Lebensbericht – Jehovas Zeugen

Anmerkung: Die Namen sind geändert. Wenn nicht anders angegeben sind die Bibeltexte der Elberfelder Übersetzung von 1993 entnommen.

 

Teil 1: GEFUNDEN VON JEHOVAS ZEUGEN 

Unsere Geschichte begann genau wie die tausender anderer Menschen: Ich war auf der Suche nach etwas, auf das ich nicht den Finger legen konnte. Ich wusste, dass mir etwas in meinem Leben fehlte. Ich war damals 22 Jahre alt, in einen jungen Mann verliebt und mit ihm verlobt. Während ich an der Universität studierte, um Übersetzerin zu werden, studierte mein Bräutigam Betriebswirtschaft. Immer wieder machte ich mir Gedanken über den Sinn des Lebens. Ich glaubte an Gott und hatte auch eine Beziehung zu Ihm. Ich betete sogar zu Ihm, aber meine Kenntnisse über Ihn und mein Verständnis von Ihm waren sehr dürftig. Mein Verlobter, Markus, behauptete ein Agnostiker zu sein. Wegen der Schönheit der Natur war er davon überzeugt, dass Gott irgendwann einmal existiert haben musste. Aber er glaubte, dass Gott nicht mehr existent sei, sonst wäre das Leben nicht in einem solch fürchterlichen Zustand, und es gäbe nicht so viel Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit in der Welt.

So waren wir, genau wie viele andere, bereit für die Wahrheit der Zeugen Jehovas. Am 1. Januar 1971 kam ein junger Mann, 25 Jahre alt, zum Haus meiner Schwiegereltern. Ich besuchte zu dieser Zeit meinen Verlobten und seine Großmutter. Zum ersten Mal in unserem Leben erfuhren wir Dinge aus der Bibel, über die wir so viele Jahre nachgedacht hatten. Alles klang so gut! Nachdem wir uns einige Stunden mit dem jungen Mann unterhalten hatten, waren wir, gelinde gesagt, beeindruckt von seinem Bibelwissen.

Begierig nahmen wir das Buch „Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt“ entgegen. Allerdings sagten wir diesem jungen Mann, dass wir erst in etwa sechs Wochen wieder mit ihm reden könnten, da wir mitten in unseren Examen steckten. Aber nachdem wir die ersten 60 Seiten des Buches gelesen hatten, waren wir so begeistert, dass wir ihn am nächsten Tag anriefen, und ein paar Tage danach begannen er und seine Frau mit uns ein Bibelstudium. Unsere Eltern verweigerten Zeugen Jehovas den Zutritt zu ihren Wohnungen. Da Markus und ich noch nicht verheiratet waren, wollte das Ehepaar nicht in mein Studentenapartment kommen. Daher beschlossen wir, die Bibel bei ihnen zu Hause zu studieren.

Es begann damit, dass wir viele Fragen stellten. Eigentlich hatten wir seitenweise Fragen. Wir besprachen sie eine nach der anderen, aber meistens erst, nachdem wir einen Teil des „Wahrheitsbuchs“ besprochen hatten. Es gefiel uns sehr. Unvorstellbar, dass wir endlich Antworten auf Fragen bekamen, die uns seit Jahren geplagt hatten: Was ist der Sinn des  Lebens, warum gibt es so viel Leid, warum müssen wir sterben, was ist mit der Hölle, gibt es ein Leben nach dm Tod, wissen die Verstorbenen, wie es um die Lebenden steht usw., usw. Nicht einer unserer Religionslehrer oder Pastoren war in der Lage gewesen, diese Fragen zu beantworten!

Markus war davon überzeugt, dass das, was wir lernten, DIE WAHRHEIT war. Ich hoffte es mit Bangen, denn ich hatte vor jedem Studium Angst, dass sich alles am Ende doch als Märchen herausstellen könnte: Für immer auf einer paradiesischen Erde zu leben, alle Schlechtigkeit wäre vorbei. Mein Mann und ich würden glücklich für immer weiter leben, ohne den Tod zu erleben, weil Harmagedon, Gottes Krieg, der alle Dinge zurecht bringen würde, ganz nahe war. (Ich erinnere mich noch daran, wie mein Mann kurz nach unserer Heirat zu mir sagte: „Liebling, es ist schade, dass dieses System [d.h. diese Welt] nicht mehr lange dauern wird. Da werde ich dich ja nie als schöne alte Dame zu sehen bekommen.“

Zeugen Jehovas hatten vorausgesagt, dass wir Widerstand erfahren würden, jetzt, da wir die „Wahrheit“ kennen lernten. Wir erlebten die Erfüllung dieser „Prophezeiung“ unmittelbar. Je länger wir studierten, desto stärker wurde die Opposition unserer Eltern. Ich erinnere mich noch an eine sehr dramatische Situation. Eines Tages, als meine Familie zusammen saß, reichte mir mein Vater die Schere, die meine Mutter gerade bei ihrer Handarbeit benutzte, und sagte mit großem Nachdruck: „Warum bringst du mich nicht gleich damit um, denn genau das ist es, was du tust, wenn du mit den Zeugen studierst.“ Er meinte sogar, dass es ihm nichts ausmachen würde, wenn ich mit den Katholiken oder mit sonst wem studieren würde. Warum mussten das ausgerechnet die Zeugen sein?! Er muss ziemlich frustriert gewesen sein, denn er hasste alles Katholische. Seine Worte verletzten mich wirklich sehr, denn mein Vater pflegte für mich immer gleich nach Gott zu kommen. Selbst mein Verlobter wäre nach ihm gekommen, wenn dies je ein Streitpunkt gewesen wäre.

In dieser Situation erlebten wir dann die Erfüllung einer weiteren Prophezeiung, die die Zeugen Jehovas gemacht hatten: Der Widersacher (Satan, der Teufel) musste meinen Vater beeinflusst haben, denn warum sollte irgendjemand etwas gegen das Studium der Bibel haben?! Jedes Mal, wenn ich das Haus meiner Eltern verließ, war ich am Boden zerstört, aber ich war bemüht, es nicht zu zeigen, um dem Widersacher nicht das Gefühl zu geben, dass er, was mich anbetrifft, den Sieg davontragen könnte. In den Augen der Zeugen, die mit uns studierten, trug der Widersacher einen gewissen Sieg davon, als ich nach nur wenigen Wochen mein Bibelstudium mit ihnen abbrach, da ich zu meinen Eltern zurückzog. Es war so, dass ich mein Universitätsstudium nicht fortsetzte, obwohl ich vor dem Abschlussexamen stand. Für das Examen musste ich eine Diplomarbeit schreiben. Dies tat ich, jedoch hinderte eine Augenkrankheit meine Dozentin einige Monate am Lesen, und als sie meine Arbeit endlich lesen konnte, gefiel sie ihr nicht. Später erfuhr ich, dass sie die Diplomarbeiten aller Examenskandidaten in einem Buch zusammenfassen wollte. Da meine Arbeit aus dem Rahmen fiel, verlangte sie, dass ich sie neu schreiben solle.

Während dieser Zeit fand mein Verlobter eine Arbeit in einer Firma in der Nähe unserer neuen Wohnung. Als mir ein paar Wochen später eine interessante, gut bezahlte Arbeit in derselben Firma angeboten wurde, verließ ich die Universität. Aber es machte mir nichts aus, denn ich hatte gute Zensuren und die Gelegenheit, in derselben Firma zu arbeiten, in der Markus einige Monate später, nach seinem Examen, anfangen würde. Zudem würde die Welt ja sowieso nicht mehr lange weiter bestehen.

Markus setzte sein Bibelstudium fort und erzählte mir jeweils, welche neuen Wahrheiten er gelernt hatte. Dann waren unsere ZeugenFreunde davon überzeugt, dass Satan wiederum siegreich war, weil es schien, dass ich geistig zu schwach war, um den ständigen Konfrontationen mit unseren Eltern Widerstand zu leisten. Infolgedessen überredete ich meinen Verlobten dazu, uns ungefähr 5 Monate nach unserer ersten Begegnung mit den Zeugen in einer protestantischen Kirche trauen zu lassen. Satan schien noch einen weiteren Sieg errungen zu haben, denn Markus unterbrach auch sein Bibelstudium, weil wir in eine andere Stadt zogen. Der Hauptgrund war jedoch, dass Markus mitten in seinem Abschlussexamen steckte.

Drei Monate später, im August 1971, besuchten uns die Zeugen Jehovas wieder, um unser Bibelstudium fortzusetzen. Da sie eine halbe Stunde Fahrtzeit hatten, wechselten sie sich mit anderen Zeugen ab, um ihre Fahrtkosten zu reduzieren. Zu dieser Zeit lernten wir mehr Zeugen Jehovas kennen und freundeten uns mit ihnen an. Gleichzeitig verloren wir unsere Freunde, die keine Zeugen waren. Zwei Ehepaare, mit denen wir gesprochen hatten, wurden jedoch nach gut einem Jahr ebenfalls Zeugen Jehovas.

Zu der Zeit erfuhren wir auch, dass wir bei den Zeugen Jehovas recht „berühmt“ geworden waren, denn unser „Fortschritt“ in unserem Bibelstudium war so „schnell“, und zu unserer Überraschung waren sie offensichtlich beeindruckt von unserer Ausbildung und beruflichen Entwicklung. Infolgedessen wurden wir eingeladen, bei zwei Kongressen öffentlich davon Zeugnis abzulegen, wie wir Zeugen Jehovas geworden waren. Auch erzählten einige prominente Brüder unsere „Erfahrung“, d.h. wie wir Zeugen Jehovas geworden waren, bei großen Kongressen (natürlich ohne unsere Namen zu nennen). Einer davon wurde von ca. 70 000 Zeugen Jehovas und ihren Freunden besucht.

Wir hatten im Januar 1971 mit unserem Bibelstudium begonnen. Im März hatte ich meine Arbeit als Fremdsprachen-Sekretärin begonnen. Im Juni heirateten wir und zogen in unser neues Heim ein. Im August fing mein Mann mit seiner neuen Arbeit an. Im September traten wir aus der protestantischen Kirche aus. Am 26. März 1972 wurden wir als Zeugen Jehovas getauft.

Während der vorangegangenen Monate hatten uns die Zeugen Jehovas gelehrt, wie wir wirkungsvoll unseren Verwandten „Zeugnis geben“ können. Und wieder zeigten sie uns, wie eine weitere Prophezeiung sich in unserer Situation erfüllte: „Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, ausgenommen in seinem Heimatgebiet und in seinem eigenen Haus“ (Matthäus 13:57). Jeder Einzelne, dem wir uns nahe fühlten, war gegen unseren neuen Glauben. Aber einer der Ingenieure der Firma, in der wir arbeiteten, und seine Frau waren an einer Freundschaft mit uns interessiert. Wir waren damit nur einverstanden, weil sie an der „Wahrheit“ interessiert waren. Ich führte mit der Frau ein „Heimbibelstudium“ durch, und mein Mann schließlich eines mit ihrem Mann. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie oft er uns telefonisch um Hilfe bat, weil er versuchte, einem anderen Ingenieur in seinem Büro, einem überzeugten Katholiken, seine neuen Anschauungen zu beweisen. Manchmal holte er Markus aus einer Konferenz heraus, weil er eine Bibelstelle suchte. Auch werde ich nie vergessen, wie wir eine ganze Nacht hindurch mit ihnen und einigen seiner Freunde, u.a. einem Diplomgeologen und einem Diplombiologen, diskutierten. Wie auch der Ingenieur, glaubten sie an die Evolution. Ungefähr um 6 Uhr am nächsten Morgen sagte der Ingenieur nicht mehr: „Ihr sagt …, und Jehovas Zeugen sagen …“, sondern stattdessen sagte er: „Wir glauben, dass …“, und stand damit auf unserer Seite. Einige Monate später wurden er und seine Frau Zeugen Jehovas. Dies erregte ziemliches Aufsehen in der Firma, denn viele erwarteten, dass der Ingenieur anfangen würde, unserer Lebensweise zu folgen, wie dies etwas später zu lesen ist.

Wir hatten von Zeugen Jehovas gelernt, dass die Generation von 1914 Harmagedon überleben würde, und 1972 war sie schon recht alt. Wir waren daher wirklich davon überzeugt, dass die Welt sehr bald enden würde. Ich erinnere mich daran, dass ich den Menschen gegenüber davon sprach, dass ihre Kinder nicht mehr erwachsen werden würden. Wir verzichteten daher auch darauf, Kinder in die Welt zu setzen, denn wir waren felsenfest davon überzeugt, dass wir sie noch im neuen System oder Paradies nach Harmagedon bekommen könnten, wenn dies Gottes Wille für uns wäre.

Ja wir waren bereit zu warten, denn wir hatten ja, wie wir dachten, alle erdenkliche Zeit, endlose Zeit, um Kinder zu bekommen und so sagte ich etwas provokativ, wir könnten  auch noch in 1000 Jahren Kinder haben. Es gilt zu bedenken, dass wir glaubten, dass bald Harmagedon kommen würde, gefolgt von einem ewigen Paradies hier auf der Erde, und wir würden natürlich auch dort sein. Dann würde ich nicht einmal Geburtsschmerzen haben, weil es Schmerzen gemäß der Bibel dann nicht mehr geben würde (Offenbarung 21:4).

Unsere Überzeugung war in der Firma bekannt, und es ging ein Gerücht um, mit dem man sich über mich lustig machte: „Frau Berger wird ihre Kinder in 1000 Jahren bekommen.“ Der junge Ingenieur wurde oft mit der Frage aufgezogen: „Werden Sie ihre Kinder auch erst in 1000  Jahren bekommen?“ Damals nahm er es mir wirklich übel, dass ich jemals solch eine Bemerkung gemacht hatte, aber später lachten wir oft darüber. Die Lehren der Zeugen Jehovas hatten uns davon überzeugt, dass die Menschen wirklich all die Dinge lernen mussten, die wir gelernt hatten, wenn sie Harmagedon überleben wollten. Diese Überzeugung und die Tatsache, dass die Zeit für sie knapp wurde, veranlassten uns, „Allgemeine Pioniere“ zu werden. Damals verbrachte jeder Allgemeine Pionier 100 Stunden im Monat damit, die „Wahrheit“ mit anderen zu teilen. Da ich sofort damit anfangen wollte, war mein Mann mit meinem Wunsch, halbtags zu arbeiten, einverstanden. Aber die Firma bewilligte keine Teilzeitarbeit, da dies damals nicht üblich war. Man hatte außerdem die Befürchtung, dass andere Frauen dies auch verlangen könnten, wenn man mir die Halbtagsarbeit zugestehen würde. Obwohl mich mein Chef wiederholt buchstäblich anbettelte, ein mir von der Firma zeitlich befristetes Arbeitsangebot zu akzeptieren, schlug mein Mann vor, ich solle ganz aufhören zu arbeiten. Froh stimmte ich zu und versuchte unter immer größer werdendem Zeiteinsatz, Menschen zur Rettung zu verhelfen.

Anfang des Jahres 1973 wurde meinem Mann die Stelle des Assistenten des europäischen Chefs des Konzerns in Brüssel angeboten. Sein ganzes Leben lang hatte mein Mann von solch einem Job geträumt. Aber stattdessen bat er um Halbtagsarbeit. Wir fanden, dass es typisch für Satan war, dass Markus dieses Angebot an genau dem Tag gemacht wurde, als er beschlossen hatte, „Pionier“ zu werden.

So war er stolz darauf, dass er das Angebot nicht annahm, denn es hätte ihn daran gehindert, ein ganzherziger Zeuge Jehovas zu sein. Damals war mein Mann davon überzeugt, dass er sich ganz andere Arbeit würde suchen müssen, weil nicht einer in der Firma von über 3000 Angestellten eine Teilzeitarbeit hatte. So begannen wir, eine andere Arbeit für ihn zu suchen. Wir schauten auch nach einer kleineren, preiswerteren Wohnung, die wir uns würden leisten können, da wir auch ein drastisch geringeres Einkommen erwarteten. Wir tauschten auch unseren Sportwagen gegen ein kleineres Fahrzeug ein.

In dem Wohnblock, in dem wir wohnten, lebte ein Paar, das, wie wir erst später erfuhren, die einzige kleine und preiswerte Wohnung im ganzen Wohnblock gemietet hatte. Während ich eines Tages mit der Frau über unsere Suche nach einer kleinen Wohnung sprach, sagte sie, dass sie unsere Wohnung gern einmal anschauen würde, da sie liebend gerne eine größere hätten. Ihnen gefiel unsere Wohnung sehr. Dann schauten wir uns ihre Wohnung an, die unter dem Dach gelegen war. Da sie uns gefiel, tauschten wir unsere Wohnungen. Wir spürten wirklich, dass Gott Seine Hand im Spiel hatte, besonders als wir erfuhren, dass die beiden einige Monate später wieder ausziehen mussten. Sie konnten die Miete nicht aufbringen, was wir natürlich nicht gewusst hatten, und es tat uns auch sehr leid.

Das Großartigste war, dass die Firma Markus schließlich mitteilte, dass „ihnen ein halber Berger lieber sei als überhaupt kein Berger“ und ihm eine Halbtagsstelle gab. Zu unserer größten Überraschung entsprach sein Gehalt genau demjenigen, das man ihm gezahlt hatte, als er ein Jahr zuvor angefangen hatte ganztags zu arbeiten.

So wurden wir am 1. April 1973, ein Jahr nach unserer Taufe als Zeugen Jehovas, „Allgemeine Pioniere“ und es machte uns sehr viel Freude. Seit der Zeit warteten viele in der Firma, in der mein Mann arbeitete, darauf, dass auch der Ingenieur um Halbtagsarbeit nachsuchen würde.

Kurze Zeit, nachdem wir mit dem „Pionierdienst“ angefangen hatten, wurden wir von einem Bruder vom „Bethel“ – das bedeutet Haus Gottes – in Wiesbaden besucht (heute befindet es sich in Selters/Taunus), der deutschen Zentrale der Zeugen Jehovas. Er spielte u.a. eine führende Rolle bei der Beaufsichtigung von Übersetzung, Druck und Verteilung der Literatur der Zeugen Jehovas für Ostblockländer, in denen das Werk der Zeugen verboten war. Obgleich ich nur etwas Kenntnis der russischen Sprache hatte, wurde ich gebeten, handgeschriebene Artikel mit der Schreibmaschine zu schreiben, die aus den englischsprachigen Zeitschriften „Der Wachturm“ und „Erwachet!“ (von der WachtturmBibel-und-Traktat-Gesellschaft in Brooklyn, New York, herausgegeben) ins Russische übersetzt waren.

Begeistert willigte ich ein, und wir waren auch glücklich darüber, dass wir der Gesellschaft die Schreibmaschine als Spende zur Verfügung stellen konnten, um zur Unterstützung dieses wichtigen Dienstes beizutragen. Nun fühlten wir uns noch mehr als Teil einer weltweiten Organisation, die den Vorsatz hatte, Menschen erdenweit zu helfen. Wie gewöhnlich während der Sommerkongresse, so wurden auch 1973 beim Kongress in München diejenigen Zeugen Jehovas, die sich zur Verfügung stellen konnten, eingeladen, im Bethel, der Zentrale der Zeugen Jehovas, Vollzeitdienst zu verrichten. Betheldiener, wie sie genannt wurden, erhielten Taschengeld für ihre freiwillige Arbeit, Essen und Unterkunft kostenlos. Die andere Einladung, die gewöhnlich während dieser Kongresse gegeben wurde, war die zum Missionardienst. Wir waren aufgeregt, als wir das Formular für eine vorläufige Bewerbung ausfüllten in der Hoffnung, eine Einladung zum Missionardienst zu erhalten. Zu der Zeit erfüllten wir noch nicht die Voraussetzungen dafür, da wir noch nicht lange genug Zeugen Jehovas und Pioniere waren.

Es war damals so, dass die Wachtturm-Gesellschaft Bewerber für den Missionardienst als so genannte „Sonderpioniere“ in eine englischsprachige Versammlung schickte. Dies geschah, um ihnen zu helfen, die englische Sprache zu lernen in Vorbereitung auf die Missionarschule, Gileadschule genannt. Diejenigen, die das große Vorrecht hatten, zur Gileadschule eingeladen zu werden, durchliefen einen fünf Monate dauernden Bibelkursus in der „Watchtower Bible and Tract Society“, der Weltzentrale der Zeugen Jehovas in New York City. Diejenigen, die ihn erfolgreich abschlossen, erhielten ihre Missionarzuteilung. Das tat praktisch jeder, da die Wahl derer, die eingeladen wurden, sehr sorgfältig getroffen wurde.

Nur etwa zwei Monate, nachdem wir uns für den Missionardienst beworben hatten, sandte uns die Wachtturm-Gesellschaft unsere Zuteilung, als „Sonderpioniere“ in einer englischsprachigen Versammlung zu dienen. So fanden wir uns im Januar 1974 in Bad Nauheim wieder und verbrachten 150 Stunden pro Monat damit, Bibelstudien durchzuführen, Menschen zu predigen und sie zu unterrichten. Natürlich bedeutete dies, dass wir jegliche Art weltlicher Arbeit aufgeben mussten. Wir zogen aus unserem Heim und von unseren Eltern fort. Von da an sahen wir sie nur ungefähr drei- bis fünfmal im Jahr, jeweils für nur ein bis zwei Tage im Monat. Der Grund war, dass wir unser Zuteilungsgebiet und die örtliche Versammlung nicht mehr als ein bis zwei Tage im Monat verlassen sollten. Auch hatten wir zu Anfang nur 14 Tage Urlaub im Jahr, was Wochenenden und Feiertage mit einschloss. Letztere feiern Jehovas Zeugen sowieso nicht. Natürlich gingen wir sehr geizig mit unseren freien Tagen um, besonders da ich jeden Sommer Heuschnupfen hatte und die Zeit dringend brauchte, um mich zu erholen. Sie reichte natürlich nie aus. Für jedes zweite Jahr im Vollzeit-Predigtdienst bekamen Sonderpioniere einen zusätzlichen Urlaubstag.

Um in unserer Zuteilung anfangen zu können, mussten wir aus finanziellen Gründen eine Einzimmerwohnung finden, was eine ziemliche Herausforderung darstellte. Nachdem wir schließlich eine gefunden hatten, verkauften wir unser gesamtes Mobiliar und behielten nur einige Stücke, die zu alt waren, um sie verkaufen zu können. Dann zogen wir um. Wir spürten wieder die Hilfe Gottes, denn die Schwester meines Mannes, die zu der Zeit verlobt war [sie heiratete erst 1 1/2 Jahre später!], kaufte unsere Möbel und trat in unseren Mietvertrag ein. Das war großartig, da die Gesellschaft uns nur zwei Monate gegeben hatte, um in unserer neuen Zuteilung zu beginnen. Wir verkauften wieder unseren Wagen und tauschten ihn gegen einen noch kleineren und billigeren ein. Nachdem die Kosten für unsere Krankenversicherung abgezogen waren, blieben uns von da an monatlich DM 390,-, wovon allein für die Miete DM 180,- abgingen, ohne Strom, Heizung oder Wasser usw. Da wir unsere Möbel verkauft hatten, blieben uns glücklicherweise ein paar Ersparnisse, was uns half, uns den neuen finanziellen Umständen anzupassen.

Menschlich gesehen, schien es absolut unmöglich, von einer so geringen Summe leben zu können, und ich muss zugeben, dass ich zu Anfang ein bisschen Angst hatte, ob wir es überhaupt schaffen könnten. Aber wir vertrauten auf Gottes Unterstützung in Anbetracht Seiner Verheißung in Matthäus 6:33: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit! Und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“  Auch lernt man schnell, sich anzupassen. Außerdem war Geld nicht wirklich wichtig für uns, viel wichtiger war das Leben der Menschen!

Selbstverständlich dachten unsere Eltern, dass wir den Verstand verloren hätten und unterstützten uns natürlich in keiner Weise.

Wahrscheinlich waren sie der Ansicht: „Sollen doch Gott oder Jehovas Zeugen ihnen helfen.“ Und Er half uns ohne Zweifel, wann immer wir ein Problem hatten, oder wenn uns etwas fehlte. Wir könnten noch eine weitere Geschichte schreiben, und zwar darüber, wie Er dies tat. Wenn wir Hilfe brauchten, fragten wir niemals Menschen oder Zeugen Jehovas, sondern immer nur Ihn. Natürlich wählte Er oft einige von ihnen, die Er benutzte. Nie ließ Er uns im Stich. Zum Beispiel war es eine große Hilfe, dass wir ein- bis dreimal in der Woche bei Brüdern und Schwestern nach Hause zum Essen eingeladen waren. In den meisten Fällen war dies keine regelmäßige Angelegenheit und auch nicht während der gesamten Zeit, in der wir Pioniere waren, aber wann immer wir eingeladen waren, schätzten wir es wirklich sehr. Unser Leben war sehr erfüllt, da wir suchenden Menschen die wundervollen Wahrheiten zeigen konnten, die wir gelernt hatten, und ihnen reichlich biblischen Rat vermitteln konnten. Dies war für sie eine extrem große Hilfe, wenn sie es in ihrem Leben anwandten. Wir sahen, wie unglückliche Menschen glücklich wurden, wie Menschen ohne Ziel im Leben einen Sinn darin fanden. Menschen mit allen Arten von Problemen – Eheprobleme standen an erster Stelle, aber auch Alkoholiker, Drogenabhängige, und sogar Personen, die Probleme hatten, die von Dämonen verursacht waren, – wurden freigemacht, um Diener Jehovas zu werden.

Einige von ihnen verließen das Militär aus Gewissensgründen. Dies war eine gewaltige Entscheidung, weil sie in den meisten Fällen keine Garantie hatten, in den Vereinigten Staaten Arbeit zu finden, wohin sie zurückkehren mussten, um die Armee verlassen zu können. Viele verloren Freunde und Familienmitglieder, weil sie für ihren neuen Glauben loyal Stellung bezogen. Es war eine wirklich aufregende Zeit für uns. Ja, es war auch sehr befriedigend zurückzuschauen auf die Zeit, als es noch keine Versammlung in unserer ersten Zuteilung gegeben hatte. Innerhalb weniger Jahre war die Gruppe von zehn Personen, die in unserem Königreichssaal anwesend waren (so nennen sich die Zusammenkunftsstätten der Zeugen Jehovas), auf 80 Brüder und Schwestern angewachsen, einschließlich uns und einer Schwester aus der örtlichen Versammlung. Ich erinnere mich noch an das erste öffentliche Gebet, das mein Mann sprach, als diese Gruppe zusammen kam. Es war das kürzeste Gebet, das ich ihn je hatte sprechen hören, weil seine Englischkenntnisse und ihre Anwendung bis dahin auf weltliche Dinge beschränkt gewesen waren.

Wenn ich unsere Gefühle zusammenfasse, kann ich sagen, dass wir wirklich glaubten, von Gott gebraucht zu werden als Seine Werkzeuge. Wir versuchten, Menschen für das neue System zu retten, mit der Belohnung ewigen Lebens vor Augen. Ich denke, wir empfanden oft so etwas, wie ‚Wer kann (viel) mehr tun?‘. Ja, wir ‚rangen danach‘ (Lukas 13:24), versuchten mit großen Anstrengungen, alles zu tun, was Gott von uns erwartete, wie uns dies durch den „treuen und verständigen Sklaven“ dargelegt wurde.

Dieser „treue und verständige Sklave“ wird von Jehovas Zeugen als der Kanal angesehen, den Jehova Gott in dieser Zeit des Endes gebraucht. Gemäß der Überzeugung der Zeugen Jehovas gehören die Glieder dieses „Sklaven“ zur Klasse der 144 000, die Gott erwählt hat, in den Himmel zu gehen. Die anderen Zeugen Jehovas rechnen damit, ewiges Leben hier auf der Erde zu bekommen. Grundlage dieser Glaubensansichten sind z.B. folgende Schriftstellen: Matthäus 24:45; Offenbarung 14:1; 7:4,9,13,14; Matthäus 5:5.

Nach nur einem Jahr im Sonderpionierdienst begann ich, ernsthafte Gesundheitsprobleme zu haben. Heute verstehe ich warum, denn wir arbeiteten oft bis Mitternacht. Häufig nahmen wir uns nicht einmal Zeit zu essen, weil wir jede Woche 30 bis 40 Bibelstudien durchführten. (Ich möchte erwähnen, dass die meisten deutschen Brüder im Sonderdienst froh waren, wenn sie drei oder vier Bibelstudien pro Woche hatten. Aber selbst im englischsprachigen Gebiet waren ungefähr 10 Bibelstudien schon sehr schön). Diese dauerten gewöhnlich eine bis drei Stunden, oder noch länger. Daneben waren wir in der Haus-zu-Haus Tätigkeit beschäftigt, wobei wir von Tür zu Tür gingen, um „schafähnliche“ Menschen zu finden, wie wir demütige Personen nannten, die unserer Botschaft zuhörten. Darüber hinaus besuchten wir Personen, die zuvor bei Gesprächen mit uns Interesse bekundet hatten.

Dann sollte erwähnt werden, dass Jehovas Zeugen fünf Zusammenkünfte an drei Tagen der Woche haben. Gründliche Vorbereitung darauf war für uns nicht bloß ein Muss, sondern so wichtig wie Essen und Trinken. Wir taten wirklich unser Bestes, der Anregung der Wachtturm-Gesellschaft Folge zu leisten, uns für alle Zusammenkünfte vorzubereiten und die Bibel und unsere Literatur regelmäßig zu studieren, um geistig gesund bleiben. Wir wollten geistig wirklich wachsen.

Nach drei Jahren im Sonderpionierdienst hatte ich solche Gesundheitsprobleme, dass wir daran dachten aufzuhören. Personen, mit denen ich Bibelstudien durchführte, hatten gewöhnlich nach dem dritten Besuch ein Kissen für mich bereit, weil sie schnell herausfanden, dass ich sehr starke Rückenschmerzen hatte. Mit denjenigen, die mich schon eine Zeitlang kannten, führte ich meist halb liegend das Bibelstudium durch. Selbst ein Aufenthalt im Krankenhaus trug nicht dazu bei herauszufinden, warum ich solche Schmerzen im Unterleib und Rücken hatte. Nach vielen erfolglosen Untersuchungen lehnten die Ärzte es schließlich ab, mich zu operieren, weil ich als Zeugin Jehovas keine Bluttransfusion akzeptiert hätte, wäre dies nach ihrer Meinung notwendig geworden. Es war sehr frustrierend für mich, dass sie diese Entscheidung erst trafen, nachdem ich bereits eine Woche im Krankenhaus gelegen hatte, weil ich diese Forderung von dem Moment an betont hatte, als ich ins Krankenhaus kam. Ich war sehr verzweifelt wegen meiner Situation. Oft weinte ich wegen der ununterbrochenen Schmerzen. Mein Mann massierte mich mehrmals am Tage. Dies gab mir etwas Erleichterung, aber Markus war allmählich so unglücklich über meinen Zustand, dass er mich schließlich nach etwa einem Jahr, Ende Juli 1977, davon überzeugte, dass wir aufhören müssten.

