediglich, um die Treue einzelner zu veranschaulichen, Anweisungen sind unnötig, man braucht nur der Bibel zu folgen.

4. Es gibt heute keine zwei Klassen, eine himmlische und irdische, deren Angehörige in Joh. 10:16 auch als „andere Schafe“ bezeichnet werden.

5. Die in Offb. 7:14 und 14:1 genannte Zahl von 144’000 ist symbolisch zu verstehen. und darf nicht buchstäblich genommen werden. Wer zur „großen Volksmenge“ gehört, die in Offb. 7:9 erwähnt wird, dient ebenfalls im Himmel, wie es in Vers 15 gezeigt werde, wo es heißt, dass diese Volksmenge „Tag und Nacht in seinem Tempel (nao) dient oder gemäß der Kingdom-Interlinear-Version: „in der himmlischen Wohnstätte vor ihm“.

6. Wir leben heute nicht in einer besonderen Zeit der „letzten Tage“, sondern, die „letzten Tag“ begannen vor 1900 Jahren im Jahre 33 u.Z., wie Petrus dies in Apg 2:17 zeigte, als er aus dem Propheten Joel zitierte.

7. Bei 1914 handelt es sich nicht um ein gesichertes Datum. Jesus Christus wurde damals nicht inthronisiert, sondern herrscht seit 33 u.Z. in seinem Königreich. Die Gegenwart Christi (parousia) hat noch nicht begonnen, sondern liegt in der Zukunft, wenn „das Zeichen des Sohnes des Menschen im Himmel“ erscheinen wird (Matth. 24:30).

8. Abraham, David und andere treue Männer der alten Zeit werden ebenfalls himm­lisches Leben haben, gestützt auf Hebr. 11:16.

Anmerkung: Die obengenannten biblischen Lehren sind von einigen als „neues Verständnis“ im Widerspruch zu den grundlegenden biblischen „Rahmenbau“ der christlichen Lehren der Gesellschaft (Rö 2:20; 3:2). Sie widersprechen dem „Muster gesunder Worte“, die Jehovas Volk im Laufe der Jahre bibelqemäß akzeptiert hat (2. Tim. 1:13). Derartige Veränderungen werden in Spr. 24:21, 22 verurteilt. Bei der angeführten Aufzählung handelt es sich also um Abweichungen von der Wahrheit. Die den Glauben einiger Untergraben (2.Ti 2:18). Es erhebt sich also die Frage, ob dies nicht Abfall ist und einer Zurechtweisung durch die Versammlung bedarf. Siehe ks 77, Seite 58.

Vorsitzenden-Komitee 28.4.80″ [254]

… Richtigkeit. Um diese traditionellen Lehren und nicht um das Wort Gottes selbst ging es hier eigentlich überhaupt. Am 20. Mai kam ich mit dem Vorsitzenden-Komitee zusammen. Man spielte mir ein Tonband vor, auf dem das Komitee der leitenden Körper­schaft über seine Gespräche mit den Mitarbeitern der Schreibabteilung berichtete und darüber, was es danach unternommen hat, um die Untersu­chungs- und Rechtsverfahren in Gang zu setzen. Dann bekam ich zwei Tonbänder in die Hand gedrückt, die ich mitnehmen und anhören sollte. Zum einen handelte es sich um das zweistündige Gespräch mit dem kubanischen Ehepaar Godinez, das andere war eine kürzere Aufnahme eines Gesprächs mit einem Zeugen namens Bonelli. Das war das erste Mal, daß ich von der Existenz des längeren Tonbands überhaupt erfuhr und daß es vor einem Monat der leitenden Körperschaft vorgespielt worden war. Es ist beinahe lachhaft, daß man sich nun, nachdem man so viel Unheil im Leben anderer angerichtet hatte, dazu bequemte, mich das Band anhören zu lassen, und das einen Tag vor meiner Anhörung in der Sitzung der leitenden Körperschaft.

Ich nahm die Bänder in mein Büro mit und spielte sie ab. Mir wurde schlecht dabei. Alles erhielt jetzt einen widerwärtigen Beigeschmack. Sicher war das Ehepaar Godinez bemüht, alles so wiederzugeben, wie sie es gehört hatten; mir waren sie als anständige Menschen bekannt. Als ich aber mit verfolgte, wie Harley Miller das Gespräch gezielt lenkte, fragte ich mich immer wieder: „War denn das, was sie gehört hatten, wirklich so extrem formuliert worden, wie es sich hier anhört?“ Man hatte mir erfolgreich jede Möglich­keit genommen, das noch festzustellen, denn das Vorsitzenden-Komitee hatte bereits vollendete Tatsachen geschaffen durch die Einsetzung von Rechtskomitees, die die Betroffenen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hatten.

10.7.4 Lob den Denunzianten, Schelte für alle, die es wagten Zweifel im privaten Kreis zu äussern

Am Schluß des Bandes äußerten sich sämtliche Komiteemitglieder befrie­digt darüber, jetzt ein klareres Bild zu haben. Sodann lobten sie das Ehepaar wegen dessen Loyalität, verurteilten aber die in dem Gespräch Belasteten. Mir wurde immer übler. Wie konnte man so handeln, ohne überhaupt mit Cris Sanchez gesprochen zu haben? Weshalb war er nicht zugegen? Wieso ließ Harley Miller Rene Vazquez praktisch hereinlegen, indem er vorschlug – auch das war auf diesem Band –, Godinez solle Rene anrufen und „taktvoll“ herausfinden, ob er zu seinen Worten stehe? Welche Ziele verfolgten sie bei diesem Vorgehen? Ging es ihnen darum, anderen aufrich­tig zu helfen, ihre Sichtweise zu verstehen und eine friedliche Lösung anzustreben? Wollten sie die Angelegenheit durch freundlichen Rat bereini­gen, so reibungslos und schonend, wie es ging, und zu Mäßigung und Klugheit ermahnen, falls es daran gemangelt haben sollte? Oder wollten sie lediglich belastendes Material gegen andere sammeln? Alles, was ich hörte, deutete nur auf dieses letzte Ziel hin.

War das erste Tonband schon schlimm, so war das zweite noch viel schlimmer. Godinez und seine Frau hatten von einer Unterhaltung in ihrer [255] Wohnung berichtet und wie das Gehörte sie betroffen gemacht hatte, und darin waren sie, wie bereits gesagt, wohl aufrichtig. Das zweite Band enthielt vor allem Gerüchte. Das Deprimierendste daran aber waren die Kommentare der Gesprächsführer aus der Weltzentrale.

10.8 Es gibt doch Vereinzelte, die verdeckt mehr Gottesfurcht als Menschenfurcht zeigen
10.8.1 Wer im Stillen vom Brot und vom Wein nimmt, Jesu Gebot befolgt, der ist ein Verräter?

Bonelli gehörte zu Renes spanischer Nachbarversammlung. Das Tonband fing damit an, daß Albert Schroeder Bonelli als einen Mann vorstellte, der früher in zwei anderen Versammlungen ein „Dienstamtgehilfe“ (Diakon) gewesen sei, derzeit aber diese Stellung nicht innehatte. Wie Bonelli gesagt habe, so Schroeder, sei er in seiner jetzigen Versammlung kein Dienstamt­gehilfe geworden, weil ein Ältester namens Angulo ihn nicht leiden könne. Sodann belastete Bonelli eben diesen Ältesten, von dem er gesagt hatte, seinetwegen sei er nicht zum Dienstamtgehilfen ernannt worden. (Angulo war ebenfalls die Gemeinschaft entzogen worden.) Außerdem sagte er, er sei am 31. März nach der Gedächtnismahlfeier (dem Abendmahl) mit in Rene Vazquez‘ Wohnung gegangen, und dort habe er gesehen, wie Renes Frau und dessen Mutter von den Symbolen – Brot und Wein – genommen hätten‘.[29]Bonelli sagte, er selbst habe ebenfalls von den Symbolen genommen.

Seine Befrager, Albert Schroeder sowie Dave Olsen und Harold Jackson aus der Dienstabteilung, zeigten sich über diese letzten Worte überrascht. Als Begründung gab Bonelli an, und hier zitiere ich wörtlich, was er auf dem Tonband sagte: „Tja, ich bin trickreich“ (I’m sneaky.)“ Er sagte, er sei in Renes Wohnung gegangen, um etwas über die Familie herauszubekom­men“.[30] Außerdem habe er von einem anderen Glaubensbruder erfahren, daß Angulo, der Älteste, bereits ein Gebäude erworben habe, in dem er und Rene Versammlungen abhalten wollten; sie hätten auch schon ein paar Leute getauft.

An diesen Gerüchten war in Wirklichkeit nicht ein einziges wahres Wort. Wo der angebliche Versammlungsort liegen sollte oder wie die Leute hießen, die dort getauft worden sein sollen, wollten die Untersuchungsfüh­rer nicht wissen. Man hätte ihnen auch nichts sagen können, denn es gab sie nicht.

Einmal konnte Bonelli etwas nicht so gut auf Englisch ausdrücken, worauf Harold Jackson, der Spanisch spricht, es ihn auf Spanisch sagen ließ und es dann ins Englische übersetzte. Bonelli kicherte und sagte: „Mein Englisch ist zwar nicht so gut, doch die Informationen, die ich habe, die sind es.“ Schnell warf Olson ein: „Ja, Bruder, du gibst uns genau das, was wir brauchen. Sprich weiter.“ [256]

Bei diesen Worten war mir, als zermalme ein schwerer Felsbrocken mein Herz. Dieser Mann hatte in dem ganzen Interview nicht eine einzige Aussage gemacht, die man nur entfernt als brauchbar ansehen konnte, sofern man Menschen helfen wollte, die ein verkehrtes Verständnis der Heiligen Schrift hatten. Nur wenn man das Ziel verfolgte, belastendes Material zu sammeln, konnte man seine Informationen als „genau das, was wir brauchen“ bezeichnen. Doch das Beweismaterial bestand zur einen Hälfte aus haltlosen, völlig aus der Luft gegriffenen Gerüchten, und die andere Hälfte hätte nur dann einen Wert, wenn man der Ansicht ist, eine Religionsorganisation habe das Recht, private Unterhaltungen über die Bibel im vertrauten Freundeskreis zu verbieten, falls diese nicht voll und ganz mit den Lehren der Organisation übereinstimmen, und wenn man außerdem meint, sie sei berechtigt, über das zu Gericht zu sitzen, was jemand guten Gewissens in seinen eigenen vier Wänden tut.

Dave Olson fragte Bonelli am Schluß der Tonbandaufzeichnung, ob er die Namen weiterer „Brüder“ nennen könne, die ähnliches zu berichten hätten. Bonelli hatte behauptet, eine große Anzahl Personen sei mit den Glaubensansichten der sogenannten Abgefallenen angesprochen worden, Er gab zur Antwort, er kenne einen „Bruder“ in New Jersey, der vielleicht etwas sagen könne. Olson erkundigte sich nach dessen Namen. Bonelli erwiderte, er könne sich nicht erinnern, doch er werde das schon noch herausbekommen. Darauf Olson: „Aber da müssen doch viele mehr sein, die etwas darüber sagen können.“ Hierauf sagte Bonelli, er kenne ein paar „Schwestern“, die das möglicherweise könnten. Und wie hießen diese? Auch das müsse er noch erkunden.

Albert Schroeder dankte dann Bonelli, daß er so bereitwillig ausgesagt habe, und gab ihm den Rat, „geistig stark zu bleiben durch regelmäßigen Besuch der Zusammenkünfte“. Wenn er etwas Neues wisse, solle er wieder zu ihnen kommen.

10.8.2 Gottes Mitteilungskanal ist auf Denunzianten angewiesen und urteilt aufgrund von Gerüchten!

Wohl nirgendwo sonst als auf diesem Tonband zeigt sich klarer und drastischer, welches Ziel mit all den Untersuchungen, Ausfragungen und schließlich Verurteilungen verfolgt wurde. Nichts anderes kann allen Zeugen Jehovas weltweit so gut helfen, eine ausgewogene und nicht einseitige Sicht der Ereignisse zu erlangen, ein Gefühl für das Klima zu bekommen, in dem sich alles abspielte, und das Verhalten der Repräsentan­ten von Gottes „Mitteilungskanal“ in der Weltzentrale mitzuerleben. Sie brauchten nur dieses Tonband anzuhören und es mit dem zu vergleichen, was ihnen die Organisation bislang gesagt hat oder was sie in Form von Gerüchten gehört haben. Man sollte ihnen dann aber auch das Recht einräumen, danach zu fragen, was denn unternommen wurde, um die Aussagen dieses Mannes nachzuprüfen und Gerüchte von Fakten zu schei­den; sie sollten auch fragen dürfen, warum die Männer aus der Weltzentrale diese Art Aussagen als so wertvoll ansahen, als „genau das, was wir brauchen“ .

Die Wahrscheinlichkeit, daß die Organisation das tun wird, nämlich andere [257] dieses Tonband (vollständig und unverändert) anhören und sie dann Fragen stellen zu lassen, ist wohl gleich Null. Eher würde sie es wohl vernichten. Ich kann auch heute noch nicht begreifen, daß sich das Vorsitzenden­-Komitee nicht schämte, es mich anhören zu lassen.

Der leitenden Körperschaft war bekannt, daß sich schon wenige Tage nach dem Ausschluß der Mitarbeiter der Weltzentrale genau solche Gerüchte innerhalb der Bethelfamilie ausbreiteten, wie sie auch auf dem Tonband enthalten waren: Die „Abgefallenen“ hatten eine neue Religion aufge­macht, sie hielten ihre eigenen Versammlungen ab, tauften Leute, ihre neue Lehre trage den Namen „Söhne der Freiheit“ – so und ähnlich war es allerorten zu hören. Auch das alles war vollständig unwahr. In den Bibel­textbetrachtungen heim Frühstück machten Mitglieder der leitenden Kör­perschaft zahlreiche Bemerkungen über die „Abtrünnigen“, hielten es aber nicht für nötig, die umlaufenden Gerüchte als nichtzutreffend zu bezeich­nen. Unkontrolliert breiteten sich diese schließlich über die ganze Erde aus. Und jeder Zeuge, der sie verbreitete, legte dadurch, wenn auch vielleicht unwissentlich, falsches Zeugnis wider seinen Nächsten ab. Die einzigen, die diese Gerüchte hatten als falsch entlarven und dem falschen Zeugnis ein Ende bereiten können, waren die Mitglieder der leitenden Körperschaft. Sie allein wissen, weshalb sie das nicht taten. Einige unter ihnen glaubten bestimmt aufrichtig, es handle sich dabei um Tatsachen, doch meiner Meinung nach wären sie aufgrund ihres Amtes und der damit verbundenen großen Verantwortung verpflichtet gewesen, sich selbst zu vergewissern und dann klarzustellen, daß es keine Tatsachen waren, sondern Erfindun­gen, und zwar sehr schädliche, hinterhältige Erfindungen.

Ich will nicht behaupten, daß nur auf der einen Seite Fehler gemacht wurden. Es ist nicht zu bezweifeln, daß manche von uns, die wir „an den Pranger gestellt wurden“, unüberlegte Äußerungen von sich gegeben haben. Soweit mir bekannt, stammten die extremsten Äußerungen von einem Mann, der sofort bereit war, als eine Art Kronzeuge gegen einen anderen Ältesten aufzutreten, als er an die Reihe kommen sollte. Persönlich ist mir dieser Mann nicht bekannt; ich habe ihn nie gesehen, genauso wenig wie den anderen Ältesten. Beide sind für mich völlig fremde Leute.[31]

10.8.3 Nachforschungen da, wo Anfall vermutet wird ist gottgemäss, die inquisitorische Art und Weise vollkommen unbiblisch und eines Christen unwürdig!

Prinzipiell halte ich es nicht für falsch, daß die Leitung der Weltzentrale aufgrund der Informationen, die ihr zugespielt worden waren, genauere Nachforschungen anstellte. Daß sie das tat, lag nur nahe. Wenn sie glaubt, die göttliche Wahrheit zu vertreten, wäre es sogar verkehrt gewesen, nichts zu unternehmen.

Nur die Art und Weise ihres Vorgehens kann ich sehr schwer verstehen, geschweige denn mit der Bibel in Einklang bringen. Da ist als erstes die überstürzte Eile zu nennen, sodann die Methoden, die angewandt wurden, um Tatbestände zu vertuschen und Informationen gegenüber Beteiligten zurückzuhalten, deren ganze Existenz davon abhing und deren Ruf auf dem[258] Spiel stand. Weiterhin, daß man sich unlauterer Mittel bediente, nur belastendes Material zu beschaffen, wobei man mögliche Informanten durch Androhung des Gemeinschaftsentzugs unter Druck setzte, falls sie nicht zur Zusammenarbeit bereit waren. Und schließlich wäre die Haltung zu nennen, die bei allem zutage trat, die erdrückende Willkür, das gefühllose gesetzliche Denken und die grausame Harte der Maßnahmen. Mögen sich auch ein paar der Beschuldigten unbesonnen geäußert haben, die Mittel, mit denen man darauf reagierte, waren eindeutig unangemessen überzogen.

Wie zu Zeiten der Inquisition beanspruchten die Inquisitoren alle Rechte, und die Angeklagten waren rechtlos. Die Untersuchungsführer glaubten sich berechtigt, jede beliebige Frage stellen und auf jede Gegenfrage die Antwort verweigern zu können. Sie legten Wert darauf, daß ihre Verhöre geheim blieben, und gestatteten niemand einen Einblick, doch zugleich beanspruchten sie für sich das Recht, in den vertraulichen Gesprächen und dem sonstigen Privatleben der Verhörten herumzuschnüffeln. Sie empfan­den die Geheimhaltung der Verfahren als angemessen, da diese „vertrau­lich“ zu sein hätten. Ihre ausweichenden Antworten waren eben die in ihren Augen zweckdienliche Reaktion, die taktisch angezeigt war; doch wenn die Beschuldigten die Privatheit ihrer Gespräche mit Freunden wahren wollten, so galt das als Unaufrichtigkeit und wurde als Beweis für eine Verschwörung angesehen. Ihre eigenen Handlungen sollten als Zeichen ihres Eifers für Gott, für die „geoffenbarte Wahrheit“, angesehen werden, und zur selben Zeit unterstellten sie allen Taten der Beschuldigten die übelsten Motive, gar nicht erst in Betracht ziehend, daß diese aufrichtig bemüht sein könnten, Gott an die erste Stelle zu setzen und die Wahrheit zu lieben, selbst wenn diese der traditionellen Lehre widersprach.

Beispielsweise war Rene Vazquez während seines Verhörs bemüht, seine Äußerungen mäßigend und undogmatisch zuhalten; er versuchte zu zeigen, daß er keineswegs unbedeutende Lehrpunkte zu großen Streitfragen aufbau­schen und seine Sichtweise anderen nicht aufdrängen wollte. Das aber stellte die Mitglieder des Rechtskomitees ganz und gar nicht zufrieden. Sie wollten ihn festnageln und die Preisgabe seiner innersten Gefühle und Ansichten erzwingen. War dies mit einer bestimmten Fragestellung nicht zu erreichen, so versuchten sie es sofort andersherum, um ihn so zu einer plakativen Aussage zu zwingen. Bei der Verhandlung vor dem ersten Rechtskomitee stand zugleich ein anderer Ältester mit Namen Benjamin Angulo im Verhör, der sich sehr forsch und resolut gab. Als Rene sich zurückhaltender äußerte, sagte Harold Jackson, einer der Verhandlungsfüh­rer, zu ihm: „Du bist ja nicht mal ein guter Abtrünniger!“ Er kreidete ihm an, seine Glaubensansichten nicht entschieden genug zu verteidigen, und fuhr fort:

„Guck dir Angulo an! Der verteidigt sie. Von dir hat er diese Dinge, und sieh dir an, wie er jetzt redet .Ihm wird vielleicht die Gemeinschaft entzogen, und du, du weißt noch nicht mal, wie du zu diesen Punkten genau stehst.“ [259]

Als sich Rene beim zweiten Verhör, vor dem Berufungskomitee, wieder um maßvolle Worte bemühte, rief das, wie bereits geschildert, den Ausdruck „leeres Gewäsch“ hervor. Milde, Mäßigung und die Bereitschaft zum Einlenken, wo es die Sache zuließ, das eignete sich eben nicht als Beweis, wenn es galt, jemand als widerspenstigen Abtrünnigen hinauszuwerfen. Doch so war Renes Wesen, wie jeder bestätigen kann, der ihn kennt.