Es traf uns wirklich sehr. Es war einfach so, dass wir diesen Dienst liebten und ihn nicht aufgeben wollten. Auch wollte ich nicht, dass mein Mann wieder eine weltliche Arbeit annehmen müsste, so kurz vor dem Ende der Welt. Würde aber nur ich aufhören, dann würde das Geld, das Markus bekommen würde, einfach nicht für unseren Lebensunterhalt reichen. Den Pionierdienst zu verlassen bedeutete auch, ein besonderes Vorrecht aufzugeben. Es war damals nicht sehr witzig, als die Frau des Ehepaares, das 1971 mit uns unser Bibelstudium angefangen hatten, zu mir sagte: „So, dann bist Du ja jetzt auch nur noch ein Verkündiger?!“ (Damit ist ein Zeuge gemeint, der nicht im Vollzeitpredigtdienst ist.) Ich war wirklich verletzt, vor allem deshalb, weil ich noch nicht einmal mit dem Pionierdienst aufgehört hatte. Diese und ähnliche Reaktionen auf unsere Entscheidung kränkten uns zwar, aber da wir diesen Dienst nie getan hatten, um Brüdern zu gefallen, sondern für Jehova und für Menschen, versuchten wir, es nicht so ernst zu nehmen.

Im September begann mein Mann seine neue Arbeit als Marketingberater. Es gab über 200 Bewerber dafür, und schließlich nahm die Firma einen Mann, der in Marketing promoviert hatte, und meinen Mann, der nie zuvor diese Art Arbeit getan hatte. Da mein Mann wegen seiner vierjährigen Missionarstätigkeit nicht im Berufsleben gestanden hatte, war die Firma sehr vorsichtig, bevor sie ihm nach einigen Wochen der Prüfung die Chance gab. Wir waren außerordentlich glücklich, weil dies die einzige positive Resonanz auf Markus viele Bewerbungen gewesen war, die er geschrieben und verschickt hatte. Wir wussten definitiv, dass Gott uns wieder geholfen hatte. Allerdings hatten wir gehofft, dass Markus früher Arbeit finden würde. Da dies aber nicht der Fall war, hatten wir im August keine finanziellen Einkünfte. Aber wieder war Jehova unser Helfer.

Ich erinnere mich noch daran, wie wir z.B. eines Tages, als wir kein Brot für den Abend mehr übrig hatten, zu Jehova beteten im Vertrauen darauf, dass Er Sein Versprechen halten würde, uns unser tägliches Brot zu geben. Und in der Tat, als wir am Abend zu einer unserer Zusammenkünfte gingen, reichte uns eine Schwester, die uns nie etwas gegeben hatte, einen Laib Brot. Ein Familienmitglied hatte ohne ihr Wissen Brot gekauft, und sie selbst ebenfalls. Deshalb wollte sie uns eines der Brote geben. Man kann sich sicherlich vorstellen, wie überrascht und voller Wertschätzung wir waren, besonders da die Schwester uns nie zuvor etwas gegeben hatte und dies auch später nie mehr tat.

Und wir zogen wieder um. Wir waren bereits zwei Jahre, nachdem wir den Sonderdienst begonnen hatten, umgezogen, weil wir eine Wohnung mit einem zusätzlichen Raum für dasselbe Geld bekommen konnten. Dies half uns sehr, da ich meine Schreib- und Übersetzungsarbeiten zu Hause machen musste. Wenn jemand uns mit einem Besuch überraschte, war dies recht unangenehm, wenn meine russischen Wörterbücher auf dem Tisch ausgebreitet waren. Niemand, nicht einmal die Brüder und Schwestern in der Versammlung sollten wissen, welche Art Arbeit ich für die Wachtturm-Gesellschaft machte. Auch spielten während des Tages jede Menge Kinder unter unserem Fenster, was meine Konzentration nicht gerade förderte. So freuten wir uns über die neue Wohnung, obwohl wir kein eigenes Bad und auch keine Toilette nur für uns hatten. Um die Wohnung im Winter warm zu bekommen, mussten wir mit Holz und Kohle heizen. Viele Male, wenn wir von den Bibelstudien oder Zusammenkünften nach Hause kamen, war das Feuer aus. Nachdem wir den Pionierdienst verlassen hatten, und mein Mann einen gut bezahlten Job hatte, war die Notwendigkeit nicht länger gegeben, in dieser Wohnung zu bleiben.

Meinem Mann gefiel seine Arbeit, aber nach einer Weile hatte er das Gefühl, geistig etwas zu vermissen, während ich mich körperlich erholte und genoss, was Jehovas Zeugen ein „geistiges Paradies“ nennen. In den nächsten zwei Jahren, von August 1977 bis Juli 1979, war ich in der Lage, 60 Stunden im Monat im „Hilfspionierdienst“ zu verbringen. Die Mehrheit der Zeugen Jehovas machen wenigstens einmal in ihrem Leben diese Art von Pionierdienst. Viele tun dies regelmäßig. Als ich damit anfing, brauchte ich all meine Kraft dazu, aber nachdem ich mich erholt hatte, begann ich zu spüren, dass ich mehr tun wollte. Etwas schien in meinem Leben zu fehlen. Ich hatte den Eindruck, dass es damit zusammenhing, dass wir den Vollzeitpionierdienst nicht mehr zusammen durchführen konnten. So fragte ich meinen Mann nach zwei Jahren im „Hilfspionierdienst“ ganz vorsichtig, ob ich in den „Allgemeinen Pionierdienst“ zurückkehren könnte. Nur zögernd stimmte er zu, denn er glaubte, dass meine Gesundheit noch nicht stabil genug sei. Nachdem ich aber in den ersten zwei Monaten jeweils mehr als 100 Stunden geschafft hatte, also mehr als das Stundenerfordernis für „Allgemeine Pioniere“, nahm auch Markus den Pionierdienst auf.

Das war im Oktober 1979. Natürlich brauchte mein Mann wieder einen Halbtagsjob, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen. Er hatte gehofft, dass die Firma, in der er als Marketingberater tätig war, ihn halbtags behalten würde. Aber sie meinten, dass er zu teuer sei für die wenigen Teilzeitarbeiten, für die er ihrer Meinung nach der geeignete Mann gewesen wäre. Sie konnten einfach nicht begreifen, dass er willens war, jede Art Arbeit zu tun, selbst wenn es für wesentlich weniger Geld gewesen wäre, so lange es eine Teilzeitarbeit war. Sein Chef und seine Arbeitskollegen waren völlig davon überzeugt, dass Markus die Firma auf keinen Fall verlassen würde, da er einen Superjob hatte und auch sehr erfolgreich war. Sie waren wirklich schockiert, als Markus schließlich doch ging. Ich erinnere mich daran, dass es für meinen Mann außergewöhnlich schwer war, weil er seine Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen wirklich lieben gelernt hatte. Er hatte außerdem sein eigenes Büro, einen Firmenwagen und verdiente gutes Geld. Oft konnte er seine Zeit auch einteilen, wie es ihm passte.

Erst sehr kurze Zeit, bevor mein Mann die Marketinggesellschaft verließ, fand er andere Arbeit. Daher gab es wiederum eine längere Zeitspanne der Ungewissheit, während deren wir unser Vertrauen auf die Hilfe Gottes demonstrieren mussten. Wir glaubten, dass sich unser Vertrauen auf Ihn gelohnt hatte, als ein prominenter Zahnarzt auf eine Anzeige meines Mannes reagierte. Er hatte Patienten aus der ganzen Welt und 28 Personen arbeiteten für ihn in seinem eigenen Labor und in der Praxis. Er bot Markus die Tätigkeit eines Managers an und bezahlte Markus, was er verlangte. Es entsprach genau der Hälfte von dem, was er für seine Ganztagsarbeit bekommen hatte. Wir dachten, dass dies eine Belohnung Gottes sei, weil er den guten Job aufgegeben hatte, um Ihm besser dienen zu können.

Da wir, bevor Markus diese Arbeit fand, sicher waren, dass wir uns die hohe Miete, die wir zu der Zeit bezahlen mussten, nicht mehr würden leisten können, und wir nicht im voraus wussten, wie viel Geld Markus schließlich verdienen würde, hatten wir uns auch nach einer anderen Wohnung umgesehen. Wirklich, jedes Mal, wenn wir umzogen, glaubten wir ernstlich, dass dies der letzte Umzug vor Harmagedon sei.

Diesen Umzug werde ich niemals vergessen. Es sah so aus, als ob wir einfach keine preiswerte Wohnung finden könnten. Schließlich dämmerte mir, warum: Markus und ich hatten es uns immer zur Aufgabe gemacht, unseren Bibelstudien zu helfen, die Notwendigkeit vollständigen Vertrauens auf Jehova zu verstehen. Zu der Zeit führte ich gerade ein Bibelstudium mit einer Frau durch, die viele Probleme hatte. Um sie zu ermutigen, betonte ich, dass Gott niemanden, der sein Vertrauen auf Ihn setzt, im Stich lässt, selbst wenn es lange dauern mag, bis Er hilft. Und ich fügte hinzu: „Schauen Sie sich nur die Situation an, in der mein Mann und ich sind: wir suchen jetzt schon eine ganze Weile eine Wohnung und haben noch keine gefunden. Aber ich bin überzeugt, dass wir mit Jehovas Hilfe eine finden werden, und wenn es am letzten Tag vor unserem Umzug sein sollte.“ Gott stellte mich auf die Probe, denke ich, denn genau an dem Tag, als die Möbelpacker kamen, um all unsere Sachen aufzuladen, fanden wir die neue Wohnung.

Nachdem auch dieses Problem gelöst war, hatten wir wirklich Freude im Pionierdienst, aber irgendwie schien es mich nicht so glücklich zu machen, wie ich es gehofft hatte. Irgendetwas fehlte immer noch. Mein Mann hatte dieses Problem nicht. Dafür aber begann er, Probleme mit seinem Chef, dem Zahnarzt, zu bekommen. Nachdem Markus einige Monate als sein Manager gearbeitet hatte, zeigte der Zahnarzt seine wahre Persönlichkeit. Da alles so gut lief nach vielen Jahren des Mismanagements (Herunterwirtschaftens) durch den Zahnarzt und jeder der Angestellten, wenn er Rat oder Hilfe brauchte, zu Markus kam, wurde der Zahnarzt eifersüchtig auf Markus und unfair ihm gegenüber. Es wurde so unerträglich, dass Markus beschloss, die Stelle zu kündigen.

Aber, kaum zu glauben, nur einen Tag, bevor mein Mann arbeitslos gewesen wäre, erfuhr sein früherer Chef von der MarketingGesellschaft von seiner Situation und bot ihm eine Halbtagsstelle als Ausbilder für die Marketingberater der Firma an. Er war so glücklich, meinen Mann zurückzubekommen. Dies war ein halbes Jahr, nachdem mein Mann die Firma verlassen hatte. Wir waren davon überzeugt, dass Satan es vor Jehova zu einem Punkt gemacht hatte, Markus zu testen, ob er solch einen Job, wie er ihn bei der Marketing-Gesellschaft gehabt hatte, wirklich aufgeben würde. Aber wir wussten auch, dass Gott wieder Seine schützende Hand über uns gehalten hatte, denn wie sich herausstellte, hatte Markus jede erdenkliche Freiheit, sich die Arbeit und auch die Arbeitszeit so einzuteilen, wie es ihm richtig erschien, um auch seine geistigen Interessen verfolgen zu können.

Dann kam ein Ehepaar, das neun Jahre lang als Missionare in Chile gewesen war, in unsere Versammlung. Irgendetwas an ihnen war es, was mich schließlich darauf brachte zu erkennen, was mein Problem zu sein schien: mein Pionierdienst war zur Routine geworden, es schien, als ob „die Luft raus“ wäre. Andererseits aber liebte ich diese Arbeit, auch die Menschen liebte ich immer noch. Was also war das Problem? Dieses Ehepaar war im „Sonderdienst“, und eines Tages dämmerte mir: „Wirklich, Edel, was dir fehlt, ist der Sonderdienst, dich zusammen mit Markus nur auf geistige Dinge konzentrieren zu können!“ Das war eine Offenbarung für mich, aber ich teilte sie nicht mit meinem Mann, sondern nur mit Jehova. Es war einfach so, dass ich befürchtete, Markus würde es rundheraus ablehnen. So beschloss ich zu warten und Jehova die Gelegenheit zu geben, auf Markus einzuwirken. Übrigens hatte ich selbst auch Angst, eine Entscheidung zu treffen, denn wer konnte garantieren, dass meine Gesundheit mitmachen würde? Ich konnte es nicht, und daher sagte ich zu Jehova: „Wenn Du möchtest, dass ich wieder Sonderpionier werde, dann wirst DU das auch in die Hand nehmen.“ Es fiel mir sehr schwer, dies zu sagen, denn der Sonderdienst war das, was ich, was mein Herz, wirklich wollte. Gott zu bitten, die Dinge in Seine Hand zu nehmen, bedeutete, dass ich warten musste, und warten war nie meine Stärke.

Ende 1980 wurde das Sonderpionierehepaar nach Fulda geschickt, um dort eine neue Versammlung zu gründen. Irgendwie dachten wir, dass Jehova uns ebenfalls lenkte, und wir begannen uns nach einer Versammlung umzusehen, wo „Verkündiger“ oder „Pioniere“ mehr gebraucht wurden, als in der Versammlung, in der wir zu der Zeit waren. Wir orientierten uns in allen Versammlungen im Umkreis, die mit dem Auto gut vom neuen Arbeitsplatz meines Mannes aus erreichbar waren. Denn er wollte nicht schon wieder eine neue Stelle suchen. Schließlich schrieben wir an die Wachtturm Gesellschaft, die uns an die Versammlung verwies, die ihre Zusammenkünfte in der Gegend von Hanau hatte. Dies bedeutete, dass wir wieder umziehen mussten! Damit begann ein neuer Lebensabschnitt. Das war 1981.

Da es schier unmöglich schien, in diesem Gebiet eine Wohnung zu finden, kauften wir schließlich nach vielen Überlegungen und Überwinden der üblichen Hindernisse ein einfaches, kleines Haus. Mein Mann hielt es für weiser, unser eigenes Heim abzuzahlen, als eine horrend hohe Miete für eine Wohnung in dieser Gegend zu bezahlen, wenn wir überhaupt eine in absehbarer Zeit finden würden. Markus war damals so überzeugt davon, dass der „Allgemeine Pionierdienst“ meine Grenze war und dass dies definitiv unser letztes Zuhause vor Harmagedon sein würde, und er meinte, wir könnten in einem eigenen Heim „ein geregeltes Leben“ anfangen. Dies war uns als Sonderpioniere nicht möglich gewesen, nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch deshalb, weil ein Sonderpionier bereit sein muss, und es auch von ihm erwartet wird, dass er dorthin geht, wohin er von der Wachtturm-Gesellschaft geschickt wird. Ich erzählte Markus immer noch nicht, dass ich fortgesetzt zu Jehova darum betete, zusammen mit ihm wieder in den Sonderpionierdienst gehen zu können.

Es wäre zu viel, auf alle Details einzugehen, dennoch konnten wir selbst bei diesem Umzug die Hand Gottes sehen. Alles klappte in der Tat vorzüglich! Wir hatten sehr wenig Renovierungsarbeiten, einige Brüder halfen uns beim Umzug, und alles verlief wirklich reibungslos. Allerdings hatten wir, nachdem wir in das neue Haus eingezogen waren, kaum Zeit, es zu genießen, denn wir waren sehr, sehr beschäftigt in unserem Predigtdienst. „Theokratische“ Dinge, d.h. Dinge die Gott und Sein Königreich betrafen, die Brüder und die Predigttätigkeit kamen immer an erster Stelle.

Diese Zeit als „Allgemeine Pioniere“ erwies sich als die bisher härteste Zeit in unserem Leben als Zeugen Jehovas. Die Versammlung, der wir uns anschlossen, war für eine Teilung reif, da die Brüder zu große Strecken zurücklegen mussten, um die Zusammenkünfte besuchen zu können. Aber einige der Ältesten in der Versammlung waren nicht in der Lage und einige nicht wirklich bereit, die Verantwortung und die Extraarbeit auf sich zu nehmen, die mit solch einer Teilung einher gingen. Da mein Mann bereit war, praktisch alles, was Arbeit, Zeiteinsatz und Verantwortung bedeutete, auf sich zu nehmen, und ein anderer Ältester willens war, die anderen zwei „Dienstämter“ zu übernehmen, wurde die Versammlung geteilt. Wieder waren wir damit beschäftigt, eine neue Versammlung zu gründen. Am Ende war sie als eine sehr schöne Versammlung mit einem frohen Geist bekannt, wie wir dies auch mit der vorhergehenden Versammlung erlebt hatten, an deren Gründung und Aufbau wir „das Vorrecht hatten“ mitzuhelfen.

Aber die persönlichen Opfer waren sehr groß. Mein Mann verbrachte gewöhnlich ungefähr sechs Stunden am Tag in seinem weltlichen Beruf und ungefähr vier bis fünf Stunden im Pionierdienst. Dann gab es Probleme, die Brüder und Schwestern oder „Interessierte“ betrafen, zusätzlich zur Vorbereitung auf die Zusammenkünfte, die Ausarbeitung von „öffentlichen Ansprachen“ und Ansprachen für große oder kleine Kongresse. Während dieser Zeit war ich selbst ziemlich beschäftigt mit dem Übersetzen aus dem Englischen ins Russische und umgekehrt. Tief im Herzen beneidete ich meinen Mann, weil er seine Zeit damit verbringen konnte, mit den Menschen über die Bibel zu sprechen, während ich zu Hause am Schreibtisch arbeitete. Da Gottes Organisation es aber für das Beste hielt, dass ich diese Arbeit tat, akzeptierte ich es.

Irgendwie betrachtete ich es auch als Segen, weil ich meinen Rücken nicht so sehr strapazieren musste, um die schwere Tasche im Dienst zu tragen, die mit meiner Bibel und unserer Literatur gefüllt war. Ich war damals aber auch oft niedergeschlagen, weil ich meiner Meinung nach nicht die nötige Unterstützung für die Schreibtischarbeit, die ich tat, erhielt. Diejenigen Brüder und Schwestern, die diese oder eine ähnliche Arbeit im Bethel, also in der Zentrale selbst, durchführten, wussten nicht, wie sehr ich mit dem Vokabular der Zeugen Jehovas zu kämpfen hatte. Sie hatten viel besseres Arbeitsmaterial und bessere Möglichkeiten bei der Übersetzung der Wörter, die meist natürlich in keinem Wörterbuch zu finden waren. Andere Brüder, die von den Schwierigkeiten wussten, denen ich mich oft gegenüber sah, und die etwas hätten veranlassen können, um mir zu helfen, taten dies aus irgendwelchen Gründen nicht. Obwohl ich manchmal recht frustriert war, entschuldigte ich die Brüder damit, dass sie wahrscheinlich einfach nur sehr im Werke Jehovas beschäftigt waren.

Da mein Mann wenig Zeit für mich frei hatte, litt natürlich unsere Ehe. Aber ich wollte Gott „ganzherzig“ dienen und war daher bereit, „selbst aufopfernd“ zu sein. Das größte Problem war, dass ich mit niemandem über meine Probleme sprechen konnte. Mein Mann war ein „Ältester“ der Versammlung, und eigene Probleme hätten nie Gegenstand eines Gesprächs sein können. Außerdem ist ein Pionier ohnehin gehalten, seine Probleme nicht zu verbreiten. Manchmal hatte ich das Gefühl zu platzen, weil ich mit der Situation nicht mehr fertig wurde. Aber wieder wurde Jehova die Quelle meiner Hilfe. Als ich mit sehr viel Gebet begann, mich von den Problemen weg zu orientieren, wurde die Situation besser.

Zu dieser Zeit hatte es auch den Anschein, dass die Brüder und Schwestern sich nicht gut genug auf die Zusammenkünfte vorbereiteten, und ich nicht genügend daraus ziehen konnte, um geistig zufrieden gestellt zu sein. Aber ich ging davon aus, dass es wohl an mir liegen müsste und beschloss, mich stärker auf das wöchentliche Bibelleseprogramm zu konzentrieren. Dann geschah etwas, dass unser Leben erneut veränderte. Kaum vorstellbar war meine Überraschung, als mich Markus eines Tages beim Sommerkongress 1983 während einer Ansprache mit dem Thema „Are you building your future with God’s organization or Satan’s?“ [etwa: Baust Du Deine Zukunft mit Jehovas Organisation oder mit Satans?] fragte: „Edel was hältst Du davon, wieder in den Sonderdienst zu gehen?“ Worte können die Gefühle nicht beschreiben, die ich damals hatte. Meinem Mann erzählte ich erst jetzt, dass Gott nach zwei Jahren endlich mein Gebet beantwortet hatte. Ich war so glücklich!

In nur zwei Monaten konnten wir unser Haus ohne eine Anzeige in der Zeitung aufzugeben verkaufen. Auch bekamen wir nach Abzug der Bankkredite Geld genug dafür, um den Umzug in eine kleinere Wohnung finanzieren zu können und ein nagelneues Auto zu kaufen, denn mein Mann musste ja den Firmenwagen zurückgeben, als er die Arbeit aufgab. Ein gutes Fahrzeug ist wirklich lebensnotwendig bei der Art Tätigkeit, wie Pioniere sie durchführen. Für uns war unser Endziel vor Harmagedon erreicht: zurück im Vollzeitdienst, ohne unsere Interessen wegen der weltlichen Arbeit teilen zu müssen. Mein Traum war wahr geworden, und ich war davon überzeugt, dass wir schließlich wieder genauso glücklich sein würden, wie in den Jahren von 1974 bis 1977, als wir das erste Mal Sonderpioniere gewesen waren.

Da uns die Wachtturm-Gesellschaft davon unterrichtet hatte, dass unsere monatliche „Zuwendung“ abzüglich der Krankenversicherung für Markus und mich zusammen DM 712,- ausmachen würde, und wir alle Kosten zusammen gerechnet hatten, wussten wir, dass wir für die Miete nicht mehr als DM 150,- oder DM 160,- würden aufbringen können. Ich erinnere mich noch gut daran, wie uns die Brüder in der Versammlung „ermunterten“, bei der Suche nach einer Einzimmerwohnung realistisch zu sein. Sie waren der – menschlich gesprochen, verständlichen Ansicht, dass wir für diese Summe keine Wohnung finden würden, jedenfalls nicht in der Gegend und auch nicht innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne, dazu ohne Beziehungen und ohne finanzielle Unterstützung von anderen. Aber, wie immer, rechneten wir mit Jehova, sparten natürlich auch weder Zeit noch Mühe, eine preiswerte Wohnung zu finden und gaben zwei Monate lang jede Woche Annoncen in verschiedenen Zeitungen auf.

Schließlich bot uns eine ältere Dame eine Wohnung für DM 160,- an, die sogar zwei Räume hatte. Wir waren für den zweiten Raum besonders dankbar, da wir in einem Haus mit sieben Zimmern gewohnt hatten, wenn sie auch klein gewesen waren. Das Apartment hatte eine große Küche, ein winziges „Badezimmer“ von höchstens 2m2 mit Toilette und einem kleinen Waschbecken, aber keine Badewanne, und Dachschräge hatte es auch noch. Aber das alles störte uns nicht. Die Wohnung lag in einer Gegend, die für unsere Zwecke optimal war. Sie war leer und musste lediglich renoviert werden. Eine ältere Dame hatte darin gewohnt, bis sie in ein Altersheim umzog. Die Vermieterin war sehr nett und glücklich über uns und wir über sie. Sie akzeptierte unsere Situation, auch dass wir Jehovas Zeugen waren. Wir lobten Jehova für Seine Hilfe, und die ganze Angelegenheit wurde ein gutes Zeugnis für alle, die davon zu hören Gelegenheit hatten.

Nachdem wieder einmal alle unsere Umzugsprobleme gelöst waren, begannen wir mit unserer neuen Zuteilung am 1. März 1984. Wir waren froh, dass die Gesellschaft uns schließlich gewährte, in derselben Versammlung bleiben zu können. Während des nächsten Jahres waren wir glücklich, von Gott gebraucht zu werden, um einigen Menschen zu helfen, Jehovas Zeugen zu werden.

Einmal im Jahr gedenken Jehovas Zeugen des Todes des Herrn Jesus. Diese Feier wird „Gedächtnismahl“ genannt. Ich erinnere mich, dass in jenem Jahr beim Gedächtnismahl allein 16 „Interessierte“ von uns anwesend waren. Gewöhnlich waren die Brüder glücklich, wenn sie nur eine einzige Person dazu motivieren konnten, sie zu dieser Feier zu begleiten. Daher empfanden wir es als besonderen Segen Jehovas. Es war so aufregend, dass ich sogar vergaß, eine weitere interessierte Frau zu der Feier abzuholen, und ich fühlte mich wirklich fürchterlich, als mir dies auffiel, nachdem die Zusammenkunft vorüber war. So waren die Monate damals sehr erfüllt und erfrischend!

Dann vergrößerte die Wachtturm-Gesellschaft wieder mein Arbeitspensum, sodass ich ungefähr sieben bis acht Stunden am Tage mit Übersetzen und Schreibarbeit beschäftigt war. Dies war zusätzlich zu der Arbeit, die eine Hausfrau üblicherweise zu tun hat, dazu die Vorbereitung für die Zusammenkünfte, Bibelstudien mit anderen, persönliches Bibellesen und Nachforschungsarbeit. Ich liebte die Arbeit zu Hause, denn ich wusste, dass sie den Brüdern und Schwestern und auch interessierten Personen dazu verhelfen würde, unsere Literatur in ihrer eigenen Sprache lesen zu können. Dennoch bevorzugte ich es, mit Menschen über die Bibel zu sprechen. Aber ich betrachtete es als großen Segen von Jehova, als die Wachtturm-Gesellschaft auch meinem Mann Arbeit gab, die zu Hause, also am Schreibtisch, zu tun war. Es machte mir Freude, mit meinem Mann zusammen zu arbeiten und nicht mehr die ganze Zeit alleine zu sein. Während dieser Zeit erhielten wir auch eine Ausbildung in der Zentrale, die nun in Selters war, um zu lernen, den Computer für unsere Arbeit zu gebrauchen. Das war eine interessante Abwechslung in der täglichen „Routine“.

Ein großer Teil der Arbeit meines Mannes waren Übersetzungen für die „Leitende Körperschaft“ des New Yorker Bethels. Die „Leitende Körperschaft“ bestand damals aus 15 Brüdern der bereits erwähnten Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, die, wie Jehovas Zeugen glauben, für das himmlische Leben auserwählt sind. Die „Leitende Körperschaft“ leitet das gesamte Werk und die Organisation der Zeugen Jehovas weltweit. Mit der einzigen Organisation Gottes auf Erden heute zusammen arbeiten zu können, gilt als großes Vorrecht. Daher setzten wir alles daran, unsere Arbeit so gut wie möglich zu machen. Das war manchmal sehr schwierig, besonders wenn wir spezifische Wörter nicht in den Wörterbüchern fanden, die uns zur Verfügung standen. Wir betrachteten es immer als eine Belohnung, wenn uns eine sehr schwierige Übersetzung gelungen war. An dieser Stelle möchte ich gerne ein anderes Vorrecht erwähnen, das uns gewährt wurde. Bereits 1973, als ich mit meiner Maschinenschreibarbeit für die Wachtturm-Gesellschaft begonnen hatte, sagte der Bruder vom Bethel, der mich in diese Arbeit eingeführt hatte, dass wir, sobald ich einige Übung in der russischen Sprache hätte, mit einer besonderen Aufgabe in die Sowjetunion geschickt würden. Obwohl wir zunächst wirklich begeistert waren, dachten wir nicht mehr weiter daran, nachdem wir unsere Bewerbung für den Missionardienst ausgefüllt hatten.

So kann man sich unsere Überraschung vorstellen, als derselbe Bethelbruder uns besuchen kam, kurz nachdem wir unseren Sonderdienst im englischen Gebiet in Vorbereitung auf den Missionardienst begonnen hatten. Er schlug uns vor, unsere Bewerbung für die Missionarschule zurückzuziehen. Da der Bruder die Sache etwas geheimnisvoll handhabte, begriffen wir erst allmählich, dass hinter

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seinem Vorschlag der Wunsch der Wachtturm-Gesellschaft stand, dass wir hier in Deutschland bleiben sollten. Wir sollten dazu eingesetzt werden, Literatur von Zeugen Jehovas in die Sowjetunion zu bringen, in dem ihr Werk verboten war. Man sagte uns, dass dies ein großes Vorrecht sei, da nur sehr wenige Zeugen in der Lage seien, dort hingehen zu können. Wir gingen auf den Vorschlag ein und zogen unsere Bewerbung für die Gileadschule zurück. Wir waren ziemlich traurig, aber wenn dies die Arbeit war, die Jehova von uns getan haben wollte, würden wir nicht dagegen murren, sondern sie freudig tun. Dies war allerdings das Ende unserer Hoffnungen, in den Missionardienst zu kommen. Später war ich in Anbetracht meines schlechten Gesundheitszustands froh über diese Entscheidung.

In der Zeit von 1974 bis 1988 reisten wir siebenmal in die Sowjetunion. Gewöhnlich blieben wir fünf bis acht Tage. In der Zeit mussten wir einen bestimmten Bruder treffen, um ihm das Material zu übergeben, das wir aus Deutschland mitgebracht hatten. Er, seinerseits, gab uns gewöhnlich Material, das Informationen über die Lage der Brüder in der Sowjetunion enthielt und über ihre Predigttätigkeit. Offiziell waren wir Touristen.

Wenn ich irgendwelche Gefühle der Begeisterung gehabt hatte, als wir zum ersten Mal von dieser „Reisemission“ erfuhren, so kann ich versichern, dass es in Wirklichkeit für mich größtmöglichen Stress bedeutete. Schon Monate vor unserer Reise hatte ich gewöhnlich Albträume. Wir beteten jedes Mal sehr intensiv darum, dass wir Erfolg haben würden, damit die teure Reise nicht vergeblich wäre. Wir wussten nie, ob wir nicht festgenommen oder sogar inhaftiert würden, falls man das Material, das wir bei uns hatten, finden würde. Einmal wurde mir im weltweit bekannten Moskauer Kaufhaus Gum meine Tasche, in der das Material verborgen untergebracht war, seitlich aufgeschlitzt, ohne dass wir es bemerkten. Wir waren ganz schön erschrocken: was wenn uns das Material gestohlen worden wäre;  noch größer war unsere Angst, die Beamten am Zoll könnten unserer Tasche deswegen besondere Aufmerksamkeit widmen und sie genauer untersuchen. Es war jedes Mal eine Zitterpartie.