10.8.4 Der Unterschied zu Firmentreue und zu Firmengeheimnissen und einem Gewissen, das uns Treue zu Gott gebietet

Zwei Jahre nach dem Gemeinschaftsentzug habe ich mich mit Rene unterhalten und ihn gefragt, wie er darüber denkt, daß er mit anderen über seine Erkenntnisse aus der Bibel gesprochen hat. Was würde er jemand sagen, der argumentiert, wer für eine Firma arbeite, müsse auch deren Linie vertreten, und wenn man das nicht könne, solle man den Mund erst aufmachen, nachdem man gegangen sei? Er erwiderte:

„Dabei handelt es sich aber um eine Firma, und so konnte ich die Sache nicht sehen. Für mich ging es um eine höherrangige Beziehung, nämlich das Verhältnis zu Gott. Ich weiß noch genau, was mich damals bewegte und was in meinem Herzen vorging. Da kann mir keiner was einreden. Wenn ich Teil einer Verschwö­rung gewesen wäre, warum sollte ich das heute leugnen. Als ich vor das Komitee zitiert wurde, betete ich darum, nicht ausgeschlossen zu werden. Andere taten dasselbe. Und doch geschah es.
Hätte ich lediglich in der Organisation bleiben wollen, um Anhänger abzuwerben, so müßte ich heute für meine Sache kämpfen, Doch wo ist die Sekte, die ich vertrat? Wo ist der Beweis, der zeigt, daß ich an solchen Aktivitäten beteiligt war? Selbst wenn ich heutzutage von jemand angesprochen werde, warte ich lieber, bis er sich von allein wieder meldet, statt selbst die Initiative zu ergreifen.
Wenn ich nochmal vor der gleichen Situation stünde, wäre es dasselbe Dilemma. Was ich aus der Bibel dazugelernt habe, hat sich sehr positiv ausgewirkt. Ich empfinde es als großen Segen, daß mir vieles klarer geworden ist und mich Gott näher gebracht hat.
Wäre das alles ein planvolles Unternehmen gewesen, so hätte ich mein Vorgehen vorher genau festgelegt. So aber habe ich einfach als normaler Mensch auf alles reagiert. Die menschliche Seite siegte über die Furcht vor einer Organisation. Ich hatte nie beabsichtigt, mich von den Zeugen zu trennen. Mich hat einfach begeistert, was ich in der Bibel gelesen hatte. Die Schlußfolgerungen erwuchsen aus meinem persönlichen Bibellesen. Mir ging es nie dartun, dogmatisch zu sein. Nach meinen 30 Jahren als Zeuge frage ich mich nur, weshalb nicht auch sie das Mitgefühl und die Barmherzigkeit hatten wie ich. Warum stellten sie Fragen, um einen hereinzulegen? Man führte die Verhandlungen so, als gelte es, Schuldbe­weise zu sammeln, und nicht, einem irrenden Bruder zu helfen.“

Den drei Männern, die in der spanischen Übersetzungsabteilung gearbeitet hatten (Vazquez, Sanchez und Kuilan), wurde – ebenfalls weltweit ­nachgesagt, sie hätten die Texte beim Übersetzen absichtlich verändert, und das hätten sie mit meinem Wissen und meiner Billigung getan. (In französischsprachigen Ländern änderte man das Gerücht auf die französi­schen Übersetzungen entsprechend ab.) Dazu sagte Rene folgendes:

„Das ist doch lächerlich! So etwas hätte man gar nicht machen können, unmög­lich! Wir haben nichts verändert und an so etwas auch überhaupt nie gedacht. Das hat man uns in den Verfahren auch nie vorgeworfen. Alles was übersetzt wurde, [260] ging durch die Hände von so rund fünf verschiedenen Leuten zur Prüfung. Als letzter las es Fabio Silva. Man mußte beim Übersetzen genau darauf achten, den Gedankengang des Originals möglichst getreu wiederzugeben.“[32]

10.8.5 Die Gerüchteküche unter Jehovas Zeugen brodelt, da niemand genaue Kenntnis über Ausschlussgründe erlangt!

Das wohl bösartigste Gerücht, das in verschiedenen Landesteilen der USA unter anderem von Ältesten als „Wahrheit“ weitergereicht wurde, lautete, die „Abtrünnigen“ hatten miteinander homosexuelle Beziehungen gehabt. Woher diese ungeheuerliche Lüge stammt, ist schwer auszumachen. Die einzige Erklärung, die ich dafür hätte, wäre, daß etwa ein Jahr vor Beginn der inquisitorischen Verhöre ein Mitarbeiter der Weltzentrale in einer hohen Position homosexueller Neigungen beschuldigt wurde. Die leitende Körper­schaft hatte sich mit dem Fall befaßt und war bemüht gewesen, alles still über die Bühne zu bringen. Anscheinend wurde dann aber doch darüber geredet, und in den Gerüchteküchen wurden die Handlungen dieses Man­nes auf die „Abtrünnigen“ übertragen. Das war nicht weiter schwierig, da sich Gerüchtemacher selten um Tatsachen scheren. Eine andere Erklärung weiß ich nicht.

Wie können Menschen, die sich auf ihre christlichen Grundsätze so viel einbilden, derart verleumderische Gerüchte weitererzählen, die nichts weiter als reines Geschwätz sind? Ich glaube, bei vielen bestand einfach ein Bedürfnis, das Geschehene verstandes- und gefühlsmäßig zu rechtfertigen. Daß man gegen Menschen mit tadelloser Vergangenheit, die allen in ihrer Umgebung als friedfertig bekannt waren, so plötzlich im Schnellverfahren und mit solcher Scharfe vorging, dafür genügten ihnen die Gründe, die bei den Ermittlungen herausgekommen waren, einfach nicht; in ihren Augen mußte mehr vorgelegen haben, wenn solche Menschen jetzt auf einmal als „Abtrünnige“ gelten sollten. Hätte sonst weiter nichts vorgelegen, so wäre man am Ende vielleicht gezwungen gewesen, die Organisation als Gottes alleinigen Mitteilungskanal auf Erden in Frage zu stellen – gerade, wenn man die Betroffenen näher kannte. Das hätte für viele bedeutet, das Undenkbare zu denken. Und dabei wäre ihr Gefühl der Sicherheit zu sehr ins Wanken gekommen, eine Sicherheit, die weitgehend (weit mehr, als die meisten eingestehen würden) auf dem blinden Vertrauen gegenüber einer menschlichen Organisation beruht. [261]

10.9 Vor dem Sanhedrin *
10.9.1 „Mein Richter ist der Herr“, mögen mich Menschen frei- oder schuldig sprechen! Ausgeschlossenen wird jedes Recht zur Verteidigung und Richtigstellung falscher Tatsachen verweigert!

„Von einem Verwalter verlangt man, daß er zuverlässig ist. Ob ich das bin, könnt ihr nicht beurteilen. Das kann kein menschli­ches Gericht: Auch ich selbst maße mir kein Urteil darüber an. Zwar ist mein Gewissen rein, aber damit bin ich noch nicht freigesprochen. Mein Richter ist der Herr“ (1. Korinther 4:2-4, Die Bibel in heutigem Deutsch).

Alle Informationen, die man mir vorenthalten hatte, erhielt ich auf einen Schlag, als ich in Brooklyn eintraf. Am nächsten Tag sollte ich morgens früh in der Vollsitzung der leitenden Körperschaft erscheinen.

Was sich alles abgespielt hatte und nach welchen Methoden man vorgegan­gen war, das überblickte ich erst später. In diesem Augenblick war ich einfach wie gelähmt. Ich konnte mich nicht mehr erkundigen, ob das mir vorgelegte Material überhaupt der Wahrheit entsprach, denn die Betroffe­nen waren bereits aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden, und ihre Aussagen wurden von der leitenden Körperschaft nicht mehr angenommen. Noch immer konnte ich kaum glauben, daß dieselben Menschen, in deren Mitte ich Zeit meines Lebens meine religiöse Heimat gehabt hatte, je so handeln könnten, wie ich es jetzt erlebte. Während der Fahrt nach New York überkamen mich fast dieselben Gefühle wie damals, als ich meine Reisen in die Dominikanische Republik unter der Herrschaft des Diktators Trujillo unternahm. In Puerto Rico, von wo aus ich losfuhr, war die Atmosphäre frei und offen; auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterhielten die Menschen sich ungezwungen. Doch sobald das Flugzeug auf dem Flugplatz von Ciudad Truiillo (heute Santo Domingo] gelandet war, konnte man die Veränderung fast mit Händen greifen. Die Leute unterhiel­ten sich mit größter Vorsicht, in den Verkehrsmitteln sogar fast gar nicht, denn jeder hatte Angst, seine Worte könnten als mißliebig gedeutet und von einem der zahlreichen Spitzel weitergetragen werden. Was in Puerto Rico völlig normal war – der Austausch von Gedanken und Meinungen-, das war in der Dominikanischen Republik gefährlich. da man deswegen als Landesverräter eingestuft werden konnte. In dem einen Land konnte man Ansich­ten äußern, die von denen der Mehrheit abwichen, und brauchte hinterher keine Angst zu haben, wenn man erfuhr, dass dies weitererzählt worden war. In dem anderen Land machte man sich schwere Vorwürfe, wenn man etwas gesagt hatte, das nicht mit der herrschenden Ideologie übereinstimmte; man kam sich wie ein Verbrecher vor, und es wurde einem mulmig, wenn man daran dachte, was passieren würde, wenn die Äußerungen weitergege­ben würden. Dann ginge es überhaupt nicht mehr darum, ob das Gesagte gestimmt hatte, ob es ehrlichen Herzens gesprochen worden oder moralisch vertretbar gewesen war. Dann zählte einzig und allein, wie es von den Mächtigen aufgenommen werden würde.

10.9.2 Was die Organisation als ketzerisch verurteilt; aus Sicht der Bibel Verteidigung der Wahrheit!

Wenn ich vor dem Frühjahr 1980 in der Weltzentrale solche Gefühle gehabt hatte, so waren sie stets schnell wieder verflogen. Nun aber schienen sie [262] mich förmlich zu erdrücken. Die Führung der Organisation hatte sich schon ein festes Bild gemacht; das konnte man den Anweisungen entnehmen, die das Vorsitzenden-Komitee mir gegeben hatte, und auch den Äußerungen der Mitglieder dieses Komitees und der Mitarbeiter der Dienstabteilung, die auf den Tonbandaufnahmen zu hören waren. In dieser von Emotionen aufgela­denen Atmosphäre des Mißtrauens ging völlig unter, daß man alles, was andere oder ich gesagt hatten, auch anders sehen konnte. Nach all den Jahren hingegebenen Dienstes m der Organisation hatte ich Mühe, mir immer wieder neu ins Gedächtnis zu rufen, daß Dinge, die vom Standpunkt der Organisation aus als ketzerisch verdammt werden mochten, aus der Sicht der Bibel richtig und gut sein konnten. Ich wußte genau, daß ich mit niemand von mir aus über diese Dinge gesprochen hatte. Andere hatten sich an mich gewandt und ich hatte eine Verpflichtung gefühlt, sie auf Gottes Wort zu verweisen, wo sie eine Antwort finden konnten, auch wenn diese anders lautete als die der Mächtigen.