Auch waren wir von dem erwähnten Bruder, der als Repräsentant der Gesellschaft sprach, gebeten worden, nichts mitzunehmen, was uns als Zeugen Jehovas identifizieren könnte, nicht einmal eine Bibel, um die Brüder dieses Landes, das Werk und die Organisation der Zeugen Jehovas nicht zu gefährden. Sollte man uns festnehmen, so wurde uns noch gesagt, dann wären wir auf uns selbst gestellt, weil wir dorthin nicht als offizielle Repräsentanten der Wachtturm-Gesellschaft geschickt würden. Es war wahrhaftig ein „stressiges“ Vorrecht. Mein Trost und meine Unterstützung während dieser Zeiten waren Jehova und mein Mann. Aber je älter ich wurde, desto mehr wuchs meine Nervosität, obwohl ich willens war zu tun, worum mich Gottes Organisation bat. Außerdem geschah es ja für Jehova, für die Menschen und für die Brüder und Schwestern.

Niemand außer einer Handvoll Brüder im Bethel wusste etwas über unsere „Reisemission“, keiner in unserer Versammlung, auch unsere Verwandten nicht. Jedes Mal wenn wir fuhren, befürchteten wir, jemand könne herausfinden, was vor sich ging. Wir machten uns auch Gedanken darüber, was wäre, wenn uns jemand brauchen würde, während wir weg waren. Meinem Vater ging es gesundheitlich nicht gut, er hatte sehr große Herzprobleme. Markus‘ Großmutter war sehr alt (1989 wurde sie 90). Brüder aus der Versammlung oder Interessierte hätten uns suchen können. So bestand immer die Gefahr, dass sich jemand fragen würde, wo wir waren, besonders da wir immer recht plötzlich verschwanden. Ein Bruder aus unserer Versammlung arbeitete am Flughafen, wo wir gewöhnlich abreisten, und wir hatten immer eine Geschichte für ihn parat, falls wir auf ihn treffen sollten.

Während wir weg waren, hatten wir praktisch keine Möglichkeit zu erfahren, was in Deutschland oder sonst wo in der Welt geschah. Die schlimmste Situation, an die ich mich in diesem Zusammenhang erinnere, war, als Amerikaner im Iran als Geiseln genommen worden waren. Als wir zurückkehrten, hatten wir nicht die leiseste Ahnung von diesem Welt erschütternden Ereignis. Glücklicherweise kam uns der Bruder zu Hilfe, der uns vom Flughafen abholte und der wusste, wo wir gewesen waren. Wir waren äußerst erleichtert.

Ein anderes Problem war das Wetter: wenn es dort gut war und schlecht in Deutschland, mussten wir eine Erklärung dafür finden, wenn wir mit Sonnenbräune zurückkamen, was manchmal unvermeidbar war, denn wir mussten viel zu Fuß gehen. Obwohl es natürlich viele Risiken gab, schien mir eines immer das Schlimmste zu sein, eines, wovor ich oft Angst hatte. Der Bruder, mit dem ich mich traf, war ein älterer Mann. Was, wenn diesem Bruder etwas zustoßen würde, und die Zentrale in Deutschland nicht rechtzeitig davon unterrichtet worden wäre, während ich versuchen würde, mit ihm in Kontakt zu treten?! Und tatsächlich, meine Befürchtungen wurden Wirklichkeit und natürlich zu einem Zeitpunkt, als ich es am wenigsten erwartete. Ich versuchte, mit dem Bruder telefonisch in Verbindung zu treten und mir wurde gesagt, dass er weggegangen sei. So zumindest hatte ich die Frau, die am Telefon war, verstanden. Sie benutzte jedoch ein besonderes Wort um darauf hinzuweisen, dass er gestorben war. Nervös versuchte ich noch zweimal, ihn zu erreichen, bis ich es begriff. Ich gab vor, nicht so gut zu hören wegen der Verbindung und legte den Hörer auf. Ich war völlig fertig. Mein einziger Trost war in dem Moment, dass die Menschen dort an schlechte Telefonverbindungen gewöhnt waren. Ich war auch die nächsten paar Tage nervös, weil ich immer darauf gefasst war, dass man kommen könnte, um uns abzuholen oder zumindest zur Rede zu stellen. Die Frau schien misstrauisch geworden zu sein. Doch glücklicherweise geschah nichts.

Nach unserer letzten Reise 1988 waren meine Gesundheit und meine Nerven so schlecht, dass ich meinem Mann sagte, dass ich nicht zustimmen würde, noch einmal zu reisen, wenn die Gesellschaft mich wieder fragen würde. Aber dazu kam es nicht. Bevor ich erzähle warum, möchte ich zu dem Zeitpunkt zurückkehren, als wir Anfang März 1984 zum zweiten Mal mit unserem Sonderdienst begannen.

Es war ein wunderbares Gefühl, sich am 21. April 1984 unter den zur Einweihung des neuen Bethelheims in Selters Geladenen zu befinden. Dies war ein großes Vorrecht für uns, da wir unsere neue Sonderdienstzuteilung gerade erst begonnen hatten. Die Zentrale der Zeugen Jehovas in Deutschland war nun von Wiesbaden nach Selters im Taunus verlegt worden. Für uns war dies ein Zeichen des Wachstums des Volkes Jehovas und Seines Segens auf ihm.

Bereits während der Zeit, als das neue Bethel im Bau war, hatten wir das Wachstum der Versammlungen in der Nähe von Selters erlebt. Die Brüder und Schwestern, die als freiwillige Arbeiter eingeladen waren, mussten natürlich Zusammenkünfte besuchen können. Daher teilte die Wachtturm-Gesellschaft eine beträchtliche Anzahl von willigen Brüdern und Schwestern englischsprachigen Versammlungen zu, die nicht zu weit von Selters entfernt waren. Selbst nach Abschluss der Bauarbeiten blieben die meisten dieser Brüder und Schwestern im Bethel und auch in den Versammlungen, denen sie zugeteilt worden waren. Einige davon waren auch in unserer Versammlung.

1985 hatte uns unser „Kreisaufseher“ – das ist ein reisender Repräsentant der Wachtturm-Gesellschaft, der im allgemeinen zweimal im Jahr die Versammlungen besucht, die einen „Kreis“ bilden, um ihnen in ihrem Dienst zu helfen und sie zu ermuntern – uns gefragt, ob wir gerne in einer Versammlung „dienen“ würden, die Unterstützung benötigt. Zu der Zeit verspürten wir keine Neigung dazu, da wir uns nach einem Jahr erneuten Sonderdienstes gerade erst auf unsere neue Zuteilung eingestellt hatten. Außerdem studierten gerade mehr als ein Dutzend Personen ernsthaft die Bibel mit uns und zogen in Betracht, Zeugen Jehovas zu werden. Angesichts des Wachstums unserer Versammlung hatten wir im Sommer 1986 dann jedoch wieder das Gefühl, anderswo besser behilflich sein zu können. Wir redeten daher mit dem Kreisaufseher über unser Anliegen, und er versprach uns erfreut, es mit den verantwortlichen Brüdern in Selters zu besprechen.

Beim nächsten Kongress sprachen wir darüber auch mit einem der „Bezirksaufseher“, das ist ein reisender Repräsentant der WachtturmGesellschaft, der für eine Anzahl von „Kreisen“ verantwortlich war. Dieser „Bezirksaufseher“ und seine Frau waren das schon erwähnte Ehepaar, das in Chile Missionare gewesen war, dann unserer Versammlung in Butzbach zugeteilt und später nach Fulda geschickt worden war, um eine neue Versammlung aufzubauen. Nachdem sie fast zwei Jahre dort waren, wurde er zum „Bezirksaufseher“ ernannt. Wir waren gute Freunde und hatten so manchen Austausch an geistiger Ermunterung. Er versprach uns herauszufinden, in welche Versammlungen die Gesellschaft zu der Zeit vorhatte, Sonderpioniere zu senden. Dann starb mein Vater im Oktober 1986. Obgleich er viele Jahre lang ernstliche Gesundheitsprobleme gehabt hatte, war sein Tod doch eine Überraschung. Mein Vater hatte unseren religiösen Ansichten zwar nie zugestimmt, aber er respektierte unseren Eifer. Einmal sagte er zu uns: „Wenn ich so glauben könnte, wie ihr, dann würde ich dasselbe tun.“ (Er meinte unseren Vollzeit-Predigtdienst.) Obwohl mein Vater als junger Mann ein „religiöser“ Mensch gewesen war, hatten seine Lebenserfahrung und der Zweite Weltkrieg dazu beigetragen, dass er eine negative Haltung gegenüber der Kirche und Gott entwickelt hatte. Vati sprach sich auch immer gegen die Heuchelei der Kirchen und ihrer Mitglieder aus, und er konnte einfach nicht damit fertig werden, dass Gott das Böse in der Welt zulässt. Nachdem Markus und ich geheiratet hatten, ging er gar nicht mehr in die Kirche.

Eines Tages fragte mein Mann meinen Vater, warum er weiter Kirchensteuer zahle, obwohl er doch mit der Kirche überhaupt nichts zu tun haben wolle. Die Folge davon war, dass mein Vater aus der Kirche austrat, und meine Mutter folgte seinem Beispiel. Wir waren wirklich glücklich darüber, dass meine Eltern nun nicht mehr zu „Babylon der Großen“ gehörten, dem „Weltreich der falschen Religion“. Gemäß unserem Glauben war es zusammen mit seinen Mitgliedern zur völligen Vernichtung in Harmagedon verurteilt.

Als mein Vater etwa ein Jahr vor seinem Tode seine persönlichen Angelegenheiten regelte, rief er mich an, um mit mir darüber zu reden, wie er sich seine Beerdigung usw. vorstellte, wenn er einmal sterben würde. Zu dem Zeitpunkt musste er darüber entscheiden, ob er sich einer dritten Operation am offenen Herzen unterziehen lassen sollte oder nicht. Da er aus der protestantischen Kirche ausgetreten war, schlug er vor, dass im Falle seines Todes ein nicht konfessionsgebundener Prediger die Beerdigungsansprache für ihn halten solle. – Es war nicht sehr lustig, das zu besprechen! – Ich machte meinem Vater den Vorschlag, Markus zu fragen, ob es ihm etwas ausmachen würde, die Beerdigungsansprache zu halten. Da Vati keine Einwände hatte, sprachen sie später darüber miteinander, als Markus zu Hause war. Mein Vater schien wirklich glücklich zu sein zu wissen, dass Markus sich darum kümmern würde, wie auch um all die anderen Verpflichtungen, die sich eines Tages ergeben würden, wenn mein Vater nicht mehr bei uns wäre.

Obwohl mein Vater betont hatte, dass seine Beerdigung keine „Show“ für Jehovas Zeugen werden solle, wurde sie ein Zeugnis für die Gemeinde. Nicht dass wir daraus eine Werbekampagne für Jehovas Zeugen machen wollten, aber wir wollten, dass die Anwesenden erfuhren, was Gottes Wort über den Zustand der Toten, die Auferstehungshoffnung usw. sagt. Wir hatten die Erfahrung gemacht, dass im Allgemeinen ziemliche Unkenntnis darüber herrscht, was die Bibel, auch hinsichtlich der eben erwähnten Themen, lehrt. Wir waren fest davon überzeugt, dass Jehova Markus die Kraft gegeben hat, diese äußerst schwierige emotionale Erfahrung durchzustehen, aber auch davon, dass Jehova wirklich „stolz auf uns“ gewesen sein muss wegen des Zeugnisses, dass wir für Seinen Namen zu geben bemüht gewesen waren.

Selbst einige Jahre später erwähnten einige, die bei der Beerdigung anwesend gewesen waren, dass sie sich nicht erinnern könnten, wann der Pastor je eine solch interessante Beerdigungsansprache gehalten hätte. Soviel wir wissen, war es auch das erste Mal, dass Lieder von Jehovas Zeugen auf einer Orgel in einer protestantischen Kirche gespielt wurden. Nach der Beerdigung hatten wir wirklich interessante Gespräche mit einigen Anwesenden. Ein Ehepaar äußerte daraufhin den Wunsch, mit Jehovas Zeugen ein „Heimbibelstudium“ zu beginnen. Obwohl Markus nicht alles sagen konnte, was er gerne gesagt hätte, er dachte an das Versprechen, das er meinem Vater gegeben hatte machten auch die Zeugen, die in nicht unbeträchtlicher Zahl erschienen waren, positive Bemerkungen über das, was er gesagt hatte. Dies war übrigens die einzige Beerdigungsansprache, die Markus in seinem Leben gehalten hat.

Mein Mann und ich hatten meinem Vater vor seinem Tode versprochen, uns um meine Mutter zu kümmern, so gut wir könnten. Da Sonderpioniere nicht einfach hinziehen können, wohin sie wollen, um dort zu dienen, hofften und beteten wir sehr darum, dass wir eine Zuteilung in der Nähe des Wohnorts meiner Mutter bekommen würden. Unser Freund, der Bezirksaufseher, unterrichtete uns davon, dass „ganz zufällig“ eine neue Versammlung in der Gegend gegründet werden sollte, wo meine Mutter wohnte. Wieder einmal konnten wir Jehova nur danken, dass wir dort auch unsere Dienstzuteilung erhielten.

Natürlich bedeutete das, dass wir wieder umziehen mussten, wovon weder wir noch unsere Vermieterin begeistert waren. Dies würde unser siebter Umzug in dreizehn Jahren werden. Wie schon vorher, war es sehr schwierig, eine preiswerte Wohnung zu finden. Im Januar 1987 zogen wir nach Schwetzingen in das Souterrain eines neu erbauten Hauses, das deutsche Zeugen Jehovas gemietet hatten. Die Wohnung war unmöbliert, wie all unsere bisherigen Wohnungen. Sie bestand aus einem einzigen, aber großen Raum von ca. 35 m2 und einem Badezimmer, was wir besonders schätzten. Der Bruder senkte für uns freundlicherweise die Miete, so dass wir im Monat einschließlich Heizung DM 320,- zu zahlen hatten. Mehr konnten Markus und ich zu der Zeit dafür nicht aufbringen, da wir im Monat zusammen nur DM 900,- erhielten, wovon wir alle Nebenkosten und Versicherung etc. bestreiten mussten. Aber die Wohnung schien genau für uns gemacht zu sein, und alles war so neu, und wir brauchten nur einzuziehen!

Zunächst gehörten wir zur Versammlung Mannheim-Englisch, deren Zusammenkünfte in Mannheim-Neckarau stattfanden. Zwei Monate später wurde sie zwecks Neugründung der Versammlung Heidelberg Englisch geteilt. Ihre Zusammenkünfte waren zu Beginn in MannheimSeckenheim. Jedoch von Dezember 1988 an trafen wir uns in Schwetzingen, wo Jehovas Zeugen einen neuen Königreichssaal gebaut hatten.

Der Verlust meines Vaters ließ meine Mutter darüber nachdenken, ob sie ihn jemals wieder sehen würde. Schuldgefühle wegen einiger Versäumnisse und Fehler in ihrem Eheleben weckten in ihr den brennenden Wunsch, ihren Mann wieder zu sehen. Dies gab uns die Gelegenheit, über die Auferstehungshoffnung „Zeugnis zu geben“. Wir erzählten ihr, dass sie Vati definitiv wieder sehen würde, weil die Bibel von einer Auferstehung der Gerechten und der Ungerechten spricht (Apostelgeschichte 24:15). Mein Vater glaubte nicht an Gott; das hatte er wenigstens immer wieder gesagt. Daher wurde meine Mutter getröstet durch die Tatsache, dass selbst Ungläubige nach ihrer Auferstehung von den Toten, der „Auferstehung der Ungerechten“, eine Gelegenheit erhalten würden, eine klare Entscheidung für oder gegen Gott zu treffen. Sie willigte ein, mit den Zeugen Jehovas ein Bibelstudium zu beginnen, was sie im Januar 1987 tat.

Meine Mutter war eine recht zuverlässige Studentin der Bibel. Sie wurde von einer Schwester aus der deutschen Versammlung in Schwetzingen unterwiesen. Diese Schwester hatte Mutti in den vergangenen 15 Jahren ab und zu besucht. Um sie für ihre Ausdauer zu belohnen, beschlossen wir daher, ihr anzubieten, das Bibelstudium durchzuführen. Aber die Schwester war manchmal mit ihrem Latein am Ende und verwies dann meine Mutter mit ihren vielen Fragen an uns. Nach einem langen Tag am Computer oder über Büchern und Wörterbüchern war dies für uns manchmal recht anstrengend. Aber wir freuten uns über den Fortschritt, den meine Mutter in ihren Studien machte. Gleichzeitig fing sie an, anderen „Zeugnis zu geben“, besonders ihrer Freundin. Ich erinnere mich an die vielen Stunden, die wir zusammen verbrachten und Bibelthemen diskutierten. Obwohl die Freundin eine sehr schlechte Gesundheit hatte, machte auch sie bald gute Fortschritte.

Es war immer wieder ziemlich aufregend für uns gewesen, neue Brüder und Schwestern kennen zu lernen und mit ihnen in einer neuen Zuteilung im Gebiet zusammen zu arbeiten. Gewöhnlich dauerte es nicht lange, so auch diesmal nicht, bis wir uns in der neuen Versammlung zu Hause fühlten. Aber die Gesellschaft hielt uns auch weiterhin sehr beschäftigt mit Schreibtischarbeit. Daher konnten wir nicht mit jedem einzelnen so vertraut werden, wie wir dies immer versucht und gerne getan hatten.

Allmählich verbrachten mein Mann und ich praktisch die ganze Zeit gemeinsam, während wir in unserer Souterrain-Wohnung unsere Schreibtischarbeit erledigten. In einem Raum fast 24 Stunden jeden Tag zusammen zu sein, war manchmal eine ziemliche Herausforderung. Es machte einige Änderungen in unserer Beziehung erforderlich, wie man sich wahrscheinlich gut vorstellen kann. Aber es erwies sich als ein guter Lernprozess, und schließlich liebten wir es so, wie es war.

Obwohl wir auf einen Raum beschränkt waren, fanden wir Gelegenheit für eine eigene Privatsphäre. Viele Male wurde unser Badezimmer zum Zufluchtsort. Es war so, dass mein Mann als Ältester der Versammlung Telefongespräche führen musste, die vertraulich waren oder so lang, dass sie mich von der Arbeit ablenkten. Einer von uns beiden „floh“ auch in das Badezimmer, wenn der andere ein Bibelstudium mit einer interessierten Person in unserer Wohnung durchführen wollte. Meine Mutter war so nett und kaufte uns nach einigen Monaten einen Walkman, wodurch alles etwas leichter wurde. Wir begannen, uns wie in einem kleinen „Bethelheim“ zu fühlen und erwarteten, dass es so weiter gehen würde, bis Harmagedon uns das erhoffte Paradies bringen würde. Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass es eine völlig andere und schöne Erfahrung war. Es war so etwas wie das Leben eines pensionierten und sehr beschäftigten Ehepaares.

 

 

 

Teil 2: ERSCHÜTTERT 

Ja, wir hatten wahrhaftig viel zu tun. Ich mochte nicht einmal durch Telefonanrufe gestört werden. Sie hielten mich von meiner Schreibtischarbeit ab, und ich wollte wirklich effizient arbeiten. Ich wollte ein wenig das Gefühl haben, etwas geleistet zu haben, vor allen Dingen deshalb, weil unsere Gelegenheiten, mit anderen über die Bibel zu sprechen, zu der Zeit ziemlich reduziert waren. Mein Mann hatte als Ältester viel mehr Gelegenheit als ich, mit anderen zu reden. Die Gespräche mit meiner Mutter waren aber ein gewisser Ausgleich. Auch studierten Markus und ich viel miteinander und tauschten täglich geistige Dinge aus.

Da ich es jedoch vermisste, täglich in der Predigttätigkeit gefordert zu sein, hatte ich ein wachsendes Bedürfnis nach geistigen Dingen. Während unserer Zusammenkünfte hatte ich zunehmend den Eindruck, dass sich die Brüder und Schwestern nicht gut genug auf die verschiedenen Programmpunkte vorbereitet hatten. Daher hatte ich das Gefühl, auch hinsichtlich der Qualität der geistigen Speise, die ich erhielt, zu kurz zu kommen.

Um meinen geistigen Hunger zu stillen, beschloss ich, mein persönliches Bibelstudium spezifischer und detaillierter zu gestalten. Zum Beispiel enthielt das wöchentliche Programm für eine der Zusammenkünfte, „Theokratische Predigtdienstschule“ genannt, einige Kapitel zum Bibellesen. Wann immer ich diese Kapitel der Bibel las, markierte ich mit einem Bleistift jedes Wort und jeden Gedanken, den ich nicht verstand. Ich schrieb dabei immer Schriftstellen oder Fragen auf, die zu dem, was ich gerade las, einen Bezug hatten.

Anschließend nahm ich einen Index, den „Watchtower Publications Index 1930 -1985“, für die Beantwortung meiner Fragen zu Hilfe. Dieser Index enthielt ein Themenverzeichnis in alphabetischer Reihenfolge und ein Schriftstellenverzeichnis, das nach der Reihenfolge der Bibelbücher geordnet war. Im Themenverzeichnis schaute ich immer zuerst nach dem Schlüsselwort des Themas, um das es bei meiner Frage ging. Unter dem Schlüsselwort suchte ich danach die Publikationen der Gesellschaft aus, die im Index zu diesem Thema oder der Frage aufgelistet waren. Anschließend schlug ich die dazu angeführten Seiten der Publikationen auf. Danach las ich das Material, um zu sehen, ob es irgendeinen Bezug zu dem besonderen Aspekt des Themas oder der Frage hatte, auf die ich eine Antwort suchte. Das war ziemlich viel Arbeit, da der Index die Liste der Veröffentlichungen der WachtturmGesellschaft von 1930 bis 1985 enthält. Wir hatten in unserem Bücherregal nur die Publikationen ab 1970. Für die Jahre ab 1986 benutzte ich auch die jährlichen Einzelverzeichnisse. Ich verbrachte praktisch meine ganze freie Zeit mit Bibelstudium und Nachschlagearbeit. Ich hatte das Gefühl, geistig anders nicht überleben zu können.

Obwohl mir dies etwas half, führte es nicht zu dem erhofften Resultat. Ich hatte immer noch geistigen Hunger. Wenn ich in den Publikationen etwas finden wollte, das interessant, für mich neu oder anders war, musste ich jede Woche einige Stunden Nachschlagearbeit leisten. Ich schrieb auch, wie ich dies seit Jahren getan hatte, jedes neue Verständnis oder jeden interessanten Gedanken, den ich gefunden hatte, an den Rand meiner Studierbibel.

Während meiner Nachschlagearbeit bemerkte ich, dass die WachtturmGesellschaft in ihren Publikationen identische oder ähnliche Fragen manchmal unterschiedlich beantwortete, je nachdem, in welchem Jahr die Publikationen erschienen waren. Als ich einen Ältesten darauf ansprach, meinte er, ich solle immer das übernehmen, was in der neuesten Publikation steht. Das fand ich etwas seltsam, denn ich dachte, dass die Wahrheit die Wahrheit sei und sich unmöglich ändern könne. Mir wurde der häufig zitierte Spruch entgegen gehalten, dass, wie ‚das Licht immer heller und heller‘ (Sprüche 4:18) wird, so würde auch unser Verständnis der Wahrheit immer besser. Ich war zwar nicht ganz zufrieden, beließ es aber dabei und „legte meine Fragen in die Schublade“, wie man so sagt.

Generell wurde Jehovas Zeugen abgeraten, irgendwelche anderen religiösen Publikationen als die von der Wachtturm-Gesellschaft herausgegebenen zu lesen. Der Standpunkt war, dass niemand ‚zum Schlamm zurückkehrt‘ (2.Petrus 2:22), nachdem er die Wahrheit gefunden hat. Die meisten Zeugen Jehovas, die ich persönlich kannte, fanden sowieso keine Zeit, irgendetwas anderes zu lesen. So ist leicht vorstellbar, dass wir im Laufe der Zeit viele Notizen und Zitate aus den Publikationen in unserer Bibel hatten. Früher oder später wurden diese Gedanken von einem Bruder oder einer Schwester während unserer Zusammenkünfte oder Kongresse zitiert. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass wir alle im Grunde ausschließlich dieselben Quellen benutzten, um auf unsere biblischen Fragen Antworten zu finden.

Schließlich kannten wir viele Zitate aus den Wachtturm Publikationen auswendig. Wir erinnerten uns meist nicht nur an die Publikationen sondern sogar an die Artikel, aus denen sie stammten. Das führte schließlich dazu, dass ich mich während der Zusammenkünfte langweilte. Aber es dauerte zehn Jahre, bis ich begriff, dass das der Hauptgrund für mein immer größer werdendes Verlangen nach geistiger Speise war.

Da mein geistiger Hunger immer mehr wuchs, beschloss ich, etwas noch Zeitaufwändigeres hinsichtlich meines persönlichen Bibelstudiums zu tun. Ich nahm mir die Schriftstellen-Verzeichnisse vor, um zu sehen, welche Publikationen für jeden Vers unseres wöchentlichen Bibelleseprogramms aufgelistet waren. Die Indices führten, sagen wir, 150 Bezugsstellen zu diesen Versen in den verschiedenen Publikationen an. Da unsere nur bis 1970 zurückreichten, waren es nicht so viele. Aber manchmal hatte ich bis zu 50 oder sogar 70 Bezugsstellen, die ich nachschlug, um interessante Punkte zu finden oder Antworten auf Fragen, die ich zu ihnen hatte. Obgleich mich dies jede Woche etwa eine bis zwei Stunden Zeit kostete, gelang es mir oft, alle Kapitel unseres Bibelleseprogramms so zu bearbeiten. Zusätzlich benötigte ich etwa zwei Stunden, um das nachgeschlagene Material zu lesen und dann interessante Notizen an den Rand meiner Bibel zu schreiben.

Obwohl das eine Menge Arbeit war, gab es mir zunächst einen neuen Auftrieb, da ich einige ermunternde und aufschlussreiche Informationen fand. Aber ich fand auch etwas, wonach ich nicht gesucht hatte, nämlich Widersprüche. Da sie zunächst geringfügig waren, störte mich das aber nicht allzu sehr. Als ich dann immer mehr fand, begann ich, meinen Mann deswegen zu fragen. Er wiederum wandte sich an einige reife Brüder außerhalb unserer Versammlung. Da einige dieser Brüder namhafte Repräsentanten der Wachtturm-Gesellschaft waren, erwarteten wir, dass sie uns helfen könnten. Aber zu unserer Überraschung konnten sie es entweder nicht, oder sie wollten es aus uns unerklärlichen Gründen nicht tun. Daher hielt mein Mann es nach einigen fruchtlosen Versuchen für weiser, sich über unsere Fragen nicht zu viele Gedanken zu machen. Wir gingen davon aus, dass „der treue und verständige Sklave“ – zur Erinnerung: das ist die „Leitende Körperschaft“ der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New York – mit der Zeit jede schwierige Passage oder Fragen klären würde. Wir mussten eben nur geduldig sein. Dann, eines Tages Ende 1987, wurden mein Mann und ich zusammen mit anderen, die für Selters ähnliche Arbeit wie wir machten, ins Bethelheim eingeladen. Während einer Pause blieben ein Bruder, eine Schwester, mein Mann und ich alleine in einem der Büros zurück. Der Bruder unterhielt sich mit Markus. Sie sprachen über neue oder interessante Punkte aus den Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft. Plötzlich sagte er zu Markus: „Ist es nicht seltsam, dass der „König des Nordens“ (von dem Jehovas Zeugen damals glaubten, dass er den kommunistischen Block unter der Gesamtkontrolle der UdSSR darstellte) nicht im Bibelbuch der Offenbarung vorzukommen scheint? Gemäß der Prophezeiung Daniels wird er im Höhepunkt der Menschheitsgeschichte eine solch wesentliche Rolle spielen, dass es eigenartig erscheint, dass das Buch der Offenbarung ihn noch nicht einmal erwähnt. Hast Du Dich nie gefragt, warum wir nur so wenige Details über Harmagedon kennen? Die Bibel ist in allem so präzise, aber wir wissen nicht allzu viel über diesen wichtigen Punkt in der Menschheitsgeschichte, findest Du nicht?

„Nun ja,“ antwortete Markus, „Jehova hat durch den „treuen und verständigen Sklaven“ immer fortschreitend Dinge geoffenbart, wenn auf Sein Volk kritische Situationen zukamen. Ich bin sicher, dass Er uns genau zur rechten Zeit wissen lassen wird, was wir wissen müssen, um auf das, was uns bevorsteht, vorbereitet zu sein.“ Dies war eine Antwort, wie sie jeder loyale Zeuge Jehovas hätte gegeben haben können. „Oh, gewiss“, antwortete der Bruder, „daran habe ich keinen Zweifel!“ Und die Schwester, die mit ihm in einer Versammlung war und der Unterhaltung zugehört hatte, fühlte sich gedrängt, eilig hinzuzufügen: „Weißt Du, Bruder … weiß das, wie wir alle. Aber ab und zu theoretisiert er gerne ein bisschen über prophetische Ereignisse, auf die wir noch warten, und worüber wir noch nicht allzu viel wissen. Natürlich kann man das nicht mit jedem Bruder machen!“

Die Wachtturm-Gesellschaft hieß es übrigens offiziell nicht gut, über die Erfüllung von Prophetie zu „spekulieren“. Manchmal fanden geistig gesinnte Brüder und Schwestern jedoch Gefallen daran, wenn sie sich, was den Bruder oder die Schwester betraf, „sicher fühlten“, weil dieses „Spekulieren“ oder solche Gedankengänge anregend waren. Auch wir hatten das schon gemacht.

Was Markus* Reaktion auf die Bemerkung des Bruders angeht, so war sie genau so, wie es von ihm erwartet worden wäre. Sofort hatte er erkannt, dass die Bemerkung des Bruders nicht mit der offiziellen Lehre der Wachtturm-Gesellschaft übereinstimmte. Dann aber fügte Markus, um die Gefühle des Bruders nicht zu verletzen, behutsamer hinzu: „Worauf genau willst Du hinaus?“ Nach einem kurzen Gedankenaustausch ließen sie das Thema fallen. Da mein Mann an Bibelchronologie und Bibelprophetie immer besonderes Interesse gehabt hatte, war es ihm unmöglich, die Angelegenheit nicht weiter zu untersuchen. Obgleich er auf diese spezielle Frage zu der Zeit keine Antwort fand, fand er etwas, wonach er ganz und gar nicht gesucht hatte. Es war der unwiderlegbare Beweis, dass die Zeit des Endes 1914 auf gar keinen Fall begonnen haben konnte, wie dies Jehovas Zeugen fest glaubten. Je mehr er die Schrift studierte und mit der Auslegung der Wachtturm-Gesellschaft verglich, desto größer und überwältigender wurden die Beweise, dass irgend etwas von äußerster Wichtigkeit an dem prophetischen Bild, das die Wachtturm-Gesellschaft präsentierte, falsch war. Zunächst teilte mein Mann mir nichts von diesen Dingen mit. Aber ich kann bezeugen, dass er seine Bibel intensiver studierte als je zuvor.

Noch erstaunlicher war die Tatsache, dass mein Mann so anders zu sein schien. Später fand ich heraus, dass Markus, als er anfing, bestimmte Entdeckungen in der Bibel zu machen, krank wurde. Er bekam Magenschmerzen. Gleichzeitig fing er an zu begreifen, welche Tragweite die Konsequenzen seiner Entdeckungen haben könnte. Dadurch fühlte er sich noch schlechter, vor allem wenn er an die möglichen Folgen dachte, die dies auf unsere Beziehung haben könnte.