Die allermeisten von denen, die mich jetzt anhören würden, darüber gab es keinen Zweifel, sahen die Angelegenheit lediglich vom Standpunkt der Organisation aus. Wäre man an die Sache von Anfang an anders herangegan­gen, ich bin sicher, dann hätte sich alles ohne Verwicklungen in Ruhe und Frieden bereinigen lassen. In freundlichen, brüderlichen Gesprächen hatte man Zurückhaltung empfehlen können, soweit es zu überzogenen Äuße­rungen gekommen sein sollte; man hätte eindringlich um Rücksichtnahme bitten können, wo es daran gemangelt haben sollte. Ohne Konfrontationskurs, Willkürmaßnahmen und kleinkrämerisches, gesetzliches Denken wäre es nie dazu gekommen, daß die privaten Unterhaltungen einer Handvoll Leute sich zu einer Riesenaffäre ausweiteten, einem öffentlichen Skandal mit verheerenden Auswirkungen für viele Menschen und Nachwir­kungen rund um die Erde.

Als ich vor die leitende Körperschaft trat, lag mir nichts daran, noch Öl in das Feuer zu gießen, das schon einige meiner besten Freunde verzehrt hatte. Ich war bereit einzugestehen, daß einige Beteiligte Dinge geäußert haben mögen, die man als dogmatisch oder fanatisch bezeichnen könnte, und daß ich dies zutiefst bedauerte. Zu dem Zeitpunkt konnte ich allerdings nicht feststellen, inwieweit das den Tatsachen entsprach, denn das waren vor allem Leute, mit denen ich nie über die Bibel gesprochen hatte, die ich zum Teil nicht einmal kannte.

10.9.3 Sitzung der leitenden Körperschaft zeichnet das Gespräch auf Band auf: Kondition, eine Kopie ausgehändigt zu erhalten wird akzeptiert

Die Sitzung der leitenden Körperschaft am Mittwoch, 21. Mai 1980, wurde von Albert Schroeder als Vorsitzendem eröffnet. Als erstes gab er bekannt, ich hätte mich gegenüber dem Vorsitzenden-Komitee damit einverstanden erklärt, daß die Diskussion auf Tonband aufgezeichnet würde, unter der Bedingung, daß ich eine Kopie des Bandes erhielte.

Im Konferenzzimmer der leitenden Körperschaft stand ein langer ovaler Tisch, der etwa 20 Personen Platz bot. Alle 17 Mitglieder waren anwesend. Bis auf Lyman Swingle, der zu meiner Linken saß, hatte keiner vorher ein Wort mit mir gewechselt. Niemand hatte mich am Vortag in meinem Büro [263] oder in meinem Zimmer besucht (nicht einmal mein Verwandter, der dem Gremium auch angehörte). Sollte es überhaupt so etwas wie Wärme oder brüderliches Mitgefühl in dem Raum gegeben haben, so habe ich davon nichts gespürt, In meinem Innern herrschten nur die Gefühle, die ich früher gehabt hatte, wenn ich vor einem weltlichen Gericht erscheinen mußte. Mit einem Unterschied: damals fühlte ich mich freier beim Sprechen, und ich wußte, daß andere zugegen waren, die das Gesagte und die darin zum Ausdruck kommende Einstellung bezeugen konnten. Hier aber handelte es sich um eine Geheimsitzung, zu der niemand sonst Zutritt hatte. Die Haltung, mit der man mich empfing, schien nur zu bestätigen, was mir Rene Vazquez darüber erzählt hatte, wie man ihm begegnet war.

Der Vorsitzende fuhr fort, die leitende Körperschaft wünsche von mir als erstes eine Stellungnahme zu allen acht Punkten zu hören, die das Vorsit­zenden-Komitee als Beweise für Abtrünnigkeit (in seinem Text vom 28. April) aufgelistet hatte. Das tat ich dann auch. Bei jedem Punkt bemühte ich mich, so zurückhaltend, undogmatisch, einlenkend und versöhnlich zu sein, wie ich es mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, ohne unehrlich oder heuchlerisch zu werden. Die kategorische Form, in der das Vorsitzen­den-Komitee die Punkte formuliert hatte, wonach man entweder aner­kannte, was die Organisation lehrte, oder das glaubte, was dort stand, war der ganzen Sache einfach nicht angemessen. Worum es im Kern ging, kam meiner Meinung nach bei keinem der acht Punkte zum Vorschein. Es ging nicht um die Frage, ob Gott eine Organisation auf Erden hat, sondern was für eine Organisation – eine zentralistische, streng durchstrukturierte, autoritäre Organisation oder einfach eine Gemeinschaft von Brüdern, in der es nur Autorität zum Helfen, Leiten und Dienen, nicht aber zum Herrschen gab. Darum lautete meine Antwort, ich glaubte, Gott habe eine Organisa­tion auf Erden in dem Sinne, daß er eine Gemeinde auf Erden hat, die Christenversammlung, eine Bruderschaft.

Die Frage war nicht, ob Gott die Mitglieder dieses Führungsgremiums geleitet hatte und noch leitete, sondern in welchem Maß und unter welchen Bedingungen. Ich zweifelte nicht daran, daß Gott ihnen seine Leitung zukommen lassen würde, wenn sie dies aufrichtig wollten (einige der Entscheidungen, besonders während meiner ersten Amtsjahre waren mei­nes Erachtens gute Entscheidungen gewesen, getragen von Mitgefühl), doch das wäre meiner Meinung nach ganz sicher nicht automatisch so. Es hinge stets von bestimmten Faktoren ab. So sagte ich unter anderem, die Führung Gottes könne man immer nur in dem Maß erwarten, in dem man sich nach der Bibel richte; dementsprechend werde Gott seine Leitung gewähren oder zurückziehen. (Das gilt meiner Ansicht nach für jeden Menschen und für jede Gruppe, ganz gleich, um wen es sich handelt.)

In dieser Art beantwortete ich alle Fragen. Sollte einer der Beschuldigten sich zu diesen Punkten so kategorisch geäußert haben, wie das Vorsitzen­den-Komitee sie formuliert hatte, so wollte ich nach Kräften dazu bei tragen, daß wieder Augenmaß und Zurückhaltung einkehrten, um zu versöhnen, [264] statt alles noch schlimmer zu machen. Ich lenkte ein, soweit mir das möglich war.

Ansonsten wurde ich kaum etwas gefragt. Lyman Swingle wollte wissen, was ich von Bibelkommentaren hielt, worin ich einen Hinweis sah, daß dies Gegenstand der Diskussion in der leitenden Körperschaft gewesen sein mußte. Ich antwortete, ich hätte diese Werke verstärkt zu Rate gezogen, nachdem mein Onkel mich (während der Arbeit am Hilfe-Buch) dazu ermuntert hatte. Wenn es nicht erwünscht sei, sie zu benutzen, müsse man ganze Abteilungen der Bethelbibliothek ausräumen, denn dort standen Dutzende und Aberdutzende von vielbändigen Kommentaren.

Martin Pötzinger, der unter der Naziherrschaft mehrere Jahre in Konzentra­tionslagern verbracht hatte, zeigte sich unzufrieden mit meinen Antworten zu den acht Punkten auf dem Zettel. Er fragte, wie es angehen könne, daß ich über diese Fragen so dachte, während die anderen sich viel forscher und unzweideutiger darüber äußerten? (Wie die übrigen Anwesenden auch, hatte er mit keinem einzigen der Beschuldigten je persönlich gesprochen)[33] Ich erwiderte, ich könne nicht dafür geradestehen, wie andere Leute sich äußerten, und verwies ihn auf Römer, Kapitel 3, Vers 8, und 2. Petrus, Kapitel 3, Verse 15 und 16, um damit zu zeigen, daß man sogar Äußerungen des Apostels Paulus falsch verstanden und wiedergegeben hatte. Auch wenn ich das nicht sagte, so kam ich mir doch vor, wie es in Lukas, Kapitel 11, Vers 54 beschrieben wird, nämlich wie unter Leuten, die versuchten, mich „bei irgendeiner verfänglichen Äußerung zu ertappen“.[34] So wie diese Leute sich in den vorangegangenen Wochen aufgeführt hatten, konnte man gar nicht anders reagieren.

10.9.4 Literatur der Zeugen füllte seit eh und je die Müllcontainer, auch im Bethel!

Darauf ließ Pötzinger wissen, was er von den ausgeschlossenen angeblichen Abtrünnigen hielt. Erregt sagte er, sie hätten ihre wahre Einstellung offenbart, als sie „vor ihrer Abreise ihre Wachtturmliteratur in den Müll schmissen!“ (Hierbei handelte es sich um eines der im Bethel am weitesten verbreiteten Gerüchte; es war sogar ein Mitglied der leitenden Körperschaft, das es am Frühstückstisch vor versammelter Belegschaft der Weltzentrale ausgesprochen hatte.) Ich sagte zu Martin Pötzinger, ich hielte es für voreilig, Schlußfolgerungen zu ziehen, bevor man nicht mit den Beteiligten selbst gesprochen und den genauen Sachverhalt von ihnen erfahren habe. In meinen 15 Jahren in der Weltzentrale, fuhr ich fort, sei es höchst selten vorgekommen, in den Abfallcontainern einmal nicht große Mengen an Literatur der Gesellschaft zu sehen, meist alte Zeitschriften und Bücher, weggeworfen von Mitgliedern der Bethelfamilie. Soweit mir bekannt, seien einige der ausgeschlossenen Mitarbeiter im Flugzeug nach Puerto Rico zurückgekehrt, und die schwersten Gepäckstücke seien nun einmal die Bücher gewesen, die obendrein auch am leichtesten wiederzubeschaffen [265] wären. Ich wiederholte, es könne nicht angehen, Urteile nach Hörensagen zu fallen, und das sei besonders unangebracht für jemand, der als Richter amte. Er starrte mich nur an, sagte aber von da an kein Wort mehr.