So hörte er nicht auf zu Jehova zu beten, dass Er meine Augen und mein Herz öffnen möge, damit ich sehen sollte, was er sah, wenn es wirklich Er war, der ihn diese Dinge verstehen ließ. Markus hatte solche Angst, dass ich es nicht sehen könnte, und dies uns möglicherweise trennen würde. Er wusste, dass auch ich hundertprozentig hinter der Gesellschaft stand und auf die Führung „des treuen und verständigen Sklaven“ bei der Auslegung der Bibel vertraute.

Wenn man seinen Ehepartner liebt und weiß, dass man ihn vermissen wird, weil er z.B. ins Krankenhaus oder auf eine Reise gehen muss, dann verstärken sich oftmals die Gefühle für einander. Markus Gefühle und seine nicht zu verdrängende Furcht, mich zu verlieren, ließen ihn zum rücksichtsvollsten, verständnisvollsten, vergebungsbereitesten, wärmsten und liebevollsten Ehemann werden, den ich je gehabt hatte. Das gefiel mir!

Schließlich, ungefähr vier Wochen nach unserem Besuch im Bethel, stellte mir mein Mann eine Frage, die für mich absolut schockierend war. Er sagte: „Was würdest Du sagen, wenn wir nicht in der „Zeit des Endes“ leben würden, wenn die „letzten Tage“ nicht im Jahre 1914 begonnen hätten? Meine Reaktion zeigt, wie entsetzlich diese Frage für mich wirklich war: „Ich glaube, Du hast den Verstand verloren, Du musst verrückt sein!“ Aber diese Worte spiegeln nicht im Mindesten den Aufruhr und die panische Angst wider, die seine Frage sofort in mir hervorgerufen hatte. Zunächst hatte ich am meisten Angst davor, die Frau eines „Abtrünnigen“ zu werden, und so begann ich, intensiv wegen dieser Sache zu beten. Mein Mann fuhr ebenfalls fort zu beten. Aber seine Gebete hatten natürlich einen vollständig anderen Inhalt. Ich betete darum, dass Markus zur Vernunft kommen möge. Mein Mann erzählte mir später, dass er Jehova nur immer wieder anbettelte, dass Er mir die Augen öffnen möge.

Nach einiger Zeit begannen Markus biblische Beweise für seine neuen Überzeugungen meinen Standpunkt zu schwächen. Da ich aber nicht sicher war, schlug ich Markus vor, in der Angelegenheit an die Gesellschaft heranzutreten. Ich hoffte, dass die Brüder beweisen könnten, dass er Unrecht hatte, oder, wenn er Recht haben sollte, dass sie es zu schätzen wüssten, dass Markus etwas ihnen nicht Aufgefallenes entdeckt hatte, und froh wären, diesbezüglich angesprochen worden zu sein. Was ich wollte, war Gewissheit.

Die Annahme, dass „das gegenwärtige System der Dinge im Jahre 1914 in seine letzten Tage eintrat, und einige Angehörige der Generation, die damals am Leben war, auch Zeuge seines vollständigen Endes in der großen Drangsal“ oder bei Harmagedon werden [Zitat aus „Unterredungen anhand der Schriften“, 1985, Seite 279], war eine zentrale Lehre der Zeugen Jehovas. Ihr Leben war stark von der Überzeugung beeinflußt, dass sich biblische Prophezeiungen im Jahre 1914 und danach erfüllt haben. Beispielsweise waren 1975 viele Zeugen Jehovas davon überzeugt, dass das Ende der „letzten Tage“ gekommen sei. Sie glaubten, in jenem Jahr würde Harmagedon kommen, Gottes Krieg, der alle bösen menschlichen Systeme und Menschen, die nicht an Jehova glaubten, vernichten würde. Sie glaubten, dass sie nun endlich die Segnungen eines vollkommenen irdischen Paradieses und ewiges Leben auf dieser Erde erhalten würden.

Jehovas Zeugen lehrten, dass sich jeder der im ersten Kapitel von 1. Mose 1 erwähnten Schöpfungstage über einen Zeitraum von 7 000 Jahren erstreckt; dass nach 1. Mose 2:2 Gott am siebenten Tag von Seinen Schöpfungswerken ruhte, und zwar nach der Erschaffung der Menschen am Ende des sechsten Schöpfungstages, wobei zwischen Adams und Evas Erschaffung noch eine kurze – biblisch nicht näher definierte – Zeitspanne war (1. Mose 1:26-31), und dass Gott danach am siebten Tag begann, 7 000 Jahre zu ruhen, da jeder Tag logischerweise dieselbe Länge haben müsste.

Die biblische Chronologie der Zeugen Jehovas wies auf 1975 als auf das Jahr hin, in dem 6 000 Jahre seit der Erschaffung Adams enden würden. Das Bibelbuch der Offenbarung spricht von der Tausendjahrherrschaft Christi, von der Jehovas Zeugen glaubten, dass sie direkt auf Harmagedon folgt und den siebten Tag vervollständigt. Folglich, da 1000 Jahre für die Herrschaft Jesu übrig bleiben müssten, und 1975 seit der Erschaffung Adams 6000 Jahre vergangen waren, müsste Harmagedon 1975 kommen. Das ist es, was viele Brüder und Schwestern glaubten. Von diesen 6000 plus 1000 Jahren leiten Zeugen Jehovas übrigens auch die Länge des siebenten Tages und damit jedes Schöpfungstages her.

In den Jahren nach 1975 wurde die zeitliche Lücke zwischen der Erschaffung Adams und der Evas, die nach Adam erschaffen wurde, als Grund für die Verzögerung des Beginns von Harmagedon erklärt. Demgemäß seien zwar 6000 Jahre seit der Erschaffung Adams, aber nicht der Evas, vergangen. Der siebente Tag begann erst nach der Erschaffung Evas. Folglich bestand ein Zeitabstand Monaten oder – wie es später erklärt wurde – von einigen Jahren zwischen Adams Erschaffung und der Evas, womit sich der Beginn des siebenten Schöpfungstages und daher natürlich auch Harmagedon um diese Zeitspanne verschob. U.a. im Wachtturm vom 15. November 1968, S. 691, 30, hieß es noch, dass es „höchstens einige Wochen oder Monate, keinesfalls aber Jahre ausmachen“ würde; in der „Erwachet!“ Sonderausgabe vom 8. April 1969, S. 13, hieß es, „im Höchstfall dauert es noch wenige Jahre, bis Gott das verderbte System der Dinge, das jetzt die Erde beherrscht, vernichten wird.“ Und dann wurden in dem Artikel Gründe angeführt, warum „wir so sicher sein können“. Es ist bemerkenswert, dass aus diesen „höchstens einige Monate, keinesfalls Jahre,“ 2008 bereits 33 Jahre geworden sind.

Nach 1975 war die offizielle Version allerdings, dass nur einige Brüder aus eigenem Wunschdenken heraus an 1975 geglaubt hätten. Aber diesem „Wunschdenken“ lagen verschiedene Artikel im „Wachtturm“ und „Erwachet!“, im „Königreichsdienst“ – grob gesagt, einem internen Mitteilungsblatt der Gesellschaft für die Versammlungen – und Vorträge von Repräsentanten der Gesellschaft zugrunde. Diese nachprüfbaren Zitate zeigten, dass nicht „einige Brüder“, sondern die Gesellschaft selbst Erwartungen für das Jahr 1975 geweckt hatte. Uns als „Neuen“ war das aber damals nicht bewusst.

Die Erklärung für den Verzug wurde logisch damit begründet, dass Adam als das Haupt seiner Frau schon einige Erfahrungen gesammelt haben sollte, bevor sie mit ihm nach ihrer Erschaffung zusammen wäre. Auch hatte er den Tieren Namen zu geben, was Zeit erforderte (1. Mose 2:19). Da Gott dem Adam die Eva nicht aufzwang, wurde ihm Zeit gegeben zu erkennen, dass er ein weibliches Gegenstück zu sich haben wollte, wie dies bei allen Tieren der Fall war. Solche oder ähnliche Antworten gaben Zeugen Jehovas, wenn sie nach 1975 angesprochen wurden, warum ihre Erwartungen bezüglich 1975 sich nicht erfüllt hatten.

Da Markus und ich erst 1972 Zeugen Jehovas geworden waren, hatte dieses Datum 1975 keine große Wirkung auf uns, denn wir wollten unserem Schöpfer ewig dienen. Auch war das Ende des Systems so nahe, und wir wollten vorher noch so viel tun. Aber die „alte Garde“ sah mit Erwartung großen Ereignissen entgegen, die 1975 zu geschehen anfangen würden. Die Bibel sagt „hingezogene Hoffnung macht das Herz krank“ (Sprüche 13:12). Verständlicherweise war die Enttäuschung groß.

Die Wachtturm-Gesellschaft hatte mehr als einmal „das Ende dieses Systems der Dinge“ durch Gottes Eingreifen an Harmagedon vorhergesagt, extensiv veröffentlicht und gepredigt. Als die für die verschiedenen Jahre gemachten Vorhersagen nicht eintrafen, wurden, nachdem einige Zeit verstrichen war, neue Erwartungen geweckt und ein neuer Zeitpunkt  für Gottes Eingreifen genannt. Das ist etwas, was späteren Generationen von Zeugen Jehovas im Allgemeinen unbekannt war. Die neueste und damit aktuellste Information, die ihnen gegeben wurde, war DIE WAHRHEIT. Die zuvor gelernten Dinge waren Schritte zu dieser Wahrheit. Irrtümer auf dem Wege wurden mit dem Zickzackkurs eines Segelschiffes verglichen, dass dennoch seine allgemeine Richtung beibehält und schließlich am Bestimmungsort ankommt.(Siehe Wachtturm 1. 12. 1981, S. 27, 2 engl. Ausgabe)

Folglich kümmerten sich die Neuen unter den Zeugen Jehovas gewöhnlich nie um alte Voraussagen der Wachtturm Gesellschaft, da „das Licht immer heller und heller“ werden würde. Darüber hinaus konnte man im Allgemeinen die älteren Publikationen nicht mehr bekommen, mit Ausnahme einiger Einzelstücke, z.B. wenn ein Bruder oder eine Schwester starb und die Literatur zurück ließ. Die meisten Brüder und Schwestern wollten diese Literatur eigentlich mehr für ihre Bibliothek als „wertvolle“ Erinnerung an „kleine Anfänge“ (der Zeugen Jehovas). Gewöhnlich hatten sie nicht die Absicht zu studieren, was Jehovas Zeugen zu einem früheren Zeitpunkt  in ihrer Geschichte geglaubt haben. (Die Organisation der Zeugen Jehovas bezeichnet sich als eine „vorwärts gehende“ oder „voranschreitende Organisation“.) Zeit dazu war sowieso keine, denn das Studium der neuen Literatur bedeutete bereits reichlich Arbeit.

Als wir Jehovas Zeugen wurden, lernten wir, dass das Wort „Generation“ in Matthäus 24:34 und Lukas 21:32 sich auf diejenigen Menschen insgesamt bezieht, die 1914 alt genug waren, die Ereignisse zu der Zeit zu verstehen und in ihnen die Erfüllung biblischer Prophezeiungen zu sehen. Später wurden einige andere Interpretationen darüber gegeben, wen genau diese „Generation“ von 1914 einbezieht, die nicht vergehen sollte, bevor Gott eingreift und alles Böse beseitigt. In jedem Fall fanden Jehovas Zeugen 1988, dass diese Generation wirklich alt geworden war, selbst wenn sich das Wort auf diejenigen beziehen sollte, die erst von 1914 an geboren worden waren. So dachten auch wir, dass „das Ende“ gleich „um die Ecke“ sei.

Obwohl diese Erwartung nichts mit unserem Dienst für Jehova zu tun hatte, – etwas, das wir für immer tun wollten, – half sie uns in der Situation, in der wir waren, auszuharren. Vom Beginn unserer Vollzeitpredigttätigkeit als Zeugen Jehovas an hatte ich nämlich Gesundheitsprobleme gehabt. Je länger wir im Vollzeitdienst waren, und je älter ich wurde, desto mehr nahmen meine Probleme zu. Darüber hinaus hatten wir jetzt zusätzliche Verpflichtungen. Wir wohnten in der Nähe unserer Verwandten, die wir in den vergangenen 15 Jahren mehr oder weniger vernachlässigen mussten wegen unseres äußerst vollen Zeitplans und unserer knapp bemessenen Urlaubszeit. Aber wir dachten, dass wir mit Jehovas Hilfe ausreichend Kraft hätten, die wenigen Jahre, die bis Harmagedon noch blieben, durchzuhalten.

Unter Berücksichtigung dieser Erwartungshaltung kann man sich sicher leicht die Wirkung vorstellen, die meines Mannes Frage, „Was würdest Du sagen, wenn 1914 nicht der Beginn der letzten Tage“ wäre, auf mich hatte! Als er mir später sogar bewies, das es unmöglich wahr sein konnte, dass im Jahre 1914 die Endzeit begonnen hatte, stand mir ein Schock bevor: Harmagedon war nicht nur nicht „gleich um die Ecke“, sondern es sollte erst in ungewisser Zukunft sein. Das war schwer zu verdauen.

Wenn wir auch heute wissen, dass unser gewonnenes Verständnis bezüglich der Zeit des Endes noch von der Lehre der WachtturmGesellschaft gefärbt war, so wissen wir aber auch, dass es Jehova war, der unsere Augen öffnete. Er ermöglichte es uns durch gründliches Lesen und Studieren der Bibel direkt – man stelle sich vor, ohne die Wachtturm-Gesellschaft! -, all diese Dinge zu erkennen. Er gab uns alles, was wir zu der Zeit wissen mussten. Ihm gebührt alles Lob!

Unseren nächsten Sommerurlaub 1988 werde ich nie vergessen. Wenn wir nicht zum Schwimmen gingen oder ein Sonnenbad nahmen, lasen wir in der Bibel. Das waren viele überwältigende und begeisternde Stunden. Mein Mann und ich hatten einen solch wunderbaren Austausch über Gedanken, die wir in der Bibel fanden. Diese Erfahrung setzte sich auch nach unserem Urlaub fort. Jedes Mal wenn wir die Bibel aufschlugen, spürten wir, dass unser „Durst“ gelöscht wurde. Eine der herausragendsten Entdeckungen, die wir zu der Zeit machten, war die Tatsache, dass Bibelprophetie viel detaillierter und umfangreicher ist, als wir je gewusst hatten oder uns gar hätten vorstellen können. Allmählich wurde auch unser Wunsch immer größer herauszufinden, ob es anderen Zeugen Jehovas ähnlich erging wie uns.

Niemand, außer denjenigen Brüdern oder Schwestern, die jemals ernsthafte Zweifel an den Lehren der Gesellschaft hatten und aufrichtig die WAHRHEIT herausfinden wollten, kennt den Aufruhr und die Unsicherheit, verbunden mit Angst und quälenden Selbstzweifeln, die unausweichlich folgen, wenn man anfängt, alles, was man gelehrt worden ist, genau zu prüfen. Unter Berücksichtigung des Trainings, das Jehovas Zeugen erhalten, nehme ich aber an, dass die Mehrzahl der Brüder und Schwestern, die die Lehren der Gesellschaft zu hinterfragen beginnen, zunächst den Fehler bei sich suchen werden, wie ich es auch tat. Ich fragte mich andauernd, warum ich diese Zweifel hatte. Was war mit mir los? Warum war ich unzufrieden? Hatte ich nicht mehr Jehovas Segen? Warum war ich nur so kritisch? Warum schienen sich all die anderen Brüder und Schwestern wohl zu fühlen? Warum schienen sie zufrieden mit, ja teilweise sogar begeistert von der geistigen Speise, den Zusammenkünften und den Kongressprogrammen? Eine positive Reaktion und völliges Akzeptieren der dargebotenen „geistigen Speise“ wurden ganz einfach erwartet. Schließlich erhielten wir diese „Speise“ ja vom „Kanal“ Jehovas. Wer hatte uns die Wahrheit zu Anfang gelehrt? Daran wurden wir oft erinnert. Wer könnte also so undankbar sein, die „Speise“ zu kritisieren, ihren Wert in Frage zu stellen, etwas an ihr aussetzen oder es sogar wagen, sie abzulehnen? Und wenn es doch jemand wagen würde, hätte er auch den Mut, dies in aller Offenheit zu tun?

Nachdem einmal der erste ernsthafte Zweifel an der „Speise“ da war, schien es, dass all die Fragen, die wir so lange „in die Schublade gelegt“ hatten, wieder hervorkamen. Und dann gab es auch noch neue, und zwar jede Menge davon. Allmählich begannen wir, die Bibel anders zu lesen. Wir fingen an, neue Dinge zu entdecken, Dinge, die Sinn machten, und einige dieser unbeantworteten Fragen, die wir hatten, klärten. Und wieder – kaum vorzustellen! – erkannten wir diese Dinge ohne den „treuen und verständigen Sklaven“! War das eine Sünde? Einige Male kam uns ein noch verwegenerer Gedanke: Wollte Jehova etwa uns dazu benutzen, Gottes Volk über gewisse Dinge aufzuklären, die falsch waren? (Damals dachten wir noch, dass Gottes Organisation das „geistige Israel“ sei, sich also die Prophezeiungen über Israel oder die Juden an diesem „geistigen Israel“ erfüllen würden.) Oder war das ein Trick Satans, der versuchte, uns zu täuschen und uns von Jehovas Organisation wegzubringen? Die Ungewissheit war riesengroß. Gleichzeitig konnten wir nicht umhin, uns einzugestehen, dass Jehovas Volk nicht so war, wie wir dies gelehrt worden waren. Es war auch nicht das, für was wir es gehalten hatten. Auch entsprach es nicht den Ansprüchen, die andere von Gottes Volk erwarteten aufgrund dessen, wie wir es immer dargestellt hatten. Dies hatte für uns jedoch niemals bedeutet, dass dies nicht Gottes Organisation war, denn wir sind alle unvollkommen. Auch kannten wir keine religiöse Gruppe, die etwas Besseres, oder auch nur annähernd das zu bieten hatte, was wir hatten oder waren.

Die Wachtturm-Gesellschaft unterstrich diesen Punkt häufig in ihrer Literatur, wenn es um diejenigen ging, die die Organisation verlassen hatten. Wohin sollten solche denn gehen? Nirgendwo sonst würden sie solch eine wunderbare Organisation finden. Gott benutzte sowieso nur diese eine! Und woher würden sie die geistige Speise für ihre geistige Ernährung bekommen? Nirgendwo gab es solche Speise wie die unsere. Wer würde zur Speise der „BabyIon der Großen“, dem „Weltreich der falschen Religion“, gehen wollen, zu falschen religiösen Lehren?! Gewiss nicht diejenigen, die irgendwann einmal so genannte christliche Religionen verlassen hatten. Diese hatten ihnen keine geistige Speise geboten, höchstens vielleicht geistige Krümel, aber oft nicht einmal das. Solche und ähnliche Aussagen waren keinem Zeugen fremd.

Wie ich bereits sagte, waren unsere Sinne geschärft, was den Anspruch der Zeugen Jehovas, Jehovas liebendes und treues Volk zu sein, anging. Im Laufe der Jahre hatten wir viele Dinge gesehen und erlebt, die uns nicht gefielen. Wir wünschten uns, dass Jehovas Volk das wäre was wir, als Organisation, behaupteten: ein Vorbild für Außenstehende, mit den höchsten moralischen Grundsätzen, unterschieden von allen anderen, die einzigen, die Jehova möglicherweise akzeptieren könnte. Obwohl wir unsere – und sicherlich auch andere Zeugen Jehovas ihre persönlichen, individuellen Versäumnisse in dieser Hinsicht erkannten, war es uns niemals auch nur ansatzweise aufgegangen, dass wir eigentlich von Jehovas Volk als Organisation zumindest annähernd Vollkommenheit erwarteten. Waren wir nicht gelehrt worden, dass wir für Jehova ein „ganz besonderes“ Volk waren?

Wie dem auch sei, wir waren die Jahre hindurch zu beschäftigt, um unseren Beobachtungen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Auch waren wir überzeugt, dass andere religiöse Organisationen nicht einmal an solch hohe Maßstäbe heranreichen könnten. War es nicht Jehovas Organisation, die Seinen Segen hatte? Litten nicht andere religiöse Organisationen geistige Not, verloren ständig Mitglieder, während wir jedes Jahr gewaltiges Wachstum zu verzeichnen hatten? Wir dachten, dass Jehova Sein Volk zu Seiner Zeit korrigieren könnte und würde, wenn etwas nicht in Ordnung war.

Unser Standpunkt war immer gewesen, dass Liebe, Einheit und Harmonie wichtige Faktoren in der Versammlung und in Jehovas Volk waren. Auch lehrt die Bibel, dass „Liebe eine Menge von Sünden zudeckt“ (1. Petrus 4:8). Wir waren daher der Ansicht, dass es besser sei, sich nicht mit dem aufzuhalten, was nicht stimmte, und irgendwelche Versäumnisse oder Fehler mit Liebe zuzudecken und hart daran zu arbeiten, zu einer liebevollen Atmosphäre beizutragen. Aber, wie ja erwähnt, hatten wir persönlich in dieser Hinsicht nicht mehr allzu viel Gelegenheit dazu, da wir ja durch unsere Arbeit weitgehend an den Schreibtisch gebunden waren.

Es gab allerdings ein paar Vorkommnisse, die wir nicht einfach beiseite schieben konnten. Eines Tages im April 1988, beispielsweise, wurde mein Mann für eine besondere Arbeit nach Selters gerufen. Es war immer ein Höhepunkt, ins Bethel zu gehen. Es gab uns die Gelegenheit, mit anderen Brüdern aus allen Teilen der Welt Gemeinschaft zu haben. Es waren viele Missionare und so mancher Bruder aus der New Yorker Zentrale dort, die während des Mittagessens oft die letzten Neuigkeiten berichteten. Ein Besuch im Bethel war immer eine willkommene Abwechslung in unserer Routine. Außerdem waren wir gewöhnlich zum Mittagessen eingeladen. Das bedeutete weniger Arbeit und den Genuss eines guten Essens. Diesmal wurde Markus gebeten, für ein bis zwei Tage dort zu arbeiten.

Dann wurde mir mitgeteilt, dass Markus ein paar Tage länger in Selters bleiben müsse. Da wir daran gewöhnt waren, 24 Stunden am Tag zusammen zu sein, fühlte ich mich einsam und war enttäuscht, dass ich nicht mit ihm dort sein konnte. Ich fragte mich, ob es denn so viel Unterschied gemacht hätte, wenn ich meine Schreibtischarbeit auch in Selters gemacht hätte. Zudem musste mein Mann unser Auto mitnehmen. Ich musste für jede Zusammenkunft und für den „Felddienst“, die Predigttätigkeit, abgeholt werden. Das war eine Belastung für die Brüder, denn es standen praktisch nie genügend Wagen zur Verfügung, um alle Interessierten abzuholen oder solche Schwestern, deren Ehemänner ihnen nicht den Wagen überließen. Gewöhnlich nahmen wir sogar noch andere mit. Ich konnte meine Mutter nicht besuchen, ihr auch nicht beim Einkaufen behilflich sein. Öffentliche Verkehrsmittel sind und waren teuer, und ich konnte mir nicht leisten, sie zu benutzen. Nach drei Tagen kam Markus nach Hause, um ein paar Sachen abzuholen. Man brauchte ihn nochmal für „ein bis zwei“ Tage. Mein Mann versuchte, die zuständigen Brüder im Bethel dazu zu bringen, mich auch einzuladen. Er erklärte die Situation, aber ihm wurde gesagt, dass ein Ehepartner gemäß den Vorschriften der Gesellschaft ohne den Partner für 14 Tage oder länger zum Arbeiten ins Bethel gerufen werden könne, wenn die Gesellschaft dies für notwendig oder gut hielt.

Natürlich kommt ein Unglück selten allein. In derselben Woche erfuhr ich, dass die Abteilung des Bethels, für die ich arbeitete, vergessen hatte, mich darüber zu informieren, dass eine Artikelserie, die ich gebeten worden war zu übersetzen, bereits von einer anderen Schwester übersetzt worden war. Meine wochenlange Arbeit war umsonst gewesen. Das hatte mir zu dem Zeitpunkt  gerade noch gefehlt.

Während meiner Übersetzungstätigkeit hatte diese Abteilung immer Kommunikationsprobleme mit anderen Bethelabteilungen. Ich hatte wegen dieses Problems auch viele Schwierigkeiten gehabt, weil ich meine Arbeit zu Hause und nicht im Bethelheim machte. Einige wenige Veränderungen hätten meine Arbeit ungemein erleichtert, aber jegliche Vorschläge meinerseits verliefen im Sande. Als später Markus auch für dieselbe Abteilung arbeitete, verstand er meine Situation zum ersten Mal besser, weil er auf ähnliche Probleme stieß. Auch er machte einige praktische Verbesserungsvorschläge. Zwar wurden Versprechungen gemacht, die Situation zu ändern, es geschah jedoch nichts.

Diese Gedanken mögen dabei helfen zu verstehen, warum ich zu der Zeit so frustriert war. Ich war den ganzen Tag zu Hause durch Schreibtischarbeit angebunden, sah niemanden und sprach mit niemandem, außer während der Zusammenkünfte. Meine wochenlange Arbeit war umsonst, weil jemand anders sie gemacht hatte. Und zusätzlich war da niemand, dem ich meine Gefühle hätte mitteilen können wegen der Ermahnung, mit niemandem über meine Arbeit zu reden. Am meisten vermisste ich den Trost meines geliebten Mannes ganz arg und meines Erachtens unnötigerweise. Ich hatte einige Male zuvor im Bethel Schreibtischarbeit gemacht und war sogar über Nacht geblieben. Die Art und Weise, wie diese Situation gehandhabt wurde, war in meinen Augen sehr unnachgiebig.

Bezüglich meiner Arbeit wurde mir versprochen, dass alles in Zukunft besser koordiniert würde, um sicher zu stellen, dass solche doppelte Arbeit und andere Probleme infolge des Kommunikationsproblems vermieden würden oder wenigstens auf ein Minimum beschränkt blieben. Nur einige Tage später jedoch ergab sich eine ähnliche Situation. Ich war sehr bemüht, das alles nicht so tragisch zu nehmen. Aber es hinterließ eine Narbe, eine weitere, denke ich. Doch war mir dies zu dem Zeitpunkt  noch nicht bewusst.

Während meiner langjährigen Übersetzungstätigkeit zog ich übrigens am meisten Befriedigung aus der Tatsache, dass ich mit jeder fertig gestellten Übersetzung wieder eine schwierige Aufgabe gemeistert hatte. Häufig hätte ich motivierende Ermunterung benötigt, da die Aufgabe manchmal größer war, als was ich glaubte, bewältigen zu können. Viele Male brachte ich meine Tränen vor Jehova, damit Er sie „in Seinen Schlauch gießen“ möge (Psalm 56:8), ihrer gedenke und meine Situation erleichtere. (Anmerkung: in biblischer Zeit wurden sowohl Wasser als auch Wein in schlauchartigen Lederbehältnissen aufbewahrt bzw. transportiert). Er tat es jedes Mal, und ich war Ihm dafür so dankbar. Dies wurden so letzten Endes Gelegenheiten, Ihm nahe zu kommen und meine Dankbarkeit auszudrücken. Ein anderes Vorkommnis, was uns zu schaffen machte, geschah ein wenig später während des Sommerkongresses 1988. Es war gerade Programmpause und ich traf ein Ehepaar, das wir schon viele Jahre kannten. Er war Engländer, sie Deutsche. Viele Jahre waren sie im Pionierdienst gewesen, und wir hatten sie ermuntert, in den Sonderdienst zu gehen. Als ich sie traf, waren sie schon einige Jahre als Sonderpioniere in einer Versammlung, die hauptsächlich in Deutschland stationierten, englischen Soldaten diente. Sie erzählten mir, dass es sehr schwer sei, in ihrem Gebiet zu arbeiten. Nur sehr wenige Menschen reagierten günstig auf ihre Predigttätigkeit, wobei dies meist unter Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern der Fall war.

Tatsache war, dass das nicht ohne negative körperliche und psychische Folgen blieb. Der Bruder war wegen Herzproblemen in Behandlung. Seine und ihre Nerven waren äußerst angespannt. Sie waren körperlich und geistig „am Boden“. Während ihres täglichen Dienstes konnten sie mit kaum einem Menschen sprechen. Die Brüder und Schwestern aus ihrer Versammlung wohnten weit verstreut und auch ziemlich weit von ihnen weg. Weder aus finanziellen Gründen noch aus Zeitgründen konnten sie es sich leisten, sie zwecks „Austausch von Ermunterung“ (Römer 1:12) zu besuchen.

Mein Eindruck war, dass sie nichts mehr nötig hatten, als mit einem reifen Bruder sprechen zu können. Sie sagten, sie seien „bereit, den Sonderdienst aufzugeben“. Das war ein Alarmsignal: Hilfe war so schnell wie möglich notwendig. Das Ehepaar erzählte mir, dass sie versucht hatten, mit dem einzigen Ältesten ihrer Versammlung zu reden, aber er war kein Pionier und hatte Schwierigkeiten, ihre Situation zu verstehen. Im Laufe der Jahre hatten mein Mann und ich erkannt, dass im Allgemeinen nur „Vollzeitdiener“ für „Vollzeitdiener“ Verständnis hatten, weil sie genau wussten, was dieser Dienst bedeutet.

In der Versammlung des Ehepaares gab es keine anderen Pioniere, mit denen sie hätten reden können. Pionieren wurde von der Organisation sowieso nicht empfohlen, ihre Probleme mit „allgemeinen Verkündigern“, zu besprechen, also Zeugen Jehovas, die nicht im Pionierdienst waren, um sie nicht davon abzuhalten, den „Vollzeitdienst“ aufzunehmen.

Das Ehepaar erzählte mir, dass sie ihre Verwandten und Freunde sehr vermissten, und dass sie liebend gerne wieder ihrer früheren Versammlung zugeteilt wären. – Ich erinnere daran, dass Sonderpioniere dorthin geschickt werden, wo sie benötigt werden. Daher dachte ich, nachdem sie mir ihre Empfindungen mitgeteilt hatten, dass entweder der Kreisaufseher oder unser Bezirksaufseher, die beide bei diesem Kongress anwesend waren, die richtigen Personen wären, um mit ihnen zu sprechen. Der Bezirksaufseher war der bereits erwähnte Freund von uns. Mein Mann hatte bei dem Kongress die Zuteilung des Bühnenaufsehers und musste dafür sorgen, dass während des Kongresses auf und hinter der Bühne alles reibungslos ablief. Als er sich uns ein wenig später anschloss, ermunterte er den englischen Bruder, mit ihm hinter die Bühne zu gehen. Dort könnte er doch direkt mit dem Bezirksaufseher sprechen.