In einer weiteren Frage ging es um die Gedächtnis- oder Abendmahlfeier, die ich im Monat vorher (im April) in Homestead (Florida) abgehalten hatte.[35] Man wollte wissen, ob es stimme, daß ich in meiner Ansprache dort auf die „anderen Schafe“ (diejenigen mit Hoffnung auf irdisches Leben) gar nicht eingegangen sei. Ja, sagte ich, das sei richtig, und dann erzählte ich, was ich kurz nach der Übersiedlung aus der Dominikanischen Republik in Brooklyn erlebt hatte. Meine Frau und ich waren in einer Versammlung zum Gedächtnismahl gegangen, die ihre Feier recht früh am Abend abgehalten hatte. So kamen wir rechtzeitig wieder im Bethel an, um den Vortrag meines Onkels, der damals Vizepräsident war, in voller Länge anzuhören. Nach der Ansprache waren wir zusammen mit meinem Onkel zu dem Bethelmitar­beiter Malcolm Allen eingeladen worden. Dort wandte sich meine Frau gleich an meinen Onkel: „Mir fiel auf, daß du die anderen Schafe‘ in deiner Ansprache gar nicht erwähnt hast. Warum das denn?“ Er antwortete, für ihn sei dieser Abend besonders für die „Gesalbten“ gedacht, und sagte: „Und darum konzentriere ich mich ganz auf sie.“ Meine Notizen von diesem Vortrag des Vizepräsidenten hätte ich noch, sagte ich der leitenden Körper­schaft, und sie seien schon viele Male als Grundlage einer Gedächtnismahl­ansprache verwendet worden. Sie könnten gerne kommen und sie sich ansehen. (Natürlich war Fred Franz auch selbst anwesend, so daß sie ihn über seinen Vortrag hätten befragen können, wenn sie gewollt hätten.) Damit war das Thema erledigt.[36]

Was geschehen war, tat mir ehrlich leid (immer vorausgesetzt, daß es tatsächlich einzelne gegeben hatte, die sich zu extremen Äußerungen hatten hinreißen lassen). Hätte man mich informiert, so sagte ich den anderen, so hatte ich alles in meiner Macht Stehende getan, um dem Einhalt zu gebieten. Daß Unüberlegtheit mit im Spiel war, leugnete ich nicht, und ich schloß mich selbst dabei nicht aus, sagte aber, ich hielte es für verkehrt, Unüberlegtheit mit Bösartigkeit und Vorsätzlichkeit gleichzusetzen. Dieje­nigen, bei denen man das unterstellt hatte, nahm Ich in Schutz, soweit sie mir persönlich bekannt waren. Ich sprach ihnen meine Achtung und mein Vertrauen aus wegen der guten christlichen Eigenschaften, die ich an ihnen kannte. Ich erzählte, was ich von Rene Vazquez: dreißig Jahren des Dienstes wußte, von seiner aufrichtigen Hingabe, seinem untadeligen Verhalten in [266] Puerto Rico, in Spanien und in den USA. Und ich sprach von meiner Enttäuschung darüber, daß nach so vielen Jahren des Zusammenlebens und -arbeitens nicht ein einziger von ihnen als meinen Amtskollegen es für richtig gehalten hatte, den Kontakt zu mir zu suchen und klar zu sagen, was hier los war.

Lediglich Schroeder, der Vorsitzende, antwortete darauf. Er fiel gleich ein:

„Aber du warst zu uns auch nicht ganz ehrlich, Ray. Du hast uns nicht gesagt (in dem Telefongespräch), woher du von der Untersuchung in der Schreibabteilung gewußt hattest!“ Ich erwiderte: „Hast du mich denn danach gefragt!“ „Nein“, antwortete er. Ich fuhr fort: „hättest du es getan, so hätte ich es dir umgehend gesagt. Ed Dunlap hatte mich angerufen und mir davon erzählt.“ Kurz darauf gab Karl Klein, der ebenfalls dem Vorsitzen­den-Komitee angehörte, lächelnd zu: „Wir waren nicht ganz offen mit Ray.“ Und weiter: „Wenn Rene Vazquez auf die Fragen genauso wie Ray geant­wortet hätte, wäre er nicht ausgeschlossen worden.“ Da Karl Klein und auch die anderen Mitglieder der leitenden Körperschaft keinerlei Versuch unter­nommen hatten, mit Rene zu sprechen, sie weder bei seinem ersten Verhör dabei waren noch bei der ersten Verhandlung vor dem Rechtskomitee, noch bei der Berufungsverhandlung, mußten ihre Urteile über seine Antworten sich also auf das stützen, was sie von denen gehört hatten, die diese Verhandlungen an ihrer Stelle geführt hatten. Mir war schleierhaft, wie sie aufgrund solchen Wissens aus zweiter Hand Vergleiche anstellen oder Schlüsse ziehen konnten. Sich mit den Anklägern zusammenzusetzen, dazu war das Vorsitzenden-Komitee – dem auch Karl Klein angehörte ­bereit gewesen. Es hatte Zeit gefunden, sich die belastenden Aussagen des Ehepaars Godinez und Bonellis anzuhören, fand aber keine Gelegenheit, mit nur einem einzigen der Beschuldigten zu sprechen. Das kann ich kaum als Beweis für brüderliche Liebe und Mitgefühl ansehen.

Die meisten anderen saßen bloß da und horten zu, fragten nichts und gaben keine Kommentare. Nach zwei bis drei Stunden (ich war zu aufgewühlt, als daß ich noch ein Zeitgefühlgehabt hätte) wurde mir gesagt, ich könne den Konferenzraum verlassen; man würde sich wieder melden. Ich ging in mein Büro und wartete. Die Mittagszeit kam, und aus dem Fenster konnte ich beobachten, wie einige Mitglieder der leitenden Körperschaft durch den Garten zu den Speisesälen gingen. Mir war nicht nach Essen zumute, und so wartete ich weiter. Als es drei Uhr wurde, war ich zu erschöpft, um dort noch langer zu bleiben, und ging auf mein Zimmer. All die Erlebnisse der letzten Wochen, angefangen mit dem Anruf des Vorsitzenden, dann der Schock, als ich erfuhr, wie man mich an der Nase herumgeführt hatte, all das Elend, das in den vielen Telefongesprächen mit denen offenbar wurde, die den Kreuzverhören und dem Druck ausgesetzt waren, die Schnelligkeit und Unbarmherzigkeit, mit der die Gemeinschaftsentzüge folgten, und vor allem das fortgesetzte Schweigen der leitenden Körperschaft, die mich mit keinem Wort über den Fortgang der Angelegenheit informierte – all das hatte nun seinen Höhepunkt erreicht, zuerst am Vormittag, als ich die [267] harte, eiskalte Einstellung selbst erleben mußte, und dann wahrend der Stunden des Wartens. Am Abend war ich krank.

Am selben Abend rief Schroeder an und forderte mich auf, zu einer Abendsitzung der leitenden Körperschaft zu kommen, bei der die Anhörung weitergehen sollte. Meine Frau war ans Telefon gegangen, und ich sagte ihr, sie solle ihm ausrichten, ich sei einfach zu krank, um zu kommen, und ich hätte alles gesagt, was zu sagen wäre. Darauf könnten sie ihre Entscheidung stützen.

10.9.5 Das Schlimmste ist: Daß die leuchtende Wahrheit der Schrift so mit Füßen getreten wird!

Spät abends kam Lyman Swingle vorbei, um zu fragen, wie es mir ging. Er wohnte zwei Stockwerke über uns. Ich war dankbar für seinen Besuch und sagte ihm, was für eine Belastung diese ganzen Wochen für mich bedeutet hätten. Ich sagte ihm auch, was mich am meisten bedrückte; das war nicht die Entscheidung, die die leitende Körperschaft über mich fällen könnte, sondern die Tatsache, daß die leuchtende Wahrheit des Wortes Gottes so mit Füßen getreten wurde. Heute wie damals meine ich, daß der schlimm­ste Aspekt der ganzen Sache war, daß man ein Sammelsurium von Lehrmei­nungen einer Organisation als Maßstab für die Richtigkeit ganz elementarer Aussagen der Bibel nehmen und diese klaren Aussagen als falsche Lehren und als Beweis für „Ketzerei“ hinstellen konnte, weil sie nicht den Auslegungen der Organisation entsprachen.

Woran ich dachte, waren so schlichte und doch begeisternde Aussagen in Gottes Wort wie diese:

„Einer ist euer Lehrer, während ihr alle Brüder seid.“
„Ihr (seid) nicht unter Gesetz … , sondern unter unverdienter Güte.“ „Alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes.“
„Da ist ein Leib und ein Geist, so wie ihr in der einen Hoffnung berufen worden seid, zu der ihr berufen wurdet; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist.“
„Denn sooft ihr dieses Brot eßt und diesen Becher trinkt, verkündigt ihr immer wieder den Tod des Herrn, bis er gekommen ist.“
„Denn da ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, ein Mensch, Christus Jesus.“
„Es ist nicht eure Sache, über die Zeiten oder Zeitabschnitte Kenntnis zu erlangen, die der Vater in seine eigene Rechtsgewalt gesetzt hat.“[37]

Im Gegensatz hierzu war unter den acht Punkten, die das Vorsitzenden­-Komitee sozusagen als Glaubensbekenntnis verwendete, auf dessen Grund­lage es zu Gericht saß, nicht ein einziger Punkt, in dem die Lehre der Wachturm-Gesellschaft durch eine klare, eindeutige Aussage der Heiligen Schrift zu stützen wäre, Oder auf welche klare biblische Aussage könnte die leitende Körperschaft oder irgendjemand sonst verweisen und sagen: „Hier sagt die Bibel es doch ganz klar“, [268]

1. daß, Gott eine Organisation auf Erden hat (von der Art, wie sie hier zur Debatte steht) und darf er sie durch eine leitende Körperschaft führt? Wo steht das in der Bibel!

2. daß die himmlische Hoffnung nicht jedem offensteht, der sie hegt; daß sie (seit 1935) durch eine Hoffnung auf irdisches Leben ersetzt wurde und daß Jesu Worte in Verbindung mit den Symbolen Brot und Wein „Tut dies zur Erinnerung an mich“ nicht für alle gelten, die das Loskaufsopfer angenommen haben? Welche Schriftstellen sagen das!