Langzeitpionieren ist es eine bekannte Tatsache, dass diese verantwortlichen Aufseher sehr beschäftig sind. Aber wir konnten sehen, dass das Ehepaar nicht mehr weiter wusste. Für uns war das eine echte Notsituation, die sofortige Aufmerksamkeit verdiente. Der englische Bruder war sehr bescheiden und wollte den Bezirksaufseher nicht belästigen. Aber als das Ehepaar schließlich einwilligte, Markus hinter die Bühne zu begleiten, war ich davon überzeugt, dass Jehova hinter all dem stand, um ihnen die für sie nötige Hilfe zu beschaffen. Das machte mich wirklich glücklich.

Als ich meinen Mann wieder sah, war er so weiß wie die Wand. Was war geschehen? Als Markus den Bezirksaufseher in der Angelegenheit ansprach, meinte er, er könne ihm, was das Ehepaar betraf, nicht helfen. Er sagte, es sei ihm offiziell nicht gestattet, während des Bezirkskongresses mit den Brüdern und Schwestern über irgendwelche Probleme, die sie hätten, zu reden. Als er  Markus äußerst ungläubigen Blick sah, zog er einen Brief aus seiner Aktentasche und zeigte ihm einen offiziellen Brief der Leitenden Körperschaft der Gesellschaft. Darin stand, dass es Kreis- und Bezirksaufsehern nicht mehr gestattet sei, während der Bezirkskongresse mit den Brüdern und Schwestern über deren Probleme zu sprechen, und zwar ohne jede Ausnahme. Sie waren gehalten, sich während der Bezirkskongresse auf ihre Dienstzuteilung zu konzentrieren. Für den Fall, dass ein Gespräch wirklich notwendig wäre, schlug die Gesellschaft vor, dass sich die betreffenden Brüder und Schwestern an einen anderen Ältesten wenden sollten, oder dass sie bis zum nächsten Kreiskongress warten  sollten, wo sie mit den Reisenden Aufsehern sprechen könnten. Der Bruder bestand darauf, dass Markus den Brief selbst las. Er betonte, dass er persönlich dem Ehepaar liebend gerne geholfen hätte, er dies aber aus dem genannten Grund nicht tun könne. Mein Mann war wirklich geschockt. Er wollte den Brief nicht lesen. Er sagte unserem Freund, was er von der Angelegenheit hielt, und ging fort, um dem Ehepaar mitzuteilen, dass sie nun doch nicht mit dem Bezirksaufseher sprechen könnten.

Als mein Mann mir erzählte, was geschehen war, war ich genauso schockiert wie er. Das Ehepaar brauchte unbedingt Hilfe. Zu welchem Ältesten sollten sie gehen? Wer wäre in der Lage, ihr Problem zu lösen? Sie brauchten einen Bruder, der ihre Lage den zuständigen Brüdern im „Zweigbüro“ in Selters darlegen könnte. Alles, was sie nun tun konnten, um die richtige Hilfe zu erhalten, war, auf den nächsten Kreiskongress zu warten, der noch mehr als drei Monate in der Zukunft lag.

Wo war die Liebe, die liebende Organisation, der wir angehörten? Diese Frage ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich musste einfach die Frau des Bezirksaufsehers ansprechen, um mit ihr privat über meine Gefühle zu sprechen. Sie sagte mir, es täte ihr leid, und dass sie sicher sei, dass ihr Mann sehr gerne geholfen hätte, er zu diesem Zeitpunkt aber nichts tun könne, da die Anweisung der Gesellschaft so und nicht anders lautete. Ich schätze, sie hatte Recht.

Vielleicht hätten andere Brüder und Schwestern die Situation nicht für so dramatisch gehalten wie wir. Aber wir waren gelehrt worden, dass es die Verantwortung solcher Brüder, der „Hirten“ sei, sich um hilfsbedürftige Brüder und Schwestern zu kümmern. Außerdem war es unsere unerschütterliche Überzeugung, dass dieser Bruder, unser Freund, genau die richtige Person war, um mit diesem Ehepaar zu sprechen, und dass er definitiv in der Lage wäre, ihnen zu helfen. Und da war er nun, mehr als bereit zu helfen, durfte es aber nicht wegen einer Anweisung, die vom „treuen und verständigen Sklaven“, dem Kanal Jehovas, gegeben worden war. Das war schwer zu schlucken.

Wir wussten, dass es für den Bezirksaufseher nicht leicht war. Er versuchte später, den Schaden zu verringern, indem er mit dem Ehepaar brieflich Kontakt aufnahm, um sie zum Ausharren zu ermuntern. Monate später erhielt das Ehepaar schließlich aufgrund seiner Initiative eine Zuteilung in einer Versammlung, die näher bei ihren Verwandten war. Damals musste ich jedoch immer wieder an Jakobus 2:15-17 denken: „Wenn sich ein Bruder oder eine Schwester in nacktem Zustand befindet und der für den Tag hinreichenden Speise ermangelt, aber einer von euch sagt zu ihnen: „Geht hin in Frieden, haltet euch warm und wohl genährt“, ihr gebt ihnen aber nicht das für [ihren] Körper Notwendige, von welchem Nutzen ist das? Ebenso ist der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.“ Auch dachten wir, dass der Grundsatz aus Sprüche 3:27, 28 auf diesen Fall zutraf: „Enthalte das Gute nicht denen vor, denen es gebührt, wann immer es in der Macht deiner Hand liegt, [es] zu tun. Sprich nicht zu deinem Mitmenschen: „Geh und komm wieder, und morgen werde ich geben“, wenn du etwas bei dir hast.“ Genau darauf aber lief die Anweisung des „treuen und verständigen Sklaven“ hinaus.

Uns tat das Ehepaar so Leid. Was, wenn wir in dieser Situation gewesen wären? Dann erinnerte ich mich auch an meinen Wunsch einige Monate zuvor, die Hilfe des Kreis- oder Bezirksaufsehers zu suchen, als ich all diese Fragen und Zweifel gehabt hatte. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie verletzt ich gewesen wäre, wenn ich es gewesen wäre, die die dringend benötigte Hilfe nicht erhalten hätte. Wegen unserer früheren erfolglosen Versuche, Antworten auf unsere Fragen zu bekommen, hatte ich allerdings schließlich doch davon Abstand genommen, diese Brüder anzusprechen. Jetzt war ich so froh, dass ich es nicht getan hatte, froh und gleichzeitig sehr traurig. Das Ehepaar tat uns wirklich sehr Leid. Für uns war diese Situation wie von den Pharisäern in den Tagen Jesu gehandhabt worden: es war heuchlerisch und ermangelte der Liebe. Es war, in der Tat, sehr schwer für uns zu schlucken.

Noch etwas störte uns während dieses Kongresses sehr. Es war eine Ansprache über „Babylon die Große“, und eine Resolution, die von den anwesenden Zeugen Jehovas einstimmig angenommen wurde. Jehovas Zeugen sehen in der „Babylon der Großen“ das Weltreich der falschen Religion mit der Christenheit als dem bedeutendsten Teil davon. Der Text der Resolution erschien in der englischen Ausgabe des Wachtturms vom 15. April 1989, Seite 18 und 19.

Uns persönlich war nicht sehr wohl ob der Anklage, die verkündet wurde. Nicht, dass wir die Religionen der Welt, einschließlich der christlichen, in Ordnung fanden. Nein, es war eher die Tatsache, dass diese Ansprache und vor allem die Resolution unweigerlich ein Gefühl des Besserseins in den Brüdern und Schwestern hervorrufen würde, etwa: „Jene Menschen tun, oder tun nicht, aber WIR … sind sooo anders!“ Wir erkannten wieder, dass der Eindruck erweckt wurde, wir seien ein Volk, das sich auf die Schulter klopfen konnte, weil es stolz auf das war, was es vollbrachte und auf das, was wir im Gegensatz zu allen anderen waren. Aber waren wir wirklich so viel besser? Hatten wir nicht selbst bei eben diesem Kongress etwas erlebt, das uns die Wahrheit dieser Behauptung in Frage stellen lassen musste?

Wir hatten bereits vor dem Kongress von der Veröffentlichung eines neuen Buches mit dem Titel „Die Offenbarung – ihr großartiger Höhepunkt ist nahe!“ erfahren. Da es bei der Offenbarung um Prophetie ging, waren wir gespannt darauf herauszufinden, ob das neue Buch irgendwelches „neue Licht“ bringen würde. Ich weiß nicht auf welcher Grundlage, aber im tiefsten Inneren hofften wir, dass die WachtturmGesellschaft einige neue Informationen veröffentlichen würde, um einige ihrer falschen Ansichten zu korrigieren. Die Gesellschaft behauptete nicht, von Gott inspiriert zu sein. Aber wir hatten immer wieder gehört, gelernt und gesagt bekommen, dass sie „geistgeleitet“ sei. Wenn dies richtig war, so schlussfolgerten wir, dann müssten falsche Ansichten, wenn sie als solche erkannt worden waren, zugegeben oder wenigstens korrigiert werden. Jehova würde sicherlich nicht wollen, dass Seine Diener fortgesetzt mit falscher geistiger Speise gefüttert würden, selbst wenn Er sie eine Zeitlang erlauben würde, um den Glauben einzelner zu testen.

Zeugen Jehovas waren immer sehr gespannt darauf, die jährlichen Neuerscheinungen zu erhalten und zu lesen. Darum fragten wir einige Brüder, die das neue „Offenbarungsbuch“ bei einem früheren Kongress erhalten hatten, nach ihrer Meinung über das Buch, und ob es irgendwelches „neue Licht“ enthielt. Ihre Antwort war eine, die bei den englischsprachigen Brüdern oft zu hören war: „the book is nice!“ (womit sie wohl meinten: „das Buch ist gut“) Sie machten Bemerkungen über die gute Qualität der Bilder im neuen Buch. Aber sie waren auf keine wirklich neue Information gestoßen. Sie kamen uns ziemlich enttäuscht vor. Natürlich gaben sie das nicht zu.

Ich denke, sie würden sich das nicht einmal selber eingestanden haben, weil das unausgesprochener Kritik am „treuen und verständigen Sklaven“ gleichgekommen wäre. Aber unsere Sinne waren jetzt geschärft. Wir konnten sehen, dass viele Brüder und Schwestern auf neue Informationen warteten bezüglich dessen, was Jehovas Volk und der Welt bevorstand. Als wir unser Buch erhielten, waren auch wir einigermaßen enttäuscht, weil es, wie wir beim Durchschauen feststellen konnten, weder „neues Licht“ enthielt, noch irgendwelche offensichtlichen Korrekturen. Natürlich zerstreuten sich dadurch unsere Zweifel nicht.

Wir waren begierig, dieses Buch während unseres zweiwöchigen Urlaubs im September zu studieren. Wir hatten vor, nach Jugoslawien zu fahren. Da wir im Spätsommer fuhren, würde es kein Problem sein, eine Unterkunft zu finden. Der Sommerurlaub hatte mir nicht gereicht, um neue Energie zu gewinnen. Ich war körperlich wirklich erschöpft. Meine Allergie war im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden. Ich brauchte zum Regenerieren einfach mehr Zeit als die zugeteilte jährliche Urlaubszeit von mittlerweile 16 Tagen, einschließlich Wochenenden und Feiertagen.

Jehova sei Dank, dass ich von einer Ausnahmevorkehrung hörte, die die Gesellschaft „Langzeit-Vollzeitdienern“ einräumte. Diejenigen, die einige Zeit aus wichtigen Gründen frei bekommen wollten, konnten ihren Pionierdienst bis zu drei Monaten unterbrechen, wobei sie ihren Status als Pioniere nicht verloren, vorausgesetzt, dass sie im Anschluss daran wieder den Pionierdienst aufnahmen. Ich bat darum, von dieser Vorkehrung Gebrauch machen zu dürfen und erhielt die Erlaubnis. Dies wurde allerdings nur ohne die monatliche finanzielle „Zuwendung“ gewährt. Das schien aber kein Problem zu sein, denn da ich nach unserer Rückkehr aus dem Urlaub auch nicht in den Sonderpionierdienst, also ganztägigen Predigtdienst, zurückkehren würde, musste Markus eine weltliche Arbeit annehmen, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen. So beendeten wir Ende Juli unseren Sonderpionierdienst. Nach unserem Urlaub würden mir noch ungefähr zwei Monate bleiben, um körperliche Energie zurück zu gewinnen, bevor ich im Dezember mit dem „allgemeinen Pionierdienst“ beginnen, d.h. Halbtagspredigtdienst durchführen würde. Markus entschloss sich für eine Halbtagsarbeit, um sich mir später auch als „allgemeiner Pionier“ anschließen zu können.

Die Entscheidung, im Dezember wieder den „allgemeinen Pionierdienst“ aufzunehmen, kam nicht ohne einen Gewissenskonflikt zustande. Da sich die Form meines Vollzeitdienstes geändert hatte, musste ich neue Bewerbungsunterlagen ausfüllen. Eine der Fragen auf dem Formular lautete im Wesentlichen folgendermaßen: „Glaubst Du, dass Jehovas Zeugen die Organisation Gottes sind, und dass Jehova den treuen und verständigen Sklaven durch die Wachtturm-Gesellschaft gebraucht, um Sein Volk zu führen und zu unterweisen?“

Obgleich wir zu der Zeit immer noch glaubten, dass dies wirklich Gottes einzige Organisation war, glaubten wir, dass Er Gründe habe, Sein Volk zu disziplinieren. Bei der Rolle des „treuen und verständigen Sklaven“ waren wir uns nicht so sicher. Wir hatten erkannt, dass es Dinge gab, die wir gelehrt worden waren und wurden, die nicht in Übereinstimmung mit der Bibel waren.++ Was, wenn der „Sklave“ untreu geworden war, und Jehova die Situation erlaubte, um ihn zurecht zu bringen? Da ich jedoch keine definitiven Beweise für etwaige Untreue hatte, die eine negative Haltung meinerseits gerechtfertigt hätte, ließ ich die Angelegenheit in Gottes Hand und unterschrieb die Bewerbungsformulare.

An dem Tag, als wir in Urlaub fuhren, hatten wir unglücklicherweise einen Autounfall. Markus hatte keine bemerkenswerten Verletzungen, aber mein fünfter Halswirbel war angebrochen. Damit konnte ich das Thema Erholung abschreiben. Aber wir waren Jehova sehr dankbar, dass dieser Unfall sich im ehemaligen Jugoslawien in der Nähe unseres Bestimmungsortes ereignete. Viele Menschen in diesem Land hatten Zimmer, die sie an Touristen vermieteten. „Zufällig“ gehörte einem der Polizisten, die sich um den Unfall kümmern mussten, ein Haus mit einigen Apartments, die er während der Sommerzeit vermietete. Wir nahmen eines der uns angebotenen Apartments. Und Wunder über Wunder: das Apartment war nicht nur sehr, sehr nahe bei der orthopädischen Klinik, in die man mich zwecks Behandlung brachte, sondern es war auch nur etwa hundert Meter vom Meer entfernt. So manches Dankgebet brachten wir vor Jehova!

Nach einigen Tagen waren die allerschlimmsten Schmerzen vergangen, und wir begannen, das „Offenbarungsbuch“ zu studieren. Auf Seite 9 fanden wir folgende Feststellung: „Wir behaupten nicht, dass die Erläuterungen in diesem Buch unfehlbar sind. Wir sagen wie Joseph in alter Zeit: „Sind Deutungen nicht Sache Gottes?“ (1. Mose 40:8). Wir sind jedoch fest überzeugt, dass die Erklärungen in diesem Werk mit der Bibel als ganzem übereinstimmen. Auch zeigen sie, wie die Weltereignisse in unserem Katastrophenzeitalter die göttlichen Prophezeiungen in bemerkenswerter Weise erfüllt haben.“

Dies war eine der Aussagen, die in unseren Ohren zu klingen begann. Wenn „Deutungen die Sache Gottes“ waren, und die WachtturmGesellschaft Gottes Kanal war, dann müssten die bezüglich 1914 und andere von der Gesellschaft gemachten „Deutungen“ von Gott und damit auch unfehlbar sein. Da die Gesellschaft behauptete, dass die „Erklärungen“ im „Offenbarungsbuch“ nicht „unfehlbar“ wären, dann konnten sie nicht von Gott sein, oder? Es ist sehr lobenswert, ein Nichtvorhandensein von Unfehlbarkeit zuzugeben. Was aber, wenn irgendein Bruder oder eine Schwester mit möglicherweise irgendwie nicht korrekten „Erklärungen“ der Wachtturm-Gesellschaft nicht übereinstimmen könnte? Hätten sie dann nicht das Recht, Fragen zu stellen, ja, Zweifel zu haben, vor allem, wenn es klare Beweise für einen Irrtum gäbe? Aufgrund der Widersprüche in der „Speise“ des „treuen und verständigen Sklaven“ und der biblischen Wahrheiten, die wir bei unseren Bibelstudien entdeckten, kamen wir nach und nach immer mehr zu der Überzeugung, dass die „Erklärungen“ der Gesellschaft nicht „Deutungen“ von Gott, sondern vielmehr die von Menschen waren.

Das wurde nur einige Monate später ein richtiges Problem für uns, als wir das Buch im „Versammlungsbuchstudium“ „betrachteten“, d.h. durchgingen. Das tatsächliche Problem für uns war allerdings nicht, ob die Erklärungen, die in der Publikation gegeben wurden, von Menschen gemacht waren oder nicht. Was für uns immer wichtiger wurde, war herauszufinden, ob diese Erklärungen oder irgendwelche anderen Bibelauslegungen der Gesellschaft in Unkenntnis oder gar wissentlich von denjenigen gegeben worden waren, die dafür verantwortlich waren.

Als wir das Buch während unseres „Urlaubs“ im September studierten, geschah dies nicht, um etwas daran auszusetzen. Wir wollten lediglich sicher sein, dass das, was wir als geistige Speise erhielten, in Übereinstimmung mit der Bibel war. Unser Vertrauen in den „Sklaven“ hatte eindeutig Verlust erlitten. Nachdem wir aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, musste ich immer noch eine Halskrause tragen, um mein Genick zu stützen, und ich war körperlich sehr, sehr schwach. Etwas so Leichtes wie das Zerdrücken von gekochten Kartoffeln oder Hackfleisch, war sehr schmerzhaft. Ich konnte kaum irgendwelche Hausarbeit verrichten. Das Schlimmste war, dass Markus mit seiner „weltlichen Arbeit“ angefangen hatte und nicht in der Lage war, mir zu helfen, wie er dies zuvor täglich immer getan hatte.

Obendrein hatten die Brüder begonnen, in Schwetzingen einen neuen „Königreichssaal“ zu bauen, also einen Versammlungssaal für Jehovas Zeugen und interessierte Personen. Es wurden alle Hände beim Bau benötigt. Einige Schwestern kamen zu mir nach Hause und brachten mir kleine Geschenke. Aber angesichts ihrer Pflichten, wie z.B. sich um ihre Familie zu kümmern, in den Predigtdienst zu gehen und der Unterstützung des Königreichssaalbaus, hatten sie keine Zeit, nach mir zu schauen, und ich wagte nicht, sie um Hilfe zu bitten. Ich fühlte mich wirklich schlecht. Weder konnte ich meine Hausarbeit machen, noch bei der Arbeit am Bau helfen.

So war es eine sehr schöne und außerordentliche Überraschung, dass nach ein paar Wochen eine Schwester anrief und vorbeikam, um ein wenig Staub zu saugen und zu bügeln. Ich hatte große Wertschätzung für ihre Freundlichkeit. Andererseits war es sehr schwer für mich zu verstehen, dass der Bruder und die Schwester, die die Souterrainwohnung ihrer Hauses an uns vermietet hatten, mich wochenlang nicht ein einziges Mal fragten, wie es mir ging, oder ob ich irgendwelche Hilfe benötigte, auch nicht ihre 15-jährige Tochter, mit der ich zu der Zeit ein Bibelstudium durchführte. Nicht, dass ich mit ihrer Hilfe gerechnet hätte, aber es hätte mich gefreut, wenn sie einmal nach mir gesehen und vielleicht auch ihre Hilfe angeboten hätten. Aber ich beschloss, es ihnen nicht übel zu nehmen, denn ich wusste, wie schnell es passieren kann, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden. Doch ich weiß auch, dass ich weinte und viel zu Jehova betete, weil ich mir nutzlos, hilflos und einsam vorkam. Ich sagte mir aber immer wieder, dass Selbstmitleid zu nichts führt.

Einige Wochen nachdem wir unseren Sonderdienst beendet hatten, machten wir eine Erfahrung, die uns nicht neu war. Wenn die Gesellschaft einem Bruder oder einer Schwester im Vollzeitdienst Vorrechte gewährt hatte, er oder sie aber den Dienst aufgab, wurden ihm diese eine Zeitlang entzogen. Es wurde allgemein gemutmaßt, diejenigen, die den Vollzeitdienst verließen, könnten geistig schwach geworden sein. Nachdem wir mit dem Sonderdienst hatten aufhören müssen, rief uns einer der Brüder vom Bethel, mit dem wir viele Jahre zusammengearbeitet hatten, an, um uns davon zu unterrichten, dass unser Computer abgeholt würde, um umprogrammiert zu werden. Wir konnten das nicht recht glauben, da wir unseren Computer nur als Schreibmaschine benutzten. Wozu brauchten wir ein anderes Computerprogramm für unsere Schreibarbeit? Es war auch ungewöhnlich, dass wir damit unvorbereitet konfrontiert wurden. Wenn natürlich unsere frühere Beobachtung richtig gewesen war, dann konnten wir uns leicht vorstellen, warum uns der wirkliche Grund für ein solches Vorgehen nicht genannt wurde. Offensichtlich wollte die Gesellschaft uns erst eine Weile „beobachten“. Aber es störte uns nicht sehr, da wir der Ansicht waren, dass sich die Brüder im Bethel nach einiger Zeit davon würden überzeugen können, dass wir weder geistig schwach noch der Organisation gegenüber untreu geworden waren.

 

 

 

Teil 3: VERLOREN? 

Unser liebender Schöpfer hat uns mit der Gabe unseres Gewissens ein wunderbares Instrument gegeben! Es arbeitet, ohne dass wir es lenken. Das ist gut so. Obgleich die Gefühle, die wir von unserem Gewissen bekommen, oft nicht so gut sein mögen. Aber dieses von Gott gegebene Instrument ist sehr wertvoll, wenn es durch von Gott aufgestellte Grundsätze geschult ist. Wir ignorieren unser Gewissen oft nur allzu gern. Doch dass es klug ist, darauf zu hören, wurde uns von Tag zu Tag klarer.

Je mehr Erkenntnis wir aufgrund unseres persönlichen Bibelstudiums gewannen, desto drängender wurde die Frage: Kennt die WachtturmGesellschaft die Dinge, die wir entdeckt hatten, oder nicht? Wenn nicht, waren wir nicht verpflichtet, sie ihr mitzuteilen? Sollten wir vielleicht an die Gesellschaft schreiben und fragen, ob die zuständigen Brüder der Leitenden Körperschaft nicht überprüfen wollten, ob die Dinge, die wir gefunden hatten, richtig oder falsch waren? Was aber, wenn die Brüder in Brooklyn solch eine Initiative unsererseits nicht schätzen würden?

Eines Tages während des Herbstkongresses 1988 fragte Markus unseren Freund, den Bezirksaufseher, was man tun könne, wenn man eine biblische Frage habe, die in der Literatur der WachtturmGesellschaft nicht beantwortet würde. Könne man einfach an die Leitende Körperschaft in den USA schreiben, oder was sonst? Der Bruder antwortete, dass es weise sei zu warten, bis eines der Glieder der Leitenden Körperschaft in unserem Land einen „öffentlichen Vortrag“ geben würde. Wenn der Bruder nicht zu sehr unter Zeitdruck stünde, könnte man ihn nach dem Programm aufsuchen und ihm die Frage, die man habe, vorlegen. Es stehe im Ermessen dieses Bruders zu entscheiden, ob die besondere Frage der Leitenden Körperschaft schriftlich vorgelegt würde. Ansonsten würde man gebeten zu warten, bis die Gesellschaft in einer künftigen Veröffentlichung zu dem Thema etwas sagen würde.

Nachdem Markus mit dem Bezirksaufseher gesprochen hatte, kam er zu dem Schluss, dass dies wahrscheinlich nicht der Weg wäre, um unsere Situation kurzfristig zu klären. Denn bis zum Besuch eines Mitglieds der Leitenden Körperschaft in Deutschland konnten viele Monate vergehen. Auch hatten wir Zweifel daran, ob unsere Fragen und die aus unseren Bibelstudien gewonnenen Schlussfolgerungen Zustimmung finden würden. Was, wenn der Bruder der Leitenden Körperschaft unsere Aufrichtigkeit bezweifeln und nicht glauben würde, dass es uns nur um die Beantwortung unserer Fragen ging? Was, wenn er der Ansicht wäre, dass wir Aufmerksamkeit wollten, uns in den Vordergrund drängen wollten, oder sonst etwas? Und erneut war der schlimmste Gedanke, was, wenn solche Fragen wirklich unerwünscht wären? Wir brachten die Angelegenheit im Gebet vor Jehova und warteten ab, was geschehen würde.

Das Ende meiner dreimonatigen Unterbrechung des Pionierdienstes war gekommen. Am 1. Dezember 1988 fing ich wieder mit dem Pionierdienst an, besser gesagt, ich versuchte es. Eben erst hatte ich vom Arzt die Erlaubnis erhalten, wieder selbst Auto zu fahren. Auch konnte ich meine Halskrause abnehmen. Aber ich hatte fürchterliche Schmerzen und war fast nicht in der Lage, im „Felddienst“, dem Predigtdienst, meine Büchertasche zu tragen. Einige Male trugen mir die Schwestern, die mit mir im Predigtdienst waren, freundlicherweise die Tasche.

Jetzt erfuhr ich die volle Auswirkung des Vorgehens der Gesellschaft bezüglich dessen, was passierte, wenn jemand ein Dienstvorrecht aufgab, auch wenn dies aus berechtigten Gründen geschah. Meine Schreibtischarbeit hätte es mir sicherlich viel leichter gemacht, meine Verpflichtung von 90 Stunden Dienst als Pionier zu erfüllen. Als ich diesen Gedanken gegenüber dem Bruder der Bethelabteilung andeutete, der uns davon unterrichtet hatte, dass unser Computer abgeholt würde, erhielt ich nur eine vage, ausweichende Antwort. Obwohl ich wusste, dass er nicht darüber entscheiden konnte, ob ich den Computer zurück erhalten sollte oder nicht, hoffte ich, dass er den Gedanken gegenüber dem zuständigen Bruder fallen lassen würde. Da nichts geschah, schlussfolgerten wir, dass „unsere Zeit der Erprobung“ durch die Gesellschaft noch nicht vorüber war.

Es war während dieser Zeit, dass mir zum ersten Mal bewusst wurde, wie töricht es eigentlich war, ein bestimmtes „Stundenziel“ in Jehovas Dienst zu erfüllen. War es nicht wichtiger, die richtige Motivation zu haben, den Menschen wirklich helfen zu wollen und Gott Ehre zu machen? Natürlich war dies auch bisher unser Wunsch gewesen. Aber wie viele Male wurde er von dem Gefühl überwuchert, unter Druck zu stehen, weil es notwendig war, den „Buchstaben des Gesetzes“ zu erfüllen. Der Verpflichtung, „die Zeit zu schaffen“, musste Genüge getan werden. Ich glaube, ich konnte mich nicht länger mit dieser Art des strikt vorgegebenen Denkens und Lebens identifizieren, wie ich dies, ohne es zu merken, so lange getan hatte.

Ende Dezember ereignete sich etwas, das auf alle Betroffenen einen erheblichen Einfluss hatte. In letzter Zeit war ich immer unzufriedener mit der „geistigen Speise“ gewesen, die uns während der Zusammenkünfte dargereicht wurde. Ich wusste immer noch nicht den wahren Grund dafür oder wollte ihn mir in meinem Herzen nicht eingestehen. Aber eines Tages, nachdem ich von einer Zusammenkunft nach Hause kam, war es unmöglich, es zu ignorieren: Ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass ich während der Zusammenkünfte vollkommen gelangweilt war. Es gab keinen „Austausch von Ermunterung“ (Römer 1:12), der für geistige Auferbauung nötig war. Das war besonders schwer zu ertragen, weil ich zu niemandem mit Ausnahme meines Mannes darüber zu sprechen wagte, der aber wenig Zeit hatte und mir schien, dass er nicht wie ich empfand.

An jenem Abend musste Markus nach der Zusammenkunft im „Königreichssaal“ – der Versammlungsstätte der Zeugen – bleiben, um sich um einige Versammlungsangelegenheiten zu kümmern. Ich kam nach Hause von einer unserer angeblich „wundervollen Versammlungen“. Ich war gelangweilt, leer, frustriert, ohne jemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können, so richtig im Keller, wie man so sagt. Ich kniete nieder und weinte und betete mir das Herz heraus: „Jehova, bitte hilf mir, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Es kostet so viel körperliche Kraft, in die Versammlungen zu gehen, und ich ziehe praktisch nichts daraus. Ich könnte die Zeit so viel besser nutzen, um meine Bibel zu studieren, aber andererseits kann ich auch nicht einfach von den Zusammenkünften wegbleiben. Was soll ich tun? Bitte Jehova, zeige mir, was ich machen soll. Auch brauche ich dringend eine Freundin, jemanden, dem ich mich mitteilen kann. Jehova, ich fühle mich so einsam und verunsichert, bitte, ich flehe Dich an, bitte hilf mir, ich sehe keinen Ausweg.“ Alles schüttete ich vor Gott in diesem Gebet aus. Ich denke, dass das, was so lange in mir eingeschlossen gewesen war, nicht mehr länger einbehalten werden konnte. Es war zu viel geworden.

Am nächsten Tag sollte ich eine Schwester treffen, um sie zu ihrem Bibelstudium zu begleiten. Ich war zu der Zeit wegen meiner Schmerzen immer froh, wenn mich jemand zu einem Bibelstudium mitnahm. An diesem Abend hätte ich es wirklich vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Im Winter fällt es schwerer, am Abend ein warmes Zuhause zu verlassen, um eine angebliche Pflicht zu erfüllen, die man zudem nicht erfüllen kann, oder die zu erfüllen sinnlos erscheint. Um meine Gefühle nicht gleich zu zeigen, sagte ich sehr vorsichtig zu der Schwester: „Hast Du Dich versichert, dass die Frau heute Abend zu Hause ist?“ „Nein“, antwortete sie, „aber sie ist sehr zuverlässig und hätte mich angerufen, wenn sie ihr Bibelstudium nicht haben könnte.“ Also gingen wir los. Aber die Frau war nicht zu Hause. Ein wenig mutiger fragte ich die Schwester: „Susan, bist Du diesen Monat mit Deinen Stunden zurück, oder könnte ich Dich auf eine Tasse Tee einladen?“ „Ehrlich gesagt, bräuchte ich die Stunden“, antwortete sie, „aber eine Tasse Tee wäre jetzt nicht schlecht.“ Wir lachten und machten uns zu meiner nahe gelegenen Wohnung auf.

Da Susan früher schon ähnliche Kommentare mir gegenüber gemacht hatte, war ich nicht wirklich überrascht, als sie plötzlich in etwa sagte: „So viele Brüder und Schwestern scheinen wirklich ausgelaugt zu sein. Sie können das neue System kaum erwarten. Wenn Harmagedon nicht bald kommt, … Ich frage mich manchmal, ob ich selbst es noch lange aushalte. So viele Brüder und Schwestern sind erschöpft. Also muss doch Harmagedon bald kommen, meinst Du nicht?“ Ihre Worte schlugen eine Saite in mir an. Ich bemühte mich, sie es nicht merken zu lassen und antwortete ausweichend. Aber sie fasste nach: „Denkst Du nicht auch, dass es jetzt sehr nahe sein muss?“

Ihre Überlegungen stimmten mit denen vieler anderer Zeugen überein. Die meisten arbeiteten wirklich hart, besonders in Anbetracht der Erwartung, dass Harmagedon und damit das Paradies so nahe wären. Sie scheuten weder Zeit, Geld, noch Energie, um Menschen zu Zeugen Jehovas zu machen und, so glaubten sie, deren Leben zu retten. Aber menschliche Energie reicht nur eine Zeitlang aus. Viele meinten, dass Jehova es weder erlauben könne noch würde, dass die Brüder und Schwestern, Sein Volk, zusammenbrechen würden, und Er daher Harmagedon bald kommen lassen müsse, um zu verhindern, dass das geschehen würde.

Nachdem mich Susan festgenagelt hatte, antwortete ich, dass ich nicht glaube, Harmagedon sei so nahe, wie dies allgemein von uns angenommen würde. Als ich versuchte, dass Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, sagte sie zu mir: „Nachdem Du jetzt „gegackert“ hast, musst Du auch „legen“. So berührte ich einige Dinge, die Markus und ich bei unseren Studien gefunden hatten, sehr vorsichtig auch die Tatsache, dass „die Zeit des Endes“ 1914 nicht begonnen haben könne. Gespannt wartete ich auf ihre Reaktion.

Um eine längere Geschichte kurz zu machen: Ich erfuhr, dass Susan und ihr Mann viele Jahre lang viele Fragen bezüglich „der Wahrheit“ gehabt hatten. In einigen Fällen kamen sie zu bestimmten Schlüssen. Aber wie wir, gewöhnt daran, für Klärung auf die Organisation zu warten, hatten sie diese beiseite gestellt. Während unserer Diskussion wurde Susan klar, dass viele ihrer eigenen Schlussfolgerungen Sinn ergaben, wohingegen so manche Antwort der Gesellschaft auf ihre Fragen nicht zufriedenstellend gewesen war. Trotz des Schocks, den meine Worte anfänglich hervorgerufen hatten, verbrachten wir eine wunderbare Zeit zusammen. Ich erzählte Susan auch von meinem Gebet am voran gegangenen Abend, und dass ich glaubte, dass Jehova sie als Antwort auf mein Gebet zu mir geschickt hätte. Als Markus drei Stunden später dazukam, wurde mir klar, dass jeder von uns wusste, dass nichts mehr so sein würde, wie es bis dahin gewesen war.

Susan erzählte mir am nächsten Tag, dass sie es kaum hatte erwarten können, nach Hause zu kommen, um ihrem Mann zu berichten, was sie von uns gehört hatte. Ihre Wohnung war voller Brüder und Schwestern und deren Kindern. Ihr Heim war immer ein Zufluchtsort für jeden Zeugen Jehovas, der Nahrung, Kommunikation oder Gesellschaft benötigte. Aber an diesem Abend hätte Susan sie alle am liebsten aus ihrem Heim hinauskomplimentiert. Stattdessen rief sie ihren Mann ins Badezimmer, um ein paar Augenblicke mit ihm alleine reden zu können und sagte zu ihm in etwa Folgendes: „Es ist alles falsch! Wie wir es uns schon gedacht haben, was uns als „die Wahrheit“ gelehrt wurde, ist alles falsch!“ Sie erzählte ihm rasch etwas von dem, was wir miteinander besprochen hatten. Glücklicherweise reagierte Bill nicht so auf das, was er hörte, wie ich es zunächst getan hatte, als Markus mir einige „revolutionäre“ Dinge enthüllt hatte. Bill war nur allzu bereit, alles näher zu untersuchen. Ich glaube, dass auch Bill für vieles so lange Beiseitegeschobene nun Klarheit wünschte.

Es folgte eine Zeit des noch intensiveren und fortgesetzten Bibellesens und Studierens. Auch Susan und ihr Mann hatten einen lebhaften Gedankenaustausch. Die Situation war für uns alle sehr aufregend, aber in gewisser Hinsicht auch bedrohlich, weil keiner von uns wagte, über den endgültigen Ausgang der Angelegenheit nachzudenken, zumindest nicht zu der Zeit. Ich war Jehova so dankbar, weil ich jetzt jemanden hatte, mit dem ich meine Gedanken während des Tages austauschen konnte, wann immer ich etwas lernte, was wichtig oder zu begeisternd war, um es für mich zu behalten. Ich bin überzeugt, dass Gottes Geist wirksam war, und, wenn Er am Werk ist, dann dauert es gemäß unserer Erfahrung nicht lange, bis etwas geschieht!

Wir waren überein gekommen, mit niemandem in der Versammlung über das zu reden, was wir in unseren persönlichen Bibelstudien entdeckt hatten bzw. noch entdecken würden. Zunächst war das nicht so schwierig, besonders weil wir vier uns gegenseitig als Gesprächspartner hatten. Aber mit fortschreitender Zeit wurden die Dinge immer schwieriger. Im Februar 1989 kamen der Bezirksaufseher und seine Frau uns besuchen. Wir verbrachten eine schöne Zeit miteinander. Wir erzählten uns gegenseitig Erfahrungen, die wir mit unseren Bibelstudien im Predigtdienst gemacht hatten und tauschten geistige Gedanken aus. Natürlich waren wir gespannt darauf herauszufinden, wie sie über einiges, was wir in unserem persönlichen Bibelstudium entdeckt hatten, denken würden. Beim ersten Punkt ging es um „Gog von Magog“, der in Hesekiel Kapitel 38 und 39 erwähnt wird. Das offizielle Verständnis der Zeugen Jehovas war, dass „Gog“ der Name Satans seit 1914 war, als er aus dem Himmel geworfen wurde (Offenbarung 12:9,12), und dass er der „Gog von Magog“ aus Offenbarung 20:8 war in seinem Angriff auf das Messianische Königreich und dessen Untertanen am Ende der Tausendjahrherrschaft Christi.

So sagten wir in etwa Folgendes: „Wie kann man von Satan sagen, dass er „Gog von Magog“ ist, wenn „Gog“ gemäß Hesekiel Kapitel 39 Vers 11 beerdigt wird, während die Offenbarung sagt, dass Satan für die 1000 Jahre gebunden wird, er folglich, obgleich nicht in der Lage, die Nationen zu beeinflussen, am Leben sein würde, selbst am Ende der 1000 Jahre? (Offenbarung 20:1-3, 7-10). Wir stellten die Frage auf eine Weise, dass unsere Freunde von sich aus die Abweichung der Erklärung der Gesellschaft von den Aussagen der Bibel entdecken sollten. Die Antwort des Bruders war recht bemerkenswert: „Was sagt die Literatur der Gesellschaft dazu?“! Nachdem wir antworteten: „Nichts“, waren wir nicht überrascht zu hören, „dass der treue und verständige Sklave irgendwann in der Zukunft das alles erklären würde“, wir müssten ganz einfach abwarten.

Eine ähnliche Reaktion erhielten wir auf einige andere Fragen oder Punkte, die wir ins Gespräch brachten. Der Bruder schien nicht einmal auf den Gedanken zu kommen, auch nur den Vorschlag zu machen herauszufinden, was die Bibel diesbezüglich zu sagen hatte. Auch schien es ihm nicht in den Sinn zu kommen, dass die Erklärungen der Gesellschaft möglicherweise falsch sein könnten. Uns interessierte zur der Zeit weniger, was wir in der Bibel nicht verstanden. Wir wollten vielmehr Klarheit bezüglich der in der Literatur der Gesellschaft gegebenen unterschiedlichen oder widersprüchlichen Erklärungen biblischer Aussagen erhalten. Da wir in unserem Gespräch mit unseren Freunden nicht weiterkamen, hörten wir auf, über diese kritischen Punkte zu reden, weil wir keinerlei Verdacht aufkommen lassen wollten. Es war allerdings nicht sehr ermutigend zu erkennen, dass selbst der Bezirksaufseher die Widersprüche in unserer Literatur und zur Bibel einfach hinnahm.

Im März besuchten wir die Freunde, denen wir 1973 geholfen hatten, Zeugen Jehovas zu werden. Bei ihrem Besuch bei uns Anfang des Jahres hatten wir ihnen gegenüber einiges angesprochen. Sie schienen durchaus aufgeschlossen zu sein, wenngleich sie zunächst verständlicherweise ihre Vorbehalte hatten. Kurze Zeit nach ihrem Besuch bedrängten sie uns, sie zu besuchen, um mit ihnen weiter über alles zu reden. Eigentlich wollten wir gar nicht mehr sagen, als wir gesagt hatten, aber da es unsere Freunde waren, fuhren wir hin. Je länger wir blieben und je mehr sie uns ausfragten, desto größer wurde unser Verlangen, ihnen zu zeigen, dass die Wachtturm-Gesellschaft „Wahrheiten“ veröffentlichte, die nicht wirklich der biblischen Wahrheit entsprachen. Erst waren sie schockiert. Dann schienen sie uns folgen zu können und vieles sogar zu verstehen.

Daher waren wir wirklich überrascht, als sie uns nur einen Tag später voller Unruhe anriefen, und uns ein paar Tage später sogar einen Brief schrieben, in dem sie uns geradeheraus wissen ließen, dass der Teufel dabei sei, uns einzufangen, dass er uns mehr oder weniger schon in den Fängen hätte, dass sogar unsere Gebete nicht in Ordnung sein könnten. Wir könnten keinesfalls Jehovas Geist haben und schon gar nicht Seinen Segen erwarten, falls wir fortfahren würden, so zu studieren, wie wir dies täten. Wie könnten wir überhaupt daran denken, es besser zu wissen als „der treue und verständige Sklave“? Sie forderten uns auf, einen oder mehrere reife Älteste um Hilfe zu bitten und setzten uns eine Frist von zwei bis drei Wochen. Danach würden sie mit uns in Kontakt treten um festzustellen, ob wir dies getan hätten, falls nicht, würden sie selbst an die Ältesten herantreten, damit sie uns helfen. In ihren Augen mussten wir „aus dem Feuer gerissen“ werden, denn unser Leben stand – zumindest in ihren Augen – auf dem Spiel (Judas 23). [Wir haben ihren Brief noch und finden ihn bis auf den heutigen Tag einfach unglaublich.].

Wir verstanden zwar ihre Besorgnis, denn nicht allzu lange Zeit davor wären wir wahrscheinlich ähnlich besorgt wegen ihnen gewesen, wenn sie an unserer Stelle gewesen wären. Aber wir waren über die Art und Weise, wie sie reagierten und wie der Brief geschrieben war, schockiert. Er brachte uns noch mehr zum Bewusstsein, in was für einer Abhängigkeit wir uns in all den Jahren in der Organisation befunden hatten. Denn jetzt konnten wir erkennen, dass die Ursache für ihr Verhalten weniger die Liebe zu uns war als vielmehr diese sklavenähnliche Beziehung zum „treuen und verständigen Sklaven“. Sie unterstellten uns so viele falsche Dinge. Zu erfahren, was unsere eigenen Freunde über uns dachten, war ein wirklicher Schock für uns. Wir konnten uns daher gut vorstellen, zu welchen Schlüssen Brüder oder Personen, die nicht unsere Freunde waren, wahrscheinlich kommen würden, wenn sie etwas über unsere neuen Ansichten erfahren würden.

Das Schlimmste aber war, dass diese alten Freunde von uns, wie wir einige Wochen später erfuhren, ihren Brief an uns geschickt hatten, obwohl sie bereits zuvor mit dem Kreisaufseher, der gerade ihre Versammlung besuchte, über uns gesprochen hatten. Als sie uns daher in dem Brief eine Frist von zwei bis drei Wochen gesetzt hatten, innerhalb derer wir mit einem Ältesten sprechen sollten, bevor sie weitere Schritte unternehmen würden, war das Vorspiegelung falscher Tatsachen. Das war besonders gravierend in Anbetracht der Konsequenzen, die sich hätten ergeben können, wenn irgendein Ältester oder, was noch schlimmer gewesen wäre, ein Repräsentant des Bethels, unsere Überlegungen gekannt hätte. Wir erlebten, wie gefährlich es für jeden Zeugen Jehovas war, selbst zu seinen Freunden über Dinge zu sprechen, die er in seinen persönlichen Bibelstudien lernte, wenn sie nicht vollständig mit den Lehren der Wachtturm-Gesellschaft übereinstimmten.

Im April wurde in den Versammlungen damit begonnen, das OFFENBARUNGSBUCH zu „betrachten“. Viele Male wurde mir übel, wenn ich bestimmte Ansprüche darin las, die bezüglich der Zeugen Jehovas oder der Organisation erhoben wurden, was für eine ach so „wunderbare Organisation“ wir waren. Ich bin sicher, dass Gottes Geist sehr an uns arbeitete. Zu jener Zeit hatte ich allerdings noch nicht die geringste Ahnung davon. Meinem Mann, der das „Bibelstudium“ leitete, gelang es durch Ausweichen auf andere Punkte, sein Gewissen nicht zu belasten. Aber das änderte sich, als vom 15. Mai 1989 an jeden Sonntag eine Artikelserie aus dem Wachtturm vom 15. April 1989 öffentlich während des Wachtturm-Studiums besprochen werden sollte.

Diese Serie behandelte das Thema der falschen Religion und verurteilte besonders die Christenheit, d.h. die christlichen Religionen. Sie enthielt genau die Resolution, die wir während des Sommerkongresses im vorangegangenen Jahr unmöglich unterstützen konnten. Die Artikel enthielten Prophezeiungen, die sich angeblich 1914 erfüllt hatten und solche, die sich angeblich innerhalb der Generation seit 1914 erfüllen sollten. So wenig wir zu der Zeit auch wussten, – obwohl es uns viel erschien -, war es doch genug, unsere Augen zu öffnen und zu erkennen, dass diese Prophezeiungen nicht nur falsch waren, sondern auch irreführend. Sie würden einen gewaltigen Einfluss auf das Leben von Millionen von Brüdern und Schwestern und anderen Menschen haben, die mit Zeugen Jehovas assoziiert waren und dem „treuen und verständigen Sklaven“ vertrauten.

Ich kannte eine ältere Schwester und ihren ungläubigen Mann, die ihre Rente nicht gesetzlich geregelt hatten, weil sie den Prophezeiungen der Gesellschaft bezüglich der Zeit des Endes glaubten. Nicht nur sie, auch andere dachten, dass das neue System kommen würde, bevor sie irgendeine Rente benötigen würden. Diese und andere Auswirkungen würden auch in Zukunft die Folge vollkommenen und blinden Vertrauens in die Voraussagen der Gesellschaft sein. Es wurde für uns daher immer dringlicher, eine Antwort auf die Frage zu erhalten: „War die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, ja, war die Wachtturm-Gesellschaft tatsächlich verantwortlich für solche Auswirkungen oder nicht?

Ich erinnere mich an die Worte von Bill, als er eines Tages Lukas 12:47,48 zitierte. Bill wandte diese Schriftstelle auf seine eigene, auf unsere eigene Verantwortlichkeit an, aber sie traf auch auf diejenigen zu, die für sich in Anspruch nahmen, „jener Sklave“ zu sein: „Dann wird jener Sklave, der den Willen seines Herrn verstand, sich aber nicht bereit machte, noch nach dessen Willen handelte, viele Schläge erhalten. Derjenige aber, der ihn nicht verstand und so Dinge tat, die Schläge verdienten, wird wenige erhalten. …“ Gemäß dieser Aussage und dem Anspruch der Gesellschaft würde dieser „verständige Sklave“ für Auswirkungen als Folge solcher Voraussagen verantwortlich sein. Nun war der zur Frage stehende Punkt: Handelte die Gesellschaft schuldlos oder wissentlich? Wurde der „treue und verständige Sklave“ von Jehova „in Finsternis“ gehalten, oder lehnten es die Brüder ab, „das Licht“ zu sehen? Kannte der „Sklave“ überhaupt die Wahrheit, war er wirklich von Gott geleitet?

Obgleich diese Fragen wichtig genug waren, um beantwortet zu werden, stand eine noch dringendere Angelegenheit an. Mitte Mai sollte der Kreisaufseher unsere Versammlung besuchen. Gewöhnlich kam er zweimal im Jahr und blieb meist von Dienstag bis Sonntag. Während des Wachtturm-Studiums an dem Sonntag, wenn der Kreisaufseher anwesend sein würde, hätte mein Mann als Wachtturm-Studienleiter mit der Versammlung den Artikel über „Babylon die Große“ besprechen sollen – das Weltreich der falschen Religion, wie die WachtturmGesellschaft lehrte. Es war Markus einfach unmöglich, die Zusammenkunft zu leiten. Er hatte die vage Hoffnung, dass Bill, selbst Ältester, in der Lage wäre, ihn zu vertreten. Aber Bill teilte Markus Standpunkt vollkommen. Damit waren die Schwierigkeiten perfekt: Markus und Bill konnten aus Gewissensgründen das „Studium“ nicht leiten, ein anderer Ältester war im Krankenhaus, der vierte Älteste unserer Versammlung war fort, um einen Vortrag in einer anderen Versammlung zu halten, und es gab keinen anderen, der Markus hätte vertreten können.

Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – beschlossen Bill und Markus, ihr Ältestenamt niederzulegen. Das war eine gewaltige Entscheidung, denn ein Ältester – landläufig Bischof – zu sein, bedeutete eigentlich, dies auf Lebenszeit zu sein. Die einzigen Gründe, das Ältestenamt niederzulegen, waren ernste Gesundheitsprobleme des Bruders, oder dass ihm die Arbeit als Ältester zu viel wurde, so dass er meist um der Familie willen auf sein Amt verzichten musste, oder es lag ernsthaftes Versagen als Familienoberhaupt vor. Da der gewöhnlich einzige andere Grund für die Aufgabe des Ältestenamts die Entlassung eines Ältesten durch die Gesellschaft infolge eines schwerwiegenden Vergehens seinerseits war, ist leicht einzusehen, dass ein Bruder solch einen Schritt immer wieder überdenken würde, bevor er sich dazu entschließen würde.

Was die Sache noch schwieriger machte war die Tatsache, dass Markus und Bill ihre Entscheidung kurz vor dem Besuch des Kreisaufsehers trafen und es für die Versammlung natürlich wichtig war, während seines Besuches einen guten Eindruck zu machen. Aber Bill und Markus waren zu dem Schluss gekommen, dass es für den Kreisaufseher und die anderen Ältesten eine gute Gelegenheit wäre, darüber nachzudenken, wer ersatzweise ernannt werden könnte. Der dritte herausfordernde Aspekt war die Tatsache, dass weder Bill noch Markus bereit waren oder – ohne schwerwiegende Konsequenzen eigentlich nicht in der Lage waren, ihre Karten offen zu legen und die wahren Gründe für ihre Entscheidung zu nennen, besonders weil sie selbst noch nicht genau wussten, „was Sache war“.

Die Versammlung und vor allem die verantwortlichen Brüder waren, gelinde gesagt, geschockt. Mit den unterschiedlichsten Strategien versuchten sie wieder und wieder herauszufinden, was hinter der Entscheidung dieser beiden Ältesten stand. Aber Bill und Markus bestanden beharrlich darauf, dass sie ihre Entscheidung aus Gewissensgründen getroffen hatten, über die sie nicht sprechen wollten, aber dass ihr Gewissen vor Jehova vollkommen in Ordnung war. Die sich anschließenden Vermutungen und das Gerede brachte die ganze Versammlung in Aufruhr. Der Kreisaufseher bemühte sich sehr, Bill und Markus dazu zu bringen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Viele Brüder und Schwestern versuchten alles, um dasselbe zu erreichen. Aber es sollte erwähnt werden, dass, zumindest zunächst, alle die Entscheidung zu respektieren schienen.

Natürlich wollen menschliche Herzen Bescheid wissen. Daher versuchten die Brüder und Schwestern alle möglichen mehr oder weniger „unschuldigen“ „Tricks“, um „hinter die Kulissen“ zu schauen. Niemand rückte zunächst damit heraus, was er für den tatsächlichen Grund hielt. Aber schließlich zeigten uns die Andeutungen, die gemacht wurden, und die Art und Weise, in der die Brüder an uns herantraten, dass sie zu dem Schluss gekommen waren, wir seien geistig schwach geworden, zumal wir eine ganze Anzahl von Zusammenkünften versäumten. Andere schlussfolgerten, dass wir Probleme mit dem Materialismus hätten, weil Markus nun selbständig war und in einem sehr viel versprechenden Wirkungsbereich tätig war. Andere wiederum glaubten, dass das Problem mit Markus‘ Arbeit selbst zu tun hätte, dass seine Arbeit Priorität vor Jehova bekommen hatte. Aber das stimmte natürlich alles nicht. Ein Ältester hatte sogar überlegt – er gab dies ein paar Monate später zu -, Markus habe irgendwelche unehrliche Geschäftsmethoden angewandt und habe daher die Notwendigkeit gesehen, aus Gewissensgründen zurückzutreten.; und all diese Vermutungen trotz der Tatsache, dass Markus betont hatte, dass sein Gewissen in dieser Angelegenheit vor Jehova vollständig rein war!

Es gab eine Menge Unruhe in der Versammlung. Wir spürten, dass viele Brüder allmählich ihre Haltung uns gegenüber in negativer Hinsicht änderten, umso mehr, je länger sie nicht den wahren Grund für Bills und Markus Entscheidung kannten. Daher überraschte es mich nicht, dass mich eine Schwester während eines Besuchs bei ihr zu Hause ansprach, um mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. Sie schlug nachdrücklich vor, dass wir die Ältesten dazu veranlassen sollten, einen Vortrag von der Bühne zu halten, um die Brüder von dem Gerede abzubringen, das außer Kontrolle geraten war, beziehungsweise sie öffentlich aufzufordern, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Die Schwester, Mary, war sehr besorgt und sehr freundlich. Aber ich sagte zu ihr, dass Jesus gesagt hat, dass sich „die Weisheit durch ihre Werke als gerecht“ erweise (Matthäus 11:19), und dass wir es Jehova überließen, die Dinge zu korrigieren, wenn Er es wünschte. Daher seien wir, was uns anging, nicht auf ein solches Einschreiten seitens der Ältesten angewiesen. Wir seien mit Jehova im Reinen in dieser Angelegenheit, und das sei uns das Allerwichtigste.

Einige Tage später hatten Mary und ich ein schönes Telefongespräch. Sie hatte geplant, uns mit ihrer Familie zu besuchen, bevor sie wenige Monate später in die Staaten (USA) zurückkehren würde. Unter anderem unterhielten wir uns über christliche Freiheit im Hinblick auf unser Gewissen und Gewissensentscheidungen. Ich erwähnte in dem Zusammenhang, dass es Gewissensgründe seien, aus denen wir nicht alle Zusammenkünfte besucht hätten. Sie bestand darauf, dass ich ihr die Gründe nenne.

Die Versuchung war wirklich groß, ihr mein Herz zu öffnen, jemandem, der nicht nur an uns interessiert war, sondern besorgt, wie sie es war. Aber es gelang mir, dieser Versuchung zu widerstehen. Nur wenig später rief mich mein Mann von der Arbeit an und erzählte mir, dass er sich einem Ältesten unserer Versammlung mitgeteilt habe. Dieser Älteste arbeitete mit meinem Mann an einem gemeinsamen Projekt. Verständlicherweise war er überrascht zu hören, was mein Mann zu sagen hatte, aber dann gab er sogar zu, dass sein Vater, den er nur als treuen Zeugen Jehovas kannte, ihm schon vor langer Zeit gesagt hatte, er solle „nicht jedes Wort, das im Wachtturm stand, glauben“.

Aufgrund der Tatsache, dass mein Mann ohne dramatische Folgen „das Geheimnis gelüftet hatte“, fühlte ich mich irgendwie frei, mit Mary zu sprechen, als sie später am Tag wieder anrief, besonders weil ich wusste, dass sie Deutschland bald verlassen würde. Während unseres Gesprächs erwähnte ich ihr gegenüber, dass unsere neue Situation mit unserem intensiven Bibelstudium zu tun hätte. Das machte sie nun wirklich neugierig. Ich sagte zu ihr – heute weiß ich, dass das naiv war -, dass ich ihr nichts erzählen würde, wenn sie es nicht für sich behielte. Ich dachte, ich könnte wenigstens dieser Schwester den wahren Grund sagen in der Hoffnung, sie so zu beruhigen. Vielleicht hatte ich auch wenn auch unbewusst – den Wunsch, uns dieses eine Mal zu rechtfertigen. Denn, obgleich keinerlei Unrecht unsererseits zu meines Mannes Entscheidung geführt hatte, wurden wir von den meisten Brüdern und Schwestern behandelt, als wäre es so, obwohl sie uns das nicht offen eingestanden. Aber sie sagten Markus wiederholt, dass sie es bedauerten, und/oder dass es ein Fehler gewesen wäre, das Ältestenamt aufzugeben.

Da Mary keine Probleme damit hatte, mir zu versprechen, alles für sich zu behalten, gab ich ihr einige Hinweise bezüglich unseres Verständnisses biblischer Prophezeiungen. Außer einigen mehr oder weniger unbedeutenden Dingen, erwähnte ich, dass das Gleichnis der zehn Jungfrauen in Matthäus, Kapitel 25, deutlich mache, dass die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ nicht das sein könne, was sie vorgab zu sein, nämlich der „Kanal Gottes“. (Ich weiß heute nicht mehr die Begründung, die ich ihr gab, ich müsste meinen Mann fragen, was ich aus gesundheitlichen Gründen zurzeit nicht kann. Aber heute weiß ich mehr als damals, nämlich dass die damalige Begründung der Überzeugung oder dem Gedankengut der Zeugen entsprang.)

Fest steht, dass der Herr Jesus selbst gesagt hat, dass Er zu niemandem als zu dem Volk Gottes gesandt wurde und sich daher alles, was Er die Juden betreffend sagte, auch nur ihnen galt. „Er aber antwortete und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ – Matthäus 15.24. Ein „geistiges Israel“ hat es für Gott nie gegeben! Es steht jedenfalls nicht in der Bibel.

Mary hörte genau zu, aber sie schien meine Argumentation nicht zu verstehen. Wir beendeten unser Gespräch nach einiger Zeit, aber sie rief mich ungefähr eine halbe Stunde später wieder an und gab mir entschieden zu verstehen, dass ich vollkommen im Irrtum sei. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Ergebnis war, dass sie der Ansicht war, wir bedürften dringend der geistigen Hilfe der Ältesten, weil wir auf dem falschen Weg wären. Gott sei’s gedankt, dass wir zu dem Zeitpunkt bereits sicher wussten, dass wir es nicht waren!

Mary fühlte sich an ihr Versprechen mir gegenüber gebunden, betonte aber, wie sehr sie sich die Hilfe der Ältesten für uns wünschte. Obschon ich wusste, wie wenig Hilfe sie für uns von ihnen bekommen würde aufgrund der Erfahrungen, die wir mit verschiedenen Ältesten, einschließlich Reisender Aufseher gemacht hatten -, tat sie mir leid, und ich entband sie von ihrem Versprechen. Es war doch nur eine kleine Weile zuvor gewesen, dass Mary und ich uns über die Ausübung unserer Gewissensfreiheit unterhalten hatten. Für mich war es so wichtig geworden, dass andere meine Freiheit respektierten, Gewissensentscheidungen zu treffen, dass ich dasselbe anderen nicht vorenthalten wollte. Ich konnte daher sehr gut verstehen, in welchem inneren Aufruhr sie sich befand, wenn sie sich wirklich so fühlte, wie sie es sagte.

Daher sagte ich ihr, sie könne sich an einen Ältesten wenden, falls ihr Gewissen ihr das zu tun eingab. Natürlich wusste ich – oder, besser gesagt, ich dachte, ich wüsste – welche Folgen solch ein Zugeständnis hätte. Aber für mich war die Ausübung der Gewissensfreiheit zu einer Grundsatzfrage geworden. Nachdem ich eingehängt hatte, unterrichtete ich sofort meinen Mann über das, was geschehen war. Mein Mann war nicht gerade begeistert. Zwar hatte auch er mit einem Bruder über die Angelegenheit gesprochen, aber er fand, dass das, was ich gemacht hatte, nicht dasselbe war. Daher beschloss er, sofort den Vorsitzführenden Aufseher der Versammlung, einen Ältesten, anzurufen, um Mary zuvorzukommen, wenn sie sich an die Ältesten wenden würde. Dies erwies sich als eine weise Entscheidung.

Die Folge war, dass wir gebeten wurden, uns am 5. Juli 1989 um 18.00 Uhr mit den Ältesten zu treffen. Der Älteste, dem gegenüber Markus seine neuen biblischen Ansichten mitgeteilt hatte, war auch anwesend. Er schien ein wenig nervös zu sein. Er hatte dem anwesenden Vorsitzenden Aufseher nicht erzählt, dass Markus mit ihm gesprochen hatte. Beide Brüder waren freundlich, aber wachsam und auf der Hut. Die ganze Atmosphäre war recht ungemütlich. Ich fühlte mich, wie vor Richter zitiert. Da ich mich meinen Brüdern und Schwestern immer nahe gefühlt hatte, war dies ein wirklich seltsames, ja, verwirrendes Gefühl, wie überhaupt die ganze Situation.

Die Brüder fragten uns, ob wir irgendetwas über unsere neuen biblischen Ansichten äußern wollten. Wir verneinten dies, denn wir wollten sie nicht belasten, was wir ihnen auch sagten. Sie meinten, die Versammlung sei wegen uns beunruhigt und wegen der Dinge, über die ich gesprochen hätte. Das wunderte mich in Anbetracht der Tatsache, dass ich – natürlich außer mit Susan – nur mit Mary über unsere Ansichten gesprochen hatte. Aber aufgrund der Punkte, die die Brüder erwähnten, wurde mir klar, dass wohl Susan gegenüber einigen Schwestern Äußerungen gemacht haben musste.

Dann versuchten die beiden Ältesten herauszubekommen, ob wir Bill und Susan beeinflusst hatten, die zur Zeit dieser Befragung in Urlaub waren. Wenn wir ihnen unsere neuen Glaubensansichten mitgeteilt hätten, wären wir nachweislich „Abtrünnige“ gewesen. Aber wir waren auf diese Frage vorbereitet und antworteten wahrheitsgemäß, dass wir nur Gedanken aus unserem Bibelstudium ausgetauscht hätten, wogegen sie nichts sagen konnten. (Bill und Susan hatten für sich studiert und waren zu ähnlichen Schlüssen gekommen.)