3. daß der „treue und verständige Sklave“ eine „Klasse“ ist, der nur ganz bestimmte Christen angehören, daß die Bezeichnung auf einzelne keine Anwendung findet und daß dieser „Sklave“ durch eine leitende Körperschaft handelt? Auch hier wieder: Wo steht das in der Bibel!

4. daß Christen in zwei Gruppen aufzuteilen sind, je nachdem, ob sie Leben im Himmel oder auf der Erde erhoffen, und daß sie ein unterschiedliches Verhältnis zu Gott und Christus haben? Wo wird das gesagt?

5. daß die Zahl 144 000 in der Offenbarung als buchstäblich aufgefaßt werden muß und daß der Ausdruck „große Volksmenge“ sich nicht auf Menschen bezieht (und sich nicht beziehen kann), die in Gottes himmlischem Tempel dienen? Wo steht das?

6. daß die „letzten Tage“ im Jahr 1914 anfingen und daß der Apostel Petrus, als er (gemäß Apostelgeschichte 2: 17) die letzten Tage vom Pfingstfest an zählen ließ, nicht dieselben „letzten Tage“ meinte wie Paulus (in 2. Timotheus 3:1)? Wo?

7. daß Jesus Christus im Kalenderjahr 1914 erstmals als König über die ganze Erde inthronisiert wurde und daß dieses Jahr den Beginn seiner Parusie darstellt! Wo?

8. daß der Text in Hebräer 11:16, in dem es heißt, Männer wie Abraham, Isaak und Jakob strebten „nach einem besseren Ort, nämlich einem, der zum Himmel gehört“, nicht bedeuten könnte, daß, sie Leben im Himmel erhalten würden? Wo?

Keine einzige der hier angesprochenen Lehren der Gesellschaft läßt sich durch eine klare, einfache und direkte Aussage der Heiligen Schrift belegen. Für jede wären komplizierte Erklärungen nötig, verwickelte Kombinatio­nen verschiedener Schrifttexte, manchmal sogar regelrechte Hirnakrobatik, um ihr ein biblisches Fundament zu geben. Und dennoch diente das als Grundlage, um herauszufinden, ob jemand ein Christ sei! Mit ihrer Hilfe wurde entschieden, ob Menschen, die ihr ganzes Leben im Dienst für Gott hingegeben hatten, vom Glauben abgefallen waren.

Am Tag nach meiner Anhörung vor der leitenden Körperschaft kam Schroeder vormittags zu mir, um auf Band aufzunehmen, was ich zu einer Aussage eines weiteren Bethelmitarbeiters, Fabio Silva, zu sagen hätte, der davon berichtete, was ihm Rene Vazquez einmal gesagt hatte, als dieser ihn vom Flughafen abholte. Ich sagte, zu derartigen Aussagen, die nur auf Hörensagen beruhten, gebe es keinen Kommentar von meiner Seite.

10.10 Nicht alle sind vollkommen gefühlskalt aber alle haben sie Angst zu sagen was sie denken!
10.10.1 Die Gefühlskälte einiger die doch Herzen anderer zu bewegen vermag: Lyman Swingles einmaliger Gefühlsausbruch

Die Vormittagsstunden vergingen. Ich verspürte das Bedürfnis, diesen ganzen Schauplatz mit seiner bedrückenden Atmosphäre zu verlassen. Gegen Ende der Mittagspause ging ich aus meinem Zimmer und stieg die Treppe hinauf. Ich konnte gerade noch Lyman Swingle abfangen, als er vom Fahrstuhl zu seinen Zimmern ging. Ich fragte ihn, wie lange ich noch warten müßte. Er sagte mir, die Entscheidung sei gefallen und ich würde noch am selben Nachmittag informiert werden. Seinen Worten war zu entnehmen, [269] daß einige Mitglieder der leitenden Körperschaft sich für einen Gemein­schaftsentzug stark gemacht hatten. Während er mit mir sprach, verzog sich plötzlich sein Gesicht, und er sagte: „Ich kann nicht begreifen, was in manchen vorgeht. Ich habe gekämpft, und wie ich gekämpft habe“, und dann schluchzte er ganz offen los. Und mit einem Mal war ich es, der ihn zu trösten versuchte, ich redete ihm beruhigend zu, daß es mir wirklich eigentlich ziemlich egal sei, was sie entschieden hatten, nur daß ich jetzt einen Schlußpunkt gesetzt sehen wollte. Weil seine Tränen nicht aufhören wollten, ging ich weg, damit er in sein Apartment kam.

Eines weiß ich: Es gibt in der ganzen leitenden Körperschaft keinen, der der Organisation der Zeugen Jehovas mehr ergeben ist als Lyman Swingle. Wegen seiner Offenheit und seinem Mut habe ich ihn bewundert und sehr gemocht. Ich habe keine Ahnung, wie er heute über mich denkt; vielleicht hat sich seine Einstellung vollständig gewandelt. Wie dem auch sei, ich weiß nur, daß ich diesen Menschen für alle Zeiten lieben werde, weil er mir damals im Treppenflur so ehrlich seine Gefühle gezeigt hat. Aus seiner Traurigkeit habe ich Kraft geschöpft.[38]

10.10.2 Die Bitte, von der leitenden Körperschaft zurückzutreten

Am selben Nachmittag überbrachte Schroeder mir die Entscheidung der leitenden Körperschaft. Die Fraktion, die meinen Gemeinschaftsentzug wollte, hatte anscheinend keine Zweidrittelmehrheit bekommen, denn er teilte mir einfach mit, man bitte mich, von meinem Posten in der leitenden Körperschaft zurückzutreten und meine Tätigkeit im Bethel zu beenden. Man bot mir an, meine Frau und mich den Sonderpionieren gleichzustellen, die aus gesundheitlichen Gründen die vorgeschriebene Leistung nicht mehr erbringen können (ähnlich wie dies bei Kreis- und Bezirksaufsehern gehand­habt wird, die wegen Krankheit oder Alter aus dem reisenden Dienst ausscheiden müssen). Wer zu dieser Gruppe gerechnet wird, schickt jeden Monat seinen Predigtdienstbericht an die Gesellschaft und bekommt eine finanzielle Zuwendung, braucht aber keine bestimmte Mindestanzahl Stunden im Zeugniswerk zu verbringen.[39] Ich sagte ihm, wir beide wollten nicht an irgendeine Verpflichtung gebunden sein, und sei sie auch nur formaler Art. Dann sagte er noch ein paar Worte darüber, „was für eine großartige Leistung“ das Buch Hilfe zum Verständnis der Bibel gewesen sei, und ging wieder.

Ich schrieb meine Rücktrittserklärung nieder, wie sie hier abgebildet ist. Was ich dort gesagt habe, habe ich bis heute getan. [270]

„An die leitende Körperschaft

Liebe Brüder,

hiermit trete ich als Mitglied der leitenden Körperschaft zurück. Zugleich beende ich meinen Betheldienst.
Ich werde weiterhin für Euch und für alle Diener Jehovas auf der Erde beten.

Euer Bruder

R. V. Franz“ [271]

Um uns erst wieder zu fangen und das innere Gleichgewicht wiederzuerlan­gen, hielten wir uns die folgenden Tage nicht im Bethel auf. Danach kamen wir noch einmal zurück, um alles zu packen, was wir mitnehmen wollten. Die meisten Aktenordner ließ ich zurück; ich nahm nur mit, was mich persönlich betraf. Es schien mir notwendig, später in der Lage zu sein, meine Position in verschiedenen Fragen zu dokumentieren, falls sie falsch darge­stellt werden sollte (was auch tatsächlich mehrfach geschah).

Als wir zurückkamen, sah ich Ed Dunlap draußen vor einem der Gebäude der Weltzentrale stehen. Er sollte an jenem Tag vor einem Rechtskomitee erscheinen.

Ed war nun neunundsechzig. Im Jahr zuvor (1979) hatte er ernsthaft erwogen, der Weltzentrale den Rücken zu kehren, Er wußte, daß es seinetwegen innerhalb und außerhalb der leitenden Körperschaft Zwist gab. Einmal hatte er das Schreibkomitee ersucht, ihn gegen diese Anfeindungen in Schutz zu nehmen. Daraufhin beauftragte dieses drei seiner Mitglieder­ Lyman Swingle, Lloyd Barry und Ewart Chitty mit Karl Klein ein Gespräch zu führen (der zu dieser Zeit noch nicht Mitglied des Schreibkomi­tees war, es aber nach Chittys Rücktritt wurde). Sie baten ihn eindringlich, in Zukunft nicht mehr in Eds Büro zu gehen und ihn zu kritisieren, außerdem solle er aufhören, gegenüber anderen abfällig über Ed zu reden. Danach hielt er sich anscheinend mit seinen Äußerungen etwas zurück, zumindest außerhalb der leitenden Körperschaft, innerhalb dieser Gruppe blieb aber alles beim alten.

10.10.3 Gründe für einige, um in der Weltzentrale zu bleiben: Wohnung, Essen und medizinische Versorgung im Alter

Als ich Ende 1979 Ed von unseren Plänen, die Weltzentrale zu verlassen, erzählte, sagte er, er habe gründlich nachgedacht und sei zu dem Schluß gekommen, für ihn sei das nicht machbar. Er sah keinen gangbaren Weg, wie er in seinem Alter und bei seinen wirtschaftlichen Verhältnissen seine Frau und sich ernähren sollte. Wenn er dabliebe, hätten sie wenigstens Wohnung, Essen und medizinische Versorgung für Notfälle. Deswegen habe er beschlossen zu bleiben. Er fügte hinzu: „Wenn sie mir in der Schreibabtei­lung zu viel Ärger machen, lasse ich mich eben in die Tischlerei oder sonst wohin versetzen.“

Noch nicht einmal ein Jahr später war er zur Verhandlung vor einem Rechtskomitee vorgeladen. Bei unserer kurzen Begegnung sagte er mir: „Die werden deutliche Worte von mir zu hören kriegen. Das Herumdruck­sen liegt mir nicht.“ Für ihn stand schon so gut wie fest, was das Komitee beschließen würde.