Zu unserer Überraschung erfuhren wir, dass die Ältesten daran gedacht hatten, unser „Vorrecht, während der Zusammenkünfte Antworten geben zu dürfen“, einzuschränken. Nachdem sie mit uns gesprochen hatten, ließen sie nun den Gedanken fallen, weil sie zu dem Schluss gekommen waren, wir seien keine „Abtrünnigen“. Aber sie warnten uns nachdrücklich, mit niemandem mehr über unsere Ansichten zu sprechen.

Der Älteste, mit dem Markus privat gesprochen hatte, der auch für die „Theokratische Predigtdienstschule“ verantwortlich war, fragte uns, ob wir uns weiterhin am Programm der Theokratischen Predigtdienstschule beteiligen würden, und ob Markus Ansprachen halten würde. Markus gab sein generelles Einverständnis. Offensichtlich war der „Schulaufseher“ der Theokratischen Predigtdienstschule erleichtert. Nach der anschließenden Zusammenkunft überreichte er mir den Zuteilungszettel, der besagte, dass meine nächste Zuteilung in der Schule am 23. August 1989 sei. Obwohl die Angelegenheit für die Ältesten nicht wirklich zufriedenstellend war, ließen sie die Sache auf sich beruhen, nachdem sie uns streng ermahnt hatten. Vielleicht hing es damit zusammen, dass wir bis dahin einen „vorbildlichen Ruf“ hatten.

Es war wirklich schockierend zu erfahren, dass die Ältesten in Betracht gezogen hatten, uns zu verbieten, während der Zusammenkünfte Kommentare zu geben, weil wir immer geglaubt hatten, dass unsere Kommentare gerne gehört, ja sogar geschätzt worden waren. Nun sollten wir eine Gefahr für unsere Brüder und Schwestern sein, nur wegen einiger Bemerkungen, die gegenüber einer Schwester privat geäußert worden waren. Es kam uns wirklich lächerlich vor.

Die folgenden Wochen erwiesen sich als Spießrutenlauf. Nicht, dass man etwas zu uns gesagt oder etwas gegen uns unternommen hätte: im Gegenteil, es war das, was nicht gesagt oder getan wurde: es „lag etwas in der Luft“. Die Ältesten, vor allem der Vorsitzführende Aufseher, wirkten fortwährend unserem angeblichen, schlechten Einfluss auf die Versammlung von der Bühne aus entgegen. Der einzig schlechte Einfluss, den wir verspürten, kam durch die Haltung der Brüder und Schwestern. Einige dachten anscheinend, sie wüssten, was „im Gange“ wäre, obwohl nichts „im Gange“ war, jedenfalls nicht unsererseits. Andere dachten offensichtlich, dass nun endlich der wahre Grund für Markus‘ Ausscheiden als Ältester ans Licht gekommen wäre.

Ein paar Schwestern, denen gegenüber Susan sich geäußert hatte, fühlten sich berechtigt, uns zurechtzuweisen. Nach den Regeln der Gesellschaft durften wir unsererseits unseren Standpunkt nicht darlegen, sonst wären wir ja als „abtrünnig“ abgestempelt worden. Was immer die Gründe für das Verhalten der Brüder und Schwestern waren, wir spürten, dass nur sehr wenige uns gegenüber dieselben blieben. Die Brüder hatten ihre Entscheidung, was uns betraf, wohl noch nicht alle getroffen, doch ein Großteil mied uns. Nichts war da von der so oft proklamierten Liebe und dem Verständnis. Wir fühlten uns gerichtet und verurteilt, ohne dass man uns von etwas überführt hätte, was diese Art der Behandlung verdient hätte.

Das Schlimmste war, dass wir nichts aus den Zusammenkünften gewannen, und wir konnten uns nicht wie früher daran beteiligen, denn, selbst wenn wir dies taten, wurden wir kaum einmal aufgerufen zu antworten. An einem Sonntag, als der Wachtturm vom 1. Juni 1989 diskutiert wurde, der von Heiligkeit und Reinheit handelte, stellte der Vorsitzführende Aufseher eine Frage, die eigentlich nicht zum Thema gehörte. Offensichtlich wollte er wieder die Bedeutung der Unterordnung unter den „treuen und verständigen Sklaven“ hervorheben. Seine Frage war ungefähr so: „In welcher Weise können wir uns zum Beispiel als unrein erweisen?“

Für uns war es kein Zufall, dass er noch einmal nachfasste, obwohl zu dem Absatz bereits alles gesagt war, und Mary, die sich als einzige noch meldete, antworten ließ. Sie sagte etwa folgendes: „Wir erweisen uns als unrein, wenn wir dem „treuen und verständigen Sklaven“ vorauseilen, indem wir denken, dass wir es besser wissen als er.“ Puh, das saß, aber der Bruder war sehr zufrieden mit der Antwort. Nicht zu fassen, dieser Älteste erlaubte jemandem, gar einer Schwester, und zudem noch dieser Schwester, uns öffentlich als unrein zu brandmarken, selbst wenn nur sie und wir wussten, woran sie dachten. Es war wirklich unglaublich, in welche Richtung der Bruder die Diskussion lenkte. Nichts im Wachtturm deutete die von der Schwester geäußerten Ansicht auch nur an, so dass ihre Antwort gerechtfertigt gewesen wäre. Aber für sie war es offensichtlich eine gute Gelegenheit, ihre verbale Loyalität gegenüber der Gesellschaft zeigen zu können. Ich spürte körperlich die Züchtigung von hinten kommen, wo die antwortende Schwester saß. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Haltung der Schwester uns gegenüber sich mehr und mehr verändert hatte.

Ich bin davon überzeugt, dass sie wirklich um uns besorgt war. Aber natürlich musste sie auch die veränderte Haltung der Ältesten und der Brüder und Schwestern der Versammlung uns gegenüber wahrnehmen. Und selbst wenn niemand den tatsächlichen Stand der Dinge kannte, so hörten sie doch die Kommentare, die die Ältesten von der Bühne über Abtrünnigkeit machten. Wenn die Schwester bei ihrer Antwort uns im Sinn hatte, woran ich nicht zweifelte, war diese, sachlich gesehen, eine Unverfrorenheit, weil wir weder glaubten, es besser zu wissen als der „Sklave“, noch waren wir „unrein“ oder „abtrünnig“, und am wenigsten dachten wir daran, das zu werden. Aber wir akzeptierten es als eine weitere Lektion Jehovas, uns hinsichtlich der Demut zu lehren.

Es wurde immer deprimierender, mit den Brüdern zusammen zu sein. Viele fühlten sich in unserer Gegenwart unbehaglich, weshalb wir uns auch unbehaglich fühlten, obwohl wir ihnen gegenüber ein reines Gewissen hatten. Es belastete uns natürlich, dass wir nicht offen mit ihnen reden konnten. Selbst zu der Zeit begriffen wir eigentlich nicht, dass die Regeln der Gesellschaft das eigentliche Problem hinter all dem waren. Würden wir den „Mund aufmachen“, würden wir als „Abtrünnige“ gelten, da wir aber den „Mund hielten“, führte dies zu allerlei Vermutungen seitens unserer geliebten Brüder und Schwestern. Auch fiel es uns ziemlich schwer, unser Gewissen nicht durch die Dinge zu belasten, die der „Sklave“ uns lehrte, und sie andere zu lehren. Wir wollten wirklich nicht von den Brüdern verurteilt werden, aber gleichzeitig wollten wir herausfinden, was wahr war, was Jehova wohlgefällig war und was nicht.

Im Laufe der Zeit verspürten wir ein wachsendes Misstrauen uns gegenüber, und zwar so sehr, dass wir schließlich nicht mehr wussten, warum wir eigentlich noch die Zusammenkünfte besuchen sollten: uns wurde nicht gestattet, zum Geist der Versammlung beizutragen, und wohl fühlten wir uns dort auch nicht mehr. Unser Bibelstudium zu Hause war sehr segensreich, wohingegen wir den Besuch der Zusammenkünfte weitgehend als Zeitverschwendung empfanden.

Zu derselben Zeit waren wir wieder einmal mitten im Umzug. Meine Mutter hatte immer wieder betont, wie gerne sie in Fußgehweite zu uns wohnen würde. Außerdem, seit mein Mann eine weltliche Arbeit angefangen hatte, gaben uns der Bruder und die Schwester, die uns das Apartment vermietet hatten, das Gefühl, dass sie uns aus dem Haus haben wollten. Die Schwester hatte offensichtlich Pläne mit dem Apartment, in dem wir wohnten, und so konnten sie es kaum erwarten, dass wir auszogen. Wie wir später erfuhren, wollte die Schwester einen Kosmetiksalon eröffnen, was sie auch tat.

Als die Brüder und Schwestern erfahren hatten, dass wir umziehen würden, hatten einige zunächst gesagt, dass sie uns helfen wollten, besonders weil ich häufig noch Schmerzen infolge des Unfalls hatte. Aber wir wussten, wie beschäftigt die Brüder und Schwestern waren, auch mit dem Bau des neuen Königreichssaals. Daher baten wir nicht um Unterstützung für unseren Umzug, der übrigens die Renovierung des Apartments einschloss und auch die des Hauses, in das wir einziehen wollten.

Die meisten Wohnungen, die uns angeboten wurden, standen zum Verkauf und waren nicht zu vermieten, obwohl manchmal die Anzeigen anders lauteten. Das uns angebotene Haus war zu vermieten. Wir erhielten aber nur einen Zweijahresvertrag. Wir unterschrieben ihn, denn es war das einzige Angebot im Laufe einiger Monate, das akzeptabel war. Außerdem dachten wir, dass, wenn dies von Jehova war, Er dafür sorgen könnte, dass wir darin länger wohnen bleiben könnten. [Letztendlich wurden es sechs Jahre!]

Andererseits hatten wir nicht das Geld für eine Umzugsfirma. Eine geistig junge Schwester, die Geld verdienen musste, sagte, dass sie uns gerne behilflich wäre und kommen würde. Auch ein junger Mann aus dem Iran, der in Deutschland Asyl beantragt hatte, und der mit der Versammlung verbunden war, wollte uns gerne helfen und sich so gleichzeitig etwas Geld für seinen Unterhalt verdienen.

Nicht einer der Brüder und Schwestern erwiesen uns die versprochene Hilfe, als die Zeit für den Umzug da war. Zu der Zeit gingen wir nur unregelmäßig zu den Zusammenkünften. Wir waren glücklich, eine gute Entschuldigung zu haben. Die geistig junge Schwester kam nur zweimal. Mein Mann sagte mir bereits nach ihrem ersten Kommen, dass sie sich offensichtlich in unserem Hause geistig gefährdet fühlte. Ich weiß nicht warum, denn ich vermied „gefährliche“ geistige Gespräche. Sie kam jedenfalls nur noch einmal. Ich erinnere mich nicht einmal an ihre Entschuldigung, so schwach war sie.

Diese Schwester war eine von denjenigen, die Bibelstellen gebrauchten, um uns darüber Ratschlag zu erteilen, wie wichtig die Organisation und die Zusammenkünfte seien. Da sie erst seit etwa einem Jahr Zeugin Jehovas war, durchschaute sie natürlich nicht das System der geistigen Versklavung, in der sie sich befand. Es war ziemlich frustrierend, Rat erteilt zu bekommen von jemandem, der angeblich glaubte zu wissen, was vor sich ging, während wir uns aus dem genannten Grund nicht dazu äußern konnten.

Sie war nicht die einzige, die „hinter uns her“ war. Die „Hexenjagd“ hatte begonnen. Wir erhielten Telefonanrufe von Brüdern und Schwestern, die meinten, uns, die angeblich geistig Schwachen, „ermuntern“ zu sollen, wieder regelmäßig zu den Zusammenkünften „der einzigen Organisation, die Jehova gebrauchte“ und der „wunderbaren Speise“ zurückzukommen, die nur der „treue und verständige Sklave“ austeilte. Sie redeten und redeten, aber …  wir durften nicht, andernfalls wären wir aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden. Oh, was war das für eine Qual! Liebend gerne hätten wir ihnen die Augen geöffnet, aber wir konnten es nicht, es war uns nicht möglich ohne fatale Konsequenzen.

Der nächste Kongress kam, und wir waren froh, einen guten Grund unsere Umzugsarbeiten – zu haben, nicht daran teilnehmen und uns „an der wunderbaren geistigen Speise“ „erfreuen“ zu müssen. Sie interessierte uns einfach nicht mehr. Die Ältesten waren äußerst bemüht herauszufinden, wie wir gegenüber dem „Sklaven“ eingestellt waren. Wir waren uns zu dem Zeitpunkt diesbezüglich nicht so sicher, aber wir wussten, dass Jehova für uns an der ersten Stelle stand. Doch ob es so war oder nicht, interessierte niemanden, es war unfassbar; es ging nur um die Organisation und unsere Beziehung zu ihr. Ich war bereit, diese Organisation hinter mir zu lassen, entschloss mich aber, auf meinen Mann Rücksicht zu nehmen. Er hatte sich selbständig gemacht und beschäftigte Brüder. Wie würden sie reagieren, wenn wir die Organisation verließen? Eigentlich war das keine Frage. Wir konnten uns inzwischen gut vorstellen, wie sie reagieren würden. Wie könnten wir ihnen also beweisen, dass,  …, tja, was mussten wir eigentlich beweisen? …

Es war wirklich eine schwierige Situation, vor allem für Markus. Wir wollten nicht „Menschengefällige“ (Epheser 6:6) sein, aber wir konnten es uns auch nicht leisten, das Vertrauen der Brüder zu verlieren. Vor allem zwei Brüder hatten in das gemeinsame Projekt investiert und erwarteten, in der nicht so fernen Zukunft einen guten Gewinn zu erzielen. Zu diesem Zeitpunkt konnte es Markus sich also eigentlich nicht „leisten“, den Brüdern Anlass zu geben, ihr Geld zurückzuziehen.

Andererseits waren wir auch sonst noch nicht in der Lage, die Organisation zu verlassen. Mehrfach war vor allem Markus aufgrund des Bibelstudiums der Gedanke gekommen, dass Gott das „geistige Israel“ bestrafte. Der „treue und verständige Sklave“ gab sich ja als das „geistige Israel“, das „Israel Gottes“ – Galater 6:16 -, aus, aber, und das war uns klar, etwas war mit diesem „Sklaven“ „nicht in Ordnung“. Und wie Gott mit seinem „Sklaven“, dem buchstäblichen Israel, gehandelt hatte, war ja ganz eindeutig nachzulesen. Er bestrafte es für seine Untreue. Aber er schickte auch Propheten zu Seinem Volk. Der verwegene Gedanke kam uns ein paar Mal, dass wir ausharren müssten, um die Brüder oder gar diesen „Sklaven“ zu warnen. Es ist unvorstellbar, was in einem Herzen für Gedanken aufkommen können, wenn es aus einer scheinbar „heilen Welt“ des Glaubens herausgerissen wird.

Dazu kamen immer mehr Tiefschläge von Markus „Partner“, einem „Glaubensbruder“, der durch sein unaufrichtiges, ja, betrügerisches Verhalten Markus in allergrößte Bedrängnis und Nöte gebracht hatte. So hatte Markus keinerlei Wunsch, noch mehr Probleme zu bekommen durch ein in seinen Augen vielleicht vorschnelles Ausscheiden aus dieser Organisation, für deren vorgegebene Interessen, die ja Gottes Interessen zu sein schienen, er seine ganze Jugend und Kraft eingebracht, und auch mehrfach seine „Karriere“ aufgegeben hatte. Mehr Zerbruch war für ihn kaum erträglich. Ich hatte Verständnis und harrte aus.

Unser Bruder und „Freund“, an dessen Taufe 1973 wir nicht „unschuldig“ gewesen waren,  schrieb uns noch einmal in dem Versuch, uns bezüglich unserer Auffassungen, vor allem hinsichtlich unserer Haltung gegenüber dem „treuen und verständigen Sklaven“, festzunageln. Inzwischen waren wir nicht mehr bereit, uneingeschränkt Rücksicht zu nehmen und Versteck zu spielen. Markus äußerte ihm gegenüber ganz klar seine Befürchtungen hinsichtlich des „Sklaven“ und auch die Tatsache, dass 1914 als Beginn der Zeit des Endes, so wie der „Sklave“ dies behauptete, eindeutig falsch war. Wie aufgrund seines früheren Verhaltens nicht anders zu erwarten gewesen wäre, schrieb dieser Bruder schließlich einen Brief an den Vorsitzführenden Aufseher unserer Versammlung, der uns nach Erhalt des Briefes noch am selben Abend gegen 21.30 Uhr anrief, um uns noch einmal zu einem „Gespräch“ aufzufordern.

Das war’s für mich. Ich war nicht mehr bereit, mich noch einmal durch eine solch ungerechtfertigte, einseitige Befragung auslaugen zu lassen. Es war so unfassbar, dass eine Seite alles sagen, sogar verdrehen und uns falsch beschuldigen durfte, während uns die Gelegenheit nicht gegeben wurde, noch gegeben werden würde, die Tatsachen, zumindest was uns und unseren Standpunkt betraf, darlegen zu können, ohne Gefahr zu laufen, wegen „abtrünniger Äußerungen“ ausgeschlossen zu werden.

Warum sollte mich eine Organisation ausschließen, die, wie ich es verstand, als Organisation bestimmt so wenig treu war wie die damaligen Israeliten. Ich gehörte nicht mehr zu ihnen, also wollte ich selber gehen, bevor sie mich nach inquisitorischer Manier befragen und dann „liquidieren“ würden. Denn ein Ausschluss kam ja gemäß dem „treuen und verständigen Sklaven“ dem Urteil der ewigen Vernichtung ohne jegliche zukünftige Aussicht auf Rückkehr zum Leben für diejenigen gleich, die nicht reumütig zur Organisation zurückkehrten, und letzteres stand für mich, ungeachtet der Konsequenzen, für alle Zeiten außer Frage.

So trat ich am nächsten Morgen nach einer unruhigen Nacht vor meinen Mann und bat ihn, mich zu verstehen, wenn ich nicht mehr anders handeln könnte und nicht mehr in der Organisation verbleiben könnte, selbst auf die Gefahr hin, es ihm schwer zu machen. Mein Gewissen ließ es einfach nicht mehr zu. Ich sagte ihm, ich werde einen Brief an das Bethel nach New York schreiben und ihnen mitteilen, dass ich nichts mehr mit der Organisation zu tun haben wollte, weil ich die Verantwortung, die sie als falscher Prophet hatte, nicht mittragen wollte und könnte. So ähnlich dachte ich und formulierte in etwa den Text, um das Okay meines Mannes zu erhalten. Überrascht, aber glücklich war ich, als Markus antwortete: „Schreib nicht ‚ich‘, schreib ‚wir‘!“

Das war’s! – und es war eine große Erleichterung für mich. Mein Mann hatte verständlicherweise gemischte Gefühle, denn er wusste nicht, aber ahnte wohl, was alles auf ihn zukommen würde. Umso großartiger fand ich seinen Entschluss, seinem Gewissen zu folgen. So schrieb ich erst eine Woche später an die deutsche Zentrale in Selters, um Markus noch einige Tage Raum zu geben.

Bill und Susan teilten erst ihren Freunden in einem Schreiben ihre Entscheidung, die Organisation zu verlassen, mit, und was dazu geführt hatte, bevor sie etwa zur gleichen Zeit wie wir an die Gesellschaft schrieben. Nicht lange danach unterrichtete uns Susans erwachsener Sohn, der die Zusammenkünfte noch eine Zeitlang weiter besucht hatte, davon, dass in der Versammlung ein Brief vorgelesen worden war, in dem festgestellt wurde, dass seine Eltern und wir nicht länger den Wunsch hätten, Zeugen Jehovas zu sein. Eigentlich wollten wir ja gerne Zeugen Jehovas, unseres Gottes sein, aber in dieser Organisation war das nicht mehr möglich. Das jedenfalls war unsere Überzeugung, und für sie einzustehen, war nicht einfach. Aber nachdem wir die Entscheidung aus vollem Herzen getroffen hatten, empfanden wir dies als Segnung.

 

 

 

Teil 4: GERETTET 

Gott sei es gedankt, war dies nicht unser „Ende“, wir waren keineswegs verloren, und schon gar nicht „für immer“, wovon die Brüder und Schwestern natürlich fest überzeugt waren, falls wir nicht zur Organisation zurückkehren würden. Zugegeben, es folgte eine bange Zeit der Ungewissheit. Was konnten wir überhaupt noch von dieser so genannten „Wahrheit“ glauben? Welcher Bibel konnte ich trauen? Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich noch „Jehova“ sagen konnte, wenn ich mich im Gebet an Gott wandte. Es gab viele schlimme Stunden. Wenn Brüder mit uns gesprochen hätten, hätten sie sicher schadenfroh gesagt, „ihr seid ja selbst schuld.“ Wer Gottes Organisation verlässt, wird keinen Segen haben, war die offizielle Auffassung der Organisation. Wie anders also hätten die einzelnen Brüder denken können?

Es schien manchmal so, als ob wir von allen, einschließlich von Gott, verlassen worden wären. Aber das war natürlich nicht so. Nur die Tatsache, dass wir von einem Tag auf den anderen alle Freunde und Bekannten verloren hatten und Markus aufgrund seiner Entscheidung auch wirtschaftliche Probleme bekam, die sich durch das betrügerische Verhalten des einen Bruders noch dramatisch verschlechterten, konnten wir gar nicht anders als so denken. Der Bruder hatte schon drei Offenbarungseide hinter sich, als er meinem Mann vorschlug mit ihm zusammenzuarbeiten, ihm dies aber „wohlweislich“ verschwiegen. Aber mich tröstete immer wieder das Gebet, das Bibelstudium, was für mich noch mehr zur Hauptsache wurde, und die Erinnerung an die Leiden des Hiob. Wie schlecht war es ihm ergangen, und dennoch war Gott mit ihm.

Obwohl unsere „Scheidung“ von der Organisation eine Erleichterung war, kam es einem Alleingelassensein im Niemandsland gleich. Die Nachwirkungen dieser Trennung machten sich fortwährend bemerkbar. Obwohl wir die Entscheidung bewusst und ganzherzig getroffen hatten und uns theoretisch auch die Konsequenzen unserer Entscheidung zumindest seitens der Organisation und der Brüder – bekannt gewesen waren, erwies sich das praktische Ausleben unserer Entscheidung als echte Prüfung. Markus und ich gingen getrennte Wege, was die Umsetzung der Entscheidung betraf. Mein Mann beschloss sehr rasch, sich fortan den „handfesteren“ Alltagsproblemen zu widmen, von denen er jede Menge hatte. Ich dagegen sah mich plötzlich auch noch von meinem Mann allein gelassen. Nicht dass er es gewollt hätte. Es war lediglich seine Art, mit seiner Situation fertig zu werden.

Schon während der Zeit des Forschens und Überprüfens, was denn nun wahr ist und was nicht, hatte ich viele Ängste zu überwinden. Ich weiß noch, dass ich nicht einmal mehr wusste, zu wem ich denn nun eigentlich beten sollte. Welche Bibel konnte ich benutzen? Diese Frage hatte mich bereits ca. 20 Jahre zuvor beschäftigt. Denn durch mein weltliches Studium hatte ich angefangen zu lernen, auf die Genauigkeit der Wiedergabe beim Übersetzen größten Wert zu legen. Wie zuverlässig waren die üblichen Bibelübersetzungen? Durch meine vielen Schulwechsel als Kind und Jugendliche, auch wegen der in den verschiedenen Schulwesen der einzelnen Bundesländer verwendeten unterschiedlichen Lehrsysteme, musste ich meist Lehrstoff nachholen, z.B. den Stoff eines Jahres in Latein, den von zwei Jahren in Französisch und selbst in meiner damaligen „Lieblingssprache“ Englisch. Jedenfalls hatte ich erkannt, wie leicht Aussagen verfälscht werden können.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass es in der Neuen-Welt-Übersetzung, für die ich so oft in heftigsten Diskussionen eingetreten war, etliche [gewollte?] Fehler gab, wollte ich nur noch eines: das unverfälschte Wort. Das hätte ich aber nie gewagt zu fordern, denn ich konnte weder Hebräisch noch Hellenisch, also Bibel-Griechisch. So kaufte mir mein liebender und geliebter Mann trotz unserer wirtschaftlich notvollen Situation jede Bibel, die ich meiner Ansicht nach benötigte, um der Wahrheit näher oder so nahe wie möglich zu kommen. Im Laufe der nächsten Monate kauften wir also zu den in unserem Haus bereits vorhandenen 8 verschiedenen Bibeln (plus einige in Englisch) noch weitere 10 Bibeln bzw. Neue Testamente in Deutsch und in Englisch auf der Suche nach der „richtigen“, der „wahren“ Übersetzung dazu. Gab es die überhaupt? Meine Verunsicherung und mein Misstrauen waren groß.

Das für mich Schlimmste aber war das immer wiederkehrende Gefühl des Verlassenseins: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hast du mich verlassen? Bitte, das darf nicht sein! So waren oft meine zweifelnden, jedoch nicht verzweifelten Herzensgedanken. Aber mit wem konnte ich sie teilen? Ich studierte die Bibel mit immer größerem Bedürfnis, und der Hunger nach mehr Kenntnis wuchs zusehends. War ich etwa süchtig? Das war doch nicht normal, oder? Nicht einmal meinem Mann wagte ich mich anzuvertrauen. Ich war sicher, dass er mich nicht verstehen würde. Wann immer ich das Thema Religion anschnitt, „ging bei ihm die Jalousie runter“. Für die Bibel nahm er sich ab und an Zeit, aber wohl mehr um Irrtümer der „Zeugen“ aufzudecken, als um nach der Wahrheit zu suchen, denke ich, dachte ich.

Die Ängste waren aber auch praktischer Art. Wir waren ja nicht vager Hoffnung, sondern der festen Überzeugung gewesen, nie sterben zu müssen und auf einer paradiesischen Erde weiterleben zu können. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich darüber nachdachte, was ich machen würde, wenn mein Mann sterben würde. Der Druck, unter dem er manchmal aufgrund der Unberechenbarkeit und Unaufrichtigkeit seines Partners und wegen der Finanzlage war, war so gewaltig, dass ich befürchtete, er würde eine Herzattacke bekommen. Eines Abends, als ich ihn vom Büro in Schwetzingen abholte, wurde mir bei seinem Anblick so mulmig zumute, dass ich vorschlug, mit ihm zum Arzt zu fahren. Was mich noch elender werden ließ, war die Tatsache, dass er sofort zustimmte. Wie schlecht musste es ihm doch gehen.

Das Schlimme war, je mehr er sich anstrengte, desto mehr Querschläger kamen, und zwar immer häufiger und dichter aufeinander folgend. Immer wieder mussten wir daran denken, dass die Zeugen über unsere Situation nur ein Urteil gehabt hätten: ihr seid selbst schuld! Das kommt davon, dass ihr die Organisation – und damit in ihren Augen Jehova – verlassen habt! Gott sei es gedankt, dass sich dieser Gedanke bei uns nie festsetzte. Wir wussten, wir hatten das Richtige getan.

Dennoch war schwer zu verstehen, warum nichts wirklich zu gelingen schien. Zu der Zeit benutzte ich für mein Bibelstudium hauptsächlich die „Einheitsübersetzung“, wobei ich das Gelesene immer mit den anderen Übersetzungen, die ich hatte, verglich. Obwohl ich heute weiß, dass es genauere Übersetzungen gibt, war es für mich damals genau die richtige. Die Bibeltexte, die ich las, trafen mich manchmal wie ein Hammerschlag, und es gab kein Drumherumdrücken, z.B. wie erwähnt, die Tatsache des Sterbenmüssens, etwas was jeder „normale“ Mensch gar nie in Frage stellen würde: Und wie es den Menschen bestimmt ist, (einmal) zu sterben, danach aber das Gericht, Hebräer 9.27.

Mit Leiden habe ich zu rechnen:

  • Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, Philipper 1:29
  • Tut alles ohne Murren und Zweifel, Philipper 2:14
  • Wie kann ich das in meiner Situation? Dass niemand wankend werde in diesen Bedrängnissen. – Denn ihr selbst wisst, dass wir dazu bestimmt sind, 1.Thessalonicher 3:3
  • Uns sind Bedrängnisse bestimmt. Wie viele halte ich aus? Freut euch allezeit, 1.Thessalonicher 5:16
  • Wie macht man das in solch einer Lage? Sagt in allem Dank! Denn dies ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch, 1.Thessalonicher 5:18

Für alles danken!? Manchmal konnte ich nicht fassen, was ich las:  Sagt in allem Dank! Es stand und steht geschrieben, und es heißt ausdrücklich, dass das der Wille Gottes ist. Es war schon erstaunlich, dass mir diese und andere Bibeltexte ganz neu aufgingen, denn ich hatte sie natürlich während der vielen Jahre durchaus gelesen und bestimmt auch mehr als einmal. Da mir aber vor allem auch durch die in der Vergangenheit gemachte Erfahrung die Bibel immer mehr zum ausschließlichen Maßstab geworden war, veranlassten mich solche Aussagen zu noch mehr Nachdenken: Gott verlangt doch nichts Unmögliches, und ER meint, was ER sagt. Und wenn ER es fordert, dann kann ich es auch. Aber wie? Da ich darauf keine Antwort hatte, bat ich Ihn um Hilfe, und ER verhalf mir auch in dieser Situation zu der gesuchten Antwort. Ich erhielt eine Tonbandkassette, die genau dieses Thema über die Freude und das Danken behandelte. Diejenigen, die sie mir geschickt hatten, wussten nicht, dass mir eben dieses Thema gerade Mühe machte. Die Kassette half mir sehr, und ich dankte Gott innigst.

Nicht nur gewannen die anfänglich „bedrohlichen“ Bibeltexte allmählich neue Bedeutung für mich, sondern ich durfte durch die Gnade Gottes auch erkennen, dass Leiden und Nöte nicht nur einem bestimmten Zweck dienen, sondern auch, dass sie ihren Ertrag haben: Wenn aber Kinder, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden. Denn ich denke, da die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll, Römer 8:17,18. Zwei Bibeltexte wurden mir besonders zur Quelle größter Freude und tiefster Dankbarkeit. Der eine Text war 1. Johannes 2:20,27: Und ihr! Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehre, sondern wie seine Salbung euch über alles belehrt, so ist es auch wahr und keine Lüge. Und wie sie euch belehrt hat, so bleibt in ihm!

Ich durfte tatsächlich beim Bibellesen auf den Geist Gottes zur Belehrung vertrauen, ich als Einzelperson, ohne dass ich eine Organisation brauchte. Es war zu schön, um wahr zu sein! Manch ein Lob ging dafür schon zum Vater, dem der Dank für alles gehört! Dadurch ging mir auch der andere Text auf: Römer 8:14: Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes.

Ich konnte es kaum fassen, ich wusste mit einem Mal, dass ich ein Kind Gottes bin. Ich war ganz sicher, denn ich wurde vom Geist Gottes geführt, das war eine tägliche Erfahrung; und ich wurde auch von Gott, meinem Vater, gezüchtigt: <Was> ihr erduldet, <ist> zur Züchtigung: Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? – Hebräer 12:6.