10.10.4 Das Berufungs-Rechtskomitee zum Fall Ed Dunlops tagt

Der Monat Mai war mittlerweile fast zu Ende. Etwa sechs Wochen waren vergangen, seit das Vorsitzenden-Komitee dem Rest der leitenden Körper­schaft das Tonband mit den Äußerungen des Ehepaars Codinez, auf dem mehrfach Eds Name genannt worden war, vorgespielt hatte. Fast ebenso viel Zeit war verstrichen, seit Barry und Barr das Gespräch mit ihm führten, in dem sie ihm versicherten, sie wollten „nur ein paar Informationen“. Nicht ein einziger vom Vorsitzenden-Komitee sprach mit ihm in diesen ganzen Wochen und sagte ihm etwas über die schweren Anschuldigungen, die [272] gegen ihn erhoben worden waren – und das, obwohl Ed Dunlap mit ihnen eng zusammenarbeitete und bis zum letzten Tag an einem Buch über das Leben Jesu Christi schrieb, wozu ihn die leitende Körperschaft beauftragt hatte. Diese Männer hielten alle Fäden in der Hand, sie alle kannten Ed auch privat sehr gut, und doch sprach keiner mit ihm auch nur ein Wort darüber, bis zum Schluß nicht.[40]

Niemand aus der ganzen leitenden Körperschaft ging in den fast sechs Wochen nach dem ersten Gespräch mit Barry und Barr auf Ed Dunlap zu und redete mit ihm, führte ein biblisches Gespräch mit diesem Mann, der fast ein halbes Jahrhundert im Dienst aktiv war, über 40 Jahre im Vollzeitdienst gestanden hatte, der die himmlische Hoffnung hegte, und der jetzt fast 70 Jahre alt war. Sie alle können das bestätigen. Wie wenig glichen sie doch dem Hirten, der die neunundneunzig zurückläßt. um das eine verirrte Schaf (das er in ihren Augen war) zu suchen lind ihm zu helfen.

Ich wiederhole, es mag wohl sein, daß einzelne der Ausgeschlossenen unbesonnene Worte geäußert haben, Die eben beschriebenen Reaktionen der Verantwortungsträger aber standen, so glaube ich, zu diesen Äußerun­gen in keinem Verhältnis.[41]

Ein Komitee von fünf Bethelmitarbeitern war eingesetzt worden, um über Ed Dunlap zu Gericht zu sitzen. Die leitende Körperschaft hielt sich im Hintergrund. Alle fünf waren jünger als Ed, keiner zählte sich zu den „Gesalbten“. Ihre Entscheidung stand nach nur einem Tag Beratung fest. Hier einige der Äußerungen, die ihre Einstellung einigermaßen gut erken­nen lassen:

Als man Ed fragte, wie er über die Lehre der Organisation von den zwei Klassen von Christen dachte, verwies er auf Römer, Kapitel 8, Vers 14, wo zu lesen ist, „ALLE, die durch Gottes Geist geleitet werden,“ seien seine Söhne. Er stellte die Frage: „Wie wollt ihr das sonst deuten?“ Fred Rusk, der mehrere Jahre lang Dozent an der Gileadschule gewesen war, während Ed deren Registrator war, sagte darauf: „Ach Ed, das ist doch nur deine Deutung des Textes.“ Ed fragte: „Und wie willst du den Text sonst erklären?“ Fred Rusk antwortete: „Weißt du, Ed, du stehst hier vor Gericht, nicht ich.“ Befragt, wie er darüber denke, daß die Organisation Regeln aufstelle, betonte er, ein Christ stände nicht unter Gesetz, sondern unter unverdienter Güte (oder Gnade). Glaube und Liebe, so sagte er, könnten vielmehr zu gerechtem Handeln anspornen als Gebote. Robert Wallen warf ein: „Ed, ich will aber, daß mir jemand sagt, was ich tun soll!“ Ed mußte an die Worte des Apostels aus Hebräer, Kapitel 5, Verse 13 und 14, denken, wo dieser sagte, Christen sollten keine Kleinkinder sein, sondern reife Menschen, „die ihr Wahrnehmungsvermögen [273] geübt haben zur Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht“, und antwortete: „Dann mußt du mehr die Bibel lesen.“ Lächelnd erwiderte Robert Wallen: „Ich und zwei Millionen andere.“ Darauf Ed: „Daß sie es nicht tun, ist für dich kein Freibrief, es ebenfalls nicht zu tun.“ Er hob hervor, das sei eigentlich das Hauptproblem: die Brüder studierten einfach die Bibel nicht. Sie verließen sich auf die Veröffentlichungen; ihr Gewissen sei nicht wahrhaft durch die Bibel geschult.

Als Hauptgrund für die abschließende Verurteilung kristallisierte sich im Lauf der Verhandlung offenbar die Tatsache heraus, daß Ed mit einigen der inzwischen Ausgeschlossenen bei zwei Gelegenheiten Gespräche über biblische Fragen geführt hatte. Das Rechtskomitee hatte keine Beweise dafür, daß diese Gespräche wirklich stattgefunden hatten; Ed selbst hatte davon erzählt, da er von Anfang an gesagt hatte, er wolle vollständig offen mit ihnen über alles reden. Die Gesprächspartner hätten sich an ihn gewandt, und er sei zweimal mit ihnen essen gegangen; danach hätten sie über Teile des Römerbriefs gesprochen.[42] Das Rechtskomitee wollte wissen, ob er mit irgendjemand sonst darüber zu sprechen gedenke. Er antwortete, er habe nicht vor, irgendwelche Bekehrungsfeldzüge unter den Brüdern zu unternehmen. Wenn ihn aber jemand persönlich anspreche und um Hilfe bitte und er könne ihn zur Beantwortung seiner Fragen auf Texte aus der Bibel verweisen, dann würde er das tun; dazu würde er sich verpflichtet fühlen. Diese Antwort gab höchstwahrscheinlich den Ausschlag. Eine derartige Freiheit, im privaten Rahmen über die Bibel zu sprechen und die eigene Meinung darüber zu äußern, war nicht akzeptabel. Das galt als ketzerisch, da es die Gefahr in sich berge, zu Spaltungen zu führen.

10.10.5 Auf die Organisation warten, bis sie ihre Lehren anpasst?

Die ganze Widersprüchlichkeit der Einstellung kam in einem Satz während des Verhörs besonders gut zum Ausdruck. Ed hatte dem Komitee klar gesagt, ihm hege nichts daran, ausgeschlossen zu werden; er sei gerne unter den Brüdern und ihm sei nichts daran gelegen, den Kontakt mit ihnen zu verlieren. Die Mitglieder des Komitees drängten ihn, „auf die Organisation zu warten“, und sagten dann: „Wer weiß? Vielleicht sind in fünf Jahren einige oder alle von den Dingen, die du uns heute sagst, veröffentlicht und Teil unserer Lehre.“

Das Komitee wußte, wie schnell sich die Lehren der Organisation änderten, und das war sicher auch der Grund für diese Äußerung. Man frage sich aber, wie fest dann die Überzeugung war, daß die Lehren, um die es hier ging, wirklich fest auf die Bibel gegründet waren. Wenn man anzunehmen bereit war, daß die Lehre der Organisation in diesen Punkten vielleicht nur so kurze Zeit gelten würde, wie konnte man sie dann überhaupt als Grundlage benutzen, um zu entscheiden, ob dieser Mann ein treuer Diener Gottes oder ein Abtrünniger war?

Wenn die Mitglieder des Rechtskomitees meinten, diese Lehren (denen das [274] Vorsitzenden- Komitee so großes Gewicht beimaß) könnten sieh so schnell ändern, daß es sich lohnen würde abzuwarten, wie die Lage in fünf Jahren aussehen würde, warum wäre es dann nicht auch lohnenswert, fünf Jahre mit der Entscheidung über einen Gemeinschaftsentzug zu warten gegen einen Menschen, der in der Organisation nicht fünf, sondern fünfzig Jahre gedient bat?

Ein solches Vorgehen läßt sich nur begreifen, wenn man von der Grundan­nahme ausgeht, daß die Interessen eines einzelnen – wozu sein guter Ruf zu zählen ist, sein harterarbeitetes Ansehen, seine langen Jahre des Dienstes – ­geopfert werden müssen, wenn sie den Zielen einer Organisation im Wege sind.

Die Mitglieder des Komitees erkannten sicher alle, welch tiefe Liebe Edward Dunlap zu Gott, zu Christus und zur Bibel hatte, und dennoch glaubten sie, gegen ihn entscheiden zu müssen. Und weshalb! Sie kannten die vorherr­schende Denkweise innerhalb der leitenden Körperschaft, die sich in den Äußerungen des Vorsitzenden-Komitees spiegelte. Die Treue zur Organisa­tion forderte von ihnen, das zu tun, denn dieser Mann konnte und wollte nicht alle Behauptungen und Auslegungen dieser Organisation schlucken. So entzogen sie Ed Dunlup die Gemeinschaft und forderten ihn auf, das Bethel zu verlassen, das sein Zuhause gewesen war. Er kehrte nach Okla­homa City zurück, wo er aufgewachsen war und wo er, während ich dies niederschreibe, mit 72 Jahren für sich und seine Frau den Lebensunterhalt als Tapezierer verdient, so wie er es einst getan hatte, bevor er seine vierzig Jahre Vollzeitdienst für die Watch Tower Bible and Tract Society begann. Wie diejenigen, die die eigentliche Verantwortung dafür tragen, sich Gott abends im Gebet nahen und sagen können „Sei barmherzig mit uns, so wie auch wir anderen gegenüber barmherzig gewesen sind“, das ist mir ein Rätsel. [275]

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[1] Vergleiche die Worte Jesu in Lukas 5:37-39.
[2] Matthäus 20:25-28; 23:8-12; 1. Korinther 4:5; 1. Petrus 5:3.
[3] 1.Korinther 12:4-11, 25; 14:40.
[4] Hebräer 5:14; 1. Korinther 8:9; 16:13, 14.
[5] Matthaus 20:25.
[6] Meine Frau ist 13 Jahre jünger als ich. Uns waren die Risiken bewußt, auf die uns die Ärzte hinwiesen; wir waren aber bereit, diese einzugehen.
[7] Die Gesellschaft hatte kurz zuvor das 15stöckige Hotel Towers gekauft und damit ihre bereits vorhandenen zehnstöckigen Wohnkomplexe an den Brooklyn Heights ergänzt. Inzwischen hat sie (über Mittelsmänner) auch das Standish Arms Hotel und das Hotel Bossert (beide in Brooklyn) aufgekauft.
[8] Mich erinnerte das alles an Jesu Worte in Matthaus 23:6.
[9] Dazu gehörten die Bücher lst mit dem jetzigen Leben alles vorbei? (Verfasser Reinhard Lengtat), Das Leben hat doch einen Sinn (von Edward Dunlap), Das Familienleben glücklich gestalten (Hauptautor Colin Quackenbush),Wähle den besten Lebensweg (von Reinhard Lengtat), sowie der Kommentar zum Jakobusbrief (von Edward Dunlap). Zum Zeitpunkt meines Rücktritts trug ich die redaktionelle Verantwortung für ein Buch über das Leben Jesu Christi, dessen Verfasser Ed Dunlap sein sollte.
[10] Damit war wohl der Präsident der Gesellschaft gemeint. Manche waren offenbar der (irrigen) Ansicht, mit dem Präsidentenamt sei immer noch die Machtfülle verbunden, die es bis 1976 genaht hatte.
[11] Die offizielle Lehre besagt, daß Christus nach seiner Himmelfahrt nur über seine Gemeinde als König herrschte und die volle Macht über die ganze Erde 1914 antrat.
[12] Die Deutung wurde schließlich der leitenden Körperschaft vorgelegt und nach langer Diskussion angenommen [nicht einstimmig) und dann im Wachtturm vom 1. Januar 1980, S. 16-29. veröffentlicht.
[13] Grant Suiter, ein anderes Mitglied der leitenden Körperschaft, hatte anläßlich eines Tref­fens mit Ärzten und Anwälten aus den Reihen der Zeugen (soweit ich mich entsinne, war dies in Chicago) diese aufgefordert, sich darüber zu äußern, ob ihnen die damalige Einstel­lung der Gesellschaft zum Gebrauch des Begriffs „ordinierter Prediger“ korrekt schien. Zwar sprach Suiter sich bei dieser Gelegenheit nicht gegen den herrschenden Gebrauchaus, doch vor der leitenden Körperschaft tat er das, und die Reaktion der anderen zeigte deutlich, daß sie sich frei fühlten, die geltende Anschauung zu kritisieren. Viel ist unter den Zeugen Jehovas über dieses Thema geredet worden, zumeist ohne jegliche Sachkenntnis. Einzelheiten zu diesem Komplex sind dem Anhang zu entnehmen.
[14] In dem Komitee waren damals außer mir noch Ted Jaracz (Koordinator), Milton Henschel, Albert Schroeder, William Jackson und Martin Pötzinger.
[15] Siehe Wachtturm vom 1. August 1979, S. 31, 32; 15. Februar 1980, S. 21-27.
[16] Später sagte Ed Dunlap dazu: „Ich dachte immer, was uns zum Ausharren befähigt, sei Glaube und nicht Mumm.“
[17] Einmal sprach mich ein langjähriges Mitglied der Dienstabteilung an und stellte eine Frage zu einem Artikel, den der Präsident verfaßt hatte. Ich antwortete, dazu könne ich nichts sagen, und schlug ihm vor, doch eine schriftliche Anfrage einzureichen. Er erwiderte: „Nein, das habe ich schon gemacht und ganz schön Ärger gekriegt deswegen.“ Ich sagte ihm, wenn keiner hinschreibt, erfahren sie nie etwas von den Bedenken der anderen. Darauf meinte er: „Wenn man wirklich wissen wollte, was die Leser von diesen Artikeln halten, brauchte man bloß den Kreis- und Bezirksaufsehern zu schreiben, sie sollten ihre Meinung darüber mitteilen. Man muß aber dazusagen, daßsie das anonym machen sollen, sonst schreiben sie nur, was man ihrer Ansicht nach hören will.“ Dasselbe kann: heraus, sagte er noch, wenn man die Bethelältesten um ihre Stellungnahme bitten würde.
[18] Lloyd Barry war ebenfalls in dieser Klasse und äußerte sich mehrfach in diesem Sinn, als er Mitglied der leitenden Körperschaft war. Ich bin davon überzeugt, daß auch alle übrigen Kursteilnehmer nie einen Zweifel an Eds Kenntnis der Bibel und seiner tiefen Liebe zu ihr hatten.
[19] Man vergleiche damit Galater 5:18, wo Paulus den Ausdruck „vom Geist geleitet“ in einen ähnlichen Gegensatz von sündigem Fleisch und Gottes Geist stellt, wenn es dort heißt, daß die, die die vom Geist geleitet“ werden, „nicht unter Gesetz“ stehen. Wendet man das nicht auf alle Christen, sondern nur auf eine kleine erwählte Gruppe an, so hieße das, die übrigen stünden noch unter dem Gesetz und seiner Verurteilung.
[20] Hebräer 11:1-7.
[21] Man kann nicht bestreiten, daß diesen Berichten ein enormer Wert beigemessen wird. Jeder Zeuge füllt in seiner Gemeinde einen Berichtsvordruck aus, jede Gemeinde schickt ihren gesammelten Bericht an das Zweigbüro ihres Landes, und jedes Zweigbüro sendet einen detaillierten Monatsbericht an die Weltzentrale, wo diese Berichte gesammelt, Durch­schnittswerte gebildet und Zuwachsraten ausgerechnet werden. Sie werden genauso begierig studiert wie die Produktionszahlen und der Geschäftsbericht eines großen Unternehmens. Jede Schwankung oder Abwärtstendenz in der Gesamtzahl der Berichtenden, in der Stunden­zahl oder der abgesetzten Literatur löst Besorgnis aus. Die Verantwortlichen in den Zweigbüros fühlen sich in ihrer Haut nicht mehr wohl, wenn die Monatsberichte für ihr Land stagnieren oder gar einen Rückgang: ausweisen.
[22] Apostelgeschichte 19:8,9.
[23] Heute haben er und seine Frau sieben Kinder und ebensoviele Enkel.
[24] Matthaus 23:3, Die Bibel in heutigen Deutsch.
[25] Dieses Komitee untersteht der Dienstabteilung, in der damals etwa 40 Personen tätig waren.
[26] Die Verhandlungen fanden zwar unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, doch viele in der Abteilung wußten, was vor sich ging, weil sie entweder selbst dran beteiligt waren oder es durch Geschwätz im Büro gehört hatten.
[27] Jakobus 2: 12, 13, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[28] New York: Times, 12. Januar 1976 S. 12.
[29] Vor Antritt meines Erholungsurlaubs hatte Rene mir erzählt, das seine Frau, seine Mutter und er sich von ihrem Gewissen getrieben fühlten, von den Symbolen zu nehmen. Im Königreichssaal aber hatte das beträchtliches Aufsehen erregt, denn in den Spanisch sprechenden Versammlungen gab es selten jemand, der sich zu den Gesalbten zählte. Er meinte, es sei am unauffälligsten, wenn seine Frau und seine Mutter bis nach der Zusammen­kunft der Versammlung warteten und daheim in der Stille von den Symbolen nahmen. Bonelli, fügte er hinzu, habe nicht zu ihrer Versammlung gehört und sei auch von ihnen nicht zu sich nach Hause eingeladen worden, sondern habe selbst darum gebeten, kommen zu dürfen. (Renes Mutter hatte früher mit Bonelli die Bibel studiert und kannte ihn gut.)
[30] Ich glaube nicht, dar, dies sein ursprünglicher Beweggrund war.
[31] Diese Altesten gehörten zu Renes Nachbarversammlung.
[32] Nicht nur in Brooklyn wurden die Übersetzungen von mehreren geprüft, auch in den Zweigbüros der Länder, in denen Spanisch die Landessprache war, konnten sehr viele Englisch und lasen die Veröffentlichungen in beiden Sprachen. Wäre der Text tatsächlich irgendwo vorsätzlich geändert worden, so wäre das schnell nach oben gemeldet worden. Wer anderes glaubt und solche Gerüchte in die Welt setzt oder weiterverbreitet, beweist damit nur, daß er die Sachlage nicht kennt oder daß sie ihm gleichgültig ist.
[33] Ähnlich unzufrieden äußerte sich Lloyd Barry. Er sagte, bei sämtlichen acht Punkten, die das Vorsitzenden-Komitee als Beweise für Abtrünnigkeit aufgelistet hatte seien von mir nur „Ausflüchte“ zu hören gewesen.
[34] Wilckens
[35] Jehovas Zeugen halten diese Feier nur einmal im Jahr ab, etwa um die Zeit des jüdischen Passahfestes.
[36] Ein typisches Beispiel für diese Gerüchte, die im Zusammenhang damit umgingen (und zu denen ich sogar aus Neuseeland Anfragen erhielt) war, ich hätte bei einer Feier alle dazu aufgefordert, von den Symbolen zu nehmen, und eine ganze Versammlung habe das auch getan (was unter Jehovas Zeugen wahrlich ein spektakuläres Ereignis gewesen wäre), Tatsache ist aber, daß bei der Feier in Florida im April 1980 genau zwei Personen von den Symbolen nahmen, nämlich ich selbst und eine Zuhörerin, die aber nicht den Zeugen, sondern einer Kirche am Ort angehörte.
[37] Matthäus 23:8; Römer 6:14; Epheser 4:4-6; 1. Korinther 11:26; 1. Timotheus 2:5; Apostelgeschichte 1:7.
[38] Lymon Swingle wurde wenige Monate später seines Postens als Koordinator des Schreibkomitees und der Schreibabteilung enthoben und durch Lloyd Barry, blieb aber weiter Mitglied der leitenden Körperschaft.
[39] Soweit ich mich entsinne, betrug der monatliche Unterhaltszuschuss damals etwa 175 Dollar pro Person.
[40] Albert Schroeder war seit vielen Jahren gemeinsam mit Ed Dozent an der Gileadschule, Karl Klein arbeitete mit ihm Tür an Tür in der Schreibabteilung zusammen, Grant Suiter war ein oder zwei Jahre zuvor zu Ed mit einer Aufgabe gekommen, die er (Suiter) hatte ausarbeiten lassen (es war ein Redeplan für eine Unterrichtsstunde bei einem Schulungskurs für Zweigbüromitarbeiter), und hatte Ed gebeten, diese für ihn auszuarbeiten, da er so viel zu tun habe und außerdem sei er sicher, Ed werde das „sowieso besser können“.
[41] Johannes 3:14-16, 18.
[42] Ed war zum Lehrkomitee der leitenden Körperschaft beauftragt worden im Rahmen der Schulungskurse für die Zweigbüromitarbeiter einen Vortrag über den Römerbrief zu halten.