Das Empfinden des Verlassenseins wich langsam aber stetig dem Bewusstsein der Geborgenheit und der Gewissheit der Liebe Gottes und machte einer echten Freude trotz aller Nöte und Ängste Platz. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Unter der Einwirkung des Geistes Gottes beeinflussten immer mehr Schrifttexte mein Denken und Handeln; es war überwältigend: Gott vollendet in mir, was Er angefangen hat:  Ich bin ebenso in guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Christi Jesu, Philipper 1:6. Nichts kann ich von mir aus; ich kann nur wollen und tun, was Gott will, wozu Er mir auch die Energie gibt: Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken zu <seinem> Wohlgefallen, Philipper 2:13. Ich konnte es kaum fassen: Rettung erlange ich nicht aufgrund eigener Anstrengungen: Denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es;  nicht aus Werken, damit niemand sich rühme, Epheser 2:8,9. Rettung ist also eine Gabe Gottes aus Gnade aufgrund des Glaubens, und auch das nicht aufgrund meines eigenen Glaubens, sondern aufgrund des Glaubens des Sohnes Gottes, Galater 2:20: Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben. Einschub: Die ELB Übersetzung gibt diesen Vers wie folgt wieder: und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, <und zwar im Glauben> an den Sohn Gottes*, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. *w. an den {Glauben} des Sohnes Gottes (Fußnote in der Elberfelder 7. Auflage 2000).

Nach dem Griechischen ist die Übersetzung an den Glauben an den Sohn Gottes, also der Glaube, den Gläubige an Christus haben, genauso mit an den Glauben des Sohnes Gottes möglich, d.h. der Glaube, den der Sohn Gottes selbst hatte, wie dies in verschiedenen Übersetzungen wie z.B. der gerade zitierten Luther Übersetzung geschieht. Auch die englische King James Version gibt dies mit the faith of the Son of God, also den Glauben des Sohnes Gottes, wieder:  I am crucified with Christ: nevertheless I live; yet not I, but Christ liveth in me: and the life which I now live in the flesh I live by the faith of the Son of God, who loved me, and gave himself for me.

Mir war bis dahin eigentlich gar nicht richtig klar gewesen, dass es der Glaube Jesu war, Seine Gott vertrauende Treue, die Ihn in Gottes Gnade befähigte, bis hinein in den Tod im Gehorsam zu Gottes Willen zu leben. Meine Brüder, habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit, ohne Ansehen der Person! Jakobus 2:1 Wir sollen zwar unseren Glauben ausleben, aber grundsätzlich gilt Philipper 1:29: Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. Glauben zu können ist also ein Geschenk, wie wunderbar! 1.Petrus 1:20,21: Er ist zwar im voraus vor Grundlegung der Welt erkannt, aber am Ende der Zeiten geoffenbart worden um euretwillen, die ihr durch ihn {Christus} an Gott glaubt, der ihn aus den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit gegeben hat, so dass euer Glaube und eure Hoffnung auf Gott <gerichtet> ist.

Die Einheitsübersetzung gibt diesen Vers wie folgt wieder: Durch ihn {Christus} seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt.

Gott schenkt also die Gnade, an Ihn glauben zu können und das aufgrund des Glaubens Jesu. Nur durch Ihn kann ich glauben. Die Worte aus Epheser 2.8,9 klangen mir immer wieder wie Musik in den Ohren und gingen mir nicht mehr aus dem Herzen. Denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es;  nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Die Gnade des Glaubens und der Rettung, wie auch alle anderen Gnadenerweise Gottes, haben und erlangen wir nicht aufgrund eigenen Vermögens, eigener Verdienste oder eigener noch so wohlgemeinter Werke. Wir haben sie in Christus Jesus als Folge Seines Glaubens und Seiner Liebe zu Gott und uns. Welch eine herrliche Erkenntnis, die der Vater auch mir schenkte.

Die Liste der Texte könnte endlos weitergeführt werden. Aber ich möchte doch chronologisch vorgehen und zeigen, wie Gott uns ganz konkret im Alltag geführt hat, wie es weiter gegangen ist, nachdem wir die Organisation der Zeugen Jehovas verlassen hatten. Der Weg war jedenfalls immer und immer noch mehr der im Wort Gottes; und das Wort Gottes ist ja nicht nur das geschriebene Wort der Bibel, sondern die Person des Herrn Jesus Christus selbst, des Fleisch gewordenen Wortes Gottes: Johannes 1.1,14.

Kaum werde ich vergessen, unter welchem inneren Druck ich damals zusätzlich zu dem äußeren stand. Natürlich war ich geprägt von meiner Vergangenheit in der Organisation, in deren Literatur und Ansprachen es ja immer geheißen hatte: Wohin wollen diejenigen die Organisation verlassen denn gehen?! Wo könnten sie etwas Ähnliches, geschweige denn bessere geistige Speise finden als in der Organisation? So suchte ich hartnäckig Ersatz für das vermeintlich Verlorene. Aber Gott war mir auch darin gnädig. Seine eindeutige Antwort findet sich direkt im Anschluss an die von der Gesellschaft zitierten Frage: „Wohin wollt ihr gehen?“: Johannes 6.66-69:Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt {ihr} etwa auch weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens; und {wir} haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist.

Zu Christus sollen wir gehen und auch dort bleiben. Nun, jetzt war ich ja bei Ihm, und Er hat doch gesagt, dass Er mit Seinen Lernenden oder Jüngern ist: Matthäus 28.20. Wie beruhigend dieses Bewusstsein war. Ich suchte aber auch nach Gleichgesinnten. Auch musste noch viel geistiges Altmaterial ausgeräumt werden. Dabei halfen uns etliche Schriften und Bücher. Neben der Bibel las ich sozusagen von morgens bis abends Bibel erklärendes Material, aber auch solches, das sich mit den Lehren der Zeugen auseinander setzte und eindeutig aufzeigte, wo sie falsch oder verdreht waren, sowie auch Berichte und Erfahrungen von ehemaligen Zeugen. Tonbandaufnahmen, die über Vorgänge innerhalb der Spitze der Organisation, also bezüglich des so genannten „treuen und verständigen Sklaven“ Aufschluss gaben, waren einfach unglaublich. Es war erschütternd, was damals alles ans Licht kam, besser gesagt, für uns ans Licht kam. Auch Susan und Bill machten so ihre Entdeckungen, und zunächst tauschten vor allem Susan und ich uns noch aus. Aber der Einschnitt in unser Leben veränderte natürlich auch unsere Umstände. So begann jeder mit der Zeit, seinen eigenen Weg zu gehen.

Obwohl die Evangelische Kirche eigentlich für uns als „geistliche Heimat“ nicht mehr in Betracht kam – wir hatten sie ja schließlich viele Jahre zuvor aus Glaubensgründen verlassen -, wollten wir alles, was wir zuvor abgelehnt oder bezweifelt hatten, neu überprüfen. Aber ein Besuch in der Kirche zeigte uns, dass es immer noch in etwa so war, wie wir es von früher in Erinnerung hatten. Der Pfarrer tat uns leid. Er bemühte sich zwar sehr, seine Schäfchen zu ermahnen und zu ermuntern, die aber so wenig interessiert waren wie früher; so schien es uns jedenfalls. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er nicht in der Lage zu sein schien, wesentliche Inhalte zu übermitteln. Was wir zu hören bekamen erschien uns wie die Reste von des „Reichen Tische“ zu sein (Lukas 16.21), befriedigend war es jedenfalls nicht. Wir brauchten feste geistige Speise (Hebräer 5.12-14), das Wort Gottes pur, sozusagen.

Damit hatte Markus erst wieder einmal genug von „christlicher Gemeinschaft“. Da man mir gegenüber von allen christlichen Seiten her immer wieder betonte, „ein einsamer Christ sei kein Christ“ schaute ich im Kleinanzeigenblatt „Sperrmüll“ unter der Rubrik „Kommunikation“ nach Angeboten christlicher Gemeinschaften nach. Tatsächlich fand ich zwei Anzeigen. Es stellte sich heraus, dass die eine von einer Zeugin Jehovas war. Ich nutzte die Gelegenheit, wie dies sonst die Zeugen mit anderen tun, selbst „Zeugnis zu geben“, allerdings auf meine Weise. Die Frau am Telefon war ziemlich unsicher und spürbar erleichtert, dass ich sie nicht bedrängte und das Gespräch nach einigen Minuten beendete. Ich gab ihr meine Telefonnummer, falls sie Kontakt haben wollte, hörte aber, wie erwartet, nie von ihr.

Die andere Anzeige war von einer jungen Frau aus Ludwigshafen. Sie und ihr Mann hatten dort in missionarischer Arbeit eine freundliche Gemeinschaft „aufgebaut“, die mein Mann und ich auch einmal besuchten. Sie war, wie wir feststellen mussten, charismatisch orientiert. Aus der Bibel wussten wir – schon während der  Zeit als Zeugen, dass dies, so nett und überzeugt diese Menschen auch waren, nicht richtig und damit nichts für uns war.

Danach nahm ich mir auch unsere Tageszeitung vor und ging alle Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften durch, die darin ihre Gottesdienste anzeigten. Eine Freie christliche Gemeinschaft in Walldorf, etwa 20 Autominuten von uns entfernt, besuchte ich daraufhin zusammen mit meiner Mutter, die auf der Suche nach der für sie „richtigen Kirche“ war. Auch diese Gemeinde war sehr aktiv. Aber ich war froh, nicht Mitglied sein zu müssen. Es war eine Pfingstgemeinde. Mir fiel wieder einmal auf, wie typisch in diesen Kreisen der Versuch war, durch Redegewandtheit und Emotionen überzeugen zu wollen. Das ist nicht Gottes Art, das wusste ich. Aber freundlich waren auch diese Menschen zu uns und recht bemüht, uns zum Wiederkommen zu bewegen.

Die nächste Gemeinschaft, die ich aufsuchen wollte, war auch eine „freie“ Gemeinde in Eppelheim. Frühmorgens am Sonntag verließ ich nicht nur mein warmes Bett – es war im Winter – sondern auch meinen Mann und mein Heim; es war wirklich ein Opfer. Als ich nach vielem Suchen doch noch zurzeit, die für den Beginn des Gottesdienstes vorgesehen war, ankam, staunte ich nicht schlecht: weit und breit war niemand zu sehen. Der Souterrainraum, der offensichtlich für die Gottesdienste benutzt wurde, war unbeleuchtet, unbesucht, leer und sah nicht gerade einladend aus. Es war schon desillusionierend.

Den nächsten Sonntag versuchte ich gar nichts; es war nicht leicht, eine Gemeinschaft, d.h. die geeignete Gemeinschaft zu finden. Mein Mann war auch nicht unbedingt eine Hilfe. Wenn er ab und zu mitbekam, wie ich im Radio Gottesdienstansprachen oder den Evangeliumsrundfunk anhörte, der mir, Gott sei es gedankt, damals sehr viel geholfen hat, dann meinte er, das sei sowieso alles derselbe Unsinn, und ich könne mir das alles sparen oder auch gleich zu den Zeugen zurückgehen. Das wollte ich natürlich nicht, daran hatte ich nie Zweifel. Es war ja so, dass ich meine Entscheidung nicht nur vor dem Verlassen der Organisation überprüft hatte, sondern auch nachher feststellen musste, dass weder eine Änderung der Organisation noch des Lehrgebäudes zu erwarten war. Seit Jahrzehnten hatte sich ja diesbezüglich nichts geändert oder verbessert, wenngleich Gott mit den einzelnen Menschen darin bestimmt handelte. Da war ich mir sicher, denn sonst wäre ich ja nicht von Ihm von dort hinaus geführt worden.

Inzwischen war meine Mutter in die Evangelische Kirche, aus der sie und mein Vater ausgetreten waren, zurückgegangen, um Gemeinschaft zu haben. Einschub: Es sollte hier erwähnt werden, dass sich meine Mutter ausgerechnet zu der Zeit, als mein Mann sich entschloss, sein Ältestenamt niederzulegen, auf die Taufe bei den Zeugen vorbereitete. Menschlich gesehen, waren wir die „treibende Kraft“ hinter ihrer geistlichen Entwicklung seit dem Tode meines Vaters gewesen und hatten natürlich gewünscht, dass sie Jehova lieben und Ihm dienen würde. So war es wirklich schwierig, unseren Weg zu gehen, ohne sie davon abzubringen zu tun, was sie selbst für richtig hielt. Wir wollten nicht, dass sie sich als Zeugin taufen lassen würde, aber wir wollten, dass dies ihre eigene Entscheidung sein sollte.

Wie schon erwähnt, war die Ausübung der persönlichen Gewissensfreiheit für uns zu einem so kostbaren Gut geworden, dass wir es niemandem absprechen wollten, sie zu nutzen. Wir überließen die Sache Jehova. Meine Mutter fing nach einiger Zeit an, Fragen zu stellen. Es hatte sich irgendetwas in der deutschen Versammlung, die sie regelmäßig besuchte, über uns herumgesprochen. Die Englische Versammlung, die wir besuchten, benutzte den Versammlungssaal der deutschen Brüder, und wenn die deutschsprachigen gingen kamen die englischsprachigen Brüder, so dass es zumindest beim Kommen der einen bzw. Gehen der anderen Gelegenheit zum Gesprächsaustausch gab.

So kam es, dass meine Mutter allmählich mehr und mehr verunsichert war. Schwierig war, dass wir selbst ihr zu der Zeit nicht die Gründe für unsere geänderte Einstellung nennen konnten, von der sie zunächst keine Ahnung hatte. Schließlich äußerte sie ihre schon früher gehegten Vorbehalte gegenüber einiger Lehren der Organisation und ihre Absicht, sich doch nicht taufen lassen zu wollen, sodass wir uns frei fühlten, ihr von unserer „Entwicklung“ zu berichten. Sie konnte nicht fassen, was sie zu hören bekam und vergewisserte sich immer wieder, ob sie nichts falsch verstanden hätte. Sie war inzwischen schon gut genug mit der Organisation vertraut, um sich die Tragweite unseres eingeschlagenen Wegs vorstellen zu können. Aber sie war richtig froh hinsichtlich ihrer eigenen Entscheidung, zumal als wir ihr bestätigen mussten, dass einige ihrer vorgebrachten Vorbehalte durchaus legitim waren.

Meine Mutter trat, wie gesagt, wieder in die Evangelische Kirche ein und fand Gemeinschaft in der so genannten Landeskirchlichen Gemeinschaft, die jede Woche regelmäßig biblische Themen in der Bibelstunde besprachen. Einige Zeit lang begleitete ich meine Mutter dorthin mangels anderer Möglichkeiten. Obwohl ich „festere“ geistige Speise gebraucht hätte, fühlte ich mich doch wohl in der Gruppe. Die Glaubensgeschwister waren sehr verständnisvoll und freundlich. Die Gespräche mit ihnen taten mir immer sehr gut und ich beteiligte mich auch selbst am geistigen Austausch.

Erst als ich gefragt wurde, eine „öffentlichen Vortrag“ zu halten, weil eigentlich jeder in der Runde einmal dran war, fing ich an, mich bedrängt zu fühlen. Einmal habe ich es tatsächlich getan, aber mein Gewissen klagte mich an und ich lehnte es dann bei der nächsten Gelegenheit ab, dies noch einmal zu tun. Denn ich wusste genau, was Gottes Wort über das öffentliche Verhalten der Frau in der Gemeinde oder Versammlung sagt: Denn Gott ist nicht <ein Gott> der Unordnung, sondern des Friedens. Wie <es> in allen Gemeinden der Heiligen <ist>, sollen die Frauen in den Gemeinden schweigen, denn es wird ihnen nicht erlaubt, zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in der Gemeinde zu reden. (1.Korinther 14.33-35)

Natürlich verurteilte ich nicht, dass die anderen anders dachten, aber für mich kam es eben nicht in Frage. Als ich zu der Zeit Susan traf erzählte sie mir von einer englischsprachigen Zusammenkunft einer Baptistengemeinde ca. zehn Kilometer von unserem Wohnort entfernt. Da sie mich neugierig gemacht hatte und mein Mann bereit war 5 mitzugehen, fuhren wir hin und es ergab sich, dass wir einige Zeit dort blieben, bis die Gemeinde aufgelöst wurde, weil der Pfarrer aus Altersgründen nach Amerika zurückging. In dieser lebhaften, geistig erfrischenden Gemeinde ließen Günther und ich uns noch einmal taufen, da wir nicht sicher waren, ob unsere Taufe bei den Zeugen vor Gott annehmbar war. Es hat einige Jahre gedauert, bis wir begriffen, dass auch das überflüssig war. Denn die einzige Taufe, die seit den Tagen des Apostels Paulus zählt, ist nicht die Wassertaufe, sondern die durch den heiligen Geist, wenn Gott uns durch Christus in Seine Familie beruft.

Während der Zeit nahmen Markus und ich auch an einer Veranstaltung für „Exler“ teil, d.h. Menschen die einer sog. christlichen religiösen Vereinigung den Rücken gekehrt hatten. Der Besuch war sehr aufschlussreich. Obwohl die Hintergründe unterschiedlich waren, so waren doch die Methoden der Irreführung in den verschiedenen Gemeinschaften ziemlich gleich. Wir wollten uns aber nicht als „Dauerbesucher“ beteiligen und gingen nicht wieder zu einer solchen Veranstaltung.

Mit ein paar der Geschwister hielten wir jedoch einige Zeit engeren Kontakt. Vor allem freute uns die Anwesenheit eines Bruders, der als Zeuge Jehovas aufgewachsen war, der aber seit etwa zehn Jahren durch genaues Studieren der Bibel und biblischer Literatur Andersgläubiger wusste, dass die Lehren der Zeugen weitgehend von der Führung der Organisation  bestimmt waren. Er suchte eine Gelegenheit, die Organisation zu verlassen, ohne dabei die Familie zu verlieren, die samt und sonders „drin“ waren. So studierte er heimlich. Heute sind er und seine Familie „draußen“, aber Gott sei dank im Herrn Gläubige.

Auch hier zeigte sich wieder die Führung Gottes in unserem Leben. Dieser Bruder wurde uns zum Segen, da er uns viele gute Hinweise geben konnte, wie wir an geeignete Literatur kommen konnten. Ich erinnere mich noch daran, dass ich in einer Buchhandlung bei den christlichen Büchern mehrmals ganz sehnsüchtig und traurig auf Bibeln in hebräischer und griechischer Sprache schaute bzw. auf Bücher die diese Bibelsprachen erklärten, weil ich nicht in der Lage war, diese Sprachen auch nur zu lesen, geschweige denn zu verstehen.

Und dann, nur ein paar Tage nachdem ich den Vater um Hilfe gebeten hatte, doch etwas mehr von den ursprünglichen Sprachen der Bibel verstehen zu dürfen, gab mir dieser Bruder die Adresse von Fritz Henning Baader, einem Bruder, der außer einer großen Anzahl von Bibel erklärender Literatur eine sehr penible Wort für Wort Wiedergabe des hebräischen Alten Testaments und des griechischen  Neuen  Testaments veröffentlicht hat und diese kostenfrei an Interessenten abgab. Als ich diese Bibelübersetzung per Post erhielt, war das wie ein Geschenk des Himmels für mich. Der Bruder gab uns auch die Adresse vom Konkordanten Verlag in Pforzheim, der neben Bibel erklärender Literatur eine konkordante Übersetzung des Neuen Testaments und Teile des Alten Testaments herausgibt.

Nun hatte ich nicht nur die Möglichkeit, meine Bibelkenntnisse anhand dieser Literatur zu überprüfen, sondern auch sie zu erweitern. Mit jeder neu gewonnenen Erkenntnis erfasste ich, dass Gott immer noch größer ist als wir erdenken. Das vergrößerte mein Bedürfnis, die Sprachen der Bibel näher zu studieren. Dabei half mir auch der Hebräischkurs „Hebräisch in 50 Tagen“, den mir der segensreiche Bruder zukommen ließ, sowie ein Selbstlernkurs, den Bruder Baader ausgearbeitet hat. Mit Hilfe dieser Kurse und von Sprachkassetten lernte ich über die Jahre hinweg Schritt für Schritt die hebräischen und griechischen Bibelwörter besser kennen, was mir das Wort Gottes verständlicher machte und noch näher brachte.

Mit der Zeit begriff ich auch, dass ich kein Pensum schaffen musste, keine Leistung bringen in Bezug auf geistliches Vorwärtskommen. Auch ging es für mich nicht mehr um Quantität. Früher dachte ich, je mehr ich in Jehovas Wort lese, desto schneller würde ich geistlich wachsen. Die tägliche Beschäftigung mit und im Wort Gottes ist zwar ein nicht zu vernachlässigender Segen, aber Wachstum schenkt Gott aus Gnade. Wie sagt Paulus: 1.Korinther 3.5: Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus? Diener, durch die ihr gläubig geworden seid, und zwar wie der Herr einem jeden gegeben hat. 1K3.6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. 1K3.7 So ist weder der da pflanzt etwas, noch der da begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt.

Überhaupt bestand der eigentliche Segen nach dem Verlassen der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas darin, schrittweise die unermessliche Gnade Gottes immer mehr erkennen  und erleben zu dürfen. Nur dort, wo diese Gnade verkündet und geglaubt wurde, fühlten wir uns bereit zuzuhören. Das wurde zum ausschlaggebenden Punkt bei unserer Wahl der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.

Da die „Freunde konkordanter Wortverkündigung“ uns diese Gnade näher gebracht hatten, besuchten wir in der Folge mehrere Male ihre Gemeinschaft. Der Weg nach Pforzheim war aber doch recht weit, so besuchten wir parallel eine deutschsprachige Baptistengemeinde ca. 5 Kilometer von uns entfernt, die von einem amerikanischen Prediger betreut wurde. Wie waren wir auf sie gestoßen?

Es war, als ich wieder einmal das Bedürfnis hatte, „im Glaubensleben aktiver zu werden“, und las in der Zeitung eine Anzeige von einem Bibellädchen ca. 10 Kilometer von uns entfernt. In dem Lädchen traf ich eine freundliche gläubige Frau, die dieses Lädchen gerade erst eröffnet hatte, um anderen Menschen den Weg zu Christus zu öffnen. Sie lud uns dann in diese Baptistengemeinde ein. Der deutsch sprechende amerikanische Prediger und die anderen dort gastierenden Redner vermittelten im Gegensatz zu den deutschen kirchlichen Vertretern wesentlich mehr geistige Inhalte, und so verbrachten wir auch in dieser Gemeinschaft einige auferbauende Zeit bis zu dem Tag, an dem ein Vortrag über die Geschehnisse der Endzeit gemäß der Offenbarung angekündigt wurde mit all den Schrecknissen, die dort berichtet werden. Zu dem Zeitpunkt wurde mir zum ersten Mal klar, wie wenig die Gnade Gottes bekannt war, die doch Seine ganze Schöpfung erfasst.

Aber diese Dinge aus der Offenbarung betrafen doch Israel, das noch verstockte Volk Gottes, und nicht uns, die in der Gnade Gottes durch Christus erretteten Gläubigen aus den nichtjüdischen Nationen. Den Vortrag wollten wir nicht anhören. Als mir beim nächsten Treffen die Schwester aus dem Lädchen davon berichtete und wie entsetzlich sie das Gehörte fand, äußerte ich ihr gegenüber meine Ansicht, dass ich es äußerst bedauerlich fand, dass den Geschwistern in einer Ansprache solche Schreckensszenen vorgeführt würden, statt dass ihnen die Gnade Gottes näher gebracht würde indem sie erfahren könnten, dass sie eben solche Ereignisse nicht einholen würden. Die Schwester war ganz beglückt über unser Gespräch, fühlte sich später aber wohl berufen, dem amerikanischen Prediger von unserem Gespräch zu berichten. Dieser wiederum befand, dass die allumfassende Gnade Gottes eine „gefährliche Lehre“ sei. Er besuchte uns daher und ersuchte uns nach unserem Meinungsaustausch, uns in Zukunft von „seiner“ Gemeinde fernzuhalten, was wir dann auch taten.

War das nicht wieder typisch? Andersdenken ist nicht erlaubt. Jede Gemeinschaft hat bestimmte Vorstellungen davon, wie ihre „Mitglieder“ zu denken haben, und jede denkt, dass sie Gott „gepachtet“ hat in dem Wissen, wer Gottes Gnade und Errettung erfahren wird, und das sind natürlich nur diejenigen, die sich eben dieser Gemeinschaft anschließen. Nach dieser Enttäuschung genossen wir die Gemeinschaft mit Geschwistern, die sich um Fritz Henning Baader gruppierten an. Es war wieder eine Zeit geistigen Wachstums, bis, ja, bis wir wieder von Gott anders geführt wurden. Da auch diese Gemeinschaft unweit von Pforzheim zusammenkam, waren die Entfernung von unserem Wohnort, ein Bandscheibenvorfall meinerseits, – unter dessen Folgen ich einige Jahre nicht wenig litt, – sowie einige andere familiäre Umstände  willkommene Gründe uns zurückzuziehen. Denn obwohl wir in diesen beiden letzten Gemeinschaften den allgewaltigen Vorsatz Gottes mit Seiner ganzen Schöpfung zumindest im Ansatz kennen gelernt hatten, gab es doch wesentliche Unterschiede in unserem jeweiligen Bibelverständnis. Aber bis auf den heutigen Tag sind wir diesen Geschwistern dankbar, dass wir durch die besondere Aufmerksamkeit, die sie der Rolle der Gnade Gottes widmeten, auch im Wort Gottes immer mehr das Ausmaß dieser wunderbaren Gnade in Christus erkannten. In all den anderen Gemeinschaften, die wir besucht hatten, wurde diese Gnade, da sie nicht herausgestellt wurde, eben klein gemacht, und damit auch für uns unser himmlischer Vater.

Natürlich lehren auch diese Gemeinschaften, dass Gott gnädig ist und bezeugen auch die Rettungsabsichten Gottes mit uns Menschen. Auch bei den Zeugen war dies nicht anders. Aber sie hatten uns gelehrt, dass Gott  „alle Arten von Menschen retten“ wolle, gemäß 1. Timotheus 2.3,4 in der „Neuen Welt Übersetzung“, herausgegeben von der Wachtturm Bibel-und-Traktat-Gesellschaft. Nach Vergleich des griechischen Textes mit dieser Wiedergabe, konnte ich jedoch ganz klar in Gottes Wort sehen, dass das eine Veränderung des biblischen Textes war, denn es heißt dort ausdrücklich: 1.Timotheus 2.4:  Dies ist gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott, welcher will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

— Anmerkung: Ich erinnere mich noch an einen Besuch eines Mitglieds der Leitenden Körperschaft, als er des Langen und Breiten zu erklären versuchte, warum es alle Arten und nicht alle heißen müsse und fand das ganz schön verwirrt und verwirrend, sagte es aber niemandem und übernahm es auch nicht in mein Gedankengut. —

Es steht auch geschrieben: Apostelgeschichte 10.34 Petrus aber tat den Mund auf und sprach: In Wahrheit begreife ich, dass Gott die Person nicht ansieht, Apostelgeschichte 10.35 sondern in jeder Nation ist, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, ihm angenehm.

Römer 2.11: Denn es ist kein Ansehen der Person bei Gott.

Jakobus 2.1: Meine Brüder, habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit, ohne Ansehen der Person!

1.Timotheus 2.4: Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

ELO = Unrevidierte Elberfelder: 1.Timotheus 2.4 welcher will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

GNT = Greek New Testament 1.Timotheus 2.4 o]j pa,ntaj avnqrw,pouj qe,lei swqh/nai kai. eivj evpi,gnwsin avlhqei,aj evlqei/nÅpa,ntaj avnqrw,pouj pantas anthropous – alle Menschen

SCH = Schlachter: 1.Timotheus 2.4 welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Dieses biblische Zeugnis der überwältigenden Gnade Gottes brachte mir endlich den lange Zeit etwas gestörten Frieden mit Gott ins Herz zurück, aber auch das Bedürfnis, dieses Wissen um die Gewissheit der Gnade Gottes mit jedem zu teilen, der es hören mochte. Das wunderbarste Geschenk aber ist die wachsende Erkenntnis des Vorsatzes Gottes, der sich uns im Laufe der Jahre immer mehr erschloss. Wer Interesse hat, Näheres zu erfahren, kann meine detailliertere Ausarbeitung „Gott rettet alle Menschen“ lesen. Aber wenigstens so viel muss gesagt werden: Wenngleich es Gottes Ziel ist, alle Menschen zu retten, so bedeutet dies keineswegs, dass alle gleichzeitig gerettet werden, ein häufig auftretendes Missverständnis. Dennoch steht geschrieben:

1.Korinther 15.22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. 1.Korinther 15.23 Jeder aber in seiner eigenen Ordnung: <der> Erstling, Christus; sodann die, welche Christus gehören bei seiner Ankunft; 1.Korinther 15.24 dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt; wenn er alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht weggetan hat. 1.Korinther 15.25 Denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 1.Korinther 15.26: Als letzter Feind wird der Tod weggetan. 1.Korinther 15.27 «Denn alles hat er seinen Füßen unterworfen.» Wenn es aber heißt, dass alles unterworfen sei, so ist klar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 1. Korinther 15.28 Wenn ihm aber alles unterworfen ist, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei. SCH = Schlachter: 1. Korinther 15.28 Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allen. So gewiss, wie in Adam alle sterben, so gewiss werden in Christus alle lebendig gemacht, allerdings, und das sei wiederholt, jeder in seiner eigenen Ordnung zu der von Gott gesetzten Zeit. Zum Zeitpunkt der Übergabe des Reiches durch Christus an Seinen Vater wird auch der Letzte lebendig gemacht worden sein, denn der Tod wird nicht mehr sein, ja dann wird Gott alles in allen sein.

10.09.2009: Heute, 20 Jahre nach Verlassen der Organisation der Zeugen Jehovas bestätigt sich uns immer wieder aufs Neue und in zunehmendem Maße die Zusage Gottes aus 1.Johannes Kapitel 2: 1.Johannes 2.20 Und {ihr} habt die Salbung von dem Heiligen und habt alle das Wissen. 1.Johannes 2.27 Und ihr! Die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehre, sondern wie Seine Salbung euch über alles belehrt, so ist es auch wahr und keine Lüge. Und wie sie euch belehrt hat, so bleibt in Ihm!

Obwohl uns dieses Wort damals eine gewaltige Erkenntnis war, so dauerte es doch einige Zeit, bis wir dieser Zusage gänzlich vertrauen konnten. Aber es kommt ja gerade nicht in erster Linie auf unser Vertrauen in Ihn an, sondern auf Gott Selbst, den allmächtigen Schöpfer. Er ist es, Der uns das Vertrauen in Ihn schenkt. Seine Treue lässt uns nicht los. Römer 3.3,4a Was denn? Wenn einige untreu waren, wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? Römer 3.4a Das sei ferne! Philipper 1.29 Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, Epheser 3.20 Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als wir erbitten oder erdenken, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, Epheser 3.21 Ihm sei die Herrlichkeit in der Gemeinde und in Christus Jesus auf alle Geschlechter hin von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